mini|Jean Paul (1798)
Hesperus oder 45 Hundposttage Eine Lebensbeschreibung sind Titel und Untertitel des 1795unter dem Originaltitel „Hesperus, oder 45 Hundposttage. Eine Biographie von Jean Paul“ bei Karl Matzdorff in Berlin. Drei Jahre später erschien eine erweiterte und im Jahr 1819 eine dritte Auflage. publizierten Romans von Jean Paul, durch den der Autor berühmt wurde. Im Mittelpunkt steht eine Liebesgeschichte: Viktor und sein Freund Flamin lieben beide Klotilde. Diese Konfliktsituation existiert vor dem Hintergrund der Klassengesellschaft zur Zeit der Französischen Revolution im Kleinstaat Flachsenfingen. Dort werden die Hauptfiguren in utopische Staatsplanungen des Engländers Horion wie auch in Hofintrigen verstrickt. Diese komplexe äußere Handlung steht im Wechselspiel mit der inneren, der seelischen Entwicklung Viktors. Er orientiert sich nach einer Phase der Unsicherheit zunehmend an der kosmischen Gegenwelt des Inders Dahore in der Idylle in Maienthal, was ihn mit Klotilde verbindet. Auf dieser Basis können sich beide aus dem gesellschaftlichen Zwangsapparat befreien und finden am Schluss in der Überwindung ihrer Standesunterschiede zusammen.
Überblick Der Roman ist eine Mischung aus der komplizierten Hofintrigenhandlung mit Viktor Sebastian, Flamin und Klotilde als Mittelpunktfiguren, der damit verbundenen kosmischen Seelen-Religion des Inders Dahore und philosophisch-weltanschaulichen und gesellschaftskritischen Betrachtungen des Erzählers, die sowohl in die Aktionen und Gespräche der Figuren integriert als auch als „Schalttage“ oder „Extrablätter“ in die Handlung eingeschoben sind.
Der Verfasser des Textes, der ca. 30-jährige Berg-Hauptmann Jean Paul, und, wie sich am Ende herausstellt, ein verschollener Sohn des Fürsten von Flachsenfingen, hat den Auftrag, eine Historie zu verfassen. Da die Materialien dazu, ab dem 29. April, in 44 Lieferungen bei ihm auf einer Molukken-Insel (Kap. 33) eintreffen und in dieser Reihenfolge als „Hundposttage“ ausformuliert werden, müssen die Informationen, z. B. über die Vorgeschichte, die Identitäten, das Liebesbeziehungsgeflecht und die familienpolitischen Interessen der Personen, immer wieder korrigiert bzw. ergänzt werden.
Die Haupthandlung spielt zwischen dem 30. April 1792 und dem 31. Oktober 1793 im kleinen Fürstentum Flachsenfingen. Im Mittelpunkt steht der ca. 26-jährige Viktor Sebastian, Leibarzt des Fürsten und angeblicher Sohn des Fürstenberaters Lord Horion. Er liebt dasselbe Mädchen, Klotilde, die Tochter des Kammerherrn Le Baut, wie sein, anfangs als Kaplansohn ausgegebener, bester Freund Flamin und gerät dadurch in einen Loyalitätskonflikt. Im Zusammenhang mit der sukzessiven Enthüllung der wahren Identität der Hauptpersonen entwickelt sich ein höfisches Intrigenspiel mit immer neuen Konfliktfeldern. Auch als Viktor erfährt, dass Klotilde und Flamin Halbgeschwister sind, fühlt er sich durch den Treueschwur an den Freund gebunden und kann, da diesem die Wahrheit nicht mitgeteilt werden darf, nicht als dessen Rivale auftreten. Zudem ist das Mädchen, obwohl es über die Verwandtschaftsverhältnisse informiert ist, Viktor gegenüber anfangs sehr zurückhaltend, und so leidet er unter seiner vermeintlich unerwiderten Liebe, überdeckt seine Enttäuschung durch Lustigkeit und nimmt am oberflächlichen Hofleben der Residenz und an den Koketterien auf dem Heiratsmarkt der adligen Töchter teil. Zwar steht er dem höfischen Betrieb mit seinen Hierarchien und oberflächlichen Zeremonien kritisch und innerlich distanziert gegenüber, doch der sensible, gutmütige und im gesellschaftlichen Leben naive junge Mann durchschaut oft nicht die Doppelbödigkeit der formelhaften Kommunikation mit ihren angedeuteten, gezielt ausgestreuten Gerüchten. So verstrickt er sich durch spontane, unvorsichtige Aktionen im Beziehungsgeflecht und gerät in Konflikt mit der Lebensphilosophie seines Lehrers Dahore/Emanuel: Er verliebt sich in die Fürstin und hofiert gleichzeitig Joachime, die launische Tochter des Ministers Schleunes, bei deren Einschätzung er zwischen versteckter seelischen Tiefe und Lockvogel ihres machthungrigen Vaters schwankt.
Hinter der Fassade des Höflings ist Viktor jedoch ein melancholisch-depressiver Mensch. Denn er ist wegen der Zurückhaltung Klotildes unglücklich und sein Schmerz steigert sich gelegentlich bis zur Verzweiflung. Trost findet er dann in der kosmischen Philosophie seines Lehrers Dahore/Emanuel: Die unsterbliche Seele umschließt alle Dinge der von der kleinsten Pflanze bis zum unendlichen Universum reichenden Schöpfung. Als Klotilde und Viktor merken, dass sie beide Emanuel verehren und dessen Religion teilen, nähern sie sich einander und gestehen sich schließlich ihre Liebe, als sie am Osterfest bei einem Musikvortrag und anschließend bei einer nächtlichen Schlittenfahrt unter dem Sternenhimmel ihre kosmische Seelengemeinschaft erleben. Sie müssen dies aber aus Rücksicht auf den eifersüchtigen Flamin verbergen.
Das Experiment Horions, den Staat kosmopolitisch durch die Erziehung der Prinzen zu reformieren, eskaliert, als Matthieu, der Sohn des Ministers, von den Geheimnissen erfährt und die Eifersucht Flamins für den Machtkampf am Fürstenhof nutzt. Er lockt ihn in ein Duell mit Klotildes Vater, greift selbst ein und tötet Le Baut. Flamin interpretiert dies als Freundschaftsdienst, nimmt die Schuld auf sich und lässt sich gefangen nehmen. Matthieu tritt anschließend vor dem Fürsten als Retter auf, enthüllt ihm die Wahrheit über seinen Sohn und den Duellverlauf und vermischt seine Mitteilung mit Lügen: Er habe den Prinzen vor der Tötung des Kammerherrn bewahren wollen und eine Revolte gegen das Fürstenhaus verhindert. Aus Dankbarkeit begnadigt ihn der Regent. Aus England sind inzwischen Lord Horion sowie Flamins und Klotildes Mutter angereist und haben die Identitäten ihrer Kinder aufgeklärt: Viktor ist der Pfarrersohn und Flamin der Fürstensohn. Beide versöhnen sich miteinander und Klotilde darf trotz der Standesunterschiede Viktor heiraten. Horion dagegen ist zu lebensmüde, um sein Experiment weiter zu verfolgen, und tötet sich am Grab seiner Frau auf der Insel der Vereinigung.
Der Roman ist in vier Teile („Heftlein“) untergliedert mit jeweils einem Handlungsort als Schwerpunkt:
1. Teil (Kp. 1–15): die ländlich-beschauliche Umgebung um das Pfarrhaus Eymanns und das Schloss Le Bauts in St. Lüne
2. Teil (Kp. 16–25): der Fürstenhof in der Residenzstadt Flachsenfingen
3. Teil (Kp. 26–36): die paradiesische Natur-Landschaft um die Klause des indischen Philosophen Emanuel/Dahore in Maienthal
4. Teil (Kp. 37–46): Reisen durch die Handlungsorte
Inhalt
Erzähler Der Verfasser, Berg-Hauptmann Jean Paul (Kap. 1), wohnt am Äquator auf der Insel St. Johannis in den ostindischen Gewässern, im Fürstentum Scheerau. In einem Brief von seinem Korrespondenten Knef wird er gebeten, das ihm sukzessiv zugesandte Material zu einer Biographie des Arztes Viktor zu verarbeiten. An 44 Tagen bringt ihm ein durchs Meer schwimmender Hund namens Spitzius Hofmann die Unterlagen. Jean Paul weiß somit beim Schreiben nicht mehr als der Leser und muss für den Fortgang der Geschichte auf die nächste „Hundpost“ warten und kann das Verwirrspiel über die Verwandtschaftsverhältnisse der Jugendlichen nur langsam auflösen. Die überbrachten Informationen ermöglichen dem Erzähler nur die Erstellung eines groben Handlungsgerüsts. Deshalb muss er die Einzelheiten der Personen, der Landschaft usw. nach seiner Phantasie ausgestalten und kann in diesem Zusammenhang seine Interpretation der Geschehnisse mit einbringen (45).
Vorgeschichte: Die vertauschten Kinder Mit der zweiten und der zwölften Post erfährt der Historiograph Teile der Vorgeschichte, die im Laufe des Schreibprozesses ergänzt und immer wieder korrigiert wird. Einige Personen erfahren im Laufe der Handlung die Identität bzw. persönliche Geheimnisse anderer Personen, werden aber durch einen Eid verpflichtet, diese geheim zu halten.
Auf seiner Tour durch die Welt hat Fürst Januar (Jenner) zahlreiche Affären mir schönen Frauen, denen er fünf Söhne hinterlässt. Jahre später erinnert sich der Regent ihrer und beauftragt seinen engsten Vertrauten und Ratgeber Lord Horion mit den Nachforschungen über deren Verbleib (Kap. 2). Dieser lenkt wie ein Regisseur die Figuren nach seinem Plan der Errichtung eines von kosmopolitischen Ideen geleiteten Staates, indem er ihre Identitäten vertauscht und geheim hält. Er löst erst am Schluss den Personenknoten endgültig auf, nachdem ihm die Fürstensöhne eidlich versichert haben, ihre Ämter in seinem Sinne auszuüben, „wenigstens so lange, bis er [sie] wiedersähe“ (45).
Horion findet die Prinzen von Wallis, Brasilien und Asturien in Frankreich, bringt sie nach England und lässt sie inkognito in Eton zu Gelehrten erziehen. Im dritten Romanteil tauchen sie in Flachsenfingen als englische „Drillinge“ auf und verbreiten republikanische Ideen. Der Vierte, Monsieur oder Mosje, lebt als Jean Paul auf den sieben Inseln. Dort bekommt er den Auftrag, die Historie zu schreiben (32). Als die Materialien für das Schlusskapitel ausbleiben, reist er über Hof nach Flachsenfingen und trifft dort auf seine Romanfiguren. Dabei stellt sich seine Identität heraus. Der Fünfte, der „Infant“ Flamin, ist das Ergebnis einer undurchsichtigen, offenbar mit Zustimmung seines Stiefvaters, des Obrist-Kammerherrn Le Baut, erschlichenen Affäre des Fürsten mit der „Lady“, Horions Nichte und Le Bauts Frau. Nachdem diese von der Zubringerrolle ihres Mannes erfahren hat, trennt sie sich von ihm.
Klothilde, die legitime Tochter Le Bauts, kehrt mit dem Hofstaat nach Flachsenfingen zurück, während ihr Halbbruder Flamin mit seinen Freunden, Horions Sohn Julius und Kaplan Eymanns Sohn Viktor Sebastian, zunächst in England bei seiner Mutter bleibt und mit ihnen zusammen vom indischen Lehrer Dahore erzogen wird. Da der Horion-Sohn Julius nach einer Blattern-Krankheit erblindet, kann er in dem Figurenspiel seines Vaters nicht eingesetzt werden und Horion vertauscht ihn mit dem Eymann-Sohn Viktor Sebastian. Er wird in die Pflege Dahores gegeben, sieht diesen als seinen Vater an und kommt erst später zusammen mit dem jetzt Emanuel genannten Lehrer nach Maienthal. Hier lernt er Klotilde kennen, die in der Klosterschule erzogen wird und sich zur Lehre Dahore/Emanuels hingezogen fühlt (12, 14).
Der Lord gibt Viktor und Flamin die Zunamen Horion bzw. Eymann und holt sie als 12-Jährige nach Deutschland. Bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr wachsen sie in der Familie Eymann auf. Nach dem Plan Horions wird Viktor in Göttingen zum Arzt ausgebildet, um als Hofmedikus das Vertrauen des Fürsten zu erringen und nach seiner späteren Rückstufung zum Bürgerlichen ordentlich leben zu können. Flamin soll nicht als Fürstensohn verwöhnt werden und ein träges Hofleben führen. Als vermeintlicher Bürgerlicher erhält er im Staatsdienst eine Aufstiegshoffnung, wenn er sich als Jurist bewährt. Zur Handlungszeit des Romans, 1792–1793, reist der Lord für ein Jahr nach England, um sich um die dort verbliebenen Prinzen zu kümmern und Informationen über eine Thronintrige gegen den Fürsten zu sammeln.
Viktor Sebastian Der ca. 26-jährige Viktor ist für den Erzähler, der seine Dokumente durch eigene Kommentare ergänzt, als „Held“ der Geschichte auserwählt worden (Kap. 16): Er achtet „alle[-] Stände“, verachtet alle „Standes-Narren“, hat „Groll gegen Zeremonien“ und eine „humoristische Zuneigung zu den kleinen Bühnen des Lebens“. Er steht im Kontrast zu Menschen, die einen „Ekel vor Menschen“ haben und ihre Brücken zu den Großen bauen (8). Solche Beschreibungen erweitert der „Historiograph“ Paul zu gesellschafts- und fürstenhofkritischen Kommentaren, z. B. über die Vertragstreue (1. Schalttag).