mini|Das Hessische Hinterland im Großherzogtum Hessen
Das Hinterländer Platt ist ein oberhessischer Dialekt, der im Hessischen Hinterland gesprochen wird. Er gehört zu den westmitteldeutschen Mundarten. Das Hinterland ist sprachlich ein typisches Mischgebiet. Es bildet eine Brücke zwischen dem mittelhessischen wie rheinfränkischen Süden sowie dem niederhessischen und niederdeutschen Norden. „Platt“ – umgangssprachlich für „Mundart, Dialekt“ – ist in begrifflicher Hinsicht nicht mit dem niederdeutschen Platt (siehe Plattdeutsch) zu verwechseln.Atlas zur Deutschen Umgangssprache: Mundart/Platt.
Entwicklung und Einordnung Das Hinterländer Platt in seinen unterschiedlichen Lautgestalten und differenzierten Formen zählt sprachgeschichtlich in Mittelhessen (siehe Mittelhessische Dialekte) zu den „altertümlichen“ Mundarten, deren Strukturen aus dem Althochdeutschen ableitbar sind und deren aktuelle Lautsysteme mit dem Mittelhochdeutschen korrespondieren.Hans Friebertshäuser: Sprache und Geschichte des nordwestlichen Althessen (= Deutsche Dialektgeographie. (DDG). Band 46, ). Elwert, Marburg 1961
Mundartscheiden, Dialektregionen Durch generationenlanges Ineinanderheiraten in den kleinräumigen Talschaften, Gerichtsbezirken und Kirchspielen entwickelte sich für nahezu jedes dieser Gebiete auch eine eigene lokale Varietät des Hinterländer Platts, so dass ein Einheimischer jeden Sprechenden nach seinem Dialekt (Ortsdialekt) seinem Heimatort zuordnen konnte. Dementsprechend sind die Mundartscheiden im Wesentlichen deckungsgleich mit der historischen Gliederung in Ämter, Gerichtsbezirke und Kirchenspiele. Trotz dieser sprachlichen Differenzierungen sind die Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Varietäten dennoch größer als die Unterschiede.
Wichtige Sprachscheiden verlaufen nach Hans Friebertshäuser zwischen: Berghofen (Battenberg) und Laisa, Hatzfeld und Weifenbach, Wolzhausen-Quotshausen und Wolfgruben-Dautphe-Silberg, Quotshausen und Niedereisenhausen, Niederhörlen-Oberhörlen und Niedereisenhausen-Gönnern, Oberhörlen und Simmersbach, Elmshausen und Damshausen, Weidenhausen und Günterod Weidenhausen und Oberweidbach Das obere Aar (Dill)-Tal mit Oberweidbach, Niederweidbach und Bischoffen gehört zu einem größeren südlichen Dialekt-Gebiet, in das Einflussgebiet der mittleren Lahn (ehem. Grafschaft Solms).
Innerhalb dieser Hauptlinien / Gebiete existieren kleinere Sprachlandschaften, und zwar um: Bromskirchen, Dodenau, Battenfeld mit seinen Kirchspielorten, Battenberg mit Holzhausen, sowie Dautphe mit Unterabteilungen in Eifa-Dexbach-Engelbach und Biedenkopf. Das Perfgebiet zeigt eine deutliche Trennung des Breidenbacher Kirchspiels vom südlichen Gebiet Obereisenhausen-Gönnern-Frechenhausen-Lixfeld, das Bottenhorn mit einbezieht; Simmersbach hebt sich jedoch von diesem Gebiet ab. Bottenhorn nimmt innerhalb der Gemeinde Bad Endbach eine Sonderstellung ein, da sich die dort gesprochene Mundart stark von der in den übrigen Ortschaften der Gemeinde abhebt, eher dem oberen Perfgebiet zugehörig. Das obere Salzbödegebiet ist aufgeteilt zwischen den beiden ehemaligen Kirchspielen Hartenrod und Gladenbach, was auch der Aufteilung in Obergericht (heute Gemeinde Bad Endbach) und Untergericht (heute Stadt Gladenbach) des früheren Amtes Blankenstein entspricht. Diese Grenze gliedert zwei Bezirke mit gleich starkem sprachlichen Selbstbewusstsein voneinander ab.
Ortsdialekte
Selbst innerhalb der kleinräumigen Sprachlandschaften gibt es bei der Aussprache einzelner Worte von Ort zu Ort („Ortsdialekt“) oft deutliche Unterschiede. Das Vielerlei im Wechsel der Vokale, im Gebrauch oder Wegfall der Konsonanten z. B. bei Vor- und Nachsilben machen fast jeden Ort zu einer kleinen Sprachinsel. Somit konnte man einen Dialektsprecher/-in alleine aufgrund der Aussprache einzelner Worte seinem/ihrem Heimatort, zumindest seiner Heimatregion zuordnen.
Mundartscheiden
Gegen Westen, gegen das benachbarte „Nassauische“ (Dialekt im ehemaligen Dillkreis) und gegen das nördliche Wittgensteiner Platt bestehen feste und deutliche Mundartscheiden.Elsa Blöcher: Das Hinterland. Ein Heimatbuch. 1981, S. 122–124.Hans Friebertshäuser: Sprache und Geschichte des nordwestlichen Althessen. 1961.
Stellenwert des Hochdeutschen, „Zweisprachige“ Hinterländer
Neben dem Dialekt (Platt) war und ist auch das Hochdeutsche weit verbreitet. Der Grund hierfür war, dass seit Anfang des 19. Jahrhunderts eine große Anzahl der männlichen Bewohner als Wander- bzw. Saisonarbeiter über die Wetterau bis nach Worms, Speyer, Heidelberg und die Pfalz oder in das Bergische bzw. Jülicher Land gingen. Auch mussten nach 1866 viele junge Hinterländer ihren Militärdienst (2 bzw. 3 Jahre) in preußischen Kasernen, insbesondere in Berlin ableisten.
Ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg arbeiteten sehr viele Männer als Bauhandwerker (meist Maurer) bevorzugt im Siegerland oder im Ruhrgebiet. Besonders ausgeprägt war dies in den westlich gelegenen Dörfern des Hinterlandes, in denen die Erbsitte der Realteilung üblich war. Dadurch wurden die zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Flächen pro Familie immer kleiner, so dass ohne Zuerwerb die Familien nicht ernährt werden konnten. Als zusätzlicher Nebenerwerb für die jungen unverheirateten Frauen verblieben nur der Dienst als Magd bei Bauern (u. a. in der Wetterau) oder als Hausmädchen in den Städten.
Erst nachdem die neuen Nebenlinien der Eisenbahnen im Hinterland fertig gestellt waren, kamen die „Pendler“ ein- max. zweimal im Monat am Wochenende nach Hause; zuvor blieben sie manchmal mehrere Wochen lang weg oder kamen nur zur Erntezeit und im Spätherbst vor Wintereinbruch zurück. Den Heimatdialekt legten sie während der Arbeitswochen ab und sprachen Hochdeutsch.
Als Folge dieser Wanderbewegungen brachten sie neue sprachliche Elemente mit, die in die Hinterländer Dialekte einflossen und integriert wurden.
Bilingual, Dialekt und Hochdeutsch
Prägend war, dass Preußen, zu dem das Hinterland ab 1866 gehörte, 1867 eine Elementarschulreform durchführte. Dabei wurde (im Gegensatz zu den Volksschulen in Sachsen, Bayern, Pfalz (Region), Württemberg oder Baden (Land)) in den preußischen Schulen auf korrekte hochdeutsche Sprache geachtet und Hochdeutsch wie eine Fremdsprache unterrichtet. Die Kinder wuchsen quasi „zweisprachig“ (bilingual) auf mit Dialekt und Hochdeutsch, was dazu befähigte während eines Gesprächs problemlos vom Dialekt in Hochdeutsch zu wechseln und umgekehrt. Beim Erlernen von Fremdsprachen war das von großem Vorteil, aber auch im späteren Berufsleben. (Hierzu gibt es eine aktuelle Untersuchung der Uni Marburg)
Fortbildungsschulen, Vorläufer der Berufsschulen
Hinzu kam, dass 1874 mit dem neuen preußischen „Volksschulgesetz“ eine Art weiterführender und berufsbildender Schulen eingeführt wurden, die „Fortbildungsschulen“ (gedacht für Handwerk, Gewerbe und Landwirtschaft), die sich an die achtjährige Volksschule anschloss, und zwar vom 14. bis zum 17., max. bis zum 25. Lebensjahr (Schulpflicht!). Schulträger waren die Gemeinden, Lehrer die örtlichen Lehrer. Unterrichtet wurde: „Bürger- und Wirtschaftskunde, Naturkunde, Rechnen, Lesen und Schreiben.“ Der Unterricht fand überwiegend in den Herbst- und Wintermonaten statt. In den Sommermonaten fiel der Unterricht meist aus. Die auswärts arbeitenden Maurerlehrlinge konnten nur während der Baupause im Winter teilnehmen.
Die Gemeinden Hartenrod und Wommelshausen richteten ab 1878 obligatorische Fortbildungsschulen ein, Günterod folgte 1899, auch in Bottenhorn entstand eine solche Schule und auch an weiteren Orten. Das waren die Vorläufer der späteren Berufsschulen. Am 1. April 1934 fasste der Landkreis alle bisherigen örtlichen Fortbildungsschulen zu einer Kreis-Berufsschule in Biedenkopf zusammen.
Ortsdialekte verändern sich durch Mittelpunktschulen zur dialektgefärbten Regionalsprache
Die Verbreitung der Hinterländer Ortsdialekte veränderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg stark. Der soziale und kulturelle Wandel sowie der wirtschaftliche Aufschwung in den 1950er und 1960er Jahren sorgten für erhebliche Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelten der dörflichen Kultur, den sogenannten Verlust des „Arbeitsplatzes Dorf“. Hierdurch sowie durch die Gebietsreform in Hessen und die Einführung von Mittelpunktschulen gingen die ortsspezifischen Ausprägungen der Dialekte im öffentlichen Leben weitgehend verloren, so dass man dort außerhalb der Mittelpunktschulen und in ihrem Umfeld nunmehr untereinander eine neue, dialektgefärbte „Klein-Regionalsprache“ (Regiolekt) spricht. Die örtlichen Basis-Dialekte werden nur noch von älteren Einwohner/-innen gesprochen und nicht mehr ausreichend weitergegeben; ein Generationenproblem.
Leider versuchten und versuchen immer noch manche Eltern ihren Kindern den Dialekt abzugewöhnen und sprechen nur „ihr Hochdeutsch“ mit ihnen mit der Folge, dass die Kinder den Dialekt verstehen aber nicht sprechen können, sie sprechen dann ein stark dialektgefärbtes mangelhaftes Hochdeutsch.
Erhalt und Pflege Der Dialekt ist die Urform der Sprache und hat eine hohe Bedeutung für die Identität. Zunehmend beginnen regionale und lokale Kultur- und Geschichtsvereine – inzwischen auch Sprachforscher an Universitäten – sich mit der Dokumentation, dem Erhalt und der Pflege des örtlichen Dialekts zu befassen. Hierzu gründen sich vermehrt Dialekt- und Fördervereine wie der „Verein zur Erhaltung der Mittelhessischen Mundart und Kultur“ und besonders der Verein Dialekt im Hinterland e. V. und andere.
In weiteren Bereichen des öffentlichen Lebens wird dem Erhalt des Dialekts zunehmend Bedeutung beigemessen. Anlässlich des im Herbst 2012 hessenweit veranstalteten „Tages der Justiz“ stellten Laienschauspieler aus verschiedenen Gemeinden des Hinterlandes im Amtsgericht Biedenkopf erstmals eine Gerichtsverhandlung auf Hinterländer Platt nach.
Unter dem Motto „Ich sag’s hessisch“ wurde 1982 ein landesweiter Dialektwettbewerb veranstaltet. Dieser wurde von den hessischen Sparkassen, der Landesbausparkasse und der Hessen-Nassauischen Versicherung in Zusammenarbeit mit dem „Hessen-Nassauischen Wörterbuch“ im „Forschungsinstitut für deutsche Sprache“ (Deutscher Sprachatlas) an der Universität Marburg durchgeführt. Circa 1500 Beiträge aus über 70 hessischen Orten wurden eingesandt.
Musikstücke im „Hinterländer Platt“
Zum Gewinner wurde von der Jury die zu diesem Zweck neu gegründete Angelburger Mundartgruppe „Odermennig“ um Kurt W. Sänger und Reiner Lenz gekürt. Als Sieger bekamen sie die Möglichkeit, eine Schallplatte ihrer Werke aufzunehmen. Diese LP mit dem Titel „Gemorje Hinnerlaand – Lieder, Lyrik & Burlesken in mittelhessischer Mundart“ wurde im Februar 1984 in limitierter Auflage veröffentlicht, zumeist über die Filialen der Sparkassen vertrieben und war schnell vergriffen. 2013 gestatteten die Autoren die Veröffentlichung ihrer ersten und einzigen Schallplatte in digitaler Form und zum Download der 17 Stücke sowie des LP-Covers. In dieser Form ist kein vergleichbares Beispiel von Musikstücken im „Hinterländer Platt“ aus den 1980er Jahren erhalten. Auch der in Gladenbach gebürtige Sven Kühbauch engagiert sich seit 2023 für den Erhalt des Dialektes. Mit seinem Projekt Svenson veröffentlichte er Cover und Eigenkompositionen wie „Ei Kall“ und „Ritzerurre Roiweroppmaschien“.
Studienseminar „Gesprochenes Deutsch im ländlichen Raum“ und Tondokumente aus 14 Orten mit heimischem Dialekt