rechts|300px 300px|mini|Novae und Iatro (links oben), Lage auf der Tabula Peutingeriana mini|Konstantin I. mini|Die Gotenzüge in Moesien und Thrakien nach der Schlacht von Adrianopel (4. Jahrhundert) Kastell Iatrus war ein römisches Reiterlager an der Mündung der Jantra in die Donau auf dem Gebiet Gradišteto des Dorfes Kriwina, Oblast Russe, in Bulgarien.
Es zählt zu einem der am besten erforschten Limeskastelle an der unteren Donau. Besonders das Lager der Frühphase ist ein gutes Beispiel für die Symbiose von althergebrachten und neu entwickelten Baumerkmalen bei spätantiken Militäranlagen sowie ein Fokus für die einschneidenden Veränderungen in der Endphase des unteren Donaulimes.
Das Kastell wurde um 310/320 n. Chr. gegründet, war für etwa 300 Jahre Bestandteil des Donaulimes und durchlief mehrere Besiedlungsperioden und Bauphasen. Im Zuge der turbulenten Ereignisse der Völkerwanderung wandelte es sich in ein Wehrdorf um, da es an der Reichsgrenze immer öfter zu heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen mit barbarischen Invasoren kam, in deren Folge Iatrus mehrfach zerstört, verlassen und anschließend wiederaufgebaut wurde. Im 7. Jahrhundert gab die römische Armee das Kastell endgültig auf, Slawen und Bulgaren gründeten innerhalb der Kastellruine eine neue Siedlung, die durchgehend bis ins 10. Jahrhundert bewohnt war.
Das Kastell ist seit 2010 Namensgeber für die Yatrus Promontory, eine Halbinsel im Grahamland in der Antarktis.
Name Der antike NameVgl. dazu T. Ivanov, Klio 47, 1966, 5-10. des Kastells leitet sich wie in zahlreichen anderen Fällen vom Namen des Flusses ab, an dessen Mündung es liegt, und ist in spätantik-frühbyzantinischen Quellen wie der Tabula Peutingeriana als Iatro, der Notitia dignitatum als Latris und beim Geographen von Ravenna als Latron überliefert. Prokop nennt Iatrus φρούριον, Theophylaktos Simokattes πόλιϛ.
Topographie Ausgrabungsstätte und Ortschaft Krivina befinden sich am rechten Ufer der Jantra, etwa 2–3 km vor deren Mündung in die Donau. Das Kastell ist auf einem ehemals ca. 3–4 ha großen, vor Hochwasser geschützten Geländesporn am Rande der Schwemmlandzone angelegt, dessen Abhänge nach Süden, Westen und Norden abfallen. Das Plateau weist außerdem eine natürliche, von Südwesten nach Nordosten ragende Neigung auf.
Das Gebiet – im Bereich des heutigen Nordbulgariens – gehörte in spätrömischer Zeit verwaltungsrechtlich zur römischen Provinz Moesia secunda (Moesia II, vorher Unter- oder Niedermösien) als Teil der Diözese Thrakien.
Funktion Das Kastell gehörte zum Überwachungsbereich der legio I Italica, die ihr Hauptquartier im Legionslager Novae, etwa 20 km stromaufwärts von Iatrus entfernt, hatte. Die Besatzung war in erster Linie für die Sicherung ihres Abschnitts des moesischen Donaulimes im Vorfeld der östlichen Metropole Konstantinopel zuständig. Die im Balkangebirge entspringende Jantra war bis weit in die Provinz Moesia inferior (Niedermoesien) hinein schiffbar, eine Überwachung ihrer Mündung in die Donau daher für die Römer unabdingbar, seit es Invasoren – insbesondere den Goten, Hunnen, Slawen, Protobulgaren und noch anderen Wandervölkern – immer wieder gelang, von Nordosten über die Donau in das oströmische Reich einzufallen, um sich später auch dauerhaft dort niederzulassen. Die militärische Bedeutung seiner strategischen Position für die Verteidigung der Moesia II blieb während seiner 300-jährigen Existenz ungebrochen aufrecht. Dies unterstreicht auch die wiederholte Erwähnung des Stützpunktes in der Notitia dignitatum als castellum, als phrourion bei ProkopDe aedificiis IV 7. und als polis (Stadt) in der Geschichtschronik des Theophylaktos Simokates.von Bülow: 2007, S. 474.
Forschungsgeschichte Die Anfänge der GrabungZur Forschungsgeschichte vgl. von Bülow / Wachtel, Limes XXII 203-215; Wachtel, Kolloquien 237-259 liegen im Jahre 1956, als die Leitung des (Ost)berliner Instituts für griechisch-römische Altertumskunde an der Deutschen Akademie der Wissenschaften (DAW) begann, Kontakte zu Archäologischen Instituten verschiedener sozialistischer Länder aufzunehmen, zunächst mit dem Ziel, dem studentischen Nachwuchs der DDR Zugang zu feldarchäologischen Aktivitäten auf dem Gebiet der Klassischen Archäologie zu ermöglichen. Als Resultat dieser Bemühungen begann 1958 die erste Kampagne der deutsch-bulgarischen Gemeinschaftsgrabung quasi als Kind der deutschen Teilung. Die Leitung der Grabungsarbeiten lag auf deutscher Seite bei Robert Heidenreich, Ordinarius für Klassische Archäologie in Jena, seit der 2. Kampagne bei Helga Reusch, DAW, auf bulgarischer Seite bei Teofil Ivanov vom Archäologischen Institut und Museum (AIM) der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften in Sofia.
Die Ergebnisse der ersten drei Kampagnen 1958, 1960 und 1962 wurden 1966 im Band 47 der Klio veröffentlicht; zwei Dissertationen von Burkhard Böttger und Gudrun Gomolka bewiesen außerdem, dass das Unternehmen seinen Zweck als Lehrgrabung erfüllt hatte. Die Resultate dieser ersten drei Kampagnen hatten gezeigt, dass sie wesentliche Erkenntnisse zur Erforschung des (spät)römischen Limes liefern konnten. Deshalb wurde deren Fortsetzung mit der 4. Grabungskampagne 1966 beschlossen. Als Folge der Akademiereform fand 1972 eine wesentliche Erweiterung der Grabungsziele statt, indem neben dem Ende des römischen Limes (Anfang 7. Jh.) den in und über den Kastellruinen liegenden frühmittelalterlichen Siedlungsschichten (7./8. – 10./11. Jh.) besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde.Zu den Ergebnissen vgl. Iatrus-Krivina 3 1981 fand die offiziell letzte Grabungskampagne statt, die deutsch-bulgarische Zusammenarbeit wurde unmittelbar anschließend mit der Gemeinschaftsgrabung Karasura fortgesetzt. Alle Ergebnisse wurden in den folgenden Jahren in 5 Bänden der Reihe Iatrus-Krivina veröffentlicht. Die Leitung der Grabung lag seit 1972 auf deutscher Seite in den Händen von Klaus Wachtel. 1982 wurde dem Grabungsteam aus dem Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie (ZIAGA) die Leibniz-Medaille (Berlin) der Akademie der Wissenschaften der DDR verliehen.Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften der DDR 1982 (1984) S. 289 f.318 f.
Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das deutsch-bulgarische Gemeinschaftsprojekt Iatrus-Krivina durch die Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts in Zusammenarbeit mit dem AIM Sofia und dem Historischen Bezirksmuseum Ruse mit neun Grabungskampagnen von 1992 bis 2000 unter der Leitung auf deutschen Seite von Gerda von Bülow fortgesetzt. Die bulgarische Seite wurde von Dimitar Stančev (Ruse) und Lyudmil Vagalinski (Sofia) repräsentiert. Die Ergebnisse wurden in einem weiteren Band der Reihe Iatrus-Krivina veröffentlicht. Die Publikation der Ergebnisse der parallel dazu durchgeführten Geländeprospektionen ist in Vorbereitung.
Entwicklung Durch Feldbegehungen, Luftaufnahmen und geophysikalische Untersuchungen ließ sich eine seit der Jungsteinzeit andauernde dichte Besiedlung der Tiefebene im Bereich der Jantramündung feststellen. Über die ersten Jahrhunderte der Römerherrschaft an der Jantra liegen nur spärliche Funde vor. Man fand einige Mauerreste aus Stein und Lehm und in der Kastellmauer wurden Grabsteine aus dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. entdeckt. Trotz Münzfunden aus der Zeit des Aurelian, Probus und Diokletian konnte bisher von den Archäologen kein Nachweis einer dem spätrömischen Kastell vorangegangenen früh/mittelkaiserzeitlichen Befestigung oder Ansiedlung beigebracht werden.von Bülow: 2007, S. 463.
Sergei Torbatov teilte die Zeitspanne zwischen Ende des 3. Jahrhunderts und Beginn des 7. Jahrhunderts – also jene Zeitspanne in der Iatrus belegt war – in insgesamt fünf Perioden ein, um den stufenweisen Wandlungsprozess der Festungen an der unteren Donau besser darstellen zu können.Sergei Torbatov: 2002, S. 423.
Periode 1 deckt die Jahre zwischen späten 3. Jahrhundert und späten 4. Jahrhundert ab, als ein Großteil der Kastelle am moesischen Limes modernisiert und verstärkt wurden.Sergei Torbatov, 2002, S. 412–421. Periode 2 behandelt die Zeit des völligen Zusammenbruches des spätrömischen Donaulimes in der Mitte des 5. Jahrhunderts.Sergei Torbatov: 2002, S. 408–433. Periode 3 verbindet er mit der Reorganisierung der Grenzverteidigung unter Kaiser Anastasius und die endgültige Transformation in befestigte Wehrdörfer, die die Limeskastelle, aber auch die Siedlungen weit im Landesinneren veränderte.Sergei Torbatov: 2002, S. 425 und 443. Periode 4 umfasst die Wiederherstellung der Donaugrenze unter Justinian I.Sergei Torbatov: 2002, S. 426–430. Periode 5 beschreibt den neuerlichen Kollaps der Grenzverteidigung in den 580er Jahren und der endgültigen Aufgabe der Donaugrenze durch die Byzantiner im 7. Jahrhundert.Sergei Torbatov: 2002, S. 431.
Periode 1 Als die römische Armee, Verwaltung und ein Teil der Zivilbevölkerung zwischen 270 und 275 n. Chr. auf Befehl Kaiser Aurelians die von den Goten hart bedrängte Provinz Dakien räumten, wurde auch der daran angrenzende Teil der Donau wieder zur Außengrenze des Reiches. Der wieder reaktivierte Donaulimes offenbarte aber bald seine Schwächen. Die starre, linear angeordnete Festungskette am Flussufer war dem geballten Ansturm von Wandervölkern und Reiternomaden auf Dauer nicht gewachsen. Obwohl der moesische Limes mehr als 40 Kastelle umfasste, gelang es den Barbarenstämmen, ihn immer wieder zu durchbrechen. Eine Besserung setzte erst ein, als die Kaiser Diokletian und Konstantin I. die Reichsverteidigung durch eine neue Militärorganisation auf eine solidere Grundlage stellen und weitgehend stabilisieren konnten.Ralf Peter Märtin: 2009, S. 336–337. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr. ließ Konstantin den unteren Donaulimes noch einmal massiv verstärken. Zu diesem Zweck mussten am südlichen Donauufer zahlreiche neue Kastelle und Wachtürme erbaut oder schon bestehende renoviert und modernisiert werden. Die meisten Neubauten ließ man in den Jahren zwischen 310 und 320 n. Chr. errichten, eines davon war das Reiterkastell Iatrus.
Das frühe Kastell war nur wenige Jahrzehnte besetzt und dürfte nach Abzug der Reitertruppe durch Constantius II. für längere Zeit nicht vom Militär genutzt worden sein. Die Perserfeldzüge Constantius’ II. und seines Nachfolgers Julian hatten die Verteidigung des unteren Donaulimes personell wohl erheblich geschwächt. In einer Rede des Themistios wird der Limes als desolat bezeichnet. Er beklagt dabei die zu wenigen, verfallenen und schlecht ausgerüsteten Kastelle mit zahlenmäßig viel zu kleinen und noch dazu disziplinlosen Besatzungen.Themistios or 10, 135 d; Patsch (Anm. 4) S. 41. Die nördlich der Donau siedelnden Goten nutzten die Schwäche der römischen Grenztruppen sofort zu ausgedehnten Plünderungszügen in die Provinzen Niedermoesiens aus. Erst nach lang andauernden Kämpfen konnten die Römer sie wieder vertreiben und ihre Vormachtstellung in der Region wiederherstellen. Trotzdem nahm der Druck auf die Donaugrenze durch die Barbarenstämme immer weiter zu.
Auf Dauer konnten die römischen Strategen daher auf eine neuerliche Besetzung des günstig gelegenen Kastellplatzes an der Jantramündung nicht verzichten. Entweder wurde Iatrus – infolge der Abwehrkämpfe gegen die Goten noch unter Constantius II., seinem Nachfolger Julian, der Regierungsperiode des Valens oder im späten 4. Jahrhundert unter Theodosius I. mit Föderaten als neuer Besatzung belegt. Nach dem Tod von Theodosius I., 395, zerbrach das Römische Reich endgültig in zwei Reichshälften und die Moesia II fiel an den Ostteil des Reiches.
Periode 2