mini|Mitzenheim (2. v. l.) 1969 bei einer Begegnung des Staatssekretärs für Kirchenfragen, Hans Seigewasser, mit kirchlichen Amtsträgern und Vertretern der staatlichen Organe in Eisenach mini|Ehrengrab auf dem Eisenacher Hauptfriedhof Hartmut Moritz Mitzenheim (* 17. August 1891 in Hildburghausen; † 4. August 1977 in Eisenach) war von 1943 bis 1945 Vorsitzender der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in ThüringenErich Stegmann: Der Kirchenkampf in der Thüringer Evangelischen Kirche 1933–1945. Ein Kapitel Thüringer Kirchengeschichte. Berlin 1984, , S. 67. und von 1945 bis 1970 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche von Thüringen. Er war wegen seines Eintretens für eine Zusammenarbeit mit den staatlichen Institutionen der DDR innerhalb der evangelischen Kirche umstritten.

Leben und Wirken Seine Eltern waren Heinrich und Anna (geb. Luther) Mitzenheim. Der Vater war Oberstudienrat, Organist und Chormeister. 1911 legte Moritz Mitzenheim die Reifeprüfung auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt ab. Nach dem Studium der Theologie in Leipzig, Berlin, Jena und Heidelberg wurde Mitzenheim im September 1914 ordiniert. Nach 1916 war er nacheinander Pfarrer in Wallendorf, Saalfeld/Saale sowie schließlich von 1929 bis 1945 in Eisenach. Daneben war er Dozent am „Neulandhaus“, der Weiterbildungsstätte des Neulandbundes, einer rechtskonservativen, später „protestantisch-völkischen Bewegung“ (Carsten Dippel).Michael Haspel, Leiter der Evangelischen Akademie Thüringens: „Nach 1945 muss das der Kirche bewusst gewesen sein [d. h. die Geschichte des Neulandhauses], weil der dann amtierende Bischof Mitzenheim in den 20er und 30er-Jahren auch als Dozent am Neulandhaus tätig war. Wann es quasi vergessen wurde, ist im Moment nicht nachzuvollziehen. Heute ist es so, dass viele sagen, wir wussten gar nichts von dieser Geschichte. Einige sagen, wir wussten was, aber es ist schwierig, eine solche Tradition eines solchen Namens zu ändern, wo ganz viele Leute ganz positive Erinnerungen daran haben.“ Zit. n. Carsten Dippel: Neulandbewegung vor 100 Jahren. Wegbereiter des Nationalsozialismus (s. Weblinks). –„Moritz Mitzenheim, Thüringens umstrittener Bischof zu Ulbricht-Zeiten, schlug 1947 sogar vor, eine Stiftung zu Ehren Guida Diehls zu gründen.“ (Carsten Dippel). 1943 wurde Mitzenheim Vorsitzender der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen, die der Usurpation der Kirche durch die Deutschen Christen widerstanden hat.

Im Mai 1945 wurde Mitzenheim Landesoberpfarrer, ab Dezember Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Als im Herbst 1945 das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald als Speziallager Nr. 2 in der SBZ mit politischen Gefangenen und verdächtigen Personen von der sowjetischen Militärverwaltung belegt wurde, war Mitzenheim die letzte Hoffnung vieler Familienangehöriger. Im Dezember 1949 predigte er für die in Buchenwald Internierten, im Lager wurde kirchliche Literatur verteilt.Bodo Ritscher: Spezlager Nr. 2 Buchenwald. Zur Geschichte des Lagers Buchenwald 1945 bis 1950. Gedenkstätte Buchenwald, Weimar-Buchenwald 1993, , S. 139–144 (Abschnitt Chronik); 2., überarb. Auflage, ebenda 1995, (). 1947/48 nahm Mitzenheim am von der SED initiierten Deutschen Volkskongress als Delegierter teil. Den Aufstand vom 17. Juni 1953 bezeichnete er als „faschistische Provokation“.17. Juni 1953: Im Stich gelassen, www.nd-aktuell.de vom 16. Juni 2023. Demgegenüber beteiligte sich sein Bruder Edgar Mitzenheim, der Pfarrer in Eckolstädt war, an den Protesten und wurde hierfür von der DDR-Justiz zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Mitzenheim war Ehrenmitglied der CDU der DDR. Von 1955 bis 1961 gehörte er dem Rat der EKD an.

Im Jahre 1964 traf Mitzenheim sich mit Walter Ulbricht auf der Wartburg. Er gehörte zu den Unterzeichnern des 2. Stockholmer Appells zur Beendigung des Wettrüstens und für die Einberufung einer Weltrüstungskonferenz (1976).Vgl. Stadt Eisenach, Urania, 2004, S. 96. Er betrieb die Politik des sogenannten „Thüringer Weges“, der – im Gegensatz zu den meisten übrigen ostdeutschen Landeskirchen – loyal zum SED-Staat war. Mitzenheim war deshalb ein wichtiger Ansprechpartner der DDR-Regierungsstellen und wurde 1961 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet; 1971 erhielt er die Ehrenspange zu diesem Orden.Neues Deutschland. 16. September 1971, S. 3. 1966 wurde er von Ulbricht mit dem Stern der Völkerfreundschaft in Silber ausgezeichnet.Neues Deutschland. 23. September 1966 , S. 1 (Online). Daneben pflegte er Kontakte zu den Kirchen der Ostblockstaaten. Hierfür wurde er 1959 von der Russisch-Orthodoxen Kirche mit den Orden des Heiligen Wladimir ausgezeichnet. Er war Mitglied der Christlichen Friedenskonferenz (CFK).

Während einer Predigt ging er auf die eigene Charakterisierung durch seine Kritiker ein mit den Worten:

Mitzenheim stand während seiner Amtszeit als Bischof unter dem Einfluss von Oberkirchenrat Gerhard Lotz, der neben seinem kirchlichen Amt auch als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit tätig war.

Mitzenheim war bis 1970 Landesbischof. Sein Nachfolger wurde sein bisheriger Stellvertreter Ingo Braecklein, der neben seinem kirchlichen Amt auch als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit tätig war.

Mitzenheim war Dr. h. c. der Theologie der Universitäten von Jena (1947), Bratislava (1962) und Warschau (1974).

Die Straße in Eisenach, die zum ehemaligen Sitz des evangelischen Landesbischofs in der Eichel-Streiberschen Villa führt, ist nach ihm benannt. Auch seine Geburtsstadt Hildburghausen hat eine „Doktor-Moritz-Mitzenheim-Straße“. Das Haus der Begegnung in Finsterbergen neben der Dreifaltigkeitskirche trägt ebenfalls seinen Namen; er hatte 1959 dort drei Turmglocken geweiht.

Ehe und Nachkommen Mitzenheim war verheiratet und hatte zwei Kinder. Der Sohn Hartmut Mitzenheim (* 1920) wurde Kirchenjurist und Oberkirchenrat; neben seinem kirchlichen Amt war er auch als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit tätig.Clemens Vollnhals: Die Kirchenpolitik von SED und Staatssicherheit. Eine Zwischenbilanz. Berlin 1996, S. 337 (Online). Die Tochter Barbara Hug (* 1919) wurde Schriftstellerin.

Darstellung Mitzenheims in der bildenden Kunst der DDR Hans Jüchser: Bildnis Landesbischof Dr. D. Mitzenheim (Öl, 1968). Das Werk wurde in der Ausstellung Kulturvoll leben in sozialistisch gestalteter Umwelt, Dresden 1969, gezeigt.

Schriften (Auswahl) Geschichte der Familie Mitzenheim. 1. Teil: Bis zur Einwanderung in Thüringen. Max Hense, Eisenach 1933, . Geschichte der Familie Mitzenheim. 2. Teil: Von der Einwanderung in Thüringen bis zur Gegenwart. Max Hense, Eisenach 1935, .3. Teil, 1941. Nicht näher ausgeführte Angabe nach Vierhaus, 2007, S. 131, und v. Hintzenstern, 1994; bei DNB und WorldCat allerdings nicht nachgewiesen. Gottes gute Gaben. Die 10 Gebote Kindern erläutert. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1951; 3. Auflage. Ebenda 1963, . Gottes wunderbares Wirken. Kinderbriefe über den christlichen Glauben. Illustrationen: Hans Wiegandt. Evangelische Verlagsanst, Berlin 1963; 3. Auflage, ebenda 1968, . Unser Martin Luther. Thüringer Lutherbüchlein. Hrsg. von der Pressestelle der Evang.-Luth. Kirche in Thüringen. Evangelische Verlagsanst, Berlin 1970, .

Literatur (Volltext mit Links). Ernst Köhler: D. M. Mitzenheim. Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Thüringen. In: Christlicher Hauskalender. 1956, S. 47–49. Landeskirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen (Hrsg.): Domine dirige me in verbo tuo. Festschrift zum 70. Geburtstag von Landesbischof D. Moritz Mitzenheim. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1961, . Mitzenheim, Moritz. In: Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE). Band 7: Menghin – Pötel. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. K. G. Saur/Walter de Gruyter, München 2007, ISBN 978-3-11-187289-6, S. 130 f., ().

Stadt Eisenach, Urania Kultur- und Bildungsverein Gotha e. V. (Hrsg.): Eisenacher Persönlichkeiten. Ein biografisches Lexikon. Rhino-Verlag, Weimar 2004, ISBN 3-932081-45-5, S. 95–96. Michael Weise: Eisenachs Sonderstellung für die evangelische Kirche im Nationalsozialismus. Eine lokal- und kirchenhistorische Untersuchung. In: Zeitschrift für Thüringische Geschichte. Band 77, 2023, S. 167–195, insb. S. 185–195. Erich Stegmann: Der Kirchenkampf in der Thüringer evangelischen Kirche 1933–1945. Ein Kapitel Thüringer Kirchengeschichte. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1984, .

Weblinks

Carsten Dippel: Neulandbewegung vor 100 Jahren. Wegbereiter des Nationalsozialismus. In: Deutschlandfunk. Sendereihe Tag für Tag. 28. Juni 2016 . In: dradio.de, abgerufen am 9. Oktober 2017 (zu Guida Diehl, „Vorkämpferin der Deutschen Christen“ [Sylvia Lange], zum Neulandbund und zur fehlenden Aufarbeitung in der DDR unter Moritz Mitzenheim, Landesbischof und ehemaliger Dozent am „Neulandhaus“ in Eisenach).

Einzelnachweise

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