Die Osmanische Armee bildete sich um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert (ca. 1790 bis 1830) als das einheitliche Heer des Osmanischen Reiches heraus und löste als einheitliche Organisation die historisch gewachsenen bewaffneten Einheiten der vorangehende Jahrhunderte ab. Die Bildung dieser Armee ist Ausdruck der Modernisierung des Osmanischen Reichs im 19. Jahrhundert und der Ausbildung eines modernen Staatswesens. Mit dem Untergang des Osmanischen Reiches ging aus ihr die Türkische Armee hervor.

mini|Flagge der osmanischen Armee 1793–1923

Die Entstehung des Osmanischen Reiches mini|Osmanische Sipahis

Ursprünglich verfügten die Osmanen über reine Reiterheere, da Infanterie kaum vorhanden und die Artillerie noch nicht bekannt war. Dieser Tradition nach spielten die Sipahis, Inhaber von Militärlehen, lange Zeit eine wichtige Rolle im osmanischen Heereswesen. Eine weitere wichtige Rolle kam den Akıncı genannten Kundschaftertruppen zu. Ursprünglich kämpfte das osmanische Militär auf dem Lande mit Lanzen und Pfeilen. In der Anfangsphase führten die osmanischen Truppen Kleinkriege gegen byzantinische Siedlungen. Sie belagerten die Städte der Byzantiner und schnitten sie vom Nachschub ab. So gelangten bis 1331 Inegöl, Bilecik, Bursa und İznik unter osmanische Herrschaft.

Durch das Lehnswesen der Sipahis wurde die Kriegsführung in der Regel auf ein halbes Jahr begrenzt: Feldzüge begannen gewöhnlich am Hizirtag (6. Mai) und die Truppen kehrten am Kasimstag (Anfang November) zurück.

Durch die immer weiter wachsende Größe des Reiches wurden die Truppen unterteilt in Kapıkulu (Truppen des Sultans oder Truppen der Pforte), welche bezahlt wurden. Zu diesen gehörten die Janitscharen Serratkuli (Grenzwächter), die den Walis, den Provinzgouverneuren, unterstanden Soldaten von Alliierten, wie dem Khanat der Krim Başı Bozuk, irregulären Soldaten, welche nicht bezahlt wurden und vom Plündern lebten

Als infanteristische Komponente des Heeres wurde ab zirka 1330 das Janitscharenkorps geschaffen, das direkt dem Sultan unterstand. Ab 1438 wurden die Janitscharen systematisch durch die so genannte Knabenlese rekrutiert, bei der hauptsächlich aus dem Balkan, vor allem aus Serbien und Bosnien stammende Jungen ausgewählt und zur Erziehung und Ausbildung in das Osmanische Reich gebracht wurden. Als stehende Truppe mit festem Sold und teilweise mit Pensionszusagen, gleich ob Friedenszeit oder Krieg, wurden die Janitscharen – anders als das Lehnsheer, das nur im Krieg Geld kostete – zur schweren finanziellen Belastung für das Reich.

Ab 1420 schufen die Osmanen mit Hilfe italienischer, ungarischer und deutscher Kanonengießer eine Artillerie, die Topçu, die auch dem Sultan unterstanden.

Durch die Eroberungsfeldzüge seiner Armee dehnte sich das Osmanische Reich ab Mitte des 14. Jahrhunderts auf große Teile von Südosteuropa aus. Nachdem sie 1453 das Byzantinische Reich vernichtet und die Herrschaften der Albaner, Bulgaren, Bosnier und Serben unterworfen hatten, beherrschten die Osmanen um 1500 nahezu den gesamten Balkan. Bis ins letzte Drittel des 17. Jahrhunderts konnten sie ihre Herrschaft auf weite Teile des vormaligen Königreiches Ungarn (Zentralungarn, Siebenbürgen), die Wallachei, die Moldau und das Gebiet der nördlichen Schwarzmeer-Küste (Podolien, Jedisan, Krim) ausdehnen. Zudem wurden große Teile Kleinasiens dem Osmanischen Reich angegliedert.

Die Strategie der Osmanen war stets offensiv, die Taktik in der Schlacht jedoch defensiv ausgerichtet. Der Serbe Konstantin aus Ostroviza schreibt in seinen Memoiren eines Janitscharen (15. Jahrhundert):

Die Aufstellung des Heeres des Sultanhofes geschieht wie folgt: Die höfische Reiterei hat ihren Platz neben dem Sultan, vor ihm die Janitscharen, hinter ihm die Kamele. Um sie herum werden von allen Seiten Gräben und Wälle aufgeschüttet. (...) ein Wall, in den dicht nebeneinander Spieße hineingeschlagen werden. Dann werden Stückbette für die Geschütze aufgestellt, damit man aus den Kanonen schießen kann.

In der Sultansschanze standen also die Janitscharen, flankiert von der Artillerie (Topçu) und der Kavallerie Kapikuli. Davor die Infanterie Serratkuli (die Truppen aus Rumelien und Anatolien), sowie die Sipahis. Im Vorfeld schwärmten die Akıncı als Aufklärer und Störer aus. Die schwere christliche Reiterei durchbrach meist relativ schnell diese ersten Linien und stürmte bis vor die Sultansschanze. Dort wurde der Vorstoß der ermüdeten Reiter jäh aufgehalten und sie wurden vom geballten Einsatz der Elitetruppen und der Artillerie vernichtet oder in die Flucht geschlagen.

Die abendländische Kriegskunst verharrte zu lange im Glauben an den schlachtentscheidenden Einsatz der schweren gepanzerten Kavallerie wie im Hochmittelalter. Auch verfügten die christlichen Heerführer über schlechte oder gar keine Aufklärung. Die Weiterentwicklung der türkischen Taktik (besonders auch der Artillerie) blieb ihnen lange Zeit verborgen, so dass diese Fehler auf dem Schlachtfeld immer wieder vorkamen.

Die Osmanen vor Wien mini|Zeitgenössisches Gemälde der Belagerung Wiens von 1683

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts folgte eine weitere massive Ausdehnung des Osmanischen Reiches durch weitere Eroberung. Das osmanische Heer war zu diesem Zeitpunkt eine moderne Armee.

Unter Selim I. wurde das osmanische Heer reformiert. Er ließ die Artillerie modernisieren, dämmte die Macht der Janitscharen ein und begann mit dem Aufbau einer Flotte. Unter ihm kämpfte die osmanische Armee gegen Persien, eroberte Syrien, Ägypten und die heiligen Städte Mekka und Medina. Unter dem seit 1520 herrschenden Sultan Süleyman I. dem Prächtigen wurde das Königreich Ungarn zum Ziel der osmanischen Expansionspolitik. Die erfolgreiche Belagerung von Belgrad führte ab 1521 zu einer 150-jährigen Blütezeit der Stadt Belgrad. 1522 landete die osmanische Armee auf Rhodos und nahm die Festung im Dezember 1522 ein. 1526 marschierte eine etwa 60.000 bis 70.000 Mann starke Armee in Richtung Norden, zu der 10.000 Sipahis und 12.000 Janitscharen gehörten. Sie besiegte im August 1526 in der Schlacht bei Mohács die ungarische Armee. Vom 27. September bis zum 14. Oktober 1529 kam es zur Ersten Wiener Türkenbelagerung, wobei sich die Verteidiger der Stadt aufgrund des widrigen Wetters gegen die Belagerer behaupten konnten. Durch drei Feldzüge gegen die Safawiden gelang es der osmanischen Armee den Osten Kleinasiens endgültig zu erobern. Auch an anderen Fronten kam es zu Annexionen: 1534 Mesopotamien mit Bagdad, 1534 Aserbaidschan, 1540 Teile Dalmatiens, 1547 große Teile des Jemen. 1566 brachen die osmanischen Truppen erneut zu einem Ungarn-Feldzug auf. Süleyman I. starb jedoch während der Belagerung von Szigetvár. Der Tod des Sultans, die Gesamtverluste bei der Belagerung von etwa 20.000 Mann und der hereinbrechende Winter veranlassten das osmanische Heer zum Rückzug nach Konstantinopel.

In der Folgezeit weiteten die Janitscharen ihren Einfluss auf die Sultane stark aus. Der Aufstieg der Janitscharen beruhte auch auf Veränderungen in der Kriegsführung, die im 17. Jahrhundert auf allen europäischen Kriegsschauplätzen und darüber hinaus wirksam wurden: Die Bedeutung der Infanterie wuchs, während die der Kavallerie zurückging. Zudem machte die große Ausdehnung des Reiches stehende Truppen zur Bemannung von Grenzfestungen wichtiger. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts wuchs die Stärke der Janitscharen auf rund 400.000 Mann an. Dadurch sank die Qualität ihrer Ausbildung, so dass sie zunehmend weniger eine militärische Elite darstellten.Elke Hartmann: Scheinbehörde im politischen Kräftespiel: Der osmanische Generalstab. In: Gehirne der Armeen? Die Generalstäbe der europäischen Mächte im Vorfeld der Weltkriege. (= Krieg in der Geschichte. Bd. 118). Schoeningh, Paderborn u. a. 2023, ISBN 978-3-657-79195-8, S. 180 f.

Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erlahmte die Kampfkraft der osmanischen Armee. Noch einmal wurde 1683 zu Beginn des Großen Türkenkriegs Wien belagert. Das Scheitern dieser Belagerung führte in der folgenden Großoffensive zur Vertreibung der Osmanen aus dem Gebiet des Königreichs Ungarn durch die kaiserliche Armee. mini|Osmanisches Staatszelt, Anf. 18. Jahrhundert; davor der Mörser von Belgrad (Heeresgeschichtliches Museum, Wien)

Die Reichsspitze war sich der abnehmenden militärischen Fähigkeiten bewusst. Ein erster Reformversuch endete 1622 mit der Ermordung Osmans II. durch Janitscharen.Elke Hartmann: Scheinbehörde im politischen Kräftespiel: Der osmanische Generalstab. In: Gehirne der Armeen? Die Generalstäbe der europäischen Mächte im Vorfeld der Weltkriege. (= Krieg in der Geschichte. Bd. 118). Schoeningh, Paderborn u. a. 2023, ISBN 978-3-657-79195-8, S. 181.

Der kranke Mann am Bosporus

mini|hochkant=1.5|Osmanischer Sieg bei Domokos während des Türkisch-Griechischen Krieges. (Künstlerische Darstellung des osmanischen Hofmalers Fausto Zonaro aus dem 20. Jahrhundert)

Im bzw. nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1768–1774 musste das Osmanische Reich endgültig erkennen, dass es seine Weltmachtstellung verloren hatte. Im 19. Jahrhundert wurde das vormals mächtige Osmanische Reich, inzwischen Kranker Mann am Bosporus genannt, durch Aufstände in den besetzten Gebieten geschwächt und wurde zunehmend zum Spielball der europäischen Mächte. Auf militärischer Ebene zeigte sich vom Ende des 18. bis ins 20. Jahrhundert hinein wiederholt, dass das Osmanische Reich nicht in der Lage war, umfassende militärische Pläne zu formulieren und umzusetzen. Ebenso wenig war die militärische Führung in der Lage, verschiedene Verbände sowie die nötige Logistik zu koordinieren. Es bestand eine Vielzahl konkurrierender Stäbe und Behörden und auch in Friedenszeiten arbeitete die Militärverwaltung ineffizient.Elke Hartmann: Scheinbehörde im politischen Kräftespiel: Der osmanische Generalstab. In: Gehirne der Armeen? Die Generalstäbe der europäischen Mächte im Vorfeld der Weltkriege. (= Krieg in der Geschichte. Bd. 118). Schoeningh, Paderborn u. a. 2023, ISBN 978-3-657-79195-8, S. 190 f.

In der Erkenntnis, dass die traditionellen osmanischen Truppen den modernen europäischen Armeen nicht gewachsen waren, schuf Selim III. (Sultan seit 1789) mit der Einheiten nach europäischem Vorbild. Zudem verpflichtete Selim ausländische Offiziere als Ausbilder. Seine geplante allmähliche Überführung der Janitscharen in das neue Korps führte jedoch zu Aufständen, die im Mai 1807 in seiner Absetzung gipfelten. Mustafa IV. unterstützte die Janitscharen bei deren Revolte gegen die Reformversuche seines Cousins Selim III. und wurde von ihnen daraufhin als Sultan eingesetzt. Mahmud II. entschied aber um 1820, die zu mächtig gewordenen Janitscharen abzuschaffen. Als diese bemerkten, dass der Sultan eine neue Armee bildete, rebellierten sie am 14./15. Juni 1826. Die Rebellion wurde unter Einsatz der nach europäischem Muster organisierten Artillerie blutig niedergeschlagen und das Korps aufgelöst. Dieser Vorfall wurde fortan als „wohltätiges Ereignis“ umschrieben. Anders als seine Vorgänger war Mahmud mit diesem Vorgehen erfolgreich, weil er in den Jahren zuvor eine von den Janitscharen unabhängige, schlagkräftige Truppe geschaffen und sich vorab der Unterstützung der Provinzgouverneure versichert hatte. Während die in Istanbul anwesenden Janitscharen mehrheitlich umgebracht wurden, erfolgte bei den in den Provinzen stationierten Verbänden ein weitgehender Übergang in neu aufgestellte Einheiten.Elke Hartmann: Scheinbehörde im politischen Kräftespiel: Der osmanische Generalstab. In: Gehirne der Armeen? Die Generalstäbe der europäischen Mächte im Vorfeld der Weltkriege. (= Krieg in der Geschichte. Bd. 118). Schoeningh, Paderborn u. a. 2023, ISBN 978-3-657-79195-8, S. 182. 1831 schaffte der Sultan auch die Sipahi ab.