Margret Bechler, geborene Dreykorn (* 2. Februar 1914 in Altona; † 7. Juni 2002 in Wedel.Manfred Zuber: Das Johann-Rist-Gymnasium dankt Margret Bechler. In: Everist. Nr. 6/2002, S. 122.), war eine deutsche Offiziersfrau, die für die Verhaftung des Opfers des Volksgerichtshofes Albert Jacob verantwortlich war.

Leben Margret Bechler wurde als Tochter des Marineingenieurs Georg Dreykorn und seiner Frau Alice (Adelheid) Dreykorn, geborene Döll, geboren. Bechler, Margret / Stalmann, Mine: Warten auf Antwort – Ein deutsches Schicksal, München 1978, Bildunterschrift S. 226f Der monarchistisch eingestellte Vater verließ nach dem Ersten Weltkrieg die Marine als Korvettenkapitän und zog 1920 mit seiner Familie nach Klein-Zschachwitz, weil er in Dresden eine Anstellung als leitender Ingenieur gefunden hatte. Seit 1929 war er arbeitslos. Margret, die 1934 das Abitur abgelegt hatte, lernte bereits 1933 den damaligen Oberfähnrich Bernhard Bechler kennen und verlobte sich 1936 mit ihm. 1938, Bernhard Bechler war Oberleutnant, heirateten beide und zogen nach Chemnitz, später nach Altenburg. Aus der Ehe stammen zwei Kinder: Heidi (* 1939) und Hans-Bernhard (* 1940). Margret Bechler war seit 1938 nicht mehr berufstätig, verfügte über keine berufliche Ausbildung und lebte bis Ablauf November 1944 als Hausfrau und Mutter von den Wehrsoldbezügen ihres Mannes.Vgl. Bechler 1978, S. 30 Der talentierte und auf sein Fortkommen bedachte Offizier durchlief mehrere Laufbahnstationen in der Wehrmacht, geriet jedoch im Kessel von Stalingrad als Major und Bataillonskommandeur in sowjetische Kriegsgefangenschaft, war am 11./12. September 1943 Mitbegründer des Bundes deutscher Offiziere (BDO), nach der Fusion des Bundes am 14. September 1943 auch Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) und später Frontbevollmächtigter des NKFD.

Am 3. September 1943 sendete der „Heimatdienst“ des Senders „Freies Deutschland“ des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) neben den auf Schallplatten aufgenommenen Grüßen anderer deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion auch Überlebenszeichen und Grüße von Bernhard Bechler an Margret Bechler und seine Kinder in Altenburg. Nur über diesen Weg konnten Kriegsgefangene ihren Familien ein Lebenszeichen senden, denn es gab keinen Postaustausch für Kriegsgefangene zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Im „Heimatdienst“ wurden die Zuhörer von den Kriegsgefangenen aufgefordert, den Familien die gehörten Überlebensgrüße zu überbringen. Viele Zuhörer im Deutschen Reich und den Nachbarländern setzten sich daraufhin mit den Soldatenfamilien in Verbindung. Diese Sendung des „Heimatdienstes“ mit (unter vielen anderen) Bechlers Familiengrüßen wurde bereits seit Ende August 1943 mehrfach ausgestrahlt. Der Zwickauer Bergwerkheizer Albert Jacob hörte diese Sendung zu Hause und beschloss, neben der Mutter eines anderen Soldaten auch Margret Bechler zu informieren und die gehörten Grüße ihres Mannes zu überbringen vgl. Vernehmungsprotokoll von Albert Jacob durch die Gestapo, Bundesarchiv Signatur R 3018/1006, Faksimileabdruck in: Sven Hüber, Albert Jacob - Zwickauer, Ermordeter, Vergessener. Ein deutsches Schicksal, Material zur staatspolitischen und erinnerungspolitischen Bildungsarbeit, Broschüre, Hrsg. Gewerkschaft der Polizei, Bezirk Bundespolizei, Hilden 2020, S. 24. Abgerufen am 4. Oktober 2020 .

Bernhard Bechler war zum Zeitpunkt der Ausstrahlung der Familiengrüße weder Mitglied des Bundes Deutscher Offiziere noch des Nationalkomitees Freies Deutschland und trat im Spätsommer 1943 auch noch nicht als Propagandist für diese im Radio in Erscheinung, sondern sandte lediglich wie viele andere Gefangene Grüße per Radio an seine Familie. Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 standen die Ehefrauen von im NKFD engagierten Wehrmachtsoffizieren unter Beobachtung, darunter Margret Bechler. Bechler, Margret / Stalmann, Mine: Warten auf Antwort – Ein deutsches Schicksal, München 1978, S. 28 Margret Bechler wurde erst Ende November 1944 von einem beauftragten Major und Reserveoffizier des Wehrmachtsstandortkommandanten Altenburg „nahegelegt“, dass ihr „im Falle einer Scheidung [von Bernhard Bechler] gewisse Erleichterungen gewährt werden können, wie zum Beispiel Unterstützung durch die Fürsorge und selbstverständlich die Benutzung der öffentlichen Einrichtungen“, Margret Bechler lehnte dies jedoch ab. Bechler, Margret / Stalmann, Mine: Warten auf Antwort – Ein deutsches Schicksal, München 1978, S. 30 Margret Bechler erhielt darauf mehrere Zuschriften von Radiohörern, die die Familiengrüße ihres Mannes gehört hatten. Bechler, Margret / Stalmann, Mine: Warten auf Antwort – Ein deutsches Schicksal, München 1978, S. 15 Am 5. September 1943 zeigte Margret Bechler bei der Polizei Altenburg einen unbekannten Grußüberbringer an, der sie am 2. September 1943 persönlich zu Hause aufgesucht hatte Faksimileabdruck in Sven Hüber, Albert Jacob - Zwickauer, Ermordeter, Vergessener. Ein deutsches Schicksal, Material zur staatspolitischen und erinnerungspolitischen Bildungsarbeit, S. 14. Abgerufen am 18. Oktober 2020. Sie nahm auch an der Hausdurchsuchung der Gestapo bei einem Unbeteiligten in Altenburg teil, den die Gestapo verdächtigte, Feindsender zu hörenMargret Bechler/Mine Stalmann, Warten auf Antwort – Ein Deutsches Schicksal, München 1978, S. 18 und übergab freiwillig der Polizei eingegangene Briefe.

Als Albert Jacob am 13. September 1943 versuchte, ihr die von ihm am 3. September 1943 im Heimatdienst gehörten Überlebensgrüße ihres Mannes zu überbringen, wies Margret Bechler ihn in der Tür ab, rief die Kriminalpolizei Altenburg, verfolgte den bereits weit entfernten flüchtenden Jacob gemeinsam mit zwei weiteren Hausbewohnerinnen und sorgte für seine FestnahmeBechler, Margret / Stalmann, Mine: Warten auf Antwort – Ein deutsches Schicksal, München 1978, S. 23. Bechler sagte noch am 13. September 1943 umfangreich gegen Albert Jacob aus,Sven Hüber, Albert Jacob - Zwickauer, Ermordeter, Vergessener. Ein deutsches Schicksal, Material zur staatspolitischen und erinnerungspolitischen Bildungsarbeit, S. 19 ff, Aussage von Margret Bechler gegen Albert Jacob am 13. September 1943, Bundesarchiv Signatur R 3018/1006. Abgerufen am 4. Oktober 2020 nachdem sie mit der Taschenlampe im Straßengraben nach dem von Jacob weggeworfenen anonymen Brief an sie gesucht und der Polizei als Beweisstück gegen Jacob übergeben hatte Marcel Braumann: Er brachte ihr Lebenszeichen, sie ihm den Tod, neues Deutschland vom 9. Dezember 1992, S. 3. Bechler war dabei bewusst, dass „auf das Abhören feindlicher Sender die Todesstrafe stand“ Margret Bechler/Mine Stalmann, Warten auf Antwort – Ein Deutsches Schicksal, München 1978, S. 18 , später sagte sie in Vernehmungen aus, dass ihre Anzeige gegen Jacob erfolgte, weil sie „mit den illegalen Tätigkeiten nicht einverstanden war“ und „mit dem Hingehen zur Gestapo die Haltung unserer Familie zum Ausdruck bringen“ wollte Vernehmungsprotokoll Margret Bechler, zitiert nach Sven Hüber, Albert Jacob - Zwickauer, Ermordeter, Vergessener. Ein deutsches Schicksal, Material zur staatspolitischen und erinnerungspolitischen Bildungsarbeit, S. 13 , zudem sei sie „mit jener Vaterlandsliebe großgeworden, die ohne Schwarzweißdenken und Feindbildvorstellungen“ nicht auskam, es hätte „innere und äußere Feinde, Volksfeinde, Staatsfeinde, Judentum und Bolschewismus als große Weltfeinde“ gegeben, es schien „mir selbstverständlich“, „den inneren Feind bekämpfen zu helfen, sofern ich konnte“ Margret Bechler/Mine Stalmann, Warten auf Antwort – Ein Deutsches Schicksal, München 1978, S. 19 . Bechler gab an, dass sie den Verrat an Jacob „nicht aus parteipolitischen Gründen getan habe, sondern in der Meinung, dass dies für Deutschland überhaupt nur zum Guten sein könne“. Eisert, Wolfgang: Die Waldheimer Prozesse. Der stalinistische Terror 1950 – Ein dunkles Kapitel der DDR-Justiz, München 1993, S. 218

Bechlers Denunziation war zeittypisch, zwischen 73 und 100 Prozent der Ermittlungen der Gestapo wegen Rundfunkverbrechen wurden durch Denunziationen wie die ihre ausgelöst.Böske, Stefan Christian: Denunziationen in der Zeit des Nationalsozialismus und die zivilrechtliche Aufarbeitung in der Nachkriegszeit, Dissertation, S. 99

Albert Jacob wurde von Margret Bechler und ihren Mitverfolgern an die Polizei übergeben, verhaftet, aufgrund der Nachrichtenüberbringung an Margret Bechler wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung angeklagt, am 2. Juni 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 17. Juli 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Als Jacobs Frau über einen Anwalt Margret Bechler am 20. Juli 1944 vgl. Antrag von Bernhard Bechler auf Toderklärung vom 30. Juni 1946, in Margret Bechler/Mine Stalmann: "Warten auf Antwort – Ein Deutsches Schicksal", München 1978, Anhang bat, ein Gnadengesuch zu unterstützen, lehnte diese aus Furcht vor Repressalien ab. Keine der beiden Frauen wusste, dass Jacob zu diesem Zeitpunkt bereits hingerichtet war. Für die spätere Behauptung von Bechler, Jacob habe „im Laufe seiner Haft“ zwei weitere Männer, davon einen Mann namens „Noski“, „in sein Unheil mit hineingerissen, auch sie waren hingerichtet worden“ Margret Bechler/Mine Stalmann: "Warten auf Antwort – Ein Deutsches Schicksal", München 1978, S. 47 , gibt es keine Anhaltspunkte. Sven Hüber, Albert Jacob - Zwickauer, Ermordeter, Vergessener. Ein deutsches Schicksal, Material zur staatspolitischen und erinnerungspolitischen Bildungsarbeit, S. 28. Abgerufen am 18. Oktober 2020

Nach der Besetzung Thüringens durch US-Truppen stellte die Witwe Hedwig Jacob bei der deutschen Polizei wegen der Denunziation ihres Mannes Strafantrag gegen Margret Bechler. Margret Bechler wurde daraufhin wegen der Denunziation von Albert Jacob am 9. Juni 1945 in NobitzMargret Bechler/Mine Stalmann: Warten auf Antwort – Ein Deutsches Schicksal, München 1978, S. 42 verhaftet. Nach dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 (KRG 10) Art. II 1 c galten Denunziationen von Nazi-Gegnern als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, das KRG 10 galt verbindlich für alle deutschen Gerichte in allen Besatzungszonen, Denunziationen wurden entsprechend strafrechtlich verfolgt. Claudia Bade, „Das Verfahren wird eingestellt“. Die strafrechtliche Verfolgung von Denunziation aus dem Nationalsozialismus nach 1945 in den Westzonen und in der frühen BRD, Historical Social Research, Vol. 26 – 2001 – Nr. 2/3, S. 72 Am 1. Juli übergaben die USA Thüringen an die sowjetische Besatzungsmacht. Margret Bechler kam in das Untersuchungsgefängnis Zwickau und dann in die Speziallager Bautzen, Jamlitz, Mühlberg und Buchenwald. Margret Bechler wurde 1946 auf Antrag ihres Ehemannes BernhardMargret Bechler/Mine Stalmann, Warten auf Antwort – Ein Deutsches Schicksal, München 1978, Anhang gerichtlich für tot erklärt, weil nach Auskunft von Marschall Schukow ihr Aufenthaltsort nicht zu ermitteln war. Bernhard Bechler hatte die gemeinsamen Kinder zu sich genommen und heiratete wieder. Als Bernhard Bechler 1950 erfuhr, dass seine Frau noch lebte, ließ er sich von ihr scheiden.

In der Literatur verbreitete Behauptungen, Bernhard Bechler hätte die gesetzlich bestimmte Strafverfolgung von Margret Bechler wegen der tödlichen Denunziation von Albert Jacob unterbinden oder beeinflussen können, entbehren jeder Grundlage.