Mittani (auch Mitanni, Mittanni oder Ḫanilgabat) war ein Staat in Nordsyrien. Im 15. und frühen 14. Jahrhundert v. Chr. reichte er von der Grenze Nordmesopotamiens bis in den Norden Syriens. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. bis zu seinem Ende in der Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. umfasste er das Gebiet der Quellflüsse des Habūr. mini|hochkant=1.5|Lage des Mittanireiches und seine territorialen und geopolitischen Beziehungen um 1500 v. Chr. Name Die Eigenbezeichnung war Ma-i-ta-ni (Maitani) (Šuttarna I. und Sauštatar), die Gernot Wilhelm von Maitta, dem Eigennamen eines hypothetischen Königs, ableitet. Später ist die Form Mittani, Mittan(i)-ni belegt, alternativ wird die Bezeichnung matḪanilgabat verwendet, durchgängig in Nuzi. Nach Speiser hieß das Reich Mitanni, aber das Land Ḫanilgabat.E. A. Speiser, A Letter of Saushshatar and the Date of the Kirkuk Tablets. Journal of the American Oriental Society 49, 1929, 274 Seit dem 13. Jh. ist Ḫanilgabat gegenüber Mittan(ni) vorherrschend.Gernot Wilhelm, Stichwort Mittan(n)i im Reallexikon der Assyriologie Die Amarnabriefe des Königs Tušratta kennen die Schreibweisenhier und im Folgenden in Transliteration nach den keilschriftlichen Originalen Mi-ta-an-ni (EA 21), Mi-i-ta-an-ni (EA 23), Mi-i-ta-a-an-ni (EA 22), Mi-i-it-ta-an-ni (EA 19) und Mi-it-ta-a-an-n[i] (EA 28).

Die Assyrer nannten das Land Ḫabingalbat, Hanilgabat, Ḫanigalbat oder Ḫabilgalbat, eine Bezeichnung, die seit dem 15. Jahrhundert gebräuchlich ist. Nur in einer historisierenden Inschrift von Tiglat-Pileser I., in der der assyrische König über die Jagd auf Wildstiere berichtet, taucht einmalig die Bezeichnung Mi-ta-a-ni auf.

Der mittelhethitische Vertrag zwischen Tudḫaliya I. (laut Gernot Wilhelm auch Tudḫaliya I/II.) und Šunaššura von Kizzuwatna nennt Mi-it-ta-an-ni, die auch weiterhin in Ḫattuša gebräuchliche Form. In akkadischen Texten verwendeten die Hethiter Hanikalbat, in hethitischsprachigen Mitanna und in den Hieroglypheninschriften (L)Mi-ta-ni. Zuweilen findet hier auch Ḫurri* Verwendung, so im Vertrag zwischen Šuppiluliuma I. und Šattiwaza. Seit Muršili II ist auch Ḫurri belegt.

In den Inschriften der Ägypter zwischen der Zeit von Thutmosis III. und Scheschonq I. findet sich mìt_n und mìtn. Außerdem verwendeten die Ägypter seit Thutmosis I. die Landschafts-Bezeichnung Nah(a)rina/Naḫrina (nhr) für Nordsyrien, die später auf das Mittan(n)i-Reich übertragen wird. Šuttarna II. wird als Fürst von Naharina bezeichnet.

In neuassyrischer Zeit, nach dem Ende Mittan(n)is als Staatswesen, wurde der Name Ḫanigalbat für das Land zwischen den Flüssen Chabur und Euphrat verwendet.

Geographie und Quellen Mittani erstreckte sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung von Nuzi (heute bei Kirkuk im Irak) im Osten über die Nordtigrisregion und Nordsyrien bis nach Kizzuwatna (in Kleinasien) im Westen. Sein Zentrum lag im Gebiet des Chabur und dessen Quellflüssen. Hier befanden sich auch die Hauptstädte Waššukanni (vermutlich mit dem Tell Fecheriye bei Raʾs al-ʿAin zu identifizieren), wo Sauštatar seinen Palast hatte, und Taite (die Hauptstadt der Spätzeit, vermutlich im Tall Hamidiya zu lokalisieren). Beide Städte konnten noch nicht einwandfrei lokalisiert werden. Im Norden grenzte Mittani an Išuwa und Alše.

Da die Hauptstädte bisher nicht ausgegraben werden konnten, stützt sich das Wissen über Mittani vor allem auf ägyptische, assyrische und hethitische Quellen. Aus mittanischem Gebiet selbst liefern die Palast- und Privatarchive aus Nuzi im Königreich Arrapḫa, Nagar (Tell Brak, der früher fälschlicherweise mit Taite identifiziert wurde) und Alalach die wichtigsten Textfunde; weitere Texte fanden sich in Qatna. An einer seit 2010 bekannten Fundstelle, die vermutlich im Gebiet der aus einer schriftlichen Quelle bekannten Stadt Zachiku liegt, konnte durch den niedrigen Wasserstand des Mosul-Stausees seit Herbst 2018 bei Rettungsgrabungen in Kemune, südwestlich der Provinzhauptstadt Dohuk, ein Palast aus der Mittanizeit am Ostufer des Tigris in der autonomen Region Kurdistan nachgewiesen werden, der vor allem durch die Entdeckung von Wandmalereien oder farbigem Putz von großer Bedeutung für die Forschung ist. (Pressemitteilung vom 27. Juni 2019)

Das mittanische Königreich hat der Nachwelt wenig hinterlassen. 1925 wurde im Nordirak ein erster Mittani-Palast in der antiken Stadt Nuzi entdeckt. Ein zweiter Palast wurde in der südlichen Türkei in den Rudimenten der bronzezeitlichen Stadt Alalach gefunden. Auf dem höchsten Punkt von Tell Brak im Nordosten von Syrien legten britische Forscher zwischen 1985 und 1987 einen weiteren Palast frei. Der Palast in Kemune ist bisher der vierte und weist eine Fläche von mehr als 2000 Quadratmetern auf.

Wirtschaft Der fruchtbare Boden und der ausreichende Niederschlag ermöglichten sowohl Ackerbau als auch die Haltung von Rindern, Schafen und Ziegen. Auf künstlich bewässerten Feldern waren zwei Ernten im Jahr möglich. In Arrapḫa war der Ertrag von Weizenfeldern deutlich geringer als der von Gerstenfeldern. Zudem gab es nomadische Viehzüchter, die Getreiderationen zugeteilt bekamen.

Der Handel wurde in Arrapḫa über den Palast von Palastsklaven organisiert. Es ist nicht klar, inwieweit sich dieser Handel auf andere Provinzen Hanigalbats übertragen lässt.

Bevölkerung und Sprache Die Bevölkerung bestand aus Hurritern, Amoritern und Assyrern. Aus Mittani sind hurritische, akkadische und alt-anatolische Sprachzeugnisse bekannt.

Es finden sich zudem einzelne indoarische Wörter. Zu Letzteren gehören Personennamen, hippologische Termini, Zahlen sowie Namen von Göttern, die zum Teil auch aus dem vedischen und persischen Pantheon bekannt sind. Mayrhofer (1961, 30) bezeichnet sie als „spärliche Relikte arischer Prägung, von denen nach vertiefter Betrachtung noch manche verfehlte Zuweisung abgezogen werden musste.“ Es handelt sich im Einzelnen um: hippologische Termini aus dem hethitischen Kikkuli-Text, Pferdebezeichnungen aus Nuzi, im Einzelnen: b/paprunnu (altind. babhrú-, rotbraun) b/ppinkarannu (*piṅgará-, altind. piṅgalá-, rötlich) paritannu (*paritá-, altind. palitá-, grau) den Ausdruck maryanni für Streitwagenkämpfer, der aus ved.-altind. márya- = junger Mann, Held abgeleitet wurde. Inzwischen wird diese Ableitung jedoch bezweifelt (Kammenhuber 1961, Mayrhofer 1969, 37). Aus einem Vertrag zwischen Šuppiluliuma I. von Ḫatti und Šattiwazza, Sohn von Tušratta, dem König von Mittani aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., sind Götternamen bekannt, die 1907 von Hugo Winckler mit den rigvedischen Mitra, Indra, Varuna und Nāsatyā gleichgesetzt wurden. Georges Dumézil übernahm diese Gleichsetzung. dingir meš (die Götter) mi-it-ra-aš dingir meš a-ru-na/ú-ru-ua-na dingir meš in-da-ra/in-tar dingir meš na-ša-at-ti-ia-an-na Außer einer Vielzahl anderer Götter werden noch „die männlichen Götter, die weiblichen Götter, einzeln und zusammen, aus dem Lande Ḫatti, die männlichen Götter, die weiblichen Götter, einzeln und zusammen, aus dem Lande Kizzuati, die Götter der Unterwelt“, ferner „Himmel und Erde, der Wind und die Wolken“, „alle tausend Götter“ angerufen. unbestritten der Königsname Artatama nach Mayrhofer zehn weitere Thronnamen der Barsatar-Dynastie. Die Privatnamen der Könige und die Frauennamen sind aber, soweit bekannt, hurritisch. So führte König Šattiwaza/Kurtiwaza den Geburtsnamen Kili-Tešup. Ein Halsschmuck Mani-nnu, der in einem der Amarna-Briefe erwähnt wird nach Mayrhofer einige Personennamen, wie Bi-ri-da-aš-wa aus Syrien und Bi-ri-ia-aš-šu-wa aus Alalach IA (sein Vater trug den hurritischen Namen Irip-šeni).

Geschichte Vorgeschichte und Frühzeit Schon aus dem späten 3. Jahrtausend v. Chr. sind hurritische Staatswesen bekannt. Vor allem zu nennen ist hier das Fürstentum Urkeš, das unter seinen Fürsten Atal-Šen im 22. Jahrhundert und Tiš-Atal im 21. Jahrhundert v. Chr. (nach der mittleren Chronologie) ein recht großes Gebiet umfasste. Ist für diese Zeit eine hurritische Bevölkerung vom Gebiet des Zagros bis zu den Habūr-Quellflüssen belegt, so sind für das 18. und 17. Jahrhundert v. Chr. schon zahlreiche hurritische Personennamen bis in das Orontesgebiet hinein nachgewiesen worden. Nun fanden sich im Norden Mesopotamiens hurritische Fürstentümer wie Burundum und Elahut; während Hurriter in Mari und Babylonien zu dieser Zeit vorrangig als Arbeiter oder als Sklaven tätig waren, waren sie in Yamhad bereits in die oberen Gesellschaftsschichten aufgestiegen. Als der Hethiterkönig Ḫattušili I. gegen die expansiven Hurriter um 1630 v. Chr. gen Osten zog, hatte er es noch mit den hurritischen Königen von Suda und Ilanzura zu tun. Aus der Inschrift auf der Statue des Idrimi ist um 1470 v. Chr. erstmals die Existenz des Staates Hurri/Mittani bezeugt, welcher spätestens am Ende des 16. Jahrhunderts v. Chr. entstanden war und sich bereits von Nordmesopotamien bis an das Mittelmeer erstreckte.

Der Beginn des Staates liegt völlig im Dunkeln. Mittanis Könige trugen ausschließlich nichthurritische Thronnamen, von denen einige als indoarisch identifiziert worden sind. Da im Šattiwazza-Vertrag indoarische Gottheiten erwähnt werden (wenn auch nicht an führender Stelle) und der Hurriter Kikkuli in einem hethitischen Text indoarische Termini für das Pferdetraining verwendete, ist vermutet worden, dass sich Indoarier irgendwann an die Spitze hurritischer Fürstentümer oder Stammesverbände gesetzt hatten. Einer anderen Ansicht zufolge waren (spätere) hurritische Eliten zu einem unbekannten Zeitpunkt von indoarischem Kulturgut beeinflusst worden, wofür auch sprechen könnte, dass mindestens ein Mittani-König (Šattiwazza) vor seiner Thronbesteigung einen hurritischen Namen trug. Mangels hinreichender Belege ist diese Frage derzeit leider nicht entscheidbar. Idrimi entstammte jedenfalls einer in Halab ansässigen Dynastie, die sich zwei oder drei Generationen vor ihm vertraglich an das junge Hurriterreich gebunden hatte – eine Vorgehensweise, die ebenso im Falle Assurs und später Kizzuwatnas zu beobachten ist und die vielleicht auch typisch für die Entstehung des Reiches gewesen war. Um 1500 v. Chr. wurden Idrimi und seine älteren Brüder vertrieben, offenbar weil sich Halab seinem mittanischen Oberherrn gegenüber nicht mehr willfährig verhielt. Nach mehrjähriger Flucht unterwarf sich Idrimi dem Mittani-König Parrattarna. Um der Eide willen, die sich die beiden Herrscherfamilien einst geschworen hatten, wurde Idrimi mit der Provinz Mukiš und ihrer Hauptstadt Alalach ausgestattet, welche auch schon von seinen Vorvätern regiert worden war.

Das Großkönigtum Mittani miniatur|hochkant=1.5|Kerngebiet und vermutete maximale Ausdehnung des Großkönigtums Mittani mini|Siegel von König Sauštatar (1450–1410 v. Chr.)