mini|Emblem der Afghanischen Nationalarmee Die Afghanische Nationalarmee (, , , kurz ANA) waren die Streitkräfte der Islamischen Republik Afghanistan. Sie wurden im April 2002 gegründet. Die ANA rekrutierte sich aus Freiwilligen und war damit eine Berufsarmee. Im Jahr 2019 betrug ihre Truppenstärke offiziellen Angaben zufolge etwa 180.000.PDF Diese Angaben waren laut Insidern, wie dem Finanzminister, nicht der Wahrheit entsprechend. Nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 hörte die ANA faktisch auf zu existieren.

Als Afghan National Defence and Security Forces (ANDSF),Ali A. Jalali: United States Institute of Peace, Washington 2016, ISBN 978-1-60127-601-8 (PDF).NATO and Afghanistan. Website der NATO, abgerufen am 18. August 2021. auch Afghan National Security Forces (ANSF), wurde allgemein die Gesamtheit der afghanischen Sicherheitskräfte bezeichnet, unter anderem bestehend aus der ANA und der Afghanischen Nationalpolizei (ANP).. In: BBC News, 19. März 2009.

Geschichte Entwicklung bis 2001 mini|Habibullah Khan mit Soldaten, vor 1919 Ein afghanisches Heer bestand schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts nach den Kriegen gegen Persien. Es umfasste einen besoldeten Stamm als Kern, an den sich im Krieg ein Milizaufgebot anschloss. In den Anglo-Afghanischen Kriegen konnten sich die Afghanen gegen die militärischen Interventionen des Britischen Empires bis 1880 behaupten. 1880 besetzten die Briten Kabul. Der britische Oberbefehlshaber General Frederick Roberts setzte Abdur Rahman Khan, Sohn des ältesten Sohns von Dost Mohammed Afzul Khan, als neuen Emir ein. Die Briten übernahmen für die folgenden 40 Jahre die Kontrolle über die afghanische Außenpolitik. Organisation wie Bewaffnung des Heeres wurden unter Abdur Rahman Khan europäisch organisiert. Die Armee zählte im Jahr 1884 etwa 50.000 Mann und 123 Feldgeschütze.Meyers Konversationslexikon von 1888: Afghanistan Aufgrund zahlreicher Aufstände in Afghanistan wurde 1893 das Land durch die Durand-Linie von den Briten geteilt und das südöstliche Gebiet der indischen Kronkolonie eingegliedert. 1904 wurde die Madrasse-ye Harbi-ye Militärschule von Habibullah Khan gegründet, um die Ausbildung der Offiziere der Armee zu verbessern. mini|Soldaten in den 1950er Jahren

Im dritten Anglo-Afghanischen Krieg im Mai 1919 konnte die afghanische Armee unter Amanullah Khan gegen die British Indian Army Erfolge erzielen, was am 8. August 1919 zur Anerkennung Afghanistans als souveränen und unabhängigen Staat durch Großbritannien führte. 1924 wurde eine erste Luftwaffeneinheit aufgestellt, die bis 1929 existierte. 1925 proklamierte Amanullah Khan das Königreich Afghanistan. Unter Zahir Schah erreichte die Armee 1933 eine Mannstärke von 70.000 Mann. Die 1937 erneut aufgestellte afghanische Luftwaffe erhielt 1957 ihre ersten modernen Kampfflugzeuge. 1967 waren 32 Maschinen bei den Streitkräften im Einsatz. Die afghanischen Piloten wurden von lokalen Flugschulen ausgebildet.

1973 wurde Zahir Schah durch seinen Cousin und Schwager Mohammed Daoud Khan gestürzt. 1978 kam es dann zu einem prokommunistischen Militärputsch. Mit dem Einmarsch von sowjetischen Truppen im Dezember 1979 entwickelte sich der Bürgerkrieg zu einem zehnjährigen Stellvertreterkrieg zwischen der afghanischen Armee und sowjetischer Besatzungsmacht auf der einen Seite und den von den USA, Saudi-Arabien und Pakistan unterstützten Mudschahidin auf der anderen. In den 1980er-Jahren wurden dabei auch die vorhandenen MiG-17-, MiG-21- und Iljuschin-Il-28-Flugzeuge sowie Mil Mi-24-Helikopter der afghanischen Luftwaffe im Kampf gegen die Mudschahidin eingesetzt. Die Moral in der regierungstreuen afghanischen Armee wurde zunehmend schlechter.

Entscheidend für den Niedergang des kommunistischen Afghanistan war das rücksichtslose Vorgehen der Sowjetunion auch gegen Zivilisten. Bei Bombenangriffen vernichtete die sowjetische Luftwaffe ganze Dörfer, der Krieg zerstörte weite Teile der Infrastruktur. Dies stieß auf breiten Volkswiderstand. Die afghanische Armee brach schließlich von ihrer ursprünglichen Stärke von 105.000 Mann im Jahr 1978 auf etwa 20.000 bis 30.000 Mann im Jahr 1987 zusammen.

Nach sowjetischen Angaben desertierten gar 285.541 Soldaten der afghanischen Nationalarmee.

1989 zogen die sowjetischen Truppen aus Afghanistan ab. Die sowjetisch gestützte Regierung unter Präsident Mohammed Nadschibullah konnte sich noch bis zur Einnahme Kabuls durch die Mudschahidin im Jahr 1992 halten. Die bis dahin noch vorhandenen Armeeeinheiten zerfielen oder schlossen sich verschiedenen Lagern an.

Die Taliban konnten mit der Einnahme der Hauptstadt Kabul 1996 und der folgenden Konsolidierung ihrer Macht ab 1997 drei Viertel des Landes kontrollieren. Die verschiedenen Milizen verfügten auch über verbliebene Einheiten der Armee; so hatten gegen Ende der 1990er-Jahre sowohl Taliban als auch die Nordallianz Kampfflugzeuge der afghanischen Luftwaffe im Einsatz. Nach den Anschlägen in den USA am 11. September 2001 griffen am 7. Oktober 2001 die USA Afghanistan an und unterstützten die Vereinigte Islamische Front zur Rettung Afghanistans, um die Taliban und mit ihr deren Führer Mullah Omar zu entmachten (siehe auch Krieg in Afghanistan).

Entwicklung ab 2001 mini|Präsident Hamid Karzai besucht die ersten Soldaten der Afghanischen Nationalen Armee (2002).

Am 3. April 2002 wurde die Afghanische Nationalarmee gegründet.Afghanistan seit dem Ende der Monarchie. In: derstandard.at, 1. Juni 2006, abgerufen am 17. August 2021.

Nach seiner Ernennung zum Präsidenten der Übergangsregierung formulierte Hamid Karzai das Ziel, bis 2009 eine Armee mit 70.000 Soldaten aufzustellen. Das wurde zuletzt Ende Januar 2006 im Afghanistan-Vertrag als Zielvorstellung bekräftigt. Bis 2010 sollte demnach eine national respektierte, professionelle und ethnisch ausgeglichene Afghanische Nationalarmee (ANA) mit bis zu 70.000 Soldaten voll funktionsfähig sein.Eckpunkte des . In: tagesspiegel.de, 31. Januar 2006.

Im Januar 2003 wurden die ersten 1.700 Freiwilligen in fünf kandaks (paschtunisch für Bataillon) aufgenommen. Dort wurden diese in einer zehnwöchigen Grundausbildung, durchgeführt von Soldaten der ISAF, geschult. Im Juni 2003 waren bereits 4.000 Soldaten ausgebildet worden. Ihnen standen allerdings regionale Armeen der sogenannten Warlords in einer Stärke von schätzungsweise 40.000 Mann gegenüber.. Deutschlandradio, 19. November 2004.

Die Quote der Abgänge, die anfangs bei 50 Prozent lag, ging Mitte 2003 auf 30 Prozent zurück. Neuen Einheiten fehlten zu diesem Zeitpunkt Waffen und Kommunikationssysteme. In: International Crisis Group (Hrsg.): Asia Report, Nr. 65, 30. September 2003, S. 5 (PDF). Im Sommer 2003 verzeichnete man schließlich zehn Prozent an Deserteuren pro Monat. In: International Crisis Group (Hrsg.): Asia Report, Nr. 31, 30. März 2004 (PDF). Diese Zahl ging im Jahr 2004 auf 1,2 Prozent pro Monat zurück. In: International Crisis Group (Hrsg.): Asia Report, Nr. 35, 23. Februar 2005, S. 4 (PDF).

In der Anfangsphase waren die Tadschiken in der ANA deutlich überrepräsentiert, später versuchte man, durch die Einführung von Quoten einen angemessenen Anteil von Paschtunen, Usbeken und Hazara in der ANA zu bekommen.

Probleme bei der Aufstellung bereitete auch die nur langsam anlaufende Unterstützung durch die auf der Afghanistan-Konferenz zugesagten Mittel. Die starke Fluktuation unter den Soldaten behinderte den Aufbau. Ungeachtet dessen konnten im Juli 2003 die ersten 1000 Soldaten unter dem Kommando US-geführter Truppen am sogenannten Kampf gegen den Terror teilnehmen. Im Februar 2005 umfasste die ANA eine Truppenstärke von 21.200 Soldaten. Davon waren 17.800 Soldaten ausgebildet und 3.400 befanden sich in Ausbildung. In: International Crisis Group (Hrsg.): Asia Briefing, Nr. 35, 23. Februar 2005, S. 3 (PDF).

Gegen Ende des Jahres 2009 hatte die ANA eine Stärke von 97.000 Soldaten erreicht.Afghan Security Forces Grow in Numbers. In: defense.gov, 5. August 2011. Als Folge dessen wurde das Ziel ausgegeben, die Zahl der Soldaten bis ins Jahr 2015 auf rund 260.000 zu steigern.Obama "mulls Afghan army boost". In: news.bbc.co.uk, 5. August 2011. Im März 2011 betrug die offizielle Truppenstärke etwa 150.000.Caroline Wyatt: Can Afghan National Army survive Nato exit? BBC News, 9. März 2011, abgerufen am 28. Dezember 2011.

Unter dem Druck der wieder erstarkten Taliban, die sich die in der Zivilbevölkerung wachsende Ablehnung gegenüber den ausländischen Besatzern zunutze machte, schätzten afghanische Offizielle im Oktober 2016, dass ANA und Polizei rund 5.000 Mann pro Monat durch, Desertion und Feindwirkung verlieren würden.Stanekzai Zainullah: Taliban fighters ambush, kill dozens of retreating Afghan troops. Reuters, 13. Oktober 2016. Entsprechende Berichte, wonach ein Viertel bis ein Drittel der ANA-Soldaten desertiert, hatte es bereits im Jahr 2012 gegeben.

Im August 2014 betrug die Truppenstärke nach offiziellen Angaben rund 195.000 Soldaten, davon 6.000 Soldaten der Luftwaffe (AAF). In: defense.gov, Oktober 2014. Allerdings soll es mehr als Zehntausend der ANA-Soldaten, deren Sold von den USA bezahlt wurde, nur auf dem Papier gegeben haben. So gab es laut dem ehemaligen Finanzminister Khalid Payend in Wahrheit eher 50.000 Soldaten.

Von 2014 bis 2019 sind nach Angaben der afghanischen Regierung 45.000 Soldaten der Nationalarmee im Kampf gegen Gruppierungen wie den Taliban und den islamischen Staat gefallen.

Zusammenbruch 2021 Nach dem angekündigten Rückzug der US-Streitkräfte begannen die Taliban im Mai 2021 mit ihrer Rückeroberung Afghanistans. Sie stießen dabei, von Ausnahmen abgesehen, kaum auf Gegenwehr.