Die uigurische Sprache oder das Uigurische (, , , auch ) ist eine Turksprache, die vor allem von den im Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China beheimateten Uiguren gesprochen wird.
Uigurisch wird heute mit einem modifizierten persisch-arabischen Alphabet geschrieben.
Bezeichnungen und Abgrenzung In der turkologischen Forschung in der Türkei wird die Sprache „uigurisches Türkisch“ (Uygur Türkçesi) genannt. Im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert wurde die Sprache als „Türkisch“ (Turki) bezeichnet, in der deutschen Turkologie bis weit ins 20. Jahrhundert auch als „Osttürkisch“. Vorläufer ist das „Tschagataiische“.
Von der hier behandelten uigurischen Sprache ist die Sprache der mittelalterlichen Uiguren und der nach ihnen benannten, in größerer Zahl an diversen Fundorten in Xinjiang aufgefundenen sogenannten uigurischen Texte vom 9. bis 17. Jahrhundert zu unterscheiden. Die Sprache dieser Texte und die der mittelalterlichen Uiguren wird dem Altuyghurischen oder Alttürkischen zugerechnet. Nachkommen der mittelalterlichen Uiguren sind die Yugur, soweit sie nicht den Islam angenommen und in der heute als Uiguren bezeichneten islamischen und turksprachlichen Bevölkerung Xinjiangs aufgegangen sind.
Besonderheiten
mini|Für frühes Lernalter visualisierte uigurische Begriffe (Wörter in arabisch- und lateinisch-uigurischer Schrift)
Uigurisch weist gemeinsame Merkmale, aber auch deutliche Unterschiede im Vergleich zu anderen Turksprachen auf. So ist beispielsweise das allen Altaischen Sprachen gemeinsame Merkmal der Vokalharmonie im Uigurischen und dort insbesondere innerhalb von Wortstämmen verhältnismäßig schwach ausgeprägt. Ein weiteres Merkmal der uigurischen Phonetik ist das Erweichen von Vokalen und Konsonanten. Von anderen Turksprachen hebt sich Uigurisch zudem durch das Vorhandensein einer weit höheren Anzahl von Homonymen ab (wie etwa at für „Pferd“ und „Name“). Neben einem mit anderen Turksprachen gemeinsamen Wortschatz, der auch einige altertümliche Wörter aufweist (wie etwa al– für „nehmen“) hat Uigurisch andere altertümliche, aber nicht mehr aus anderen Turksprachen bezeugte Wörter bewahrt und weist auch rein uigurische Wörter auf. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal liegt mit der Bedeutungsänderung älterer oder übersetzter Wörter vor. Von anderen Turksprachen, soweit diese nicht ebenfalls in China gesprochen werden, unterscheidet sich Uigurisch zudem und durch seine große und schnell wachsende Anzahl chinesischer Lehnwörter. Allerdings enthielt der uigurische Wortschatz noch im Jahre 1944 zu 49 Prozent aus originär uigurischen, zu 33,4 Prozent aus arabischen und zu 7,5 Prozent aus persischen Wörtern, während Russisch und andere europäische Sprachen 5,5 Prozent und Chinesisch lediglich 2 Prozent des Wortschatzes stellten.
Geschichte Die Entlehnung aus dem Arabischen ins Uigurische nahm ihren Anfang im 14. und 15. Jahrhundert und diente in erster Linie als religiös-islamisches Vokabular. Die persischen Lehnwörter bezeichnen zu über der Hälfte konkrete Ideen und Namen von Gegenständen, während es sich beim Rest um arabische Lehnwörter handelt, die zunächst ins Persische aufgenommen und dann ins Uigurische übernommen wurden. Russische und andere europäische Lehnwörter sind jüngeren Datums und dienen hauptsächlich als technisches Vokabular (wie etwa aptomobil für „Auto[mobil]“) oder für einige politische Begriffe (wie etwa puroletariyat für „Proletariat“). Chinesische Lehnwörter schließlich können in solche alten Typs – die bereits vor 1949 verwendet wurden – und solche neuen Typs unterschieden werden. Diejenigen des alten Typs waren eher in der ländlichen Bevölkerung vertreten, da in den Städten lebende uigurische Intellektuelle chinesische Lehnwörter verachteten.
Die neuuigurische Schriftsprache wurde ab 1921 in Russisch-Turkestan gebildet und ab 1949 auch als Schriftsprache der Uiguren in Xinjiang übernommen. Bevor 1921 beschlossen wurde, den verschiedenen türkischen Dialekten der heutigen modernen Uiguren den gebräuchlichen Namen „Uiguren“ zu geben, waren die Uiguren von Russisch-Turkestan Taranchi („Bauern“) genannt worden, während die Sprache der Uiguren Xinjiangs unter den Bezeichnungen für die verschiedenen Oasen-Dialekte, in denen sie lebten, bekannt war, wie beispielsweise Qasgharliq (dt. etwa: „Kaschgarisch“) oder Turfanliq (dt. etwa: „Turpanisch“). Obwohl die Sprache heute „Uigurisch“ genannt wird und ein uigurischer nationaler Mythos einer direkten Abstammung von den Alten Uiguren besteht, geht diese neuuigurische Sprache nicht auf das zu den nordtürkischen Sprachen gehörende Altuigurisch zurück und es liegt keine direkte Abstammung der heutigen Uiguren von den Uiguren des 8. Jahrhunderts vor, vermutlich nur mit Ausnahme der „Gelben Uiguren“,Die Säriq oder „Gelben Uiguren“ leben vorwiegend in der Provinz Gansu und werden von den Han-Chinesen Yugur genannt. Sie praktizieren den Lamaistischen Buddhismus und hängen sozusagen noch der Lebensweise des ersten uighurischen Reichs (744–840) an. (Quelle: ) Sie wurden als möglicherweise direkte Nachkommen der Uiguren aus dem 8. Jahrhundert angesehen. (Quelle: ) in deren Sprache das Altuigurisch fortlebt, während eine weitere direkte sprachliche Herleitung zu den Salaren unklar ist. Die meisten Sprachklassifikationen stellten das moderne Uigurisch nicht nur in sprachverwandtschaftliche Verbindung zu bestimmten usbekischen und kirgisischen Dialekten, sondern auch zu weitaus kleineren Sprachgruppen wie den „Gelben Uiguren“ (Säriq) und Salaren. Uigurisch geht demnach ebenso wie das ihm sehr ähnliche Usbekisch auf die Tschagataische Sprache zurück, die als türkische Literatursprache des islamischen Zentralasiens vom Mittelalter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts diente.
Klassifikation Die uigurische Sprache gehört zur Sprachfamilie der Turksprachen innerhalb der Gruppe der Altaischen Sprachen. Innerhalb der Turksprachen wird das Uigurische in den Zweig der karlukischen Sprachen eingeordnet und steht dem Usbekischen besonders nahe. Erste Online-Veröffentlichung: 26. April 2018. Auch verfügbar als:
Zusammen mit der usbekischen Sprache zählt die uigurische Sprache zu den karlukischen Sprachenhttp://www.turkiclanguages.com/www/classification.html, einer Unterkategorie der Turksprachen. Andere uigurische Sprachen sind Yugur, Ainu und Ili Turki.
Geografische Verteilung Die meisten Uigurisch-Sprecher leben heute in Xinjiang, während das ehemals sowjetische Gebiet Zentralasiens eine weit kleinere Gruppe beheimatet.
Die uigurische Sprache ist die Muttersprache von rund 7,6 Millionen Menschen. 1990 gaben bei der chinesischen Volkszählung über 7,214 Millionen Menschen Uigurisch als Muttersprache an; davon in Xinjiang allein 4,7 Millionen. 1,15 Millionen gaben Hotan, 25.000 Yuli, 2.000 Akto-Turkmenisch und rund 120 Ili-Türkisch als Muttersprache an. Starke uigurische Minderheiten existieren in den Nachbarländern Kasachstan (185.301), Kirgisistan (36.779) und Usbekistan (33.762), kleinere Minderheiten (3.000 Uiguren) lebten 1990 in Afghanistan, Pakistan, Indien, 1.000 in der Mongolei und 500 in der Türkei. mini|Verbreitung der uigurischen Sprache in China (rot) mit Kennzeichnung spärlich besiedelter Gebiete (rosa) Dialekte und Soziolekte Die uigurische Sprache zerfällt bis heute in zahlreiche Dialekte, die mit Ausnahme des „Dolan-Dialektes“ und des „Ili-Türkischen“ nach den Hauptorten ihrer Sprecher benannt sind: Kashi (Kaschgar), Yeni (Yengisar), Shache (Yarkant), Hotan (Hotan), Keriya (Keriya), Qarqan (Qarqan), Aksu, Karaxahr (Karaschahr), Kuqa (Kuqa), Turpan (Turpan), Hami (Kumul), Ürümqi (Ürümqi), Yuli (Lopnur), Dolan, Ili-Türki (Kuldscha, Gulja, Tarantschi) und Akto Türkmen. Der Dolan-Dialekt wird in den Oasengebieten rund um das Tarimbecken bzw. der Taklamakan-Wüste gesprochen. Das Ili-Türkische ist als Übergangsdialekt zwischen Tschagataiisch und Kyptschak-Usbekisch anzusiedeln. Es stammt aus dem usbekisch-kirgisischen Grenzgebiet des Ferganatales und wird nur noch von meist älteren Personen gesprochen. Die Sprachträger kamen vor rund 200 Jahren nach Xinjiang. Das Akto-Turkmenische gilt als ein besonderer uigurischer Dialekt, der 500 eigenständige Wörter besitzt. Auch besitzen die Akto-Turkmenen eigenständige Sitten und Gebräuche; ihrer Herkunftssage nach stammen sie aus Samarkand. Die Akto-Turkmenen siedeln in 2 Dörfern (Kösarap und Oytak). Die nächste größere Ortschaft ist Akto, südlich von Kaschgar. (Offiziell werden die Akto-Turkmenen von der chinesischen Zentralregierung den Kirgisen zugerechnet, während sie sich selbst den Uiguren zugehörig fühlen.) Das Neu-Uigurische ist – obschon von manchen türkischen Historikern und von heutigen Sprachträgern behauptet – nicht als direkte Fortsetzung des Alt-Uigurischen anzusehen. Vielmehr wurde der Name Uygur auf einem Kongress der Turkvölker Turkestans in West-Turkestan (Taschkent) angenommen und auf einen großen Bevölkerungsteil des östlichen Turkestan übertragen. Siehe auch: Vergleichende Betrachtung der Turksprachen
Phonetik und Phonologie Konsonanten Das Uigurische unterscheidet 23 Konsonantenphoneme: Zhao/Zhu S. 7. Phonembpmfwdtnlrzsʤʧ(ʒ)ʃjɡkŋqχʁhRechtschreibungLateinischbpmfwdtnlrzsj/zhq/chⱬx/shygkngⱪhƣⱨArabischKyrillischбпмфвдтнлрзсҗчжшйгкңқхғһ Der Konsonant /f/ kam im Uigurischen ursprünglich nicht vor.
In der modernen Schriftsprache wird er in neueren Lehnwörtern aus dem Chinesischen und aus dem Russischen geschrieben, in der Umgangssprache jedoch häufig durch /p/ ersetzt.Zhao/Zhu S. 8. UigurischBedeutungHerkunftswortHerkunftssprachefuŋ (fuŋ)Fen (Währungseinheit)分Chinesischmofaŋ (mopaŋ)Mühle磨坊familɛ (pamilɛ)FamiliennameфамилияRussischfabrika (pabrika)Fabrikфабрика In älteren Lehnwörtern aus dem Chinesischen, Persischen und Arabischen wurde /f/ regelmäßig durch /p/ ersetzt und wird auch so geschrieben.Zhao/Zhu S. 8; weitere Konsonantenallophone siehe z. B. Zhao/Zhu S. 11–13. UigurischBedeutungHerkunftswortHerkunftssprachepintozaNudelnfěntiáozi 粉条子ChinesischsɛjpuŋSchneidercáiféng 裁缝paʃaufdeckenfāš PersischdapHandtrommeldāf pikirMeinungfikr ArabischpɛrqUnterschiedfarq Stimmhafte Konsonanten werden am Wortende stimmlos gesprochen (Auslautentsonorisierung) und geschrieben.Zhao/Zhu S. 26.
Vokale Das Uigurische unterscheidet 8 Vokalphoneme:Zhao/Zhu S. 4. PhonemieɛaoøuyRechtschreibungLateinischieəaoɵuüArabischىېەاوۆۇۈKyrillischиеәаоөуүDer Vokal /i/ wird meist [ɪ] gesprochen; in der Umgebung der Konsonanten q, ʁ, χ und ŋ nähert er sich [ɤ], nach s und z wird er häufig [z̩] gesprochen. Der Vokal /ɛ/ nähert sich in der Umgebung der Konsonanten q, ʁ, χ, ŋ und h einem offeneren [æ]. Der Vokal /a/ wird meist [ɑ] gesprochen. Der Vokal /o/ wird meist [o] gesprochen; in der Umgebung der Konsonanten q, ʁ, χ und ŋ nähert er sich [ɔ]. Die Vokale /i/, /u/ und /y/ werden in der Umgebung stimmloser Vokale häufig stimmlos gesprochen.
Konsonantenhäufungen werden zum Teil durch epenthetische Vokale aufgelöst:Zhao/Zhu S. 14. Beispielmit EpentheseBedeutungstakanistakanGlasplanpilanPlanklupkulupClubgrammatikagirammatikaGrammatikponktponkitPunkt
Vokalharmonie Das Uigurische kennt wie andere Turksprachen Vokalharmonie. Durch Umlautphänomene (s. u.) wird die Vokalharmonie teilweise verschleiert.
Vokalharmonie innerhalb des Wortstammes Wenn in einem mehrsilbigen Wort in der erste Vokal //, //, //, // oder // ist, dann kommt in den folgenden Silben meist //, // oder // vor.
Wenn der erste Vokal //, // oder // ist, kommt in den folgenden Silben meist // oder // vor.Zhao/Zhu S. 16.
Vokalharmonie der Suffixe Suffixe, die nach dem Gesetz der Vokalharmonie je nach Vokalen des Wortstammes variieren, haben entweder zwei Formen mit a und ɛ oder zwei Formen mit u und y. Suffixe mit dem Vokal i können an alle Wortstämme treten.Zhao/Zhu S. 19.
Umlaut In einsilbigen Wörtern werden a und ɛ vor Suffixen mit den Vokalen i und ɛ meist zu e oder i.Zhao/Zhu S. 23.
In mehrsilbigen Wörtern werden a und ɛ vor Suffixen meist zu i.Zhao/Zhu S. 23.
Betonung