Der Begriff Postdemokratie wurde maßgeblich geprägt und verbreitet durch Jacques Ranciere, Sheldon Wolin (2001) und 2004 durch Colin Crouch in seinem gleichnamigen Werk. Der Begriff Postdemokratie fand ab den 1990er Jahren in den Sozialwissenschaften vermehrt Verwendung, um eine aktuelle generelle Veränderung demokratischer Systeme zu erfassen. Grundthese ist, dass es eine endogene Erosion tatsächlicher politischer Partizipation gibt zugunsten einer lediglich dargestellten Demokratie (Fassadendemokratie), auch indem Wahlen zu einem formalen und für die politische Praxis folgenlosen Verfahren werden. Ideengeschichtlich gibt es zahlreiche Denker, die ebensolche postdemokratischen Tendenzen beschreiben, jedoch noch ohne die Begrifflichkeit zu nutzen, wie etwa Alexis de Tocqueville, Hannah Arendt oder Charles Taylor.

Erste Verwendungen des Begriffs durch Rancière und Wolin Jacques Rancière führte den Begriff Postdemokratie Mitte der 1990er Jahre in die Politische Philosophie ein.Angaben zu den ersten Verwendungen des Begriffs beruhen, wenn nicht anders belegt, auf Ingolfur Blühdorn: Simulative Demokratie. Neue Politik nach der postdemokratischen Wende. Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-12634-9, S. 116 ff. Damit meinte er eine Form des Verfalls der Demokratie, wie sie in westlichen Gesellschaften vorzufinden sei. Geblieben sei nur noch eine formelle Demokratie ohne Demos. In einer solchen Demokratie sei der Raum, in dem es früher politische Auseinandersetzungen gegeben habe, restlos verwaltet und von wissenschaftlicher Erkenntnis, ökonomischer Notwendigkeit und rechtlicher Regelung ausgefüllt. Daher könne man sie auch als konsensuelle Demokratie bezeichnen. Mit Konsens meinte Rancière jedoch nicht Übereinstimmungen zwischen konkurrierenden Akteuren, sondern lediglich die Abwesenheit politischen Widerstreits. Auf Basis dieser Annahmen entwickelten Chantal Mouffe und Slavoj Žižek den Begriff Post-Politik.Oliver Marchart: Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Suhrkamp, Berlin 2018, ISBN 978-3-518-29556-4, S. 178 ff.

Sheldon Wolin prophezeit 2001 im letzten Kapitel seines Buchs Tocqueville Between Two Worlds: The Making of a Political and Theoretical Life, das mit Postdemokratie überschrieben ist, die Demokratie sehe gegenwärtig dem Schicksal entgegen, das die Aristokratie zu Lebzeiten Tocquevilles erlebte. Postdemokratie sei ein demokratischer Despotismus. Es gehe dabei um eine Gesellschaft von Individuen, die sich mit einem Leben ohne jede politische Verantwortung abgefunden hätten und deren Motto sei: „geführt werden, sich aber gleichzeitig frei fühlen.“Sheldon Wolin: Tocqueville Between Two Worlds: The Making of a Political and Theoretical Life, Princeton University Press, 2001. ISBN 978-0-691-11454-5, S. 570; übersetzt von Infolfur Blühdorn: Simulative Demokratie. Neue Politik nach der postdemokratischen Wende. Suhrkamp, Berlin 2013, S. 118. Daher falle die despotische Beherrschung milder aus als in traditionellen totalitären Regimen, erstrecke sich aber auf mehr Bereiche. In einem späteren Buch nennt Wolin diese Regierungsform Inverted Totalitarianism (deutsch: Umgekehrter Totalitarismus).Sheldon Wolin: Democracy Incorporated: Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism, Princeton University Press, 2008. ISBN 978-0-691-13566-3.

Colin Crouchs Definition Colin Crouch definiert eine idealtypische Postdemokratie als

Seine idealtypische Definition der Demokratie „setzt voraus, daß sich eine sehr große Zahl von Menschen lebhaft an ernsthaften politischen Debatten und an der Gestaltung der politischen Agenda beteiligt und nicht allein passiv auf Meinungsumfragen antwortet; daß diese Menschen ein gewisses Maß an politischem Sachverstand mitbringen und sie sich mit den daraus folgenden politischen Ereignissen und Problemen beschäftigen.“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 9.

Vorangetrieben werde die Entwicklung zur Postdemokratie durch den unterschiedlich hohen Vernetzungsgrad von einerseits global agierenden Unternehmen und andererseits Nationalstaaten. Crouch sieht das zentrale Problem darin, dass die Angleichung von Lohnniveaus, Arbeitnehmerrechten oder auch Umweltstandards durch zwischenstaatliche Kooperation langsamer vorangeschritten ist als die Globalisierung unternehmerischer Aktivitäten. So könnten multinationale Konzerne mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen drohen, wenn sie beispielsweise mit Steuer- oder Arbeitsmarktsystemen nicht zufrieden sind. Diese Drohkulisse sei so wirkmächtig, dass der Einfluss von Unternehmen und Vermögenden auf Regierungsentscheidungen stärker ist als derjenige der Staatsbürger (Race to the bottom).Colin Crouch: Postdemokratie, S. 46f. Seine zentrale These lautet, dass sich die westlichen Demokratien dem Zustand der Postdemokratie immer mehr annähern und in der Folge der „Einfluß privilegierter Eliten“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 13. zunimmt.

Unter anderem deswegen würden die Regierungen seit den 1980er Jahren eine neoliberale Politik verfolgen, die die Privatisierung fördert und den Bürgern mehr Selbstverantwortung aufbürdet. Crouch stellt die These auf:

Claudia Ritzi und Gary Schaal bezeichnen Postdemokratie „in diesem Verständnis [als] eine Scheindemokratie im institutionellen Gehäuse einer vollwertigen Demokratie.“Claudia Ritzi, Gary S. Schaal: Politische Führung in der "Postdemokratie", in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 2/3 (2010), S. 10.

Den Begriff Postdemokratie hält Crouch für gut geeignet, „Situationen [zu] beschreiben, in denen sich nach einem Augenblick der Demokratie Langeweile, Frustration und Desillusionierung breitgemacht haben; in denen Repräsentanten mächtiger Interessengruppen […] weit aktiver sind als die Mehrheit der Bürger […]; in denen politische Eliten gelernt haben, die Forderungen der Menschen zu manipulieren; in denen man die Bürger durch Werbekampagnen ‚von oben‘ dazu überreden muß, überhaupt zur Wahl zu gehen.“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 30. Crouch weist explizit darauf hin, dass Postdemokratie kein nichtdemokratischer Zustand ist.

Einzelne Kennzeichen und Aspekte nach Crouch Verfall politischer Kommunikation Ein klares Kennzeichen der Postdemokratie ist nach Crouch „der Verfall der politischen Kommunikation“,Colin Crouch: Postdemokratie, S. 38, vergleiche auch S. 41. hervorgerufen unter anderem durch die Werbeindustrie und die Einführung des Privatfernsehens. Die Medienunternehmen seien „heute ein Teil des kommerziellen Sektors“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 68. und die Kontrolle über diese Medien sei „in den Händen von sehr wenigen Menschen konzentriert“.Colin Crouch: Postdemokratie, S. 67. Beispiele seien Silvio Berlusconi oder Rupert Murdoch. „Die Übernahme der Methoden hat den Politikern dabei geholfen, das Problem der Kommunikation mit dem Massenpublikum zu lösen; der Demokratie selbst haben sie damit einen Bärendienst erwiesen.“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 38.

Exklusive Privilegien der wirtschaftlichen Eliten Ein weiterer Aspekt ist nach Crouch die „Rückkehr der politischen Privilegien für bestimmte Unternehmer – unter dem Deckmantel der Rhetorik der Marktwirtschaft und des freien Wettbewerbs.“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 69, vergleiche auch S. 120, S. 127, S. 133, S. 138, S. 151, S. 156. Nach Crouch stellt dies „das gravierendste Problem für die Demokratie dar.“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 70.

Die großen Unternehmen würden nicht mehr nur die Ökonomie beherrschen, sondern auch immer mehr die Politik und die Wissenschaft. Nach amerikanischem Vorbild konzentriere sich die Macht der Unternehmen zunehmend bei den großen Unternehmern (CEOs). Diese haben privilegierten Zugang zu den Politikern, die ihnen teilweise ihre Aktivitäten übertragen, da sie sich vor deren überlegener fachlicher Kompetenz beugen. Auch die wissenschaftliche Forschung gerät zunehmend in die Abhängigkeit von Sponsoren aus der Wirtschaft. Die Regierungen machen ihre eigene Finanzierung vom Erfolg beim Anwerben privater Sponsoren abhängig, damit gewinnen die Reichen die Möglichkeit auch die öffentlichen Gelder zu lenken.Colin Crouch: Postdemokratie, S. 60–63.

Nur scheinbarer Verlust von Klassen Ein Symptom der Postdemokratie sei, dass die Überzeugung bestehe, dass „es keine sozialen Klassen“Colin Crouch: Postdemokratie. S. 71. mehr gäbe. Dies beruhe auf dem „Niedergang der traditionellen Arbeiterklasse“ und dem „fehlenden Zusammenhalt der übrigen Klassen“,Colin Crouch: Postdemokratie. S. 76. obwohl in der westlichen Welt erhebliche Reichtumsunterschiede existierten.

Konkrete Beispiele für postdemokratische Strukturen und Zusammenhänge Für Crouch ist New Labour ein Beispiel einer „postdemokratischen Partei“.Colin Crouch: Postdemokratie, S. 84. Mit der Fortsetzung des neoliberalen Kurses des Thatcherismus „verlor die Partei […] jeden Anknüpfungspunkt an bestimmte soziale Interessen“ der Arbeiterklasse. Die Ausnahme bildeten frauenspezifische Probleme (siehe auch: Der dritte Weg). In den Niederlanden gelang nach Crouch der Partij van de Arbeid ein „Beschäftigungs-‚Wunder‘“.Colin Crouch: Postdemokratie, S. 88. Trotzdem gelang der Liste Pim Fortuyns 2002 ein Erfolg, der nach Crouch vermutlich darauf beruht, „daß die Niederländer den Eindruck hatten, die führenden Politiker machten zu viele Kompromisse, weswegen sie anfällig waren für die neue ‚Klarheit‘, die Fortuyn und seine Mitstreiter ihnen versprachen. Und da niemand versuchte, klassenspezifische Interessen zu artikulieren, konnte es diese ‚Klarheit‘ eigentlich nur in einer Form geben: indem man nämlich die Angehörigen der eigenen Nation oder ‚Rasse‘ gegen Immigranten und ethnische Minderheiten mobilisierte.“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 87f. Crouch führt weiter als eine typische Partei des 21. Jahrhunderts die Forza Italia Berlusconis an.

Eine klare Tendenz zu Postdemokratie ergibt sich aus der Bildung internationaler Zusammenschlüsse, innerhalb derer es noch keine gemeinsame öffentliche Diskussion und keine abgesicherten Strukturen zur Bildung eines Konsensus aufgrund demokratischen Austrags von Interessenkonflikten gibt. Ein Beispiel dafür stellt die Europäische Union dar, deren Demokratiedefizit (Demokratiedefizit der Europäischen Union) allerdings teilweise in Abrede gestellt wird. Dementsprechend werden auch politische Vorschläge, dieses Demokratiedefizit zu beseitigen, in konkreten Reformvorhaben am politischen System der EU, insbesondere im EU-Verfassungsvertrag, nicht ausreichend berücksichtigt.

Gegentendenzen zur Postdemokratie Auswege nach Colin Crouch Crouch gibt drei Ebenen an, um den anscheinend „unaufhaltsamen Kurs in Richtung Postdemokratie“ zu ändern: „Erstens mit Maßnahmen, die darauf zielen, die wachsende Dominanz der ökonomischen Eliten zu begrenzen; zweitens mit Reformen der politischen Praxis als solcher und drittens gibt es Handlungsmöglichkeiten, die den Bürgern selbst offenstehen.“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 133. Der letzte Punkt soll „neue Identitäten“Colin Crouch: Postdemokratie, S. 148. mobilisieren, die zum Beispiel über BürgerversammlungenColin Crouch: Postdemokratie, vgl. S. 144. den Beteiligten Handlungsmöglichkeiten geben sollen.