Das Wisentgehege Springe ist ein Wildpark im Süden der Region Hannover in der Nähe der niedersächsischen Stadt Springe. Auf dem 90 Hektar großen Gelände zwischen Eldagsen und Springe im Saupark Springe werden 109 Tierarten gehalten. Es zeigt regionaltypische Tiere im natürlichen Lebensraum der nördlichen Mittelgebirgsschwelle, deren Landschaft charakteristisch durch Eichen- und Buchenwälder, mit Erlenbrüchen, Teichen, Wiesen und Bächen ist. Die aus der Erhaltungszucht von Wisenten entstandene Anlage wurde für die Erhaltungszucht auch anderer stark gefährdeter Wildarten weiterentwickelt und dient heute, mittels verschiedener Einrichtungen wie Falkenhof und Wolfsgehege, besonders der Umweltbildung. Träger des Wisentgeheges sind die Niedersächsischen Landesforsten, eine Anstalt des öffentlichen Rechts..
Lage Das Wisentgehege befindet sich im Nordosten vom Staatsforst Saupark, den eine Natursteinmauer umgibt. Die sogenannte Sauparkmauer ist ein Kulturdenkmal.Niedersachsen: Kennzeichnung historischer Gebäude im Forstamt Saupark Es liegt in dem Landschaftsschutzgebiet LSG-H32.
Der Saupark Springe wird von der Landesstraße L 461 durchschnitten, die von Eldagsen nach Springe führt. Nördlich der L 461 befinden sich der Hallerbruch und das Wisentgehege Springe. Von der L 461 führt die Kreisstraße K 213 nach Alvesrode. Die K 213 trennt das Wisentgehege vom Hallerbruch, welche aber naturräumlich zusammengehören. Der Naturraum vom Saupark Springe umfasst im Wesentlichen den Kleinen Deister und den Nesselberg, an dessen Nordrand sich das Gehege befindet. Seit 1954 bilden der Kleine Deister und der Nesselberg ein als Saupark bezeichnetes, insgesamt rund 2500 ha großes Naturschutzgebiet, das den Saupark Springe ohne das Wisentgehege einschließt.
Geschichte mini|Verschneiter Hutewald im Wisentgehege Springe. 19. Jahrhundert Ehemaliger Hutewald Ursprünglich handelte es sich bei dem von der Kreisstraße K 213 zerschnittenen Waldgebiet des Wisentgeheges und des Hallerbruchs um einen großen Hutewald, in dem die Bewohner der umliegenden Orte früher ihre Schweine, Pferde, Ziegen und Kühe hüteten. So entstanden die einzelstehenden uralten Eichen und Buchen, die diese Parklandschaft prägen. Den Baumveteranen ist es zu verdanken, dass dieses Gebiet eine große Anzahl von sehr seltenen Tier- und Pflanzenarten beherbergt. Bestimmte Käferarten nutzen diese alten Bäume und deren Totholz als Biotop. Einer dieser Käfer, der Eremit (auch Juchtenkäfer genannt), hat hier seine größte Population in Niedersachsen. Da der Eremit in der Roten Liste als stark gefährdet gilt, ist er zusammen mit seinem Lebensraum unter Schutz gestellt. Das ist der Grund dafür, dass der Hallerbruch und das Wisentgehege als 212 Hektar großes Fauna-Flora-Habitat ein Bestandteil des europäischen Schutzsystems Natura 2000 geworden ist. Neben anderen Urwaldreliktarten, die früher nur in Urwäldern lebten, bietet der Hallerbruch auch Wildkatzen, vier Spechtarten, Fledermäusen und verschiedenen anderen Tierarten ein einzigartiges Rückzugsgebiet.Quelle: Wisentgehege Springe: Wildführer Seite 52. Im Wisentgehege wurde im Jahr 2012 eine von Eremitenkäfern besiedelte Eiche mit Stahlseilen gesichert, um ihre Standsicherheit zu gewährleisten.
Ehemaliges Jagdrevier mini|Fütterung von Wildschweinen im Kleinen Deister um 1909 Die Einrichtung des Sauparks Springe beruht auf einem Gerichtsurteil, das die hannoverschen Könige im 19. Jahrhundert zum Ersatz von Wildschaden und zur Verminderung des Wildbestandes verurteilte. Daraufhin wurde unter König Wilhelm IV. begonnen, ein Gehege am Kleinen Deister einzurichten. Dieses Gebiet war bereits seit Mitte des 17. Jahrhunderts königliches Hofjagdrevier. Als Einzäunung entstand zwischen 1836 und 1839 eine 16 km lange Kalksteinmauer. Das Baumaterial stammte aus ortsnahen Steinbrüchen. Die Sauparkmauer, die an zwei Seiten auch das Wisentgehege umgibt, steht unter Denkmalschutz; sie gilt als längstes Denkmal Niedersachsens.
Im Gehege wurde ein Wildbestand an Rotwild und Wildschweinen geschützt. König Ernst August von Hannover richtete 1837 hier seine Staatsjagd ein. Nach der Eingliederung des Königreichs Hannover in Preußen im Jahre 1866 war der Saupark weiterhin Hofjagdrevier, in dem Kaiser Wilhelm II. alle zwei Jahre königliche Treibjagden durchführen ließ. 1902 war der Krönungsplatz Ort des Duells zwischen dem Landrat Adolf von Bennigsen und dem Königlich– preußischen Domänenpächter Falkenhagen. Seit dem Zweiten Weltkrieg fanden dort Staatsjagden der niedersächsischen Ministerpräsidenten mit ihren Staatsgästen und verdienten Persönlichkeiten aus Niedersachsen statt. Das Land Niedersachsen verzichtete auf Staatsjagden im Jahr 2013. neuepresse.de
Ehemaliger Duellplatz mini|hochkant|Hinweisschild am Duellplatz Adolf von Bennigsen (1860–1902) war in Bennigsen Jurist, Gutsbesitzer und Landrat des Kreises Springe. 1890 heiratete er die elf Jahre jüngere Elisabeth von Schnehen und hatte mit ihr fünf Kinder. „Frivolitäten“ nach damaligem Sprachgebrauch führten dazu, dass er sich nach den damaligen Ehrvorstellungen genötigt sah, seinen wesentlich jüngeren Nachbarn, den Domänenpächter Oswald Falkenhagen, wegen Beleidigung zum Duell zu fordern. Das Duell auf Pistolen fand am Morgen des 16. Januar 1902 auf dem „Duellplatz“ im damals noch nicht gegründeten Wisentgehege statt. Die Bedingungen waren: Schusswechsel bis zur Kampfunfähigkeit bei einer Entfernung von 15 Sprungschritten. Der Sekundant Bennigsens war der Assessor Ernst Freiherr Langwerth von Simmern; Falkenhagen wurde von seinem Schwager sekundiert. Der Forderer Adolf von Bennigsen wurde vom Geforderten Oswald Falkenhagen beim dritten Schusswechsel in den Unterleib getroffen und brach dabei zusammen. Später wurde eine vierfache Ruptur des Darms durch die Kugel festgestellt. Adolf von Bennigsen wurde in einem Tragekorb zum Bahnhof in Springe und von dort mit der Eisenbahn nach Hannover gebracht, wo er im Krankenhaus der Henriettenstiftung am nächsten Tag an Komplikationen nach der Operation – durch Verblutung in der Bauchhöhle – verstarb. Er wurde von seiner Familie im Park des Gutes in Bennigsen beerdigt. An der Beerdigung nahm der Reichskanzler Bernhard von Bülow mit der gesamten Reichsregierung sowie die politische Prominenz der Provinz Hannover teil.
Adolf von Bennigsens Frau Elisabeth wurde von der Familie von Bennigsen als „casus belli“ verstoßen. Der „frivole Beleidiger“ Oswald Falkenhagen wurde im Februar 1902 von der Strafkammer I des Landgerichts Hannover in einem damals viel beachteten Schwurgerichtsprozess zur Festungshaft verurteilt. Strafmildernd wurde berücksichtigt, dass die Frau des Landrats vier Jahre älter als ihr Verehrer war und vom Gericht als die eigentlich Schuldige angesehen wurde.Herbert Kater: Das Duell zwischen dem Landrat Adolf von Bennigsen und dem Domänenpächter Oswald Falkenhagen im Saupark/Springe 1902. In: Einst und Jetzt, 1992, Band 37, S. 222. Die Duellpistolen, die der Landrat als Fordernder gestellt hatte, wurden im konkurrierenden Verfahren vor dem Femegericht eingezogen.Herbert Kater: Das Duell zwischen dem Landrat Adolf von Bennigsen und dem Domänenpächter Oswald Falkenhagen im Saupark/Springe 1902. In: Einst und Jetzt, 1992, Band 37, S. 218. Nach diesem Duell entstand in Deutschland mit der 1902 in Kassel gegründeten deutschen Anti-Duell-Liga der öffentliche Widerstand gegen diese Form der Satisfaktion.
20. Jahrhundert Entstehung des Wisentgeheges Im Jahr 1921 starb der letzte frei lebende Wisent in Polen. 1922 waren in der freien Wildbahn alle Wisentbestände erloschen, in Gefangenschaft lebten nur noch 56 reinblütige Wisente. 1923 gründeten polnische und deutsche Zoologen eine Gesellschaft, um Wisente vor dem Aussterben zu retten. Das Wisentgehege wurde 1928 unter Anleitung des Direktors des Berliner Zoos Professor Lutz Heck in der nordöstlichen Ecke vom Saupark Springe als Schutzgehege für die Zucht von Wisenten der Flachland-Kaukasus-Linie angelegt. Ziel der Einrichtung war es, den Wisent als größtes Säugetier in Europa vor dem Aussterben zu retten. Es war 1928 nicht möglich, an reinrassige Wisentkühe zu kommen, um eine Wisentherde im Wisentgehege zu gründen. So erfolgten die ersten Zuchtversuche mit dem Wisentstier Bernstein aus dem Zoo Berlin, der später Iwan genannt wurde, und mit drei amerikanischen Bisonkühen in Form einer Verdrängungszucht. Man versuchte durch Rückkreuzungen die Bisonerbanlagen zu verdrängen. Die Verdrängungszucht gelang sehr gut, und die Hybride (Bastarde) erwiesen sich als sehr widerstandsfähig. 1935 konnten reinrassige Wisentkühe aus dem Tiergarten der Schlossanlage Boitzenburg angekauft und die Zucht entsprechend umgestellt werden. Mit dem Wisentstier Bernstein und den reinrassigen Wisentkühen war danach eine reinblütige Zucht möglich. Die Hybride wurden 1935 abgegeben.
Besonders wichtig war die Begründung eines tuberkulosefreien Wisentbestandes. Ein Bullkalb und zwei Kuhkälber wurden gleich nach der Geburt von den Müttern getrennt und mit Ersatzmilch aus der Flasche von Hand aufgezogen. Diese Sonderzucht, 1965 bis 1967 streng getrennt von den übrigen Wisenten, bildete den neuen tuberkulosefreien Grundstock für die heutige Springer Herde. Bis zum Jahr 2010 wurden 323 reinblütige Wisente geboren, was erheblich zum bisherigen Überleben der Art beigetragen hat. Zur Vermeidung von Inzucht werden hier geborene Wisente gegen Wisente von anderen Standorten ausgetauscht. Bis 2012 wurden etwa 140 Wisente in Wiederansiedlungsprojekte, Zuchtstationen und Beweidungsprojekte abgegeben.
Ausbau zum Wildgehege In den 1950er Jahren begann die Umwandlung des Wisentgeheges von einem Gehege für Wisente zu einem Wildgehege für Besucherverkehr. Friedrich Türcke, von 1957 bis 1978 Leiter des Forstamtes Saupark, setzte sich energisch für das Wisentgehege ein. Dass das Wisentgehege damals gegen mancherlei Widerstände erhalten blieb, war seiner Initiative zu verdanken.Herbert Tomiczek: Zum Tod von Dr. Friedrich Türcke. In: Zeitschrift für Jagdwissenschaft. 45. Jahrgang. Nr. 1/1999, S. 73 Den Leitern des Wisentgeheges Joachim Hennig (1972 bis 2003) und Thomas Hennig (seit 2003) ist es gelungen, das Wisentgehege zu modernisieren und zu einem attraktiven Wildpark umzugestalten.
Kunstobjekt Kämpfende Wisente mini|Im Jahr 1996 schuf der deutsche Künstler Gerd Pucka seine Skulptur Kämpfende Wisente für das Wisentgehege Springe. Kämpfende Wisente waren das Markenzeichen des Wisentgeheges Springe. Das Wisentgehege Springe betreibt seit 1928 die Erhaltungszucht von Wisenten. Kämpfende Wisente locken die Besucher seitdem in das Wisentgehege. Der Führer durch das Wisentgehege vom Jahr 1994 zeigt kämpfende Wisente auf seiner Titelseite. Um dieses Markenzeichen dauerhaft sichtbar zu machen, beauftragten die Niedersächsischen Landesforsten im Jahr 1996 den Künstler Gerd Pucka, eine Skulptur von den kämpfenden Wisenten anzufertigen. Gerd Pucka schuf dafür eine zweieinhalb Zentner schwere Kunststoffplastik, deren Oberfläche bronziert ist, damit sie vor Witterungseinflüssen geschützt wird. Im November 1996 wurde die Skulptur in Anwesenheit des Künstlers und des damaligen Leiters des Wisentgeheges Joachim Hennig an der Außenmauer des Wisentgeheges angebracht. Das Kunstwerk befindet sich an der Stelle, wo die Kreisstraße K 213 nach Alverode von der Landesstraße L 461 nach Springe abzweigt. Neben der Skulptur Kämpfende Wisente steht die bronzene Inschrift „Wisentgehege“, und ein bronzener Richtungspfeil zeigt dem Autofahrer, in welcher Richtung sich der Parkplatz und der Eingang zum Wisentgehege befinden. Der Künstler Gerd Pucka wohnt in Otze (Burgdorf). Er ist Tierpräparator und war im Landesmuseum Hannover tätig. Er war Leiter des Hegeringes Burgdorf und veröffentlichte im Jahr 2000 das Lehrbuch der Tierpräparation. Im Jagdschloss Springe hat er sich maßgeblich am Aufbau der Jagdschau beteiligt.Mauer mit Skulptur geschmückt. In: Neue Deister-Zeitung, 16. November 1996.