mini|Die heutige Republik Gabun

Die Geschichte Gabuns umfasst die Geschichte der vorkolonialen Völker, Kulturen und Reiche auf dem Gebiet des heutigen Staates Gabun, erste Kontakte zu außerafrikanischen Mächten, den Europäern ab 1472, die Geschichte der französischen Kolonialherrschaft von 1839 bis 1960 sowie die Geschichte des unabhängigen Staates Gabun seit 1960.

Frühe Geschichte mini|Steingravuren aus dem parc national de la Lopé, dem Lopé-Nationalpark In Gabun wurden 1886 erste prähistorische Artefakte entdeckt. Zahlreiche Funde wurden in der Provinz Nyanga gemacht, im äußersten Süden des Landes.Martial Matoumba: Paléolithique au Gabon. Les technologies lithiques dans la région de la Nyanga (sud-ouest), L'Harmattan, Paris 2013, passim. Schon die ersten Funde, wie Maboué 5, dehnten um 2000 die Urgeschichte des Landes über 40.000 Jahre aus. Überreste gehören auch der sogenannten Tshitolien culture an, die sich nach dem Lupemban westwärts Richtung Atlantik ausdehnte. Die ältesten Nachweise menschlicher Anwesenheit in Gabun reichten, folgt man der Literatur bis 2006, bereits etwa 70.000 Jahre zurück.Nicolas Metegue N'Nah: Histoire du Gabon: Des origines à l'aube du XXIème siècle, Editions L'Harmattan, Paris 2006, S. 20. Besonders ergiebig waren in den letzten Jahrzehnten die Grabungen von Lopé-Okanda, die inzwischen zahlreiche prähistorische Artefakte zu Tage förderten,Sites historiques de la Lopé, Karte der UNESCO im Zusammenhang mit dem Weltkulturerbeantrag. die bis zu 400.000 Jahre zurückreichen. Dabei fanden sich vor allem Artefakte entlang des mittleren Ogooué, der als Hauptmigrationsroute des Landes bis weit in historische Zeit gilt. Hierzu gehören beispielsweise auch spätsteinzeitliches, nur rund 5000 Jahre altes Steingerät aus der Pahon Cave (Provinz Ogooué-Lolo).Marie-Josée Angue Zogo et al.: Pahon Cave, Gabon: New insights into the Later Stone Age in the African rainforest. In: PLOS ONE. Band 20, Nr. 12, 2025, e0336405. doi:10.1371/journal.pone.0336405. Diese Fundstätten stehen seit 2005 auf der Tentative World Heritage List, wurden also für das Weltkulturerbe vorgeschlagen.

Die Periodisierung der Urgeschichte, wie man sie aus Europa kannte, passte nicht zur afrikanischen Geschichte, so dass in den 1920er Jahren John Goodwin und Clarence Van Riet Lowe als angemessenere Periodisierung eine Einteilung in Early (Oldowan und Acheuléen), Middle (zu ihr gehören immer Kerne und präparierte Klingen oder Projektilspitzen) und Late Stone Age (Mikrolithen) vorlegten. Diese Einteilung fand 1955 allgemeine Anerkennung. Am Lopé fanden sich spätsteinzeitliche Werkzeuge, ebenso wie aus der Übergangsphase zwischen Stein- und Metallzeitalter (Stone to Metal Period). Archäologische Grabungen brachten Spuren von neolithischen Siedlungen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. zum Vorschein.

Die erste Verarbeitung von Eisen fand nach Ergebnissen der Radiokohlenstoffdatierung zwischen dem 4. und 1. Jahrhundert v. Chr. statt.Bernard Clist: Early Bantu Settlements in West-Central Africa: A Review of Recent Research. In: Current Anthropology 28 (3), Chicago 1987, S. 380–382 (PDF; 127 kB)

Frühe Bewohner waren vermutlich – wie in der gesamten Region – Pygmäen, die hier als Jäger und Sammler lebten. Vor etwa 1000 Jahren begannen dann Bantugruppen einzuwandern und die Pygmäen zu verdrängen, die heute nur noch einen sehr kleinen Teil der gabunischen Bevölkerung ausmachen. Diese Einwanderer waren die Vorfahren der heutigen Mpongwe und einiger anderer Völker, als letzte in dieser Reihe von Einwanderern kamen schließlich im 19. Jahrhundert die Fang aus dem Norden.

Mehr als 80 % des Landes waren auch damals von dichtem Regenwald bedeckt. Es kam nicht zur Gründung größerer staatlicher Gebilde, sieht man davon ab, dass der nördlichste Teil des Königreichs Loango sich noch auf das heutige Staatsgebiet Gabuns erstreckte.

Vorkoloniale Phase des Kontaktes mit Europäern 1472–1839 mini|Afrikanische Elfenbeinschnitzerei

Als erster Europäer erreichte der portugiesische Seefahrer Lopes Gonçalves 1472 die Küste Gabuns. Gonçalves war im Auftrag des Kaufmanns Fernão Gomes unterwegs, der für die Verpflichtung, jährlich 600 km afrikanischer Küste zu erkunden, vom portugiesischen König das Handelsmonopol an dieser Küste übertragen bekommen hatte. Wahrscheinlich war er es auch, der dem Land seinen Namen gab. Aufgrund der eigenwilligen Form der Mündung des Flusses Komo benannte er das Land nach dem portugiesischen Wort für einen bestimmten Seefahrermantel „Gabão“.

Die Küste wurde in den folgenden Jahrhunderten außer von portugiesischen auch von niederländischen, englischen und französischen Händlern aufgesucht. Gehandelt wurde mit Sklaven, Elfenbein und Ebenholz. Die Sklaven kauften die europäischen Händler von den Küstenvölkern, die diese von den Völkern des Landesinneren durch Handel oder Sklavenjagden erwarben. Im Gebiet nördlich des Flusses Ogooué im Zentrum des heutigen Gabun hatten die Portugiesen gewisse, von den übrigen Europäern anerkannte Handelsrechte, übten jedoch keine koloniale Herrschaft aus. In den Verträgen von Ildefonso und Pardo (1777 und 1778) verzichtete Portugal zugunsten Spaniens auf diese Rechte, aber die Spanier waren bis 1850 in dieser Region kaum aktiv. Ende des 19. Jahrhunderts reduzierte sich der spanische Einfluss auch offiziell auf das sich nördlich an Gabun anschließende Spanisch-Guinea (heute Äquatorial-Guinea).

Kolonisierung durch die Franzosen 1839–1914 mini|König Denis Rapontchombo und Frau, zeitgenössische Gravur Die erste europäische Macht, die sich dauerhaft an der Küste festsetzte, waren die Franzosen. Am 9. Februar 1839 unterzeichnete der französische Admiral Louis Edouard Bouet-Willaumez einen Vertrag mit einem Mpongwe-Herrscher namens Denis Rapontchombo. Verträge mit anderen Oberhäuptern an der Küste folgten. Aus diesen Verträgen leitete Frankreich für sich den Status einer Protektoratsmacht für die Küste Gabuns ab und begann, seinen Einfluss in der Region systematisch zu verstärken. Die zukünftigen Kolonialherren begründeten ihren Status als Schutzmacht mit dem Kampf gegen den Sklavenhandel. Barnes gibt den Inhalt eines derartigen, 1846 geschlossenen Vertrages wie folgt wieder: „Frankreich sicherte sich alles Land, das geeignet schien, für die Gründung militärischer und agrarischer Niederlassungen... im Gegenzug versprachen sie dem einheimischen Herrscher (‚König François‘), was immer die Regierung Frankreichs als angemessenen jährlichen Betrag einschätzen würde“. 1843 errichteten die Franzosen das Fort Aumale als Marinestützpunkt an der Mündung des Komo. 1849 wurde die spätere Hauptstadt Gabuns offiziell als Siedlung für freigelassene Sklaven gegründet. Nach dem Vorbild der Stadt Freetown im heutigen Sierra Leone erhielt sie den Namen Libreville.

mini|Französisch-Äquatorialafrika, 1910–1958

Allzu hoch bewerteten die Franzosen ihre entstehende Kolonie allerdings nicht: Noch 1866 waren sie bereit, ihre Besitzungen in Äquatorialafrika gegen das winzige britische Gambia zu tauschen. Zwischen 1886 und 1887 erforschten die Franzosen das von Regenwald bedeckte Landesinnere. Als Pierre Savorgnan de Brazza bis zum Oberlauf des Ogooué vorgedrungen war und eine Station (Franceville) errichtet hatte, war das Gebiet des heutigen Gabun erforscht und aus europäischer Sicht „in Besitz genommen“. Am grünen Tisch per Lineal folgte im Vertrag von Paris 1900 die Grenzziehung gegenüber dem spanischen (Spanisch-Guinea) und deutschem Gebiet (Kamerun) im Norden. 1886 wurde Gabun per Dekret offiziell zur französischen Kolonie erklärt.

Bis 1903 war Libreville die Hauptstadt des „französischen Kongo“, der außer Gabun die heutige Republik Kongo umfasste, 1903 erklärte man Brazzaville zur Hauptstadt. Ab 1910 war Gabun Teil von „Französisch-Äquatorialafrika“. 1911 trat Frankreich im Rahmen eines Kompensationsgeschäftes im Gefolge der Agadir-Krise einige Teile des nördlichen Gabun an das deutsche Kamerun ab (das sogenannte Neukamerun). Damit hatte Gabun mit Ausnahme eines Gebietes am Oberlauf des Ogooué, das erst 1946 endgültig Gabun zugeschlagen wurde, seine heutige Gestalt erreicht.

Innere Verhältnisse in der Kolonie und Unabhängigkeitsbestrebungen 1914–1960 mini|Gewinnung von Milchsaft aus Gummibäumen zur Kautschukproduktion

Der Wert der Kolonie bestand für Frankreich vor allem in den natürlichen Vorkommen von Kautschuk, der für die Gummi- und Kriegsindustrie von Bedeutung war. Wo der indirekte Druck zum Kautschuksammeln durch Steuern nicht ausreichte, griffen die Franzosen zu Zwangsarbeit. Während des Ersten Weltkrieges wurden in Gabun – wie in den übrigen französischen Kolonien – Soldaten und Träger rekrutiert, die Zwangsarbeit verschärft und der Druck zum Kautschuksammeln erhöht. In der Folge litten verschiedene Teile Gabuns unter Hungersnöten. Auch in dem darauffolgenden Jahrzehnt führten Zwangsmaßnahmen der Kolonialverwaltung verschiedentlich zu Hungersnöten mit tausenden Toten in einem Land, das seine Bevölkerung bis dahin ernähren konnte. Bis in die 1920er Jahre hinein gab es immer wieder Aufstände unterschiedlicher Völker Gabuns gegen die Kolonialherrschaft. Diese Aufstände, regional begrenzt und nicht landesweit koordiniert, wurden von der Kolonialarmee jedoch mühelos niedergeschlagen.

Kautschuk wurde nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Kautschukbooms (der der einheimischen Bevölkerung keinerlei Vorteile gebracht hatte) zunehmend von Holz, insbesondere Okouméholz als Exportprodukt abgelöst. Innerhalb Französisch-Äquatorialafrikas galt das autonome Gabun als „reiche Kolonie“. Dieser relative Wohlstand und der frühe Beginn der Missionierung führte dazu, dass in den 1920er Jahren bereits eine europäisierte, afrikanische Mittelschicht in Gabun existierte und Ansätze für eine nationale Bewegung entstanden. Organ dieser Bewegung war die Zeitschrift L´Echo gabonais. Daneben gab es einige „Unterstützungsvereine“, die teilweise entlang ethnischer Zugehörigkeit strukturiert waren und etwa von Mpongwe oder Fang getragen wurden.

Während des Zweiten Weltkrieges stand die koloniale Verwaltung Gabuns zu Beginn auf Seiten Vichy-Frankreichs und schloss sich als letzte Teilkolonie Französisch-Äquatorialafrikas erst auf Druck der britischen Flotte im November 1940 dem Freien Frankreich General Charles de Gaulles an. 1944 fand unter Leitung de Gaulles in Brazzaville, im benachbarten Französisch-Kongo die bekannte „Konferenz von Brazzaville“ statt, auf der eine komplette Neuordnung des Verhältnisses Frankreichs zu seinen Kolonien beschlossen wurde. Im Ergebnis erklärte das „Mutterland“ auch Gabun zum französischen Überseeterritorium und schaffte die Zwangsarbeit ab. Gabun durfte nun auch Vertreter in die französische Nationalversammlung entsenden.

In den 1940er und 1950er Jahren traten die später führenden Politiker des unabhängigen Gabun auf den Plan. Jean-Hilaire Aubame war ein in der Kolonialverwaltung tätiger Fang und Parlamentsabgeordneter in Paris. 1947 gründete er die Union Démocratique et Sociale du Gabon (UDSG, Demokratische und Soziale Union Gabuns). Sein Gegenspieler war Léon M’ba, Mitglied der Territorialversammlung von Gabun und ebenfalls ein Fang, der wegen Verwicklung in einen Ritualmord in den 1930er Jahren erst im Gefängnis gesessen hatte und später bis 1946 im Exil lebte. Er gründete im Oktober 1946 den gabunischen Ableger des im gesamten französischen Afrika vertretenen Rassemblement Démocratique Africain (RDA) unter dem Namen Mouvement Mixte Gabonais (MMG). Ein weiterer Kolonialbeamter, Paul Gondjout, gründete 1952 den Bloc Démocratique Gabonais (BDG, Demokratischer Block von Gabun), dem später Paul Mba beitrat. UDSG und BDG arbeiteten in den späten 1950er Jahren gemeinsam an einer Verfassung für Gabun, traten aber nicht für eine Unabhängigkeit des Landes ein, sondern für den Verbleib in der von de Gaulle gegründeten „Französischen Gemeinschaft“, die die französischen Kolonien bei gewisser Autonomie in der Abhängigkeit von Frankreich lassen sollte.