mini|Mann von Rendswühren Der Mann von Rendswühren ist die Moorleiche eines Mannes aus der Römischen Kaiserzeit, die 1871 im Heidmoor bei Rendswühren im schleswig-holsteinischen Kreis Plön gefunden wurde. Die Überreste des Mannes werden neben weiteren Moorleichen in der Dauerausstellung des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums Schloss Gottorf gezeigt.

Seit dem 31. August 2025 ist der größte Teil der Schauräume im Schloss Gottorf für etwa drei Jahre wegen Renovierung geschlossen. Die Moorleichen werden während dieser Zeit im Museum im dänischen Silkeborg gezeigt.

Fundstelle mini|Das Heidmoor bei Rendswühren, Blick in Richtung Fundstelle, September 2011 mini|Historische Aufnahme des Mannes von Rendswühren aus dem Jahre 1873. Das Heidmoor, in älteren Quellen auch Großes Moor und Rendswührener Moor genannt, war ursprünglich ein sehr flüssiges und nahezu unzugängliches Moor von sehr langsamem Wachstum. Durch künstliche Entwässerung wurde das Moor trockengelegt und konnte erst dann für den Abbau von Backtorf genutzt werden, einem Brennmaterial, das bevorzugt von benachbarten Bäckereien verwendet wurde. Die Torfschicht des Moores sank infolge der Trockenlegung auf eine Höhe von 180 cm zusammen und wurde bis auf den anstehenden Grund vollständig abgetorft. Die Fundstelle lag auf dem Gebiet des Gutes Bothkamp im damaligen Kirchspiel Bornhöved. Ermittelt aus TK25 Blatt 1927 Bornhoeved (Ausgabe 1930).

Fundgeschichte Ein Torfarbeiter entdeckte bei der Arbeit im Moor am 1. Juni 1871 etwa 90 Zentimeter unter der Oberfläche eine männliche, in Bauchlage liegende Leiche. Zunächst legte er den linken Fuß frei, den er für eine Baumwurzel oder einen Kalbskopf hielt und deshalb mit seinem Spaten abtrennte. Beim weiteren Freilegen erkannte er die menschliche Leiche, deren Kopf in einen Lederumhang und einen Wollmantel gehüllt war. Der Fund wurde zur Wohnung des Rendswührener Ortsvorstehers gebracht, wo er auf einem Ackerwagen in der Scheunendiele mehrere Tage ohne Abdeckung öffentlich zugänglich lagerte. Zahlreiche Schaulustige besichtigten den Fund, hantierten an der Leiche und nahmen zum Teil zeitungsgroße Stücke aus der Kleidung als Souvenir mit. Drei Tage nach Aufstellung der Leiche beschreibt der Besucher Grassau, dass die Leiche immer noch gut erhalten war, der Körper teilweise noch eine fleischige Fülle hatte, die Haut mittlerweile eine schlammig schmierige Oberfläche aufwies, jedoch noch keinen unangenehmen Geruch entwickelte und am Kopf noch großflächig Haare vorhanden waren. Der Gutsinspektor zeigte den Fund bei der königlichen Staatsanwaltschaft in Kiel an, die eine gerichtliche Untersuchung anordnete. Gutsförster Möller, der sich die Fundumstände genau ansah und bereits früh ein hohes Alter der Leiche vermutete, informierte den Gutsbesitzer Kammerherr von Bülow, der die Vorgänge in einen Brief dem Museum vaterländischer Alterthümer in Kiel meldete, der dort am 5. Juni einging. Am Folgetag, dem 6. Juni, erschien ein Bordesholmer Amtsrichter in Begleitung der Ärzte Dr. Hansen aus Neumünster und Dr. Kästner aus Bordesholm, die die Leiche vor Ort obduzierten und dafür Schädel, Brust- und Bauchhöhle öffneten. Sie vermuteten, dass es sich bei dem Toten um einen ermordeten ungarischen Mausefallenhändler handele. Einige Stunden nachdem die Gerichtsdelegation abgereist war, traf von Bülow zusammen mit dem Archäologen Heinrich Handelmann vom Kieler Museum vaterländerischer Alterthümer und dem Arzt Adolf Pansch von der Universität Kiel ein, die den Fund bereits in stark geschädigtem Zustand vorfanden. Neben der Leiche lagen die wenigen verbliebenen Reste der ledernen und wollenen Bekleidung auf einem Haufen. Beide erkannten sogleich das hohe Alter des vorliegenden Fundes und verpackten ihn in einen bereitstehenden Sarg. Von Bülow sorgte für den umgehenden Transport an das anatomische Institut der Universität Kiel, wo er bereits am nächsten Tag in Empfang genommen wurde.

Wissenschaftliche Bearbeitung Nach dem Eintreffen in der Anatomie am 7. Juni 1871 wurde die Leiche gründlich gewaschen und von den anhaftenden Torf- und Pflanzenresten befreit, die teilweise in den Körper eingewachsen waren. Danach folgten gründliche anatomische Untersuchungen. Da der Schädel von der gerichtsmedizinischen Kommission bereits geöffnet und zerlegt worden war, lag dieser nur in Einzelteilen und die Kopfhaut in zwei bis drei großen Lappen vor. Alle Schädelknochen wurden entnommen und wieder zusammengefügt. Vom Schädel wurde ein Modell aus Ton und Torf angefertigt und darüber die Gesichtshaut wieder rekonstruiert. Aus dem Körper wurden die inneren Organe entnommen und in Alkohol konserviert. Die Knochen und das Gehirn wurden getrocknet. Um die durch die Organentnahme entstandenen Hohlräume des Körpers zu stützen, wurden diese mit Seegras ausgefüllt. Anschließend wurde der Körper an einem gut belüfteten Ort zum Trocknen ausgelegt, wo er jedoch nach wenigen Tagen zu schimmeln begann und einen leichten Verwesungsgeruch verbreitete. Daraufhin wurde er mit hochprozentigem Alkohol behandelt und anschließend endgültig getrocknet. Die Moorleiche hatte nach der Trocknung nur noch ein Gewicht von 4,5 kg. Dieses gesamte Vorgehen würde nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft keinesfalls mehr praktiziert werden, da jetzt versucht wird, den ursprünglichen Befund so wenig wie möglich zu verändern. Später wurde die Leiche in einer Metallvitrine mit Glasdeckel im Museum vaterländischer Alterthümer ausgestellt.

In den Folgejahren wurden gelegentlich weitere Untersuchungen an den Resten der Moorleiche vorgenommen.

Aktuelle computertomographische Untersuchungen ergaben, dass die Kopfhaut mit einem anderen, noch nicht bekannten Material unterfüttert wurde. Dabei wurden ebenso weitere, massive und irreparable Eingriffe aus den frühen Konservierungs- und Präparationsmaßnahmen des Fundes festgestellt. Diese Eingriffe waren nicht dokumentiert, so dass unbekannt ist, wann sie erfolgten, welche Maßnahmen durchgeführt wurden und welche Werkstoffe oder Mittel verwandt wurden. So wurde der Kopf nach der Autopsie auf einem Unterbau aus unbekannten Werkstoffen (vermutlich Baumwollfasern) aufgebaut der mit mehreren Metalldrähten umwickelt in Form gehalten wurde. Die Gesichtskonturen wurden vermutlich mit Modellierton auf dem Unterbau ausgearbeitet, was aber zu einer Veränderung der Kopfform führte. Einige Zähne wurden durch Kunstmaterial ersetzt oder ergänzt. Ebenso wurden zahlreiche Wirbel, Rippen, Becken und Extremitätenknochen mit Wicklungen aus eisernen und kupfernen Drähten fixiert, die auf den Röntgenaufnahmen zu erheblicher Artefaktbildung führten, die eine genauere Auswertung der Bilder in Bezug auf Verletzungen oder zur Bestimmung des Lebensalters unmöglich machte. Die Wirbel C1 bis C4 fehlen. Die 1871 bei der Autopsie festgestellten Verletzungen des Gesichts und Schädels wie der dreieckigen Verletzung oberhalb der Nasenwurzel oder der sternförmigen Fraktur unterhalb im Bereich der rechten Orbita, Schläfenbein und Scheitelbein konnten auf den Aufnahmen des massiv rekonstruierten Kopfes nicht bestätigt werden, da die Schädelknochen nicht mehr vorhanden sind.

Befunde mini|Das rekonstruierte Gesicht des Mannes von Rendswühren mini|Mann von Rendswühren, Ausstellung im Schloss Gottorf Ursprünglich lag der Mann von Rendswühren ausgestreckt auf dem Bauch, die Arme nahezu ausgestreckt entlang des Körpers, Unterarme und Hände lagen unter dem Körper. Der Kopf war mit einem Fellumhang sowie einem rechteckigen Wollmantel umhüllt. Der Kopf wies Richtung Südosten und lag etwa 40 Zentimeter tiefer als die Füße. Seine Beine waren kreuzweise übereinandergeschlagen. Die Leiche war nach Auskunft der Finder bei der Bergung bereits trocken und fest, obwohl sie aus einer Torfschicht stammt, die unterhalb der Wasserspiegel in den benachbarten Torfgruben lag. Die Haut hatte bei der Auffindung eine tief dunkelbraune Farbe, fast wie „ein Stück Rauchfleisch, welches stark geräuchert wurde...“.Handelmann, Pansch: Moorleichenfunde in Schleswig-Holstein. S. 17. Der linke Fuß der Leiche war durch einen Spatenstich abgetrennt, wohingegen der Rest der Leiche, inklusive Ohren und Genitalien, vollständig erhalten vorlag. Um den linken Knöchel befand sich ein streifenartiges Stück Leder. In der Nähe der Fundstelle wurde ein dunkelbraun verfärbter Unterarmknochen eines Pferdes gefunden, dessen Zusammenhang mit der Deponierung des Mannes jedoch unsicher ist. Etwa vier Meter östlich wurden weitere Kleidungsstücke aus Leder ausgegraben, die allerdings nicht geborgen werden konnten.

Medizinische Befunde Schon bei der Bergung wurde die Moorleiche stark in Mitleidenschaft gezogen, so wurde ihr Unterkiefer gebrochen und der linke Fuß abgerissen. Bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung konnte das Geschlecht der Moorleiche von Rendswühren aufgrund der erhaltenen Genitalien als männlich bestimmt werden. Der Mann war etwa 40 bis 50 Jahre alt. Skelett, Haut und Kopfhaar des Mannes waren erhalten, wobei die Haut auf der Vorderseite des Körpers besser erhalten war als auf der Rückseite. Die Knochen waren durch die Einwirkung der Moorsäuren stark entkalkt, weich, biegsam und hatten eine dunkelbraune Farbe. Die Knochen des Schädels waren weich und bröselig; dagegen waren die Gesichtsknochen jedoch besser erhalten. Am Gebiss des Mannes lagen bei der Auffindung noch alle 32 Zähne vor, jedoch wurden einige durch Schaulustige nach der Ausgrabung entwendet. Die Zähne wirken jetzt kleiner, da ihre Zahnschmelzauflagen durch die lange Lagerung im sauren Moormilieu vollständig aufgelöst waren. Sie waren entkalkt, braun verfärbt und wiesen stark abgekaute Kauflächen auf. In einigen Zahnhöhlen war der Kiefer sichtbar durch Parodontose geschädigt. Die Weichteile wie Fett- und Muskelgewebe waren größtenteils vergangen, lediglich Bänder und Sehnen lagen noch vor. Im Körperinneren lagen die Organe, wenn auch stark geschrumpft, vor. Im Magen- und Darmtrakt konnten mikroskopisch keine Reste von Speisenresten ausgemacht werden. Isotopenanalysen bei der Neubearbeitung im Jahre 2005 ergaben, dass der Mann einen für seine Zeit erhöhten Fleischkonsum hatte, wobei Pflanzenfresser den Hauptanteil der tierischen Nahrung bildeten, wohingegen Seetiere wie Fische oder Muscheln nachweislich keinen Anteil an seiner Ernährung hatten. Am Kopf des Toten wurden zahlreiche Verletzungen festgestellt. Neben einer Wunde im Schädelknochen über dem rechten Auge waren der Hinterkopf und das rechte Scheitelbein völlig zertrümmert. Die Oberfläche der Moorleiche war nach der Auffindung von einem dichten Vlies aus Pflanzenwurzeln überzogen, diese Wurzeln drangen teilweise durch Hautöffnungen in das Innere der Leiche ein und wuchsen dort weiter. Die Kopfhaare des Mannes waren etwa 5 cm lang und durch die Moorsäure braun verfärbt. Sie hatten sich, durch die unsachgemäße Lagerung im Anschluss an die Bergung, größtenteils aus der Kopfhaut gelöst, aber klebten noch daran.

Todesursache Zur Ermittlung der Todesursache lassen sich lediglich die Ergebnisse der 1871 durchgeführten Autopsie der Leiche, sowie die Aussagen des Finders heranziehen, da die darauf folgenden massiven konservatorischen Eingriffe in die Substanz der Moorleiche heute keine aussagekräftigen Schlüsse aus den neueren Untersuchungen zuließen. Die deutlichen Verletzungen des Schädels durch massive Schläge legen nahe, dass der Mann von Rendswühren gewaltsam zu Tode kam. Nach Aussage der Finder war die Kleidung um den Kopf des Toten gruppiert und es sah nach Aussage Möllers aus, als ob sie dorthin verrutscht war. Möglicherweise wurde der Mann durch das Moor geschleift, wobei ihm die Kleidung über den Kopf rutschte.

Datierung