mini|Wolfgang Klafki (links) und Hans Christoph Berg (Mitte) beim Lehrstück Pascals Barometer, vorgeführt durch den späteren Berner Professor Ueli Aeschlimann (halblinks) während eines Marburger Semesters zu seiner zweiten Dissertation; Dezember 1997 Lehrkunst oder Lehrkunstdidaktik ist eine vom Marburger Erziehungswissenschaftler Hans Christoph Berg entwickelte und vom Bielefelder Pädagogen Theodor Schulze mit weiterentwickelte didaktische Makromethode, die Menschheitsthemen („Sternstunden der Menschheit“) kulturauthentisch im Unterricht als Lehrstück-Unterrichtseinheit inszeniert. Sie basiert auf den Lehren des Mathematik- und Physikdidaktikers Martin Wagenschein; ab Mitte der 1990er Jahre wurde auch der Marburger Bildungsdidaktiker Wolfgang Klafki ein Mitentwickler, dessen Lehren von der kategorialen Bildung eine tragende Säule wurden.

Begriffsgeschichte der Lehrkunst „Lehrkunst“ ist ein altes deutsches Wort für die Geschicklichkeit und Sachkenntnis im Bereich des Lehrens und Unterrichtens. Es handelt sich um eine Übersetzung des griechischen Wortes ‚διδακτικη τεχνη‘. Im 17. Jahrhundert, im Anschluss an Wolfgang Ratke, wurde der Begriff der Lehrkunst mehr und mehr von dem der Didaktik verdrängt. Comenius schreibt 1638 in seinem Hauptwerk Didactica magna:

Adolph Diesterweg schreibt 1864 von einer „Meisterschaft in der Lehrkunst“, Otto Willmann verfasst 1887 für Reins Enzyklopädie einen Artikel „Lehrkunst“. Bis zur Entstehung der namentlichen Lehrkunstdidaktik ab etwa 1980 gerät der Begriff jedoch weitgehend in Vergessenheit.vgl. Berg/Schulze in Keck/Sandfuchs/Feige (2004)

Entstehungsgeschichte der Lehrkunstdidaktik Die Anfänge der Lehrkunstdidaktik sind undeklarierterweise im Unterricht Martin Wagenscheins in der Odenwaldschule zu suchen. Wagenscheins Ansätze sind gut im Titel seines Werkes Verstehen lehren. Genetisch – Sokratisch – Exemplarisch von 1968 zusammengefasst.siehe Wagenschein (1968) Der Lernende soll genetisch, d. h. auf den Wegen lernen, die auch der entdeckende Forscher in seinem Lernprozess gegangen ist. Der Lehrende nutzt das Sokratische Gespräch, um die Präkonzepte des Lernenden, kognitive Dissonanzen, sein (selbst)kritisches Denken und letztlich die Eigeninitiative zu praktischen Experimenten anzuregen. Das schließt auch die Erfahrung von Irrwegen und deren Aufdeckung ein. Schließlich soll der Unterricht exemplarisch sein, was bedeutet, dass das "Einzelne, in das man sich versenkt, [...] Spiegel des Ganzen" ist.

Der Lernende soll

Wagenschein postulierte nicht, dass aller Unterricht sich streng nach diesen Prinzipien richten sollte, sondern forderte eine Quote von 10 % ein.

Die „Vorgeschichte“ der Lehrkunstdidaktik Martin Wagenschein erhält, nachdem er bereits seit 1923 im staatlichen Schuldienst, insbesondere an der Odenwaldschule, beschäftigt gewesen ist, im Jahr 1949 einen Lehrauftrag für „Naturwissenschaftliche Erkenntnispsychologie“ am Pädagogischen Institut in Jugenheim/Bergstraße, der bis 1972 besteht (ab 1963 in Frankfurt). Im selben Jahr (1949) wird er vom in die Schweiz emigrierten, ehemaligen Odenwaldschulen-Gründer Paul Geheeb zu einem Gastkurs an dessen Ecole d’Humanité in Goldern (heute Ortsteil von Hasliberg), Kanton Bern, eingeladen. Wagenschein referiert über Euklids Primzahlbeweis und dokumentiert in Form eines zehnseitigen Unterrichtsberichts, der später zur Vorlage aller Lehrstückberichte werden sollte.vgl. Gerwig (2014), S. 74. Berg soll diesen Bericht später als „Sternstunde der Didaktik“ bezeichnen, die er als Herausforderung zur Geburt der Lehrkunstdidaktik empfunden habe.vgl. Eugster/Berg (2010), S. 320, und Gerwig (2014), S. 74. 1952 erhält Wagenschein zusätzlich einen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule Darmstadt, der bis 1987 bestehen soll.

Im Jahr 1953 veröffentlicht Wagenschein Natur physikalisch gesehen mit dem Exempel Der Mond und seine Bewegung,vgl. Wagenschein (1953) das in Wolfgang Klafkis Aufsatz Zur bildungstheoretischen Deutung der modernen Didaktik. aus dem Jahr 1959, das sich an seine epochale Dissertation von 1957 anschließt, die Rolle eines zentralen Bildungsexempels spielen soll.s. Klafki (1959) Gleichwohl proklamieren weder Wagenschein noch Klafki zu dem Zeitpunkt ein „Primat des Exempels“, wie es einmal für die Lehrkunst eine tragende Säule werden soll. Für sie sind diese Vorlagen zunächst keine „unmittelbar praktikablen Unterrichtsvorlagen mit breitem Realisierungspotential“, sondern nur „untergeordnete Beispiele für übergeordnete Methoden und Theorien“.Berg im Jahr 2013, zitiert in Gerwig (2014), S. 74.

Ab 1956 ist Wagenschein auch als Honorarprofessor an der Eberhard Karls Universität in Tübingen tätig (bis 1978), wo ihm Hans Christoph Berg 1961 als Lehramtsstudent erstmals begegnet. 1968 erscheint Wagenscheins Buch Verstehen lehren. Genetisch – Sokratisch – Exemplarisch, das seine Trias bereits im Titel trägt. Der Begriff „genetisch“ trägt nunmehr eine Bedeutung, die für Wagenschein zuvor eine Teilbedeutung von „exemplarisch“ gewesen war.vgl. Nölle (2007), S. 30 ff

1970 lädt Hartmut von Hentig Wagenschein in die Universitätsschule der Universität Bielefeld ein, wo er seine Unterrichtsmethode vorstellen soll. Wagenschein führt Euklids Sechseckbeweis vor – nur eben nicht so, wie es die versammelten Lehrer erwartet hätten. Er bleibt wortkarg und zweifelt vor allem die selbstsichersten Antworten an. Über zwei Stunden diskutieren die Lehrer in erster Linie miteinander, während Wagenschein vor allem folgt, und demonstrieren so, wie der Prozess des Verstehens im Kern aussieht.Gerwig (2014), S. 75, Bezug nehmend auf von Hentigs Biographie von 2009.

Im Jahr 1976 folgt Berg einem Ruf an die Philipps-Universität Marburg, und schon bald darauf beginnt eine mehrjährige Kooperation mit dem inzwischen emeritierten Wagenschein, in der Berg vor allem Wagenschein und seine Methoden eindringlich studiert, analysiert, antizipiert. Nach seinem Buch Gelernt haben wir nicht viel. Porträt einer Schule im Hinblick auf Bildung und Demokratie (1976),vgl. Berg (1976) im Artikel zu Hans Christoph Berg einem für das deutsche Schulwesen wenig schmeichelhaften Gutachten für die Deutsch-Schwedische Schuldemokratiekommission, erkennt er in Wagenscheins Methoden einen möglichen Ausweg aus der Bildungsmisere.

Die Zusammenarbeit gipfelt in der Herausgabe des Wagenschein-Sammelbandes Naturphänomene sehen und verstehen. Genetische Lehrgänge im Jahr 1980 durch Berg. Wagenschein fühlt sich von Berg, der die Rolle des „Regisseurs“ für diesen Band übernommen hat, bestens verstanden:

Wagenscheins Klassiker in neuem Licht mini|Wagenschein 1983 bei der legendären Vorführung Christoph Berg ist im Jahr 1983 bestens mit Wagenscheins Methoden vertraut. Auch Wagenscheins Exempel sind ihm wohlbekannt – allerdings als Exempel im Sinne von Beispielen, die eine Theorie untermauern und fast beliebig durch andere ersetzt werden könnten. Erst im Anschluss an eine Tagung in Darmstadt unter Anwesenheit und Beteiligung von Otto Herz und Horst Rumpf sowie den Lehrerinnen und Lehrern zweier Alternativschulen, der Glockseeschule und der Freien Schule Frankfurt, auf der Wagenschein eine frühe Version von Pascals Barometer inszeniert hat, wechselt schlagartig der Fokus von der Methode zum Exempel selber.

Wagenschein beginnt nicht mit einer Definition, was Druck sei, sondern mit einem umgedrehten Bierglas, aus dem das Wasser nicht herausläuft, wenn man es aus dem Becken zieht. Und am Ende eines von intrinsischen Fragen gezogenen Prozesses steht nicht primär ein Kalkül aus formalen Gesetzen, sondern u. a. die erlebte Erkenntnis Evangelista Torricellis, dass wir uns auf dem Grund eines „Luftmeeres“ bewegen.

Unmittelbar im Anschluss an diese Vorführung wird Berg klar:Es sind die Lehrstücke, die zur Erkenntnis führen. Und sie sind nicht zufällig und vergänglich, sondern exemplarisch im Sinne des mit Bedacht bestmöglich Gewählten. Ebendiese gilt es wieder und wieder zu inszenieren, sie auszukomponieren und ein Fundament zu erschaffen, sie zu Unterrichtsreihen reifen zu lassen, die geeignet wären, Teil von Lehrplänen zu werden.

Ab diesem Moment beginnt eine sehr produktive Phase, in der die vorhandenen Exempel Wagenscheins wieder und wieder inszeniert, ergänzt, modifiziert, optimiert und auskomponiert werden. Die Phase des ersten, improvisationsoffenen Nachspielens der Wagenschein-Klassiker, die unmittelbar zu einem modifizierten Bild der Erkenntnisfindung beim Lehrenden führte, soll Berg später einmal als das „Heureka“ der Lehrkunstdidaktik bezeichnen.vgl. Wildhirt (2007), S. 7.

Wagenschein hatte im Bereich seiner Kompetenz, also der Physik, der Mathematik und der Geographie, bereits einige „Unterrichtsexempel“ als Vorlagen für Lehrstücke entwickelt, die sich exemplarisch und genetisch an den Erkenntnisfindungsweg großer Forscher anlehnen: Euklids Primzahlbeweis (1949; nach Euklid) Das Fallgesetz im Brunnenstrahl (1953; nach Galileo Galilei) Der Mond und seine Bewegung (1953; nach Isaak Newton) „Im Wasser Flamme“. (Zur Dispersion) (1953; nach Johann Wolfgang von Goethe) Die Erde unter den Sternen (1955), Die Erfahrung des Erdballs (1967); Basis für Eratosthenes’ Himmelsuhr (nach Eratosthenes und Aratos) Euklids Pythagoras-Beweis (1960); Basis für Pythagoras’ Dreiecksquadrate 1. Beispiel: Erdgeschichte in Zum Problem des Genetischen Lehrens (1965); Basis für Wettersteine (Geomorphologie nach Charles Lyell und Georges Cuvier) Entdeckung der Axiomatik (1968/70/74); Euklids Sechseckbeweis Pascals Barometer (1978; nach Blaise Pascal)

Es sollen bis 2004 allein etwa 50 dokumentierte Inszenierungen der sechs Wagenschein’schen Lehrstücke zu Fallgesetz, Barometer, Primzahlen, Pythagoras, Himmelskunde und Geomorphologie folgen; im Mai 2005 werden es insgesamt 66 sein.vgl. Wildhirt (2007), S. 7 und S. 23.

„Neue“ Klassiker mini|hochkant=1.5|Lithografie von Alexander Blaikley (1816–1903), die Michael Faraday am 27. Dezember 1855 bei einer seiner Weihnachtsvorlesungen zeigt, an der auch Prinz Albert und Prinz Alfred teilnahmen. Martin Wagenschein hatte selbst bereits deutlich früher darauf hingewiesen, dass der Inhalt der Weihnachtsvorlesung Lectures on the Chemical History of a Candle (Naturgeschichte einer Kerze) Michael Faradays aus dem Jahr 1860 in entsprechender Form Eingang in den Physik- und Chemieunterricht finden solle:

Wagenschein beschränkt sich in seinen Ausführungen weitgehend auf die Physik – was für ein Lehrstück nicht geboten scheint. Andererseits ist Faradays frontale, mit Experimenten überladene Vorlesung nur bedingt genetisch. Für den Lehrstückunterricht muss deren Inhalt entsprechend vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Im entstandenen Lehrstück Faradays Kerze ergeben sich für dieses aktweise gleich mehrere sogenannte organisierende Sogfragen, deren dritte man auch als die Gesamt-Sogfrage des Stückes auffassen könnte: „Was brennt eigentlich bei einer Kerze – das Wachs oder der Docht?“ (Physische Kerze) „Was lässt die Kerze leuchten?“ (Chemische Kerze) „Woher kommt die Kerze, wohin geht sie?“ (Biologische Kerze)

Es finden sich bald weitere Klassiker, etwa Aesops Fabeln mit einem wiederauferstandenen Aesop, inspiriert durch Gotthold Ephraim Lessings Abhandlungen über die Fabel, oder Linnés Wiesenblumen in Anlehnung an den jungen Carl von Linné und frei nach Jean-Jacques Rousseau, die als Lehrstück komponiert, erprobt und variiert werden.

Die Lehrkunst erlangt „Serienreife“ mini|„Kulturturm“ der Lehrkunst, Zeichnung von Theodor Schulze von 1999.Im Vordergrund sind neben Wagenschein und Hausmann (links und rechts auf der Rampe) in der ersten Sitzreihe Comenius, Rousseau, Gaston Bachelard und Maria Montessori zu sehen.vgl. Berg/Schulze (1999), S. 104.