mini|300px|Luftbild von Stendal
Stendal ist die Kreisstadt des Landkreises Stendal und mit Einwohnern die größte Stadt sowie Verkehrsknotenpunkt in der Altmark in Sachsen-Anhalt. Aufgrund ihrer historischen Zugehörigkeit zur Hanse seit 1359 erhielt die Stadt am 1. Januar 2010 den amtlichen Beinamen Hansestadt.
Geographie
Lage Stendal liegt unweit westlich der Elbe in der südöstlichen Altmark. Berlin ist etwa 120 Kilometer entfernt, Hannover etwa 150 Kilometer. Leipzig ist etwa 160 Kilometer und Hamburg etwa 180 Kilometer entfernt. Stendal liegt etwa 55 Kilometer nördlich von Magdeburg auf der Achse Wolfsburg–Berlin.
Stadtgliederung mini|240px|Rathaus am Markt mit Gerichtslaube, Gewandhaus und Corpsflügel vor der Pfarrkirche St. Marien mini|240px|Rolandstatue am Rathaus mini|Das Ortsschild mit dem Zusatz „Hansestadt“ am Ortseingang der Kernstadt
Stendal ist eine Einheitsgemeinde und besteht aus der Kernstadt und weiteren 19 Ortschaften.
Am 25. September 2023 beschlossen die Mitglieder des Stadtrates die Gründung der Ortschaft Döbbelin-Tornau. Sie wurde zum 3. März 2024 wirksam.
Kernstadt:
Wohnplätze: Haferbreite, Lindenhof, Tannensiedlung
19 Ortschaften, 30 Ortsteile und 5 Wohnplätze.
Klima Der Niederschlag lag im Jahresmittel 1981–2010 bei 493 mm und war damit relativ niedrig. An nur 2 % der Messstationen des Deutschen Wetterdienstes wurden niedrigere Werte registriert. Der trockenste Monat ist der Februar, die meisten Niederschläge fallen im Juni. Im Juni fielen doppelt so viele Niederschläge wie im Februar. Die Niederschläge variieren nur minimal und waren extrem gleichmäßig übers Jahr verteilt. An nur 3 % der Messstationen wurden niedrigere jahreszeitliche Schwankungen registriert.
Der Niederschlag im Jahresmittel 1999–2019 betrug 685 mm pro Jahr. Die Jahresdurchschnittstemperatur lag bei 10,4 °C. Der statistisch wärmste Monat ist der Juli mit durchschnittlichen 19,7 °C. Der Monat Januar, als kältester Monat im Jahr, wies eine Durchschnittstemperatur von 1,3 °C auf.Daten des ECMWF, aufbereitet aus Wetterdaten des Copernicus Climate Change Service im Zeitraum 1999–2019 durch
Geschichte Mittelalter bis 20. Jahrhundert Archäologen entdeckten an der Rathenower Straße einen hölzernen Kastenbrunnen, der in das Jahr 889 datiert war und auf eine vorstädtische Besiedlung hindeutet.
Eine angeblich von Kaiser Heinrich II. 1022 ausgestellte Urkunde, in der das Dorf Steinedal unter den Besitzungen des Michaelisklosters in Hildesheim Nr. 260 erscheint, ist eine Fälschung des 12. Jahrhunderts. Die als Vorlage dienende echte Urkunde Heinrichs II. (Nr. 479) enthält diesen Ortsnamen nicht. Nr. 479 Der Brandenburger Markgraf Albrecht der Bär gründete um 1160 in seinem Dorf Stendale einen Markt und verlieh dem Ort das Magdeburger Stadtrecht.Lateinischer Text mit deutscher Übersetzung in: Lutz Partenheimer: Die Entstehung der Mark Brandenburg. Mit einem lateinisch-deutschen Quellenanhang. Bölau, Köln / Weimar / Wien 2007, S. 144–147. Ausgrabungen bestätigten, dass die Bebauung auf Grundstücken in der Gegend des Marktes südlich des „Alten Dorfes“ in Stendal um 1160 begann. Auf dem Gelände des heutigen Marktplatzes wurde ein Kaufhaus errichtet, das 1188 erstmals erwähnt wurde. Das etwa 60 Meter lange Kaufhaus aus Ziegelstein-Mauerwerk stand auf dem Marktplatz und soll das älteste Kaufhaus und eines der größten und bedeutendsten nördlich der Alpen gewesen sein. Vom Ende des 12. Jahrhunderts bis 1543 wurden in Stendal Münzen geprägt, darunter die Stendaler Mark und das wegen seiner hohen Qualität weit akzeptierte Stendaler Silber.George Adalbert von Mülverstedt: Die Münzstätten in der Altmark. In: Fünfundzwanzigster Jahresbericht des Altmärkischen Vereins für vaterländische Geschichte und Industrie zu Stendal. Magdeburg 1898, S. 1–24, hier S. 16. (Digitalisat (PDF))Antje Nolte: Stendaler Mark und Stendaler Silber. Zur überregionalen Bedeutung der Münzstätte Stendal. In: Beiträge zur brandenburgisch/preussischen Numismatik . Heft 14 (2006), S. 26–32.
Im 12. Jahrhundert wurde die Pfarrei St. Jacobi gegründet. Mit dem Bau eines Franziskanerklosters am Mönchskirchhof wurde 1230 begonnen. Im 13. Jahrhundert wurde die Stendaler Seefahrergilde gebildet, die mit eigenen Schiffen Handel im Ost- und Nordseeraum betrieb. Die älteste urkundliche Erwähnung der Kaufmannskirche St. Marien stammt aus dem Jahre 1283. Um 1300 erhielt Stendal Stadtmauern, zur gleichen Zeit wurde auch das Tangermünder Tor errichtet. Der Unterbau aus Feldstein-Mauerwerk ist als Sockel des jüngeren Toraufbaus erhalten. Im Jahre 1338 wurde eine Lateinschule an der Brüderstraße errichtet, aus der später ein Gymnasium hervorging, dessen berühmter Schüler im 18. Jahrhundert der spätere Archäologe Johann Joachim Winckelmann war. Er besuchte das Gymnasium von 1726 bis 1736.
Stendal gehörte nachweislich von 1358 bis 1518 der Hanse an. Neben Brandenburg an der Havel war Stendal die älteste Münzstätte der Mark Brandenburg. In der Markgrafschaft Brandenburg zahlten mehrere Städte, darunter auch Stendal, eine einmalige Abfindung an den Markgrafen und erhielten dafür das Münzrecht für die Prägung des sogenannten Ewigen Pfennigs.Heinz Fengler, Gerd Gierow, Willy Unger: transpress Lexikon Numismatik. Berlin 1976, S. 87.
Im 14. Jahrhundert wurde das Refektorium des Franziskanerklosters am Mönchskirchhof erbaut, das heute die Stadtbibliothek beherbergt. Am Ort, an dem 1215 noch die Stendaler Burg stand, wurde 1423 mit dem Bau des Stendaler Doms begonnen. Im Jahr 1440 wurde das Uenglinger Tor errichtet. Im 15. Jahrhundert erfolgte der Bau des Rathauses in mehreren Bauabschnitten mit Gewandhaus, Chor und Seitenflügel. Das St.-Katharinen-Kloster war eine Stiftung des Kurfürsten Friedrich II. für Augustinerinnen, wurde 1456 erbaut und beherbergt heute das Altmärkische Museum und das Musikforum. Im Rathausfestsaal wurde 1462 die heute noch erhaltene geschnitzte Vertäfelung fertiggestellt.
mini|hochkant=2|Stendal um 1640 mini|Stadtansicht aus dem 19. Jahrhundert
Ab 1488 arbeitete Joachim Westfal, der erste Buchdrucker der Mark Brandenburg, in Stendal. Im selben Jahr lehnten sich die Stendaler Bürger gegen die Biersteuer auf. Der brandenburgische Kurfürst Joachim I. heiratete 1502 in Stendal Elisabeth (1485–1555), die Tochter des dänischen Königs Johann I. Stendal trat 1518 gemeinsam mit Berlin, Brandenburg, Frankfurt (Oder) und Salzwedel aus der Hanse aus. Der Stendaler Roland wurde 1525 aufgestellt. Im Jahr 1530 ereigneten sich mit dem Stendaler Aufruhr die einzigen zweifelsfrei religiös motivierten Unruhen am Vorabend der Reformation in Brandenburg.brandenburgikon.net Durch die Reformation wurde 1539 die lutherische Lehre in der Altmark offizielle Religion. Luthers Schüler und Mitarbeiter Konrad Cordatus war ab 1540 erster lutherischer Superintendent am Ort. Für 1535, 1540 und 1549 wird Achim von Zehmen, verheiratet mit Margarete von Lüderitz, als Bürgermeister von Stendal genannt.Hanns-Moritz von Zehmen: Genealogische Nachrichten über das Meißnische Uradelsgeschlecht von Zehmen, 1206 bis 1906. Wilhelm Baensch, Dresden 1906, S. 147. Im Jahr 1682 starben 1205 Menschen (darunter 537 Kinder) in der Stadt an der Pest. Von 1771 bis 1830 wurden die Stadtbefestigungen teilweise abgebrochen, der Wendenturm, der Torturm, das Arneburger Tor und das Viehtor wurden abgerissen.
Die Bahnstrecke Magdeburg–Stendal–Wittenberge wurde 1849 eröffnet. Zeitgleich mit der Berlin-Lehrter Eisenbahn wurde 1871 der Stendaler Hauptbahnhof eröffnet, mit dessen Bau 1869 begonnen worden war. Die Eisenbahn-Hauptwerkstatt, die 1881 auf die Königlich Preußische Eisenbahnverwaltung überging, wurde 1873 errichtet und nach 1920 zum Reichsbahn-Ausbesserungswerk Stendal (RAW Stendal). Das am 14. Mai 1876 eingeweihte Kriegerdenkmal für die Gefallenen von 1870/71, entworfen vom Architekten Hubert Stier, stand auf dem Mönchskirchhof und wurde nach 1945 abgerissen. Es hatte einen neugotischen Aufbau mit einer Germania. Das Altmärkische Museum wurde im Jahr 1888 gegründet.
Eine durch die Stadt westlich des Stadtkerns neu errichtete Kaserne an der ehemaligen Gardeleger Straße (heute Scharnhorststraße) wurde 1905 vom schon 1884 in die Stadt verlegten Magdeburgisches Husaren-Regiment Nr. 10 bezogen.
Zum Andenken an den Ehrenbürger Friedrich Hermann Haacke wurde 1906 ein Laufbrunnen auf dem Sperlingsberg errichtet, im Volksmund „Sperlings-Ida“ genannt. Stendal schied 1909 aus dem Kreis Stendal aus und bildete einen eigenen Stadtkreis. Die Stadt wurde 1950 wieder in den Landkreis eingegliedert.
Erster Weltkrieg Am 3. August 1914 zog die erste Schwadron der, in Stendal stationierten, Husaren (Magdeburgisches Husaren-Regiment Nr. 10) in den Ersten Weltkrieg. In den Lazaretten der Stadt trafen am 8. September 1914 die ersten Verwundeten ein, etwa 160 Soldaten. Im Dezember 1916 waren zudem in dem Mannschaftsgefangenenlager am Stendaler Exerzierplatz bereits mehr als 11.000 Kriegsgefangene untergebracht. Zwei Glocken des Doms und eine Glocke der Marienkirche wurden 1917 abgebaut und an die Metall-Mobilmachungsstelle übergeben, um für Rüstungszwecke eingeschmolzen zu werden.
Im Zuge der Novemberrevolution übernahm am 8. November 1918 ein Arbeiter- und Soldatenrat die Polizeigewalt in Stendal. Nach Unterzeichnung des Waffenstillstands von Compiègne am 11. November 1918 wurde in der Husaren-Kaserne eine Versprengten-Sammelstelle eingerichtet. Das Kriegsgefangenenlager wurde darüber hinaus bis zum 1. Januar 1919 fast vollständig geräumt und zum Durchgangslager für entlassene deutsche Kriegsgefangene umfunktioniert.
Die Stendaler Pferdebahn stellte 1926 nach 34 Jahren ihren Betrieb ein.
Zweiter Weltkrieg Die Stadt geriet im Zweiten Weltkrieg, hauptsächlich aufgrund der hier stationierten Truppenteile der Wehrmacht, zunehmend in den Fokus alliierter Bombenangriffe. Bei zahlreichen Luftkämpfen über Stendal kam es zu Abstürzen alliierter Bomber und deutscher Jagdflugzeuge auch über der Stadt oder in der Nähe. Stendal und die auf dem Fliegerhorst Stendal-Borstel stationierten Jagdgeschwader (unter anderem das Jagdgeschwader 301) lagen direkt in der Einflugschneise der Bomberverbände, die Berlin als Angriffsziel zugewiesen bekommen hatten.
Am 22. Februar 1945 kamen bei einem Angriff der US-amerikanischen 8. Luftflotte mit 73 Boeing B-17 „Flying Fortress“ auf Stendal (mit 214 Tonnen Bomben)Roger A. Freeman: Mighty Eighth War Diary. Jane’s, London / New York / Sydney o. J., S. 445, S. 483 allein im Stadtteil Röxe 200 Zivilisten und eine große Anzahl von Wehrmachtssoldaten ums Leben. Der Hauptbahnhof wurde ebenfalls erheblich beschädigt, er war das Hauptziel der Operation Clarion. Am 8. April desselben Jahres wurde bei einem erneuten Angriff der 8. US-Luftflotte mit 73 B-17 und 179 Tonnen Bomben vornehmlich die Innenstadt getroffen, wobei auch der Dom teilweise zerstört wurde, insbesondere der Kreuzgang, Fresken, Blendmaßwerk und Gitterfriese. Die mittelalterlichen Farbverglasungen der Fenster waren zuvor ausgelagert worden und konnten somit erhalten werden. Die Zahl der Todesopfer an diesem Tag lag bei über 200, vorwiegend Frauen und Kinder.Denkmalprojekt: Stendal (2. Weltkrieg: Zivilopfer, besonders über 400 Bombenopfer) Am 7. April 1945 startete vom Flugplatz Stendal-Borstel aus eines der umstrittensten Unternehmen der Endphase des Zweiten Weltkriegs, das Sonderkommando Elbe, bestehend aus Restbeständen der Luftwaffe.