Als sowjetische Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg werden Straftaten oder Verstöße gegen das Völkerrecht bezeichnet, die von Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte und deren Führung in der Zeit des Zweiten Weltkrieges begangen wurden.

Hintergrund Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges bestand die Rote Armee (RKKA) bereits seit 20 Jahren. Sie hatte sich im Bürgerkrieg gegen die Weißgardisten durchgesetzt und im Polnisch-Sowjetischen Krieg Anfang der 1920er-Jahre gekämpft. Ihre Führung wurde durch den „Großen Terror“ 1937/38, währenddessen ein großer Teil der Offiziere (je nach Quellen bis zu 80 Prozent der Generäle) aus der Armee entlassen und teilweise hingerichtet wurde,militera.lib.rumilitera.lib.ruГерасимов Г. И. Действительное влияние репрессий 1937–1938 гг. на офицерский корпус РККА // Российский исторический журнал. 1999. № 1. С. 48–49. Цит. по: Пыхалов И. Великая оболганная война / М.: ЭКСМО, 2006 г. selbst Opfer der eigenen Staatsführung. Die Säuberungen unter Stalin hinterließen die Rote Armee in einem geschwächten Zustand. Es mangelte teilweise an erfahrenen und fähigen Führungskräften. Allerdings durften die allgegenwärtigen Politkommissare nach der Säuberung die strategischen Entscheidungen nicht mehr beeinflussen (Entscheidung der Führung der RKKA vom September 1940 nach den Misserfolgen im Winterkrieg).

In den Jahren 1939 und 1940 besetzte die Rote Armee gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt einen Großteil Polens sowie die einst zum Russischen Reich gehörenden baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Finnland musste nach dem Winterkrieg in einem sowjetischen Diktatfrieden große Zugeständnisse machen.

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion („Unternehmen Barbarossa“) am 22. Juni 1941 traf die Rote Armee schwer, denn große Mengen von Truppen und Material waren in Grenznähe stationiert und wurden rasch eingekesselt und vernichtet. Josef Stalin war von verschiedenen Quellen über den bevorstehenden Angriff informiert worden (zum Beispiel durch den Spion Richard Sorge), hatte diese Meldungen aber als Desinformation der westlichen Staaten fehlinterpretiert und fälschlich geglaubt, sie sollten nur einen Krieg zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich provozieren.Ingeborg Fleischhauer, Diplomatischer Widerstand gegen „Unternehmen Barbarossa“. Die Friedensbemühungen der Deutschen Botschaft Moskau 1939–1941, Ullstein, Berlin 1991, S. 322. Deswegen wurden die grenznahen Truppenkonzentrationen weder abgezogen noch gewarnt oder wenigstens in Alarmbereitschaft versetzt. In den folgenden Monaten gerieten Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft, worauf die deutsche Führung nicht vorbereitet war. Den Soldaten der Wehrmacht wurde mit Befehl vom 17. Juli 1941 verboten, Soldaten der Roten Armee als Kameraden zu behandeln.Christian Streit, Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941–1945 Dietz, Neuausgabe, Bonn 1997, S. 244 u. ö. Zahlreiche der in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen Soldaten der Roten Armee starben unter verschiedenen Umständen. Reinhard Otto / Rolf Keller / Jens Nagel: Sowjetische Kriegsgefangene in deutschem Gewahrsam 1941–1945. Zahlen und Dimensionen. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 56, 2009. Diese Verbrechen waren den Soldaten der Roten Armee bekannt.Elke Scherstjanoi (Hrsg.): Rotarmisten schreiben aus Deutschland. Briefe von der Front (1945) und historische Analysen. Texte und Materialien zur Zeitgeschichte, Bd. 14, K.G. Saur, München 2004.

Nicht-Russen konnten schon 1941 die Seiten wechseln und in Ostlegionen auf deutscher Seite kämpfen. 1944 stellte der ehemalige sowjetische Generalleutnant Wlassow eine aus Russen bestehende Wlassow-Armee in deutsche Kriegsdienste. Die Angehörigen dieser „Russischen Befreiungsarmee“ wurden, sofern sie das Kriegsende erlebten, an die Sowjetunion ausgeliefert, wo ihnen drakonische Strafen drohten. Fast alle wurden wegen Hochverrats hingerichtet oder kamen in Straflagern um.

Der Krieg war von einer starken Ideologisierung beider Seiten geprägt. Die deutschen Besatzungstruppen wurden in den 1939/40 von der Sowjetunion annektierten Gebieten von Teilen der Zivilbevölkerung in der Hoffnung auf Rückerstattung des an die Kolchose verlorenen Landbesitzes zunächst als „Befreier“ begrüßt. Diese Hoffnungen wurde jedoch bald enttäuscht, da die NS-Führung die Absicht hatte, die slawische Bevölkerung zu dezimieren, zu vertreiben oder zu versklaven und die jüdische zu vernichten.

Insgesamt starben mehrere Millionen sowjetischer Zivilisten durch direkte oder indirekte Kriegseinwirkung sowie durch Kriegsverbrechen und planmäßige Tötungen. Die Schätzungen reichen dabei von sechs bis sieben MillionenVgl. John Correll: Casualties, in: Air Force Magazine (Juni 2003), S. 53; F. W. Putzger: Historischer Weltatlas, Velhagen & Klasing, 1969; W. van Mourik: Bilanz des Krieges, Lekturama-Rotterdam, 1978. bis zu 24 Millionen Zivilisten.Woloschin: Welchen Preis bezahlte die Sowjetunion für den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg, in: Schlach Peremophy (9. Sept. 1995). Der Historiker Christian Hartmann vom Institut für Zeitgeschichte nennt 2011 die Zahl von 15,2 Millionen getöteter sowjetischer Zivilisten.Christian Hartmann: Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941–1945. C.H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61226-8, S. 115.

Die Rote Armee hatte im Zweiten Weltkrieg mit 14 bis 16 Millionen Soldaten die höchsten Verluste aller Kriegsteilnehmer zu verzeichnen. Gründe dafür waren der Überraschungseffekt des deutschen Überfalls, strategische und taktische Fehlentscheidungen der sowjetischen Führung, die zur Einkesselung großer Truppenkontingente führten, Nachwirkungen des personellen Kahlschlages durch die Säuberungen, überlegene deutsche Kriegserfahrung, mangelnde Ausrüstung aufgrund von Unterversorgung durch die in der Anfangsphase des Krieges von Feindestruppen überrannte bzw. nach Evakuierung verzögert auf Vorkriegsproduktionsniveau hochgefahrene sowjetische Rüstungsindustrie sowie persönlichen Rivalitäten zwischen einzelnen Befehlshabern. Kapitulation oder gar Desertion wurde von der Führung hart sanktioniert. Nach Josef Stalins Befehl Nr. 270 vom 16. August 1941 wurde jeder Rückzug oder die Aufgabe mit nachfolgender Gefangenschaft bei Offizieren mit sofortiger Erschießung und Verhaftung ihrer Familien bedroht. Überlebende von Einheiten der Roten Armee, die sich in Gefangenschaft begaben, wurden oftmals nach Kriegsende ermordet; ihren Familienangehörigen wurde die Streichung aller staatlichen Hilfsgelder angedroht.Der Befehl Nr. 270 im russischen Original auf hrono.ru In der sowjetischen und russischen Geschichtsschreibung zum Großen Vaterländischen Krieg wird dieser Befehl meist nicht erwähnt. auf internet-school.ru Alleine während der Schlacht von Stalingrad wurden 13.500 Rotarmisten exekutiert, die Vorwürfe reichten vom Rückzug ohne Befehl über Selbstverstümmelung und Überlaufen bis zu Korruption oder antisowjetischen Tätigkeiten.

Insbesondere als der deutsche Angriff auf die Sowjetunion erfolgreich abgewehrt worden war und die Rote Armee ihrerseits deutsches und ungarisches Gebiet eroberte, nahm die Zahl der Übergriffe zu. Als die Rote Armee auf gegnerisches Territorium vorrückte, kam es vielerorts zu Plünderungen, Vergewaltigungen, Verschleppungen und Ermordungen von Zivilisten. Das Massaker von Nemmersdorf (21. Oktober 1944) gilt als das erste dokumentierte Verbrechen der Roten Armee auf deutschem Boden. Es wurde vom NS-Regime und der NS-Propaganda propagandistisch genutzt, um die deutsche Bevölkerung zum Durchhalten zu motivieren.

Teilweise werden diese Straftaten als Racheakte für auf sowjetischem Gebiet begangene Verbrechen seitens Deutscher (Wehrmacht und andere) gesehen, begünstigt durch sowjetische KriegspropagandaNorman M. Naimark, Die Russen in Deutschland, 1997, ISBN 3-549-05599-4. (siehe auch: Verbrechen der Wehrmacht, Verbrechen der SS). Die Verbrechen der Roten Armee werden von manchen auch auf die in Osteuropa betriebene nationalsozialistische Aggressions- und Vernichtungspolitik zurückgeführt und werden in diesem Kontext gesehen.Bernd Neumann, Rede zur vom 17. Mai 2006. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass es auch Vergewaltigungen von sowjetischen und polnischen Frauen sowie weiblicher KZ-Häftlinge nach deren Befreiung gegeben hat. Ebenso gab es Vergewaltigungen nach dem Einmarsch in Jugoslawien.

Opfer mini|Besichtigung eines Massengrabes im Wald von Katyn 1943 mini|Opfer des Massakers von Nemmersdorf 1944

Beispiele Massaker von Katyn (1940) Fall Broniki (1941) Massaker von Feodosija (1942) Fall Grischino (1943) Massaker von Metgethen (1945) Massaker von Treuenbrietzen (1945) Massaker von Nemmersdorf (1944) Massaker von Dąbrówka Nowa (1945)

Zivile Opfer Polen und das Baltikum Mit der praktischen Umsetzung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes, als Polen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufgeteilt und Ostpolen 16 Tage nach dem Angriff der Wehrmacht von sowjetischen Truppen besetzt wurde, begann das Leiden für bestimmte Teile der Zivilbevölkerung, insbesondere Angehörige des Klerus und der akademischen und politischen Elite. In der Folge kam es zu politisch motivierten Terrormaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung, die aus Polen, Weißrussen, Ukrainern und Juden bestand. Hierbei arbeiteten NKWD und die Rote Armee zusammen. So versuchten viele Polen, dem Zugriff des sowjetischen NKWD zu entkommen, wurden jedoch meist von sowjetischem Militär verhaftet und anschließend deportiert.Thomas Urban: Der Verlust. C. H. Beck, 2004, ISBN 3-406-54156-9, S. 145. Operationsgruppen, die direkt der Armee unterstanden, folgten dem Heer, um das Gebiet von „sowjetfeindlichen Elementen zu säubern“. Der polnische Historiker Tomasz Strzembosz sah in diesen Einheiten Parallelen zu den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD.Tomasz Strzembosz: (PDF; 57 kB) In: Transodra, 23. Dezember 2001.

Auch im Baltikum, in Weißrussland, der Ukraine und Bessarabien kam es zu zahlreichen Verbrechen gegen die Bevölkerung: Morde, Geiselnahmen, Niederbrennen von Dörfern, Deportationen, Erschießungen, Folterungen.

1941 erfolgte der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Die Verbrechen erfuhren eine Steigerung, als die Rote Armee vor der 1941 angreifenden Wehrmacht zurückweichen musste: Stalin befahl den Truppen, alle Güter in den von den deutschen Truppen bedrohten Gebieten zu zerstören, die diesen von Nutzen sein könnten („Verbrannte Erde“). Der daraus entstandene Hass der Bevölkerung auf die sowjetischen Truppen spielte den deutschen Einsatzgruppen der SS in die Hände, die nun ihrerseits – mit Unterstützung der Bevölkerung – sowjetische Gegner und Juden ermorden konnten.Bogdan Musial: Ostpolen beim Einmarsch der Wehrmacht nach dem 22. Juni 1941Bogdan Musial: Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen, Propyläen 2000, ISBN 3-549-07126-4.

mini|Sowjetischer Befehl, 1945: „Manche Armeeangehörige fügen dem Staat durch ihr Verhalten immensen materiellen Schaden zu dadurch, dass sie in den Städten und Dörfern Ostpreußens Wertgegenstände vernichten, Gebäude und ganze Dörfer abbrennen. […] Ferner sind Fälle von Waffenanwendung durch Armeeangehörige gegenüber der deutschen Bevölkerung, insbesondere gegenüber Frauen und Alten festgestellt worden. Es sind zahlreiche Fälle von Erschießungen von Kriegsgefangenen festgestellt worden unter Umständen, in denen das Erschießen absolut ohne Notwendigkeit und nur aus Mutwilligkeit erfolgte.“

Während des sowjetischen Rückzuges im Sommer 1941 vor herannahenden deutschen Truppen kam es zu zahlreichen Massenerschießungen politischer Gefangener meist ukrainischer, polnischer und baltischer Nationalität in den Westgebieten der Sowjetunion.

Nach anfänglichen Erfolgen der Wehrmacht kam es Ende 1942 zum ersten Wendepunkt (Schlacht von Stalingrad) des Krieges; ab Sommer 1943 (Panzerschlacht von Kursk) war die Wehrmacht auf dem Rückzug.

Flucht der Zivilbevölkerung