Der Methodische Kulturalismus ist eine von Peter Janich und seinen SchülernHierzu gehören insbesondere Dirk Hartmann, Mathias Gutmann, Armin Grunwald (Homepage) sowie Nikolaos Psarros (Homepage). entwickelte philosophische Denkrichtung.
Kernaussage ist, dass die Gegenstände der Wissenschaft nicht auf rein theoretischen Überlegungen beruhen, sondern durch menschliches Handeln zustande kommen. Wissenschaft wird als Fortführung von praktischen Prozessen der Alltagswelt verstanden und muss daraufhin systematisch und methodisch hinterfragt werden, ob sie diese fördert.
Der Methodische Kulturalismus versteht sich als eine Weiterentwicklung des Methodischen Konstruktivismus der Erlanger Schule von Paul Lorenzen und Wilhelm Kamlah. 1996 formulierten Peter Janich und Dirk Hartmann die Grundüberlegungen dieses Ansatzes.Dirk Hartmann und Peter Janich (Hrsg.): Methodischer Kulturalismus. Zwischen Naturalismus und Postmoderne. Suhrkamp, Frankfurt 1996. Als Kultur wird dabei die Summe der Ergebnisse menschlichen Handelns begriffen. Der Mensch ist immer Mitglied einer Handlungs- und Kommunikationsgemeinschaft in einer lebensweltlichen (alltäglichen) Praxis.
Im Zentrum steht eine neu formulierte Handlungstheorie, die neben praktischen Handlungen im strengen Sinn auch Sprachhandlungen umfasst und gegen so genannte „Widerfahrnisse“ und „instinktives Verhalten“ abgegrenzt wird. Normativer Ausgangspunkt der Handlungstheorie ist das lebensweltliche Handeln, so dass Wissenschaft als eine Weiterentwicklung und Spezialisierung vorwissenschaftlicher Praxis aufgefasst wird. Eine Rekonstruktion dieses Sachverhaltes erfolgt in den vom Konstruktivismus so bezeichneten „Prototheorien“Nicht zu verwechseln mit den Protowissenschaften. (dem Programm und dem terminologischen System einer Fachwissenschaft) der Physik, der Chemie, der Biologie oder der Psychologie. Hieraus resultiert ein Begriff der Erkenntnis, der das Gelingen von Handlungen zum Maßstab hat. Wissen ist dabei pragmatisch bestimmt als das Verfügen über Mittel für verfolgte Zwecke. Entsprechend pragmatisch begründet ist auch die Wissenschaftstheorie des Methodischen Kulturalismus, die entgegen der üblichen Praxis bewusst auch die technischen Ingenieurwissenschaften mit dem Kriterium der „Kulturhöhe“ und der „geordneten Handlungsfolge“ einbezieht.
Ziel des Methodischen Kulturalismus ist es, eine rationale Weltorientierung zu bieten, ohne dabei die implizite metaphysische Letztbegründung des Naturalismus zu betreiben, und andererseits gegen den Relativismus der Postmoderne eine Leitlinie für eine begründete Praxis der Lebenswelt und der Wissenschaften bis in die Ethik anzubieten. Der Methodische Kulturalismus sieht sich als eine Philosophie, die durch eine kritische anti-universalistische (also nicht verabsolutierende) Denkweise geprägt ist.Gerd Hanekamp: Kulturkritik und Postmoderne. In: Hartmann/Janich Methodischer Kulturalismus. S. 390–420, hier S. 394.
Das philosophische Konzept verbindet bis auf die Tatsache, dass beide den Menschen als Kulturwesen ansehen, wenig mit dem sozialwissenschaftlichen Begriff der Kulturalismus, der oft für die Überinterpretation der kulturellen Prägung einer Person oder Gruppe steht und damit eine kritische Konnotation aufweist.Vgl. kritisch: Gazi Çağlar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen: Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntington. Basel 2002.
Kritik an modernen Strömungen der Philosophie Die Autoren sehen die Philosophie des Methodischen Kulturalismus als Alternative zu naturalistischen und relativistischen Ansätzen, grenzen sich auch gegen den Methodischen Konstruktivismus ab. Peter Janich zählte sich ursprünglich zu dieser Schule.
Naturalismus Die Begründer des Methodischen Kulturalismus ordnen dem Naturalismus eine Reihe verwandter Positionen zu, deren Spektrum von „alles ist Natur“ über „naturalistische Erkenntnistheorien“ bis hin zu der Auffassung reicht, dass alle Erklärung der Welt nur durch Naturwissenschaften möglich ist. Natur wird danach von den Naturalisten realistisch als gesetzgebende (d. h. „die Gesetze vorgebende“) Wirklichkeit aufgefasst, deren Gesetzmäßigkeiten und Strukturen aufdeckbar sind und von den Wissenschaftlern lediglich durch Beobachtung abgelesen werden müssen.
Für den Methodischen Kulturalismus ist das Verhältnis des Menschen zur Natur hingegen durch sein Handeln bestimmt. Die Ergebnisse der menschlichen Praxis sind „kultürlich“. Dieser von Paul Lorenzen stammende Begriff wird bewusst zur Abgrenzung gegen „natürlich“ (siehe Abschnitt Kultur) verwendet. Erkannte Natur wird so zum kulturabhängigen Gegenstand. Naturalistische Erkenntnis- und Wahrheitstheorien haben insofern einen blinden Fleck in ihrer Sichtweise, als die zu findenden Kriterien nicht ein Ergebnis der Natur, sondern der Reflexion sind. Dies gilt insbesondere für Positionen wie die Evolutionäre Erkenntnistheorie oder die Autopoiesis des Radikalen Konstruktivismus, in denen der Wissenschaftler die Stellung eines externen Beobachters einnimmt, die nicht mehr hinterfragt wird. Die Natur ist für den Methodischen Kulturalisten eben kein Buch, in dem nur zu lesen ist (Augustinus), und schon gar nicht nur in der Sprache der Mathematik geschrieben (Galilei), wie es reduktionistische und materialistische Positionen vertreten. Die mathematischen Größen und Ergebnisse der Naturwissenschaften werden nach Auffassung des Methodischen Kulturalismus durch Messtechnik bestimmt und realisiert. Sie sind zudem abhängig vom Funktionieren der eingesetzten Geräte. Die dabei gewonnenen Daten haben weder Semantik noch Geltung; sie liefern demnach keine Begründung. Naturgesetze sind für die Vertreter des Methodischen Kulturalismus einfach Sätze, die der „Mensch“ aufstellt, um einen „Leitfaden für gelingendes Handeln“ zu erhalten.
Die Zwecksetzungen, das heißt der normative Aspekt der Naturwissenschaften, entstammen – so die These der Methodischen Kulturalisten – nicht diesen Wissenschaften selbst, sondern dem menschlichen Handeln. Um die Ergebnisse der in den Naturwissenschaften eingesetzten Apparate und Methoden als gültig betrachten zu können, müssen die jeweils zugrunde liegenden Zwecke methodisch rekonstruiert werden. Die Bewertungen „gut“ und „böse“, „Recht“ und „Unrecht“, „wahr“ und „falsch“ sind demnach Maßstäbe, die der Mensch an die Natur anlegt, die er somit nicht in der Natur (vor)findet. Naturwissenschaften sind also Produkte der menschlichen Arbeit und Kultur, sie sind nicht „naturgegeben“, sind keine natürliche Folge „objektiver“ Naturbeobachtung. Der Naturwissenschaftler ist stets Mitglied einer menschlichen Kommunikations- und Handlungsgemeinschaft, der seine Maßstäbe rechtfertigen muss. Das Nachdenken über die eigene Tätigkeit als Naturwissenschaftler, die Auseinandersetzung mit den eigenen Zwecken ist Philosophie und nicht Naturwissenschaft.
Relativismus Auch wenn weder Wirklichkeit und Erkenntnis noch ethische Normen absolut zu begründen sind, darf das aus der Sicht des Methodischen Kulturalismus nicht zu Beliebigkeit führen.
Der Methodische Kulturalismus stimmt der Auffassung von Thomas S. Kuhn dahingehend zu, dass Wissenschaften konsequent als menschliche Praxis und als Kulturprodukt zu sehen sind. Die rein deskriptive Darstellung der Wissenschaftsgeschichte als Paradigmen und die These ihrer Unvereinbarkeit (Inkommensurabilität) wird dagegen abgelehnt, weil diese zur Skepsis an der Rationalität führe. Insbesondere rechtfertige sie die von Paul Feyerabend mit dem Slogan anything goes formulierte These, dass es keine allgemeine und inhaltlich bestimmte Methodologie geben kann, die der Rationalismus der Wissenschaftspraxis empfehlen könne. Besonders kritisch wird die Position von Richard Rorty gesehen, der einen Kulturrelativismus vertrete, nach dem jeweils das gerechtfertigt ist, was in dem jeweiligen kulturellen Milieu faktisch akzeptiert wird.Vgl. Hartmann/Janich: Methodischer Kulturalismus. S. 27. Die Vertreter des Methodischen Kulturalismus gehen davon aus, dass Erkenntnistheorie nicht durch Hermeneutik ersetzt werden darf, wie Rorty es fordert. Ein „objektiver, wissenschaftlicher“ Maßstab sei auf diesem Wege nicht zu erreichen.
Dem Relativismus setzt der Methodische Kulturalismus eine grundsätzliche Rationalität im Handeln entgegen, die am Maßstab des Gelingens oder Scheiterns von Handlungen eine konsistente Relation von Mitteln und Zwecken fordert. Handeln und (darin eingeschlossen) Sprechen findet in einer vorgefundenen Umwelt statt, in der das Individuum nicht allein (singulär) agiert, sondern stets intersubjektiv in gemeinschaftlichen Arbeits- und Handlungssystemen. Hierdurch wird die oben skizzierte Annahme einer Beliebigkeit ausgeschlossen. Handeln ist gebunden an pragmatische Rationalität und damit an eine methodische Ordnung. Entwicklungen vom Rad über den Flaschenzug bis zum modernen Getriebe zeigen keine widerstreitenden, unverträglichen Paradigmen, sondern einen Anstieg des mit der Arbeit verbundenen Wissens bis zur „Kulturhöhe“ der Gegenwart. Auch Irrtümer in der Wissenschaftsgeschichte oder Unverträglichkeiten von Theorien nach Kuhn lösen sich jeweils dadurch auf, dass sie durch Vergleiche mit jeweiligen Alternativen in Hinblick auf ihr Gelingen beurteilt werden. Anschließend wird die für das Handeln geeignetere Theorie vorgezogen. Dieser weitgehend kontinuierliche Fortschritt des Wissens zeigt sich u. a. in einem durchgängigen Anstieg der Anzahl der Messgrößen und der Genauigkeit der Messungen im Bereich der Wissenschaften. Neue Messtechniken sind oftmals Grund für neue, verbesserte Theorien.
Methodischer Konstruktivismus Die durch die Postmoderne aufgeworfenen Fragen haben aus der Sicht des Methodischen Kulturalismus die Anforderungen an die Philosophie verändert.Vgl. Hanekamp: Kulturkritik und Postmoderne. In: Hartmann/Janich: Methodischer Kulturalismus. Mit dem kennzeichnenden Untertitel Zwischen Naturalismus und Postmoderne. Nicht mehr Wissenschaftstheorie und Sprachphilosophie sollen wie im 20. Jahrhundert im Vordergrund stehen. Ging es dem Erlanger (Methodischen) Konstruktivismus als der philosophischen Quelle des Methodischen Kulturalismus noch um die sprachphilosophischen Konsequenzen des Linguistic turn und eine pragmatisch-instrumentalistische Wissenschaftstheorie, d. h. um eine ohne Brüche konstruierte Methodenlehre für die Wissenschaften, so steht für Janich und seine Schüler die Kulturkritik im Zentrum des Interesses. Der Fokus liegt dabei auf der Alltagskultur, zu deren Analyse eine neu formulierte Handlungstheorie dient.
Auch in „philosophieinternen“ Prinzipien unterscheiden sich Methodischer Konstruktivismus und Methodischer Kulturalismus. Die so genannte dialogische Logik wird durch eine pragmatisch-operative Logik ersetzt, die an der eigenen Handlungstheorie und dem Prinzip der methodischen Ordnung (siehe unten) orientiert ist. Der konsensualistische Wahrheitsbegriff wird durch den handlungsorientierten Wahrheitsbegriff abgelöst. Auch die Beschränkung der Prototheorie auf die mathematische Protophysik wird aufgehoben. Stattdessen entwickelten Janich et al. Prototheorien für die Physik, Chemie, Biologie, Informatik und die (naturwissenschaftliche) Psychologie auf der Basis „handwerklich“ erprobter Praxen.
Kritische Reflexion der Kultur Lebenswelt