mini|rechts|180px|Jakob Wassermann* 1873 †1934 mini|rechts|Der Gänsemännchen-Brunnen in Nürnberg
Das Gänsemännchen ist ein Künstlerroman von Jakob Wassermann, vom Juli 1912 bis zum Juli 1914 geschrieben. Er erschien ab April 1914 als Zeitschriftendruck in Der neue Merkur und im Folgejahr im S. Fischer Verlag Berlin. Der Roman spielt 1849 bis 1909 in Nordbayern – vor allem in Nürnberg und in Franken. Die Werke des Komponisten Daniel Nothafft stoßen besonders bei den merkantilen Nürnbergern auf Unverständnis und Ablehnung. Als er heiratet, merkt er, dass er besser Lenore, die Schwester der Braut Gertrud, zur Frau genommen hätte. Einige Nürnberger Bürger, die dem Bettelmusikanten Daniel übel wollen, vermuten eine Dreiecksbeziehung und assoziieren diese höhnisch mit dem bronzenen Gänsemännchen. Das stellt einen Bauern dar, der auf dem Nürnberger Obstmarkt steht und zwei Gänse unter den Armen trägt.
Handlung Zeitraum ab 1849 Der Erblasser An einem Augusttag des Jahres 1859 wird Daniel als Sohn des Webers Gottfried Notthafft in Eschenbach bei Ansbach geboren. In Deutschland setzen sich die neuen Maschinenwebstühle aus Amerika durch, und mit der Weberei des Vaters geht es bergab. Doch Gottfried Notthafft hat für seinen Sohn Daniel vorgesorgt. Dreitausend Taler in Reichsscheinen hat er heimlich gespart. Ohne Wissen seiner Frau übergibt er das Geld dem Schwager Jason Philipp Schimmelweis in Nürnberg. Als der Vater Anfang der siebziger Jahre stirbt, fällt die Mutter aus allen Wolken. Es ist kein Geld da.
Der Erbschleicher Schimmelweis verheimlicht den unverhofften Reichtum seiner Frau Therese und steigt mit dem Geld in Nürnberg zum Buchhändler auf. Der Onkel denkt nicht daran, der Witwe und der Halbwaise Daniel in Eschenbach zu helfen. Die Lehrer auf dem Ansbacher Gymnasium haben keine Freude an Daniel. Lediglich der Kantor Spindler (19) unterrichtet Daniel drei Jahre aufs Gründlichste in der Lehre von Kontrapunkt und Harmonik. Nach dem Willen des Onkels und der Mutter geht Daniel nach dem Gymnasium in die Lehre, um einen ehrbaren Beruf zu erlernen. Aber alle Einstiegsversuche in die bürgerliche Berufswelt schlagen fehl. Daniel klopft in Nürnberg bei Musikprofessor Döderlein an. Der Junge hat eisern gespart und möchte Schüler des Professors werden. Daniel wird herablassend behandelt und abgewiesen. Die Mutter hat kein Verständnis für Daniels Berufswunsch. Daniel wendet sich in seinem Innern von ihr ab. Daniels unaufhaltsamer Abstieg in Nürnberg beginnt. Aber, er war ein Gott, wenn die Töne aus ihm sprühten.
Philippine horcht Schimmelweis hat die Quittung über die dreitausend Taler verlegt. Therese findet das Papier zufällig und macht dem Gatten Vorhaltungen. Schimmelweis hat einen Plan. Er will Daniel mit der Tochter Philippine verheiraten. Daniels Cousine hat einen großen Kopf und häßliche Züge. Therese ist durch diese Patentlösung ruhiggestellt, denn wer Philippine abbekommt, hat den Hauptgewinn. Philippine im Nebenzimmer ist im Bilde. Das laute Statement des Vaters, ihre Zukunft betreffend, drang bis zu ihrem Ohr vor.
Gertrud und Lenore Daniel muss seine einzige Kostbarkeit, die Partitur der Bachschen h-Moll-Messe, verkaufen. Als er, von eisigem Wind umblasen, vor der Egydienkriche [St. Egidien] dem Orgelspiel drinnen lauscht, wird er vom Inspektor Jordan aufgelesen und darf sich in dessen Wohnung aufwärmen. Daniel lernt Jordans Kinder Gertrud, Lenore und Benno kennen. Vater Jordan ist Inspektor bei der Arbeiter-Assekuranz der Gesellschaft Prudentia und hat seine Kinder Lenore und Benno mit Billigung seines Chefs Alfons Diruf bei der Gesellschaft als Schreiber untergebracht.
Zeitraum ab 1882 Dr. Benda hilft Daniel hungert, doch er hat Glück im Unglück. Der Naturwissenschaftler Dr. Benda wird sein Freund. Dr. Bendas wissenschaftliche Karriere ist nicht erfolgreich. Bendas Hauswirt Herr Carovius, ein Kleinbürger mit entfesselten Instinkten,... ein Aufrührer von konservativer Haltung (68), verfolgt diese Entwicklung voller Häme. Benda hilft Daniel, indem er ihm Klavierunterricht bei Nürnberger Bürgerfamilien vermittelt. Daniel macht sich Herrn Carovius zum Feind, indem er den Hauswirt in Gedanken versunken auf der Treppe nicht grüßt.
Lenore Jordan hat für Daniel etwas übrig und sucht ihn nach der Arbeit wiederholt bei den drei Schwestern Rüdiger auf, wo er zur Untermiete wohnt. Dr. Benda fühlt sich zu Lenore hingezogen und erkennt: Daniel merkt gar nicht, dass Lenore ihn gernhat. Daniel bringt Benda und Lenore sein Orchesterwerk Vineta auf dem Klavier der drei Schwestern Rüdiger zu Gehör. Die fehlenden Instrumente ersetzt der Komponist einfach mit seiner Krähstimme. Die unheimliche Energie des Ausdrucks verhindert komisch zu wirken. Der Naturwissenschaftler kann die Komposition nicht begreifen und das Mädchen staunt.
Dr. Benda geht nach London und wird von den Engländern als Forscher ins Innere Afrikas ausgesandt.
Lenores Vater erhält derweil in Nürnberg die Kündigung seines Postens. Der Chef Alfons Diruf nähert sich Lenore unsittlich. Lenore kann sich losreißen und kündigt.
In der Neujahrsnacht, als Daniel heim kommt, überredet er die junge unverdorbene Meta Steinhäger, Magd bei den drei Schwestern Rüdiger, zum Beischlaf.
Der Erbschleicher läuft über Den Nürnberger Sozialdemokraten ist nicht verborgen geblieben, dass auch ihr Buchhändler Schimmelweis das Nürnberger Proletariat im Auftrag der Prudentia ausgesaugt hat. Nachdem Schimmelweis von den eigenen Genossen Bereicherung vorgeworfen wurde, dient er sich flugs bei den Liberalen an. Deren Führer (137) Siegmund von Auffenberg ist erfreut, empfiehlt jedoch zunächst Zurückhaltung.
Gertrud unterwirft sich Professor Döderlein leitet die öffentliche Generalprobe zu Daniels Orchesterwerk. Als während der Aufführung auch Beethoven gegeben wird, kommt es zu einem Eklat. Daniel hindert den stümpernden Döderlein am Weiterdirigieren. Die Reaktion des Nürnberger Orchestervereins lässt nicht auf sich warten. Daniel erscheint nicht mehr förderungswürdig. Immerhin hinterlässt der Abend einen unauslöschlichen Eindruck bei Daniel. Er hatte den Jordans Eintrittskarten geschenkt. Daniel fühlt, daß sein Schicksal an Gertrud gekettet (149) ist, daß er eine Seele zu verwandeln und zu erneuern vermocht (157) hat. Gertruds Gesicht zeigt nach diesem Abend stets Hingabe, Bereitschaft, Unterwürfigkeit (168). Ergriffen muss Daniel konstatieren, auch Lenore liebt ihn. Aber das mit Lenore vergisst er rasch.
Lenore handelt Eberhard von Auffenberg liebt Lenore. Er bekommt von ihr den Laufpass. Lenore graut vor der Ehe. Meta Steinhäger ist von Daniels Umarmung in jener wildgärenden Neujahrnacht (334) schwanger. Die drei Schwestern Rüdiger in ihrer unmenschlichen Zimperlichkeit expedieren Meta aus dem Hause. Die redegewandte Lenore bringt die Schwangere bei Daniels Mutter in Eschenbach unter. Eva Steinhäger wird in Eschenbach geboren. Meta findet in Dinkelsbühl einen Mann, wandert mit ihm aus und Marianne Notthafft hat ihre Enkelin Eva ganz für sich allein. Denn Daniel weiß nichts von alledem. Mit einer Wanderoper (180) tourt er als Kapellmeister durch Franken und die angrenzenden deutschen Länder. Das Ensemble fürchtet Daniels Strenge, seinen Blick eisiger Geringschätzung (182). Daniel bezaubert sein Orchester derart, daß es ihm gehorcht wie ein einziges Instrument (186). Nach einem Auftritt in Ansbach begegnet er seinem Lehrmeister, dem Kantor Spindler.
Zeitraum ab 1886 Fränkischer Adel In der Nähe von Bad Kissingen werden Daniel und sein Orchester vom kunstsinnigen Herrn von Erfft engagiert. Während dieses Aufenthalts auf dem Gut der Erffts glaubt Daniel in Silvia, der Tochter des Hauses, Züge von Lenore zu erkennen. Silvias Mutter, die Frau von Erfft, vermittelt Daniel die Bekanntschaft ihrer Schwester, der Nürnberger Freifrau Clotilde von Auffenberg.
Daniel, der Retter Daniel kehrt nach Nürnberg zurück und heiratet Gertrud. Zu spät erkennt der Komponist, Lenore ist die Frau, die er liebt. Dabei hat er doch mit Gertrud eine Frau gefunden, der seine musikalischen Schöpfungen nahegehen. Daniel vermag sogar aus Gertruds stummen, unfehlbaren Reaktionen abzulesen, ob eine neue Komposition etwas taugen könnte.
In Daniels Hochzeitsnacht treibt es Philippine, die Daniel als Mann für sich beansprucht, in ohnmächtiger Raserei (201) durch die Gassen. Nach der Hochzeit verbringt Daniel mit Lenore viel mehr Freizeit als mit seiner Ehefrau. Daniel umschlingt Lenore und küsst sie auf den Mund. Lenore verfällt Daniel (268). Philippine in ihrer megärenhaften Bosheit gibt ihr Vorhaben, Daniel in ihre Gewalt zu bekommen (253), noch längst nicht auf. Zunächst macht sie sich mit Lenore bekannt. Alsbald kommt für Philippine die Gelegenheit, sich auch noch Gertruds Duldung zu erschleichen.
Benno unterschlägt bei der Prudentia dreitausendsiebenhundert Mark (245) und macht sich aus dem Staub. Der Prudentia-Chef Diruf verlangt das Geld von der Familie Jordan binnen vierundzwanzig Stunden zurück. Die Familie, in die Daniel eingeheiratet hat, ist ratlos. Philippine zeigt den Ausweg. Mit ihrer krähenden Stimme verrät Philippine ihren Vater, der vor Jahren jene dreitausend Taler Daniel vorenthalten hat. Daniel geht zu Schimmelweis und stellt ihn zur Rede. Schimmelweis hat nach seinem Gesinnungswechsel (255) die sozialdemokratische Kundschaft verloren, und so ging es mit ihm bergab. Philippine ist zugegen. Schimmelweis errät den Verrat der Tochter. Philippine erhält vom eigenen Vater einen Schlag mit der geballten Faust ins Gesicht. Aber Therese hat Gewissensbisse, heult hysterisch und gibt Daniel das Geld. Dirufs Forderung wird erfüllt. Fortan macht sich Philippine im Haushalt der schwangeren Gertrud, die sich keine Magd leisten kann, nützlich. Daniel geht dem Gestell (290), wie er Philippine schimpft, aus dem Wege.
Daniel, der Kapellmeister Eberhard von Auffenberg hatte sich mit dem despotischen Vater entzweit und das Haus verlassen. Im Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit hatte sich Eberhard geschäftlich mit Herrn Carovius eingelassen und machte Schulden. Carovius hatte in Eberhards Papieren geschnüffelt und von dessen Liebe zu Lenore erfahren. Carovius möchte Lenore besitzen (273). Über Daniel will er sich an das schöne junge Mädchen heranmachen. Dazu ergibt sich Gelegenheit. Daniel hat endlich die Kapellmeisterstelle am Theater (276) erhalten. Das Empfehlungsschreiben der Frau von Erfft hat ihm den Zugang zum Rokokosaal der Freifrau von Auffenberg eröffnet. Sein Zyklus von sechzehn Liedern wird dort gegeben werden. Carovius erbettelt und erhält von Daniel zu diesem Abend ein gedrucktes Kärtchen. Nach dieser Aufführung bekommt Daniel Beifall. Hinter vorgehaltener Hand ist von Katzenmusik die Rede, von einer Verschwörung wider den guten Geschmack (298).
Daniel, das Gänsemännchen Die Nürnberger kennen Schimmelweis nur zu gut und wollen partout nicht glauben, dass er das unterschlagene Geld wirklich ersetzt haben soll.
Den Bürgern bleiben nicht die ausgedehnten Spaziergänge von Daniel und Lenore verborgen. Die Leut können ihn nicht ausstehen (290), sagt Philippine von ihrem Cousin. Ein unergründlicher Haß gegen den Musiker steigt auf. Dieser gipfelt in einem schlechten Scherz des Herrn Carovius, der Daniel mit dem bronzenen Gänsemännchen auf dem Nürnberger Obstmarkt vergleicht. Die Gänse unter den Armen des Männchens sollen die Schwestern Gertrud und Lenore sein.
Philippine, inzwischen im Haushalt Gertruds fast unentbehrlich, geht zur Offensive über. Gertrud brauche sich das stundenlange Beisammenstecken Daniels mit Lenore nicht gefallen zu lassen, redet sie der Schwangeren ein. Es kommt zwischen dem Ehepaar zur Aussprache. Daniel kann sich von Lenore nicht abwenden. Gertrud will das dulden, will dem Liebespaar sogar helfen (309).
Gertrud stellt die Schwester zur Rede, wirft ihr vor, sie richte Daniel zugrunde (314).