mini|Die Ursprünge des Gehorsamsbegriffs der Westlichen Welt liegen im Pentateuch. Moses und Aaron mit den Gesetzestafeln, Gemälde von Aaron de Chaves, um 1675. „Unter Gehorsam versteht man die Ausrichtung der eigenen Willens- und Handlungsentscheidungen an einer übergeordneten Instanz, wobei diese Instanz eine (gesetzliche oder sittliche) Regel, ein religiöses Gebot, eine Person oder auch Gott selbst sein kann.“ Die besondere Beziehung der Instanz zum Gehorchenden, die ihren Anspruch auf Gehorsam begründet, wird als Autorität bezeichnet. Von Autorität sorgfältig zu unterscheiden ist Zwang, der ebenfalls auf Gehorsam zielen kann.
Synonyme für Gehorsam sind Folgsamkeit, Fügsamkeit und Gefügigkeit. Das Gegenteil von Gehorsam ist Ungehorsam.
Der Gehorsamsbegriff spielt eine zum Teil zentrale Rolle unter anderem im Militärwesen, in der Theologie, in der politischen Philosophie, in der Pädagogik, in der Psychologie, in der Soziologie, in der Medizin, in der Ökonomie und im Recht. In den drei letztgenannten Bereichen spricht man heute meist von Compliance.
„Gehorsam ist eine einmalig menschliche Form der Beziehung. Andere Tiere wie Hunde können zwar Gehorsam erlernen, aber sie können selbst keine Befehle geben. Ein System des Gehorsams basiert auf Strafen.“
Etymologie Das Adjektiv gehorsam und das daraus abgeleitete Substantiv Gehorsam existieren bereits im Althochdeutschen als (ga)hôrsam, gihôrsam bzw. (gi)hôrsamî. Grundlage ist das ahd. Verb hôren, das auf ein rekonstruiertes protogermanisches *hauzjaną, *hausjaną zurückgeht und „hören“, „zuhören“, „Folge leisten“ bedeutet. Im Mittelhochdeutschen bilden sich die Formen (ge)hôrsam bzw. gehôrsam(e) heraus, wobei das Substantiv bis in diese Zeit ein Femininum war.Gerhard Köbler: Germanisches Wörterbuch. 5. Auflage. 2014; Gerhard Köbler: Althochdeutsches Wörterbuch. 6. Auflage. 2014; Entsprechendes wie für gehorsam/Gehorsam gilt für das Adjektiv ungehorsam (ahd. un[gi]hôrsam → mhd. un[ge]hôrsam und das Substantiv Ungehorsam (ahd. un[gi]hôrsamî → mhd. un[ge]hôrsam[e]). Als gehoorzaam bzw. gehoorzaamheid erscheinen das Adjektiv gehorsam und das Substantiv Gehorsam auch im Niederländischen.
Das Verb horchen () ist eine Frequentativbildung von hören, die sich als hôrchen, horchen erstmals im Mittelhochdeutschen nachweisen lässt.Gerhard Köbler: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. 3. Auflage. 2014; Auch die abgeleitete Form gehorchen (ursprünglich: „[verstärktes] horchen“) erscheint zuerst im 13./14. Jahrhundert.
Die Wörter gehören, (un)gehörig und hörig gehen auf dieselbe Wurzel wie gehorsam zurück und sind damit etymologisch eng verwandt.
Das Verb folgen (protogermanisch *fulgēną, *fulgǣną, *fulgāną → ahd. folgên, folkên → mhd. volgen) wird von Anfang an auch im Sinne von „gehorchen“ verwendet.„Denn ihr sollt dem HERRN, eurem Gott, folgen und ihn fürchten und seine Gebote halten und seiner Stimme gehorchen und ihm dienen und ihm anhangen.“ Die Adjektivbildung folgsam dagegen erscheint als Synonym zu „gehorsam“ erst im 18. Jahrhundert, etwa in Friedrich Schillers Drama Don Karlos.„Ihn zu beherrschen wähnten Sie – und waren / Ein folgsam Werkzeug seiner höhern Plane.“ Friedrich Schiller: Don Carlos. 5. Akt, 4. Auftritt; Die reflexive Form des Verbs fügen (protogermanisch *fōgijaną → ahd. fuogen, fuagen, foaken, fuaken → mhd. füegen, vüegen) – sich fügen – bezeichnet seit dem 17. Jahrhundert auch ein nachgebendes Sichdreinfinden.
Geschichte des Gehorsamsbegriffs in der Westlichen Welt
Altertum
Altes Testament und Judentum mini|Ein Engel verhindert, dass Abraham, um Gott zu gehorchen, seinen geliebten Sohn tötet. Im Tanach, der Sammlung heiliger Schriften des Judentums, die als Altes Testament vom Christentum übernommen wurde, ist es vor allem Gott, der immer wieder Gehorsam fordert (z. B. , , ). Zu den exemplarischen Gottgehorsamen in diesen Texten zählt Abraham, der auf Gottes Befehl hin bereit ist, seinen jüngsten Sohn Isaak zu opfern – was Gott im letzten Moment verhindern lässt (siehe Bindung Isaaks, ). Ein weiteres Beispiel findet sich in der Erzählung über Mose, der sich als einfacher Schafhirte anfangs gar nicht geeignet fühlt, die Kinder Israels aus der ägyptischen Gefangenschaft zu befreien (Auszug aus Ägypten), Gottes Ruf dann aber doch folgt . Ijob lässt nicht nach, Gott zu gehorchen und treu zu bleiben, obwohl dieser ihn mit einer Reihe furchtbarer Leiden prüft . Lots Frau erstarrt, nachdem sie sich während der Flucht aus Sodom verbotenerweise umblickt, zur Salzsäule .
Der Gottgehorsam erfordert, wie ebenfalls bereits im Alten Testament gezeigt wird, gelegentlich auch Ungehorsam gegenüber weltlichen Instanzen: So gehorcht Daniel Gottes Gebot, zu ihm zu beten, obwohl König Darius ihn dafür in die Löwengrube werfen lässt; dem Tode entgeht er nur, weil Gott ihn schützt . In widersetzen die gottesfürchtigen hebräischen Hebammen sich der Anordnung des Pharao, die männlichen Neugeborenen zu töten.
Neben dem Gottgehorsam lehrt das Alte Testament auch den kindlichen Gehorsam vor den Eltern (, , ).
Nach dem Talmud hat Gott Mose am Berg Sinai nicht nur die Zehn Gebote, sondern auch die 613 Mitzwa gegeben, die Gebote und Verbote, die seitdem für alle Juden verbindlich sind. Der Gesetzesgehorsam, der Gott hier von den Kindern Israels einfordert, ist Teil des Sinaibundes, der neben dem Noach- und dem Abrahamsbund eine der theologischen Grundlagen der jüdischen Religion ist.
Antikes Griechenland Eines der ersten stehenden Heere, von denen bekannt ist, dass die Soldaten exerzieren mussten, war das spartanische Heer, das seit der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. als das stärkste in Griechenland galt. Militärischer Gehorsam, also das (später meist durch Dienstvorschriften erzwungene) Befolgen militärischer Befehle, ist spätestens seit dieser Zeit als eine der unabdingbaren Voraussetzungen des Erfolges militärischer Operationen anerkannt.
Die griechische Mythologie ist voll von Geschichten, in denen die Götter, insbesondere Zeus, Menschen oder gelegentlich auch andere Götter mit grausamen Strafen belegt haben, weil sie sich ihnen nicht gefügt haben, darunter etwa Sisyphos, Lykurg, die Danaiden, Ixion, Leto, Aktaion, Tantalos, Niobe und Prometheus. Pandora öffnet, obwohl Zeus dies verboten hat, die ihr anvertraute Büchse, die alle Übel der Welt sowie die Hoffnung enthält.
mini|links|Antigone begräbt, obwohl der Usurpator Kreon dies strikt untersagt hat, ihren im Kampf gefallenen Bruder Polyneikes. Aischylos erwähnt in seiner Tragödie Sieben gegen Theben (467 v. Chr.) eine Göttin Peitharchia (Πειθαρχια), eine Personifizierung des Gehorsams. Die bedeutendste altgriechische Tragödie zum Thema Ungehorsam ist aber Sophokles’ Antigone (442 v. Chr.) über die gleichnamige Königstochter, die die Herrschaft des Tyrannen Kreon nicht anerkennt und sich nach dem Tode ihres Bruders Polyneikes über Kreons Verbot, den Bruder zu beerdigen, hinwegsetzt.
Sokrates’ (469–399 v. Chr.) Beiträge zur politischen Philosophie, die auch ein Nachdenken über den Gehorsam einschließen, sind u. a. in der Politeia seines Schülers Platon überliefert. Für Sokrates bestanden die Grundvoraussetzungen für ein gesundes Staatswesen erstens in der Einsicht in das feststehende sittliche Ziel des Staates und zweitens im Gehorsam gegen das von den Einsichtigen geschaffene Gesetz, der ihm als Einsicht galt. Da er nicht erwartete, dass umgekehrt alle einsichtig und folglich gehorsam sein würden, schloss Sokrates auch Zwang nicht aus. Freilich verteidigte Sokrates den Gehorsam nicht um seiner selbst willen, sondern er gilt im Gegenteil sogar als theoretischer Begründer des Konzepts des zivilen Ungehorsams; denn wie Sokrates aufgewiesen hat, ist es im Falle einer Normenkollision möglich, aus Gewissensgründen eine ungerechte Norm zu verletzen, um anderen Normen zu gehorchen, und dabei auch eine Strafe zu akzeptieren. Die Verfassung werde dadurch nicht in Frage gestellt, sondern geprüft und geschützt.
Platon (428/427–348/347 v. Chr.) schlug in seiner um 375 v. Chr. verfassten Politeia vor, im idealen Staat einen Stand von „Helfern“ (Kriegern und Wächtern) zu schaffen, die „gleichsam als Hunde aufgestellt“ werden und den Regierenden gehorsam sein sollen. In seinem staatsphilosophischen Spätwerk Nomoi schrieb er:
Karl Popper warf Platon später vor, hier das Urmuster des totalitären Denkens schlechthin geschaffen zu haben – eine Einschätzung, die sowohl Beifall als auch Kritiker gefunden hat.
mini|hochkant|Aristoteles war überzeugt, dass Knechte und Frauen von Natur aus zum Gehorchen bestimmt seien: die ersteren durch ihre körperliche Stärke, die letzteren durch ihre körperliche Schwäche. Aristoteles (384–322 v. Chr.) unterschied zwischen einer Regierungsgewalt einerseits, die ausschließlich unter freien Menschen stattfinde, und einer Herrengewalt andererseits, die solche Menschen betreffe, die von Natur aus Knechte seien. Über die erstere schrieb er u. a. in der Nikomachischen Ethik, wo er als die wichtigsten Eigenschaften eines Staatsangehörigen die Tüchtigkeit und den Gehorsam gegen die Gesetze nennt, wobei er den letzteren nicht mit strafender Strenge, sondern mit individuellen Erziehungsmitteln und mit Liebe durchsetzen wollte. Grundlegendes zur Herrengewalt hat Aristoteles in Politik und Fragment der Oeconomik formuliert. Er war überzeugt, dass einige Menschen von Natur zum Herrschen, andere dagegen zum Ausführen und Gehorchen bestimmt seien:
Frauen stellt Aristoteles auf eine Stufe mit Knechten und berichtet abschätzig über die „Barbaren“, dass diese zwischen Frauen und Männern deshalb keinen Unterschied machen, „weil sie überhaupt alle Sclaven sind, und den Theil, der zum Herrschen gemacht ist, nicht haben.“ Das Verhältnis von Mann und Frau vergleicht er mit dem zwischen dem Menschen und den Tieren:
An späterer Stelle im selben Text erklärt Aristoteles, dass das Verhältnis von Mann und Frau sich von dem zwischen Herrn und Knecht auch insofern unterscheide, als es – ebenso wie das Verhältnis von Vater und Kindern – ein Verhältnis zwischen Freien sei. Beim Verhältnis zwischen Vater und Kindern sieht er Ähnlichkeit mit dem monarchischen Regiment, bei dem von Mann und Frau dagegen mit dem republikanischen. Dass die Geschlechter sich, wie republikanische Verhältnisse es eigentlich nahelegen, in ihrer Führungsrolle abwechseln, schließt Aristoteles aber mit dem Argument explizit aus, dass der Mann der Frau an Ansehen überlegen sei. In der Nikomachischen Ethik beschreibt er das Verhältnis der Geschlechter als aristokratisch: „Denn der Mann herrscht gebührender Weise, und zwar auf dem dem Manne zustehenden Gebiete, und überläßt dagegen der Frau was sich für diese schickt.“ Auch dass Mann und Frau Freunde sein können, hebt die Tatsache der männlichen Überlegenheit für Aristoteles nicht auf.
Römisches Reich Im römischen Recht wurde dem männlichen Familienoberhaupt – dem pater familias – besondere Herrschaftsmacht (patria potestas) zugestanden. Außer seinen Kindern und Adoptivkindern hatten ihm auch seine Sklaven zu gehorchen. Die Ehefrau dagegen schuldete ihm Gehorsam nur, wenn die Ehe als Manusehe geschlossen war. Die Herrschaftsmacht war gleichzeitig eine sakrale, eine besitzrechtliche und eine praktische, letzteres insofern, als der pater familias über die Mitglieder seines Haushalts nahezu ohne Einschränkungen bestimmen konnte. Bis zum Jahre 374 war die patria potestas ein Recht über Leben und Tod, das weder zivilrechtlich noch strafrechtlich eingeschränkt war. Der pater familias besaß, solange er lebte, die vollste und freieste Erziehungsgewalt über die Kinder; diese galten privatrechtlich für rechtsunfähig und hatten den Eltern gegenüber strenge Pietätspflichten.
Neues Testament und christliche Spätantike