mini|F. Taylor 1856–1915 Als Taylorismus bezeichnet man das von dem US-Amerikaner Frederick Winslow Taylor (1856–1915) begründete Prinzip einer Prozesssteuerung von Arbeitsabläufen, die von einem auf Arbeitsstudien gestützten und arbeitsvorbereitenden Management detailliert vorgeschrieben werden und für die der Begriff Scientific Management geprägt wurde.Siehe: Begriff Scientific Management Der Begriff Taylorismus wird synonym, jedoch in vorwiegend kritischem Kontext verwendet. Meist ist dabei nicht das originäre Konzept des Scientific Management gemeint, sondern seine Umsetzung und Wirkung.Diese Bezeichnung fand in auf Scientific Management referenzierenden Werken zunächst auch in positiven Konnotationen Verwendung, so zum Beispiel in Edgar Herbst: Der Taylorismus in unserer Wirtschaftsnot. 2., erw. Auflage. Anzengruber, Leipzig 1920. Insbesondere die von Taylor propagierte Trennung geistig anspruchsvoller Arbeit von einfachen manuellen Tätigkeiten geriet mit Verweis auf das Babbage-Prinzip in die Kritik.
Allgemeines Gleichzeitig mit der Popularität des Scientific Management entstand auch die Bezeichnung Taylorismus. Beide Begriffe wurden zunächst sowohl von Anhängern als auch Kritikern benutzt. Seit etwa 1970 wird Taylorismus jedoch fast nur noch in kritischem Zusammenhang verwendet. Dabei richtet sich die Kritik vor allem auf folgende Aspekte, die eine flexible Aufgabenerfüllung behindern:Rolf Grap: Neue Formen der Arbeitsorganisation für die Stahlindustrie (= Aachener Beiträge zu Humanisierung und Rationalisierung. 4). Augustinus, Aachen 1992, ISBN 3-86073-088-6, S. 18 ff. Detaillierte Vorgabe der Arbeitsmethode: „one best way“, exakte Fixierung des Leistungsortes und des Leistungszeitpunktes, extrem detaillierte und zerlegte Arbeitsaufgaben, Einwegkommunikation mit festgelegten und engen Inhalten, detaillierte Zielvorgaben bei für den Einzelnen nicht erkennbarem Zusammenhang zum Unternehmungsziel sowie externe (Qualitäts-)Kontrolle.
Taylors Glaubenssatz des „one best way“ Man suche 10 oder 15 Leute […], die in der speziellen Arbeit, die analysiert werden soll, besonders gewandt sind. Man studiere die genaue Reihenfolge der grundlegenden Operationen, ebenso die Werkzeuge, die jeder einzelne benutzt. Man messe mit der Stoppuhr die Zeit, welche zu jeder dieser Einzeloperationen nötig ist, und suche dann die schnellste Art und Weise heraus, auf die sie sich ausführen lässt. Man schalte alle falschen, zeitraubenden und nutzlosen Bewegungen aus. Nach Beseitigung aller unnötigen Bewegungen stelle man die schnellsten und besten Bewegungen, ebenso die besten Arbeitsgeräte tabellarisch in Serien geordnet zusammen.
Durch diese Zusammenstellung der schnellsten und vorteilhaftesten Einzelbewegungen ersetze man nun die 10 oder 15 unvorteilhafteren Serien von Einzelbewegungen und Handgriffen, die bisher im Gebrauch waren.
Diese beste Methode wird zur Norm und bleibt Norm, bis sie ihrerseits wieder von einer schnelleren und besseren Serie von Bewegungen verdrängt wird.
Geschichte des Taylorismus Anfängliche Reaktionen Wegen der damit verbundenen Entgelterhöhungen wurde das „Taylor-System“ anfangs von den Arbeitern durchaus oft positiv aufgenommen. Der erste Widerstand, der sich regte, ging nicht etwa gegen den Einsatz der Stoppuhr zur Bemessung von Vorgangszeiten oder gegen als inhuman empfundene Arbeitsbedingungen insbesondere einer Monotonie des Arbeitstages oder ein zu mechanistisches Menschenbild, sondern manifestierte sich im Management, das durch das Arbeitsbüro (Arbeitsvorbereitung) seine Entmachtung fürchtete.
In den USA kam es zuerst in den staatlichen Waffenfabriken zu einzelnen Streiks gegen den Einsatz des Systems. Es wurden Eingaben bei beiden Häusern des Parlaments eingereicht und Taylor musste Scientific Management vor einem Untersuchungsausschuss des Kongresses rechtfertigen. Diese Anhörungen führten zu einer weitergehenden Untersuchung durch eine wissenschaftliche Kommission, deren Ergebnisse im so genannten Hoxie-Bericht (nach dem Leiter der Kommission, Robert Franklin Hoxie) publiziert wurden.Robert Franklin Hoxie: Scientific management and labor. Appleton, New York 1915. Gerade in Deutschland muss man darauf achten, das Buch nicht mit „John P. Frey: Scientific management and labor. Rosenthal, Cincinnati 1918.“ zu verwechseln. Frey war Vertreter der Gewerkschaft in der Hoxie-Kommission und seine Darlegungen sind seine persönliche Meinung. Anders als der Hoxie-Report selbst, ist Freys Buch in Deutsch erschienen und wird deswegen gerade in Deutschland oft für den originalen Bericht gehalten. (Walter Hebeisen: F. W. Taylor und der Taylorismus: über das Wirken und die Lehre Taylors und die Kritik am Taylorismus. vdf, Zürich 1999, ISBN 3-7281-2521-0, S. 116.)
Der Sonderausschuss lobte zwar das Konzept an sich, kritisierte jedoch vehement die Methoden:Angelika Ebbinghaus: Arbeiter und Arbeitswissenschaft: Zur Entstehung der „wissenschaftlichen Betriebsführung“. Westdeutscher Verlag, Opladen 1984, ISBN 3-531-11667-3, S. 110 f. Die Ergebnisse der Zeitstudien seien von Einflussgrößen abhängig, welche nicht hinreichend kontrolliert würden. Das System entmachte den Arbeiter und mache ihn in bedenklichem Umfang disponibel. Die Methoden zur Ermüdungsmessung seien zu grob und oberflächlich. Das System vereinzele den Arbeiter, zerstöre die Solidarität und sei damit demokratiefeindlich. In der Folge wurde der Einsatz von Stoppuhr und Prämienlohn für staatliche Fabriken in den USA 1916 verboten und blieb es bis 1949.
Ein unnützes Unterfangen, wie man bei Gegnern und Befürwortern fand, da es sich dabei um die Verbannung einzelner Methoden handelte, die das System selbst, als Paradigma einmal in der Welt, jedoch nicht mehr beseitigen konnte. So wurde beispielsweise das während des Zweiten Weltkriegs immer noch bestehende Verbot des Stoppuhreinsatzes in den amerikanischen Rüstungsbetrieben zum Auslöser der Entwicklung von MTM.Bernd Britzke: MTM: Vom System vorbestimmter Zeiten zum Produktivitätsmanagement. In: ifaa angewandte Arbeitswissenschaft. (Themenheft: Methodisches Produktivitätsmanagement: Umsetzung und Perspektiven). 47, 204, 2010, S. 86–102. Bereits ehe der Hoxie-Bericht erschien, hatten deswegen die Arbeitsingenieure (Industrial Engineering) begonnen, den Gewerkschaften – von Taylor selbst vehement abgelehnte – Mitspracherechte bei der Findung von Arbeitsnormen zuzugestehen.
In Deutschland wurde von Wissenschaftlern und Ingenieuren zwischen den beiden Weltkriegen für Scientific Management geworben. Angesichts der fatalen wirtschaftlichen Situation, in der Kapital knapp war, erhoffte man sich eine Lösung in der Effizienzsteigerung, die das System versprach. Die negative Rezeption gründete sich hier viel mehr noch als in den USA in einer mangelhaften Umsetzung. Den Rationalisierungsgewinn wollte man, die in Verbindung damit propagierten erhöhten Entgelte aber nicht. So kam es zu Verzerrungen und oft waren es diese Verzerrungen, die jedoch als Bestandteil des Systems angesehen wurden, gegen die sich Proteste richteten.
In der deutschen Rezeption und Weiterentwicklung des Scientific Management, der REFA-Methodenlehre, sind die Kritiken des Hoxie-Berichts, insbesondere bezüglich der Mitbestimmung und der Zeitstudien beseitigt. Gleichwohl sind diese Methoden und das zu Grunde liegende Paradigma gemeint, wenn heute von Taylorismus im negativen Sinne gesprochen wird.
Gegenbewegung und Kritik mini|F. Taylor 1886 Aufgrund einseitiger Handlungsorientierung gilt die Herangehensweise Taylors als keineswegs so wissenschaftlich wie von ihm postuliert. So wurden von ihm keine Theorien erstellt und geprüft, sondern mittels Experimenten Feststellungen getroffen, welche dann als Postulat galten. Einzelne Experimente (zum Beispiel die Schaufelgrößenuntersuchung) wurden zum Teil nur an zwei oder drei Arbeitern über einen mehrwöchigen Zeitraum beobachtet und dann verallgemeinernd publiziert.
Verschiedene Schriftsteller wie Aldous Huxley (Schöne neue Welt) und Jewgeni Samjatin (Wir) benutzten das, was sie als Taylorismus ansahen, als eine Grundlage ihrer Dystopien. Samjatin mokiert sich etwa: „Ja, dieser Taylor war gewiss der genialste Mensch der alten Welt.“ Oder: „Wie konnten die Menschen von damals ganze Bibliotheken über einen gewissen Kant schreiben, während sie Taylor, diesen Propheten, der zehn Jahrhunderte vorausblickte, kaum erwähnten?“ Der Taylorismus wird von seinen Kritikern oft als eine Spitze der Entfremdung in der Arbeit gesehen. Der Verleger Victor Gollancz sah in der wissenschaftlichen Betriebsführung „eine kapitalistische Erfindung, die zum Ziel hatte, den letzten Tropfen Gewinn nicht nur aus den Körpern, sondern auch aus dem Charakter und den Seelen der Industriearbeiter zu quetschen“.Victor Gollancz: Mein lieber Timothy. Ein autobiographischer Brief an meinen Enkel. Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh 1960, S. 369. Robert Kurz kritisiert in seinem Schwarzbuch Kapitalismus die Tatsache, dass Taylor im Stahlwerk bei einer Lohnerhöhung von 60 % eine Leistungssteigerung von 370 % erzielte, als einen Abzug an Lebensenergie.
Eine falsche Aneignung des Taylorismus ist dessen – durchaus häufige – Übertragung auf das höhere Management oder gar die Unternehmer selbst (oder in der Verwaltung dann auf die leitenden Beamten). Taylor selbst hatte dies in seinen The principles of scientific management jedoch nachdrücklich ausgeschlossen.
Ab Mitte der 1960er Jahre setzten massive Gegenbewegungen zum Taylorismus ein, die auf Humanisierung und Demokratisierung der Arbeitswelt drängten (Siehe: Humanisierung der Arbeitswelt in Deutschland, Human-Relations-Bewegung im angelsächsischen Raum). Die Übernahme des Taylorismus in der Verwaltungsreform nicht nur Anglo-Amerikas, sondern zum Beispiel auch in Deutschland im Rahmen des besonders seit den 1980er Jahren virulenten New Public Management (siehe Öffentliche Reformverwaltung) führte zu großen Problemen bei Kapazität und Effektivität.
Mit dem Rückgang der Massenproduktion und der zunehmenden Schwierigkeit, flexible Fertigungsprozesse detailliert vorzuplanen, nimmt die Bedeutung des Taylorismus in vielen industriellen Branchen ab, während zahlreiche Dienstleistungstätigkeiten zum Beispiel in Callcentern, Banken, Systemgastronomie oder Pflegeberufen unter Reduzierung von Handlungsspielräumen und Verwendung neuer Steuerungsformen zunehmend tayloristisch durchstrukturiert und flexibilisiert werden (Neotaylorismus).Susanne Bittner u. a.: Call Center - Entwicklungsstand und Perspektiven : eine Literaturanalyse. In: Projektbericht des Instituts Arbeit und Technik. 01, 2000, , gelesen am 21. Februar 2011. Dem Ziel der Effizienzsteigerung durch Standardisierung z. B. von Gesprächsverläufen mittels Skripten steht freilich gegenüber, dass das Kundenverhalten immer eine Restunsicherheit birgt, die ein flexibles Reaktionspotenzial der Mitarbeiter erfordert. Das erschwert eine Neo-Taylorisierung der Dienstleistungen.
Leborgne und Liepietz geben als Kennzeichen des Neotaylorismus die zunehmende Flexibilität der Arbeitsverhältnisse an und machen dies an der Zunahme von Teilzeitarbeit und befristeten Arbeitsverträgen fest. Die Rigidität der Arbeitsorganisation werde teilweise aufgelöst, die Produktionsstandorte werden fragmentiert, die Löhne gesenkt.Danièle Leborgne, Alain Lipietz: Nach dem Fordismus: Falsche Vorstellungen und offene Fragen. (PDF-Datei; 1,65 MB). 1994, gelesen am 3. Mai 2011. Manfred Moldaschl sieht demgegenüber seit den 1990er Jahren eine definitive Trendwende weg von der tayloristischen Objektivierung der Arbeitskraftnutzung.Manfred Moldaschl, Günter Voß (Hrsg.): Subjektivierung von Arbeit. 2. Auflage. Hampp, München 2003, ISBN 3-87988-745-4, S. 25.
Taylorismuskritik im Einzelnen Aufteilung in geistige und körperliche Arbeit