mini|Capela dos Ossos – Beinhaus der Igreja Real de São Francisco in Évora, Portugal mini|Beinhaus unter dem Chor der Pfarrkirche St. Martin Deutschfeistritz, Steiermark, Österreich mini|Beinhaus Greding - Basilika St. Martin Das Beinhaus, auch Ossarium oder Ossuarium (von , „Knochen“, Mehrzahl: ossa), ist ein überdachter Raum, der zur Aufbewahrung von Gebeinen bestimmt ist. Der Begriff Karner, auch Carnarium, Kerner, Gerner, Kärnter, mancherorts auch „Seelhaus“Max Döllner: Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt an der Aisch bis 1933. 1950; 2. Auflage, Ph. C. W. Schmidt, Neustadt an der Aisch 1978, ISBN 3-87707-013-2, S. 88 und 559, Anm. 2. und anders genannt, bezeichnet eine auch als Beinhaus genutzte Kapelle. Mancherorts hat die Anlage zwei Ebenen, die obere als Andachtsraum, die untere als Beinkeller. Im Kanton Schwyz in der Zentralschweiz wird für eine Friedhofskapelle, die zugleich Aufbahrungsraum und Beinhaus ist, die Bezeichnung Kerchel verwendet (wie der Kerchel von Schwyz oder jener von Muotathal).
Herkunft und Baukunde mini|Beinhaus der Kirche St. Peter Mistail mini|hochkant|Beinhaus Oppenheim Im Judentum werden Knochenkästen aus Stein als Ossuar bezeichnet. Nachdem der Leichnam verwest war, wurden die zurückbleibenden Knochen gereinigt und in Ossuarien gelegt. Diese wurden zur Zeit des oberirdischen Begräbnisverbots in der Zeit bis um 1200 überwiegend in unterirdischen Katakomben aufgestellt, spielen jedoch seit dem Beginn der Erdbestattungen in dieser Religion keine Rolle mehr.
Die Anlage von Ossuarien hat verschiedene Gründe. Teils handelt es sich um Sammelstellen für die Gebeine aus Friedhöfen, auf denen Platz für weitere Bestattungen geschaffen werden musste, wozu bestehende Grabfelder neu belegt wurden (Umbettung der Gebeine) (Beispiel: Sant’Ariano in der Lagune von Venedig). Ein Zuwachs in der europäischen Bevölkerung machte die Einführung der Beinhäuser im 11. und 12. Jahrhundert notwendig. Es war nicht eine Änderung im theologischen Denken des Christentums, sondern „allein durch praktische Erfordernisse war dieser einschneidende Schritt notwendig geworden“.Reiner Sörries: Der mittelalterliche Friedhof. In: Norbert Fischer (Hrsg.): Raum für Tote. Die Geschichte der Friedhöfe von den Gräberstraßen der Römerzeit bis zur anonymen Bestattung. 2003, ISBN 3-87815-174-8, S. 38.
Vielfach steht das Beinhaus in Verbindung mit einer Friedhofskapelle. Speziell in dieser Form wird das Beinhaus Karner oder Gerner genannt, dies ist der im österreichischen Raum sowie in Bayern übliche Ausdruck. Hier stehen bedeutende Beinhäuser aus dem 12. Jahrhundert in Hartberg und Mistelbach sowie eines aus dem 13. Jahrhundert in Tulln oder die Magdalenenkapelle in Elbigenalp.
In Lothringen gibt es Beinhäuser beispielsweise in einer zum Friedhof offenen Krypta unter der Kirche von Vintrange und in Schorbach im Bitscher Land in einem Haus mit offenen, romanisch wirkenden Säulenarkaden vor dem Westportal der Kirche.
Häufig sind christliche Beinhäuser dem Erzengel Michael geweiht. Sie können zweistöckig erbaut oder später aufgestockt worden sein. Im oberen Raum befindet sich häufig eine Kapelle.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert kamen Beinhäuser immer mehr außer Gebrauch. Viele wurden abgebrochen oder zweckentfremdet, einige als Gedenkstätten für Kriegsgefallene, als Leichenhallen oder Lagerschuppen umgenutzt. In manchen in der Stadt liegenden Klöstern ist wegen des knappen Raumes die Funktion der Beinhäuser erhalten geblieben.
mini|hochkant|Beinhaus in Asomatos, Kreta mini|Doppelkarner in Pottenstein in Niederösterreich In vielen Gegenden Griechenlands finden sich Beinhäuser auf den Friedhöfen. Dort werden die Gebeine nach einer regional unterschiedlichen Zeit (20 bis 40 Jahre) in einem kirchlichen Ritus exhumiert und in das Beinhaus verbracht, um Platz für neue Bestattungsstellen zu schaffen.
Liste von Beinhäusern (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
Länderweise: DACH, dann ABC
Deutschland
mini|hochkant|Beinhaus am Münster in Bad Doberan mini|Beinhaus an der Annakapelle in Waischenfeld
Die vorherrschende Bezeichnung außer in Bayern ist hier Beinhaus.
Baden-Württemberg: St. Georg in Gutach-Bleibach St. Michael neben der Pfarrkirche St. Gallus in Ladenburg St. Michael in Schwäbisch Hall (unter dem Chor) Bayern (Beinhäuser und Karner sowie Kärnter): Aholfing Allersburg Altomünster Arresting Baldersheim (Aub) Beratzhausen Breitenbrunn Burgkirchen am Wald Chammünster Dingolfing Geltendorf-Walleshausen Greding Großschönbrunn Hemau Iphofen Kallmünz Landsberg am Lech Laufen an der Salzach Maria Thalheim Marzoll München Sendling Alte Pfarrkirche St. Margaret Kapelle Neustadt an der Aisch Perschen Rain Reicholzried Rottendorf Roding: Josephikapelle mit Annakapelle Sankt Kastl Schorndorf Sinzing Staubing bei Weltenburg Waischenfeld Zell (Schäftlarn) Hamburg: Unter dem Altar der St.-Josephs-Kirche Hessen: Beinhaus (Alsfeld) Untergeschoss der Michaelskapelle in Butzbach Michaelskirche in Fulda (Krypta ursprünglich als Beinhaus verwendet) Untergeschoss der Michaelskapelle an der Stiftskirche in Limburg-Dietkirchen St. Michael neben der Pfarrkirche (Kapellenkarner) in Kiedrich St. Michael (Limburg an der Lahn) Beinhaus neben der lutherischen Pfarrkirche St. Marien in Marburg Michaeliskapelle in Wetzlar Rheinland-Pfalz: Michaelskapelle in Alken an der Mosel (noch gefüllt) Beinhaus in Deidesheim Karden an der Mosel Michaelskapelle neben der Liebfrauenkirche in Koblenz (umgebaut) Michaelskapelle neben der Katharinenkirche in Oppenheim unter St. Peter und Paul in Westhofen Als Variante sind am Mittelrhein kleinere romanische Kirchen zu beobachten, deren Altarraum erhöht wurde, um darunter einen Raum zu schaffen, der wahrscheinlich als Beinhaus Verwendung fand. Nachzuweisen ist diese Form in der alten Kirche St. Servatius in Koblenz-Güls in St. Laurentius in Koblenz-Moselweiß (Raum im Barock entfernt) in St. Johannis in Niederlahnstein (Raum rekonstruiert) Mecklenburg-Vorpommern: Beinhaus des Bad Doberaner Klosters Niedersachsen: Knochenturm in Einbeck Gebeinkapelle im Rathaus in Goslar Nordrhein-Westfalen: Beinhaus des Klosters Hardehausen bei Warburg St. Ursula in Köln („Goldene Kammer“)
Österreich mini|Gedächtniskapelle mit Beinhaus am Plöckenpass Die vorherrschende Bezeichnung ist Karner und mitunter Beinhaus.
Kärnten Berg im Drautal Deutsch-Griffen Friesach Glödnitz Karner von Gmünd in Kärnten Kötschach-Mauthen, Plöckenpass Maria Saal Metnitz Moosburg Ossiach Rechberg Villach Niederösterreich Karner Bad Deutsch-Altenburg Karner Burgschleinitz Karner Eggenburg Karner Friedersbach Hainburg an der Donau Karner Hardegg Karner Kühnring Karner Mistelbach Karner (Mödling) Pottenstein (Doppelkarner) Karner Pulkau Karner (Tulln an der Donau) Karner (Unserfrau) Karner Wiener Neustadt Karner Zellerndorf Karner Zwettl Oberösterreich Enns Hallstatt (mit der größten Schädelsammlung Europas) Mauthausen Salzburg Hallein Steiermark Karner (Hartberg) Sankt Lambrecht Annakapelle (Schladming) Tirol Martins- bzw. Magdalenenkapelle in Elbigenalp im Lechtal Vorarlberg Ludesch Rankweil
Schweiz
mini|Beinhaus in Astano (1721) mini|hochkant|Beinhaus Schlachtkapelle Sempach
Die Bezeichnung ist vorwiegend Beinhaus.
Graubünden: Kirche St. Peter Mistail in Alvaschein, Falera, Poschiavo Zentralschweiz und Schweizer Mittelland: Baar ZG, Deitingen, Emmetten, Ettiswil, Gränichen, Hasle LU, Schlachtkapelle Sempach, Stans, Steinen SZ, Sursee, Wolhusen, Zug Nordwestschweiz: St. Jakob an der Birs in Basel Frick Beinhaus bei der Wehrkirche St. Arbogast in Muttenz Rümlingen Ostschweiz: Ritterhaus Bubikon, Bubikon ZH Liebfrauenkapelle bei der Stadtpfarrkirche St. Johann in Rapperswil SG (zweistöckiger gotischer Bau mit Kapelle) St. Peter und Paul auf der Insel Ufenau Romandie: Montreux Beinhaus zu Murten Tessin: Coglio, Gordevio, Astano Wallis: Bellwald, Leuk, Naters Bourg-Saint-Pierre: Morgue des Hospizes auf dem Grossen St. Bernhard
Bulgarien
Beinhaus in Balgarowo Beinhaus in Batak Beinhaus im Schipkadenkmal
Frankreich
Das französische Wort für Beinhaus ist Ossuaire.
Elsass: Kapelle St. Sebastian mit Beinhaus in Dambach-la-Ville Margaretenkapelle Epfig (einfacher Bau des 11. Jh. Ein Karner an der Nordseite bildet die Verlängerung der Vorhalle. Im Okulus datiert 1601) Île-de-France: Beinhaus der Pfarrkirche Saint-Séverin, Paris Beinhaus des Friedhofs Père-Lachaise, Paris Beinhaus der Katakomben in Paris Lothringen: Marville romanisches Beinhaus von Schorbach aus der Mitte des 12. Jahrhunderts Beinhaus von Douaumont bei Verdun Vintrange Normandie: Pestbeinhaus Aître Saint-Maclou in Rouen
mini|Das faschistische „Beinhaus“ bei Innichen
Griechenland
Fourni (Kreta) Heiliges Kloster der Verklärung des Erlösers (Ιερά Μονή Μεταμορφώσεως του Σωτήρος), auch bekannt als Großes Meteoron (Μεγάλο Μετέωρο), bei Kalambaka
Italien
Südtirol In Südtirol sind die Begriffe Karner und Beinhaus sowie das italienische Ossario in Verwendung. In Südtirol ist unbedingt zwischen traditionellen Beinhäusern auf Friedhöfen einerseits und monumentalen Großbauten des Faschismus andererseits zu unterscheiden. Letztere stehen – neben einigen Bauwerken in Bozen – bis heute im Mittelpunkt des Streits um den richtigen Umgang mit den baulichen Hinterlassenschaften jener Zeit.Ein Beispiel von 1959: – Zwei Beispiele aus neuerer Zeit: – Burgeis (1939) Gossensaß (1937) Innichen (1939) St. Johann Tscherms, Beinhaus am Friedhof
mini|hochkant|Das Beinhaus von Custoza
Oberitalien In Italien ist der Begriff Ossario üblich. Cimitero di San Cataldo in Modena Custoza Ossario Santa Maria della Neve bei Melegnano Ossario di Solferino, zum Gedenken an die Schlacht von Solferino Tempio Ossario in Timau Insel Sant’Ariano in der Lagune von Venedig
Mittelitalien Santa Maria Immacolata a Via Veneto in Rom
Polen
Beinhaus in Czermna (Kudowa-Zdrój) (an der Grenze mit Tschechien)
Portugal
Capela dos Ossos (Alcantarilha), Igreja Matriz in Alcantarilha Capela dos Ossos (Évora), Igreja de São Francisco in Évora Capela dos Ossos (Faro), Igreja do Carmo in Faro Capela dos Ossos (Campo Maior), Igreja Matriz de Campo Maior Capela dos Ossos (Lagos), Igreja de São Sebastião in Lagos Capela dos Ossos (Monforte), Igreja Matriz de Monforte6 capelas dos ossos em Portugal que pode visitar – „Sechs Beinhäuser, die Sie in Portugal besichtigen können“ , in: Magazin Vortex, vortexmag.net, 24. Januar 2023, abgerufen am 30. April 2024.
Tschechien
mini|Beinhaus Mělník, 1980
Beinhäuser in den Orten
Brünn Dlouhá Ves Kolín Korouhev Kotouň Křtiny Beinhaus Sedlec in Kutná Hora Letařovice Malin Markvartice Mělník Sankt Maurenzen Nižkov Putim Třešt' Vamberk Velká Losenice Žehuň
Literatur Anna-Katharina Höpflinger, Yves Müller (Fotograf): Ossarium. Beinhäuser in der Schweiz. Pano Verlag, Zürich 2016, ISBN 978-3-290-22034-1 Jörg Scheidt: Das Beinhaus von Oppenheim. In: Oppenheimer Hefte. 40, Oppenheim 2011, S. 17–41 Reiner Sörries: Zur Architekturgeschichte der Karner in Kärnten. In: Friedhof und Denkmal, Jg. 38, Heft 2/1993, S. 25–37 Wolfgang Westerhoff: Karner in Österreich und Südtirol. Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten / Wien 1989, ISBN 3-85326-891-9 Stephan Zilkens: Karner-Kapellen in Deutschland. Untersuchungen zur Baugeschichte und Ikonographie doppelgeschossiger Beinhaus-Kapellen. Veröffentlichungen der Abteilung Architektur am Kunsthistorischen Institut der Universität Köln, Diss. 1983 Friedrich Zoepfl: Beinhaus. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. II, 1938, Sp. 204–214 (Abschrift auf rdklabor.de, abgerufen am 14. Januar 2024) Miroslav Hlinka: momenty ticha/moments of silence. Texte in Tschechisch/Englisch, behandelt auf 282 Seiten alle zugänglichen Beinhäuser in der Tschechischen Republik. 2013. ISBN 978-80-11-03827-4