Als Wolfskinder mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg bezeichnet man Kinder, die im nördlichen Ostpreußen am Ende des Krieges durch die Schlacht um Königsberg sowie andere Kriegseinwirkungen und -folgen zeitweise oder dauerhaft elternlos geworden sind. Sie flüchteten in das Baltikum oder wurden dorthin gebracht, um die ersten Nachkriegsjahre zu überleben. In Litauen wurden sie als vokietukai bezeichnet, was „kleine Deutsche“ heißt. Ansonsten bezeichnet man als Wolfskinder Kinder, die in jungen Jahren eine Zeit lang isoliert von anderen Menschen aufwuchsen und sich deshalb in ihrem erlernten Verhalten von normal sozialisierten Kindern unterscheiden.

Situation: Einkesselung des nördlichen Ostpreußens mini|Physische Karte der Oblast Kaliningrad mit den historischen deutschen Ortsnamen (vor 1938)

Mit der Ostpreußischen Operation wurde das Gebiet im nördlichen Ostpreußen um Königsberg Mitte Januar 1945 durch die sowjetische Armee eingekesselt. Flucht war für die deutsche Bevölkerung nur noch bis Ende Januar 1945 über die Frische Nehrung, danach bis April 1945 über die Ostsee von Pillau aus möglich. Im Potsdamer Abkommen wurde das nördliche Ostpreußen der Sowjetunion zugesprochen. Die Grenze zu dem südlichen Ostpreußen, das an Polen fiel, wurde im Sommer mit Drahtverhauen und Wachtürmen geschlossen.Tobias Goy, Tom Meyer, Paul Prager, Björn Schaal, Richard Schneider: Der historische Hintergrund. Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. In: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Hrsg.): Im Rücken der Geschichte. Das Schicksal von Ostpreußens Wolfskindern. Ein Buchprojekt des Leistungskurses Geschichte (Abiturjahrgang 2017) des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums Frankfurt am Main. GGP Media, Pößneck 2017, ISBN 978-3-9817711-5-2, S. 23–37.

Elternlose Kinder Die Väter waren als Soldaten eingesetzt, gefallen oder später in Kriegsgefangenschaft geraten. Im Jahr 1945 flohen zahlreiche Deutsche aus dem nördlichen Ostpreußen vor der Roten Armee, wurden jedoch teilweise wieder in das Gebiet zurückgeschickt oder von der heranrückenden Front überrollt, da sie nicht schnell genug vorankamen. Weitere Zehntausende Deutsche, auch Frauen und junge Mädchen, wurden 1945 zur Zwangsarbeit in das Innere der Sowjetunion verschleppt. Zivilisten kamen bei Erschießungen und gewaltsamen Übergriffen um, ebenso durch Zwangsarbeit, Unterernährung und verschiedene Epidemien. Zahlreiche Kinder wurden zu Waisen oder wurden von ihren Eltern getrennt und mussten die Nachkriegszeit elternlos überleben und sich selbst durchschlagen. Das war angesichts der katastrophalen Lebensmittelversorgung in Ostpreußen und besonders in Königsberg (Preußen), heute Kaliningrad, sehr schwer. Die in diesem Gebiet verbliebenen Deutschen durften zunächst nicht in die Sowjetische Besatzungszone ausreisen.

Begriff der Wolfskinder Der Begriff Wolfskinder wurde erst in den 1990er Jahren gebräuchlich. In der Sage von Romulus und Remus sind die Elemente der Situation verlassener Kinder erkennbar. Die Kinder verselbständigten sich, verwilderten und schlossen sich zu Notgemeinschaften zusammen. In Litauen mussten sie sich als Einzelne behaupten, um nicht aufzufallen und um bei hilfsbereiten Bauern Unterschlupf zu finden.Christopher Spatz: „Ein reiner Überlebenskampf.“ Ein Gespräch mit Christopher Spatz über die ostpreußischen Wolfkinder. Interviewer Maximilian Ilg, Lydia Kidane, Franziska Reinhardt und Leo Weiß Campollo. In: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Hrsg.): Im Rücken der Geschichte. Das Schicksal von Ostpreußens Wolfskindern. Ein Buchprojekt des Leistungskurses Geschichte (Abiturjahrgang 2017) des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums Frankfurt am Main. GGP Media, Pößneck, 2017, ISBN 978-3-9817711-5-2, S. 39–54.

Der Wolfskinder-Geschichtsverein e. V. definiert Wolfskinder als „anhanglose deutsche Kinder und Jugendliche, die im Frühjahr 1947 dem drohenden Hungertod im nördlichen Ostpreußen zu entgehen versuchten, aus diesem Grund in Litauen in außerdeutsche Zusammenhänge gerieten und infolgedessen ihre Herkunft zeitweise oder mit Hilfe einer neuen Identität gar dauerhaft verschleiern mussten“.Wolfskinder-Geschichtsverein e. V.: Definition des Begriffs auf der Startseite, aufgerufen am 26. Februar 2015.

Ursachen der Hungersnot Die heimische Bevölkerung durfte nicht mehr auf die Höfe zurück oder sie bewirtschaften, die Infrastruktur war weitgehend zerstört. Es gab Seuchen und einen strengen zweiten Nachkriegswinter. Die Versorgung des sowjetischen Militärs hatte Vorrang, Neusiedler aus der Sowjetunion kamen nach Ostpreußen und mussten versorgt werden. Zudem waren die Neusiedler nicht mit den Gegebenheiten der ostpreußischen Landwirtschaft vertraut. Durch Unkenntnis der klimatischen Bedingungen, der Böden und der technischen Einrichtungen fielen die ersten Ernten nur sehr bescheiden aus.

Überleben der Wolfskinder Betteln und Arbeiten in Litauen Wo die Eltern und Großeltern nach der sowjetischen Besetzung an Hunger und Krankheit verstarben, mussten sich die Kinder alleine vor dem Verhungern bewahren durch „Betteln, Schuften und Stehlen“.Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Erweiterte und aktualisierte Taschenbuchausgabe. Piper Verlag, München 2011, ISBN 978-3-492-26405-1, S. 141. Litauische Bauern, die in den ostpreußischen Städten Lebensmittel verkauften, warben 1946 Kinder und Jugendliche als Arbeitskräfte an. Daraufhin fuhren zahlreiche Kinder regelmäßig nach Litauen, um Lebensmittel einzutauschen oder zu erarbeiten bzw. zu erbetteln oder um dort dauerhaft zu bleiben. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Schätzungen gehen davon aus, dass sich 1948 ca. 5.000 deutsche Kinder und Jugendliche in Litauen aufhielten.

Sowjetische Kinderhäuser Die noch auffindbaren deutschen Waisenkinder wurden später in sowjetische Kinderhäuser in Ostpreußen eingeliefert. Ostpreußische Waisenkinder wurden auch von sowjetischen Familien adoptiert. Unterlagen dazu sind bisher nicht einsehbar.Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Erweiterte und aktualisierte Taschenbuchausgabe. Piper Verlag, München 2011, ISBN 978-3-492-26405-1, S. 142–143. Die Deutschen, die nach Litauen geflohen waren, mussten sich registrieren lassen. Bis zu Beginn der 1950er Jahre kamen sie mit Güterzügen in die Sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR.Soukaina Ettouzani, Linda Grezda, Honey Minn, Elisabeth Schwarze: Wie das Leben weiterging. Was aus ehemaligen Wolfskindern geworden ist. In: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Hrsg.): Im Rücken der Geschichte. Das Schicksal von Ostpreußens Wolfskindern. Ein Buchprojekt des Leistungskurses Geschichte (Abiturjahrgang 2017) des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums Frankfurt am Main. GGP Media, Pößneck, 2017, ISBN 978-3-9817711-5-2, S. 87–94.

Kinder- und Jugendheime der DDR Ab Herbst 1947 bis 1949 wurden schrittweise die noch verbliebenen bekannten Deutschen in die DDR ausgewiesen. Darunter gab es auch reine Kindertransporte. Die elternlosen Kinder wurden der Jugendhilfe in der DDR zugewiesen, z. B. in Heimen in Kyritz und Chemnitz-Bernsdorf. Kinder, die in Litauen untergekommen waren, verblieben dort meist unentdeckt.Ruth Leiserowitz: Von Ostpreußen nach Kyritz. Wolfskinder auf dem Weg nach Brandenburg. Brandenburgische Zentrale für politische Bildung, Potsdam 2003, ISBN 3-932502-33-7, S. 26–35, Im Mai 1951 wurden 3.300 Kinder und Jugendliche in die DDR gebracht. Eine bisher nicht festgestellte Zahl erreichte eine Ausreise in den Jahren zwischen 1956 und 1991. Die damals jungen Waisen konnten sich nicht immer an ihre Identität erinnern, Angaben in der Suchdienstkartei waren vage, die beruflichen Entwicklungschancen waren schlecht.Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Erweiterte und aktualisierte Taschenbuchausgabe. Piper Verlag, München 2011, ISBN 978-3-492-26405-1, S. 142.

Seit September 2019 erinnert vor dem ehemaligen Kinderheim in der Perleberger Straße 62 in Kyritz eine Informations-Stele an das Schicksal der Wolfskinder.

mini|Gedenktafel am Schloss Alt Rehse, an die Zeit als Kinderheim erinnernd

Auffanglager der Bundesrepublik Wolfskinder, die sich in der DDR nicht wohlfühlten, gingen nach Westdeutschland und wurden dort in Auffanglagern untergebracht. Wegen der Arbeitslosigkeit in Westdeutschland erhielten sie keine Zuzugsgenehmigung in größere Städte. Erst mit dem Bundesvertriebenengesetz von 1953 wurde die Eingliederung erleichtert. Wolfskinder, die in der Bundesrepublik Deutschland nicht heimisch wurden, wanderten in die Schweiz, nach Großbritannien, USA und Australien aus.

Berichte von überlebenden Zeitzeugen Eine umfassende Geschichte der Schicksale der Wolfskinder bis heute veröffentlichte die Journalistin Sonya Winterberg im Mai 2012 in ihrem Buch Wir sind die Wolfskinder. Verlassen in Ostpreußen. Darin wird zusätzlich das Versagen der deutschen Politik gegenüber den Wolfskindern seit 1990 ausführlich thematisiert.Sonya Winterberg: Wir sind die Wolfskinder: Verlassen in Ostpreußen. Piper Verlag, München 2012, ISBN 978-3-492-05515-4.

Zeitzeugenberichte liegen von Kindern vor, deren Mütter auf der Flucht aus Ostpreußen durch die sowjetische Armee eingeholt wurden, bei ihrer Rückkehr in die ostpreußischen Heimatorte ihre alten Wohnungen zerstört vorfanden bzw. aus ihnen verwiesen wurden und dann durch Hunger, Kälte und Typhus starben. Die Waisen mussten sich dann alleine durchschlagen und wurden zu Wolfskindern.Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. (Hrsg.): Treibgut des Krieges – Zeugnisse von Flucht und Vertreibung der Deutschen. (Zeitzeugenberichte über Flucht, Vertreibung, Wolfskinder). S. 120–128. Verlag Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Kassel. Kassel 2008.

Weitere fünf Vollwaisen der Geburtsjahrgänge 1930–1939 schildern im Buch Von Ostpreußen nach Kyritz von Ruth Leiserowitz ihre Überlebensgeschichte. Diese Wolfskinder kamen letztendlich in ein Kinderheim in der DDR.Ruth Leiserowitz: Von Ostpreußen nach Kyritz. Wolfskinder auf dem Weg nach Brandenburg. Brandenburgische Zentrale für politische Bildung, Potsdam 2003, ISBN 3-932502-33-7, S. 48–106 In einer Todesanzeige für eine 1939 geborene und Ende 2009 verstorbene Ostpreußin wurde auf die schwersten Lebensbedingungen als heimatloses Waisenkind in Ostpreußen und Litauen hingewiesen.Todesanzeige im Hamburger Abendblatt vom 19. Dezember 2009, S. 27.

Berichte Die Geschichte eines Überlebenden wird im Buch Abandoned and Forgotten von Evelyne Tannehill beschrieben. Evelyne und ihre Familie wurden auf ihrem Bauernhof in Ostpreußen beim Einmarsch der Roten Armee über die Ostsee getrennt.Evelyne Tannehill: Abandoned and Forgotten: An Orphan Girl’s Tale of Survival in World War II. Wheatmark, 2007, ISBN 978-1-58736-693-2. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 konnte sie nach Ostpreußen zurückkehren, um das Land ihrer Kindheit wieder zu besuchen.