mini|Moderne Ausgaben verschiedener Hadithsammlungen Der Begriff Hadith (der Hadith, auch das Hadith; ) bezeichnet die Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des islamischen Propheten Mohammed sowie der Aussprüche und Handlungen Dritter, die dieser stillschweigend gebilligt haben soll. Der Singular Hadith wird für eine einzelne Überlieferung verwendet, aber auch für die Gesamtheit der Überlieferungen. Neben der Kollektivform Hadith gibt es im Deutschen auch den Plural Hadithe und für hervorgehobene Einzelberichte.

Die große Bedeutung der Hadithe im Islam ergibt sich daraus, dass die Handlungsweise (Sunna) des Propheten normativen Charakter besitzt und nach dem Koran die zweite Quelle der islamischen Normenlehre (Fiqh) darstellt. Die Hadithe gelten als das Mittel, über das sich die nachkommenden Generationen über diese Handlungsweise informieren können. Darum wird das Studium der Hadithe noch heute als einer der wichtigsten Zweige der islamischen religiösen Wissenschaften angesehen.

Charakteristisch für die Form des Hadith ist sein zweiteiliger Aufbau: dem eigentlichen Text (matn) geht eine Überliefererkette (Isnād) voraus. Diese Besonderheit teilt der Hadith mit dem Chabar (), der über eine Kette von Gewährsleuten verbürgten „Nachricht“ über ein religiöses oder profanes Ereignis, wie sie sich in der frühislamischen Literatur findet. Der Hadith als „Nachricht“ über den Propheten Mohammed stellt eine Sonderform des Chabar dar. Manchmal wird der Begriff Chabar aber auch als gleichbedeutend mit Hadith verwendet. Ein weiterer Begriff, der Überschneidungen mit Hadith aufweist, ist Athar () mit dem Plural Āthār (). Er bezeichnet vor allem Überlieferungen, die den Gefährten (Sahāba) des Propheten zugeschrieben werden und denen in der Jurisprudenz ebenfalls eine normative Bedeutung zugemessen wird. Der Begriff kann aber auch als Bezeichnung für einen Bericht über den Propheten selbst verwendet werden.Vgl. Robson 23b.

Notwendigkeit der Hadith-Forschung Das umfangreiche Hadith-Material wird von den muslimischen Religionsgelehrten (ʿulamāʾ) in mannigfaltige Kategorien eingeordnet. Die Tradition der Hadith-Kritik bzw. derer Einordnung war der Tatsache geschuldet, dass durch quṣṣāṣVgl. Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. 5. Auflage. Wiesbaden: Harrassowitz 1985, S. 1028. genannte „Geschichtenerzähler“ angebliche Überlieferungen verbreitet wurden – teilweise unter Angabe gefälschter Überlieferungsketten, um vom erstaunten Publikum Geld zu erhalten oder um häretische Lehren zu verbreiten. Diese Art der Überlieferungen waren jedoch aufgrund bestimmter Charakteristika, insbesondere von ernsthaften Studenten dieser Wissenschaft, leicht zu erkennen. Jedoch blieben die zumal ketzerischen Absichten dem leichtgläubigen Volk oft verborgen, wie am Beispiel des angeblichen Prophetenwortes: „Es wird keinen Propheten nach mir geben, es sei denn, Gott will.“ leicht zu erkennen ist. Der Ausdruck so Gott will ist in der islamischen Welt derart gebräuchlich, dass dieser Zusatz ohne Probleme als glaubwürdig durchgehen könnte. Gemäß Sure 33, Vers 40 ist Muḥammad „der Siegel der Propheten“, oder: „der letzte der Propheten“ (chātamu 'n-nabiyyīna).

Viele dieser Geschichtenerzähler nahmen zwar ihre gefälschten Überlieferungen wieder zurück, da diese teilweise jedoch schon in Bücher übernommen wurden, wussten sie nicht, wie sie ihre Taten wiedergutmachen konnten. Eine weitere Intention, gefälschte Überlieferungen zu verbreiten, war es, Glaubensbrüder, die Mängel in ihrer Glaubenspraxis aufwiesen, zu einem frommen Leben zu ermahnen. Aus diesen Gründen entstand die Notwendigkeit, die Authentizität der Ahadith zu erforschen. Dafür wurden auch die Biographien der Überlieferer gesammelt und deren Leumund entsprechend beurteilt.J. Robson: “Ḥadīth”, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition, Band 3, Brill: Leiden (1986), S. 24 f.

Nach Anzahl der Überlieferer Die bedeutendste Klassifikation ist sicherlich diejenige, die sich nach der Anzahl derjenigen Personen richtet, die den jeweiligen ḥadīṯ überliefert. Üblicherweise werden in dieser Kategorie zwei Arten voneinander unterschieden, 1. die aḥādīṯ mutawātira, 2. die aḥādīṯ ʾaḥādīyya. Zusätzlich zu dieser dualistischen Einteilung, die allen Rechtsschulen zu eigen ist, werden in der hanafitischen Rechtschule die 3. aḥādīṯ mašhūra als eine dritte distinktive Gruppe angesehen.Birgit Krawietz (2002), S. 135. 1. aḥādīṯ mutawātira: In diese Kategorie fallen alle aḥādīṯ, die zu jeder Zeit der Überlieferung von so vielen Personen überliefert wurden, dass die schiere Anzahl der Überlieferer eine Fälschung – sei es durch Zufall oder Absprache – unmöglich oder zumindest sehr unwahrscheinlich macht. Auch wenn es heutzutage einer der bedeutendsten Faktoren zur Bewertung eines ḥadīṯ ist, lässt er sich geschichtlich erst relativ spät nachweisen.G. H. A. Juynboll: (Re)Appraisal of Some Technical Terms in Hadith Science. In: Islamic Law and Society. Band 8, Nr. 3. Brill, Leiden 2001, S. 326. Diese Definition ist natürlich unscharf in Hinblick darauf, dass die genaue Anzahl, die zur Erfüllung der Voraussetzungen nötig ist, nicht genau bestimmt wird. Hieraus ergeben sich in der Praxis gewisse Schwierigkeiten, da religiöse Gelehrte sehr unterschiedliche – mitunter willkürlich anmutende – Ansprüche an die Anzahl der Überlieferer stellten. 2. aḥādīṯ aḥādīya: Diese Kategorie umfasst diejenigen Traditionen, über die vom Anfang bis zum Ende der Überliefererkette nur eine oder zwei Personen berichten.Vgl. Krawietz 141. Eine alternative Bezeichnung für diese Traditionen ist „Nachricht des Einzelnen“ (ḫabar al-wāḥid). Ibn Taimīya schreibt, dass – mit Ausnahme einiger weniger Kalām-Gelehrter – die Rechtstheoretiker der vier sunnitischen Lehrrichtungen allgemein solchen Einzelnachrichten Beweiskraft zuschreiben, „wenn die Umma sie in Form von Beglaubigung oder Ausführung akzeptiert hat.“Iḏā talaqqat-hu l-ummatu bi-l-qubūli taṣdīqan la-hū au ʿamalan bi-hī, so in al-Muqaddima fī uṣūl at-tafsīr. Ed. Maḥmūd M. Maḥmūd an-Naṣṣār. Kairo: Dār al-Ǧīl li-ṭ-ṭibāʿa o. D., S. 77. Unter denjenigen Gelehrten, die solchen Einzeltraditionen die Beweiskraft abgesprochen haben, nennt er al-Bāqillānī, al-Ghazālī, Ibn ʿAqīl, Ibn al-Dschauzī und al-Āmidī.Vgl. Ibn Taimīya: al-Muqaddima S. 77. 3. aḥādīṯ mašhūra: In diese Kategorie fallen alle jene aḥādīṯ, die in den ersten Generationen nach Muḥammads Tod von einzelnen Personen überliefert wurden, im weiteren Verlauf der Geschichte aber größere Verbreitung und Akzeptanz in der umma gefunden haben und sich folglich auch vermehrt Überlieferer ausmachen lassen. Der Status der Nachricht wechselt also zu einem bestimmten Zeitpunkt von ʾaḥād auf mutawātir.

Nach Art der Verbindung des Isnad Ein Hadith besteht aus seinem Inhalt (matn) und einer vorangestellten Überliefererkette (isnād), die die Namen der Überlieferer (Traditionarier) in ihrer chronologischen Kontinuität bis in die Zeit des Propheten enthält; das letzte Glied in dieser Kette sei immer einer der Prophetengefährten (sahaba), der als Zeuge die Aussage des Propheten zitiert. Die Kategorisierung der Hadithe orientiert sich entweder am Isnad oder am Inhalt desselben. Die Einteilung der Hadithe nach den Isnaden erfolgt somit nach äußeren, formalen Kriterien und sagt über die Echtheit der Inhalte der Überlieferungen zunächst nichts aus. Ein Isnad kann sein:

und : eine chronologisch ununterbrochene Überliefererkette mit dem Prophetengefährten als Kronzeugen der Aussage. Seiner Form nach spricht man in diesem Fall von einem . : in der Kette fehlt der Prophetengefährte als Kronzeuge, obwohl die darauf folgende Autorität einen Prophetenspruch zitiert, oder der Prophetengefährte als direkter Vermittler der Tradition findet keine Anerkennung. In diesem Fall spricht die Traditionsliteratur von marasil as-sahaba, wie z. B. die mursal-Tradition des ʿAbdallāh ibn ʿAbbās, der im Todesjahr Mohammeds erst dreizehn Jahre alt gewesen sein soll. ist mit dem mursal verwandt; in diesem Isnad fehlt ein Vermittler an einer anderen Stelle, z. B. zwischen der dritten und vierten Generation der Überlieferungschronologie. Seiner Form nach spricht man in diesem Fall von einem . und ist ein Isnad, in dem zwei oder gar mehrere Vermittler in der Überliefererkette fehlen oder aus unterschiedlichen Gründen, die die Hadithkritik zu erörtern hat, absichtlich nicht genannt werden. Damit ist ein muʿḍil auch munqaṭiʿ, also unterbrochen in der Kette, aber nicht alle munqaṭiʿ sind muʿḍil.

In der Entwicklungsgeschichte der Hadithliteratur und der Hadithkritik haben die islamischen Gelehrten durch ihre scharfsinnige Kritik an der Struktur der Isnade weitere Kategorien geschaffen.

Nach Authentizität ; sind Traditionen nach dem Propheten, die sowohl inhaltlich als auch in Hinblick auf ihre Überlieferer allgemeine Akzeptanz besitzen und damit normativen Charakter in der Anwendung der Sunna, der zweiten Quelle der Jurisprudenz; ist dagegen eine Tradition, die man – wie es Ahmad ibn Hanbal definiert – in der Rechtspraxis trotz ihrer zweifelhaften Authentizität in bestimmten Fällen als Sunna anwendet, bevor man auf die Analogie (Qiyās) als weitere Quelle der Jurisprudenz zurückgreift. Allerdings hat sich diese im Traditionalismus und nicht im Fiqh verwurzelte Ansicht Ibn Hanbals in der Hadithkritik nicht durchgesetzt. Denn ein „schwacher“ Hadith ist in der Jurisprudenz kein Argument (ḥuǧǧa). Der Hadith-Gelehrte an-Nawawī erklärte, dass man bei einem schwachen Hadith, den man ohne Isnad zitiert, nicht apodiktisch sagen dürfe: „der Gottesgesandte hat gesagt“ (qāla rasūl Allāh) oder Ähnliches, sondern nur: „es wird über ihn überliefert“ (ruwiya ʿan-hu), „uns ist über ihn zu Ohren gekommen“ (balaġa-nā ʿan-hu) oder dergleichen.Vgl. Yaḥyā Ibn-Šaraf an-Nawawī: at-Taqrīb wa-t-taisīr li-maʿrifat sunan al-bašīr an-naḏīr. Ed. Muhammad ʿUṯmān al-Ḫušt. Beirut, Dār al-Kitāb al-ʿArabī, 1985, S. 48.

Diese drei Hauptkategorien der Hadithe haben zahlreiche, von der islamischen Hadithwissenschaft nach unterschiedlichen Kriterien entwickelte und definierte Unterkategorien; die wichtigste unter ihnen ist ein , der als authentisch (sahih) gilt und zugleich über mehrere glaubwürdige Überliefererketten auf den Propheten zurückgeht. – aus dem Verb w-ḍ-ʿ = „erfinden“, im Sinne von „fälschen“ – ist ein Hadith, dessen Inhalt (matn) und Überliefererkette (Isnad) erfunden und damit als Fälschungen anzusehen sind.

Hadīth nabawī und Hadīth qudsī Während der überwiegende Teil der Hadithe als prophetischen () Ursprungs gilt, gibt es andere, denen ein unmittelbar göttlicher Ursprung zugesprochen wird. Sie werden als Hadīth qudsī () bezeichnet. Ein Hadīth qudsī enthält die Worte Gottes nicht im Wortlaut wie im Koran, sondern nur sinngemäß und vom Propheten Mohammed weitergegeben. Ein solcher Hadith kann durch göttliche Inspiration (ilham) oder durch einen Traum entstehen und unterscheidet sich daher von der Offenbarung (wahy) des Koran, die nach muslimischem Glauben das reine Gotteswort darstellt. Glaubt jemand nicht an die Offenbarung, wird er des Unglaubens beschuldigt; dies ist in Bezug auf den hadith qudsi nicht der Fall. Solche Hadithe dürfen im islamischen Ritualgebet nicht gesprochen werden. Die ersten Sammlungen dieser Traditionen sind relativ späten Ursprungs und stammen aus dem 13. und 15. Jahrhundert.

Geschichte der Hadithliteratur Anfänge Hadithe wurden anfangs hauptsächlich mündlich weitergegeben. Wahrscheinlich während des Zweiten Bürgerkriegs (680–692 n. Chr.) kam als neues Phänomen der Isnād