Die Kultur der Schweiz bezeichnet die Vielzahl von kulturellen Eigenheiten, die allein für die Schweiz typisch sind oder von ausserhalb betrachtet als typisch schweizerisch angesehen werden. Dazu gehören zum Beispiel die Schweizer Calvinistische Arbeitsethik, die nicht nur die Präzision der Schweizer Uhren und Maschinen förderte, sondern auch hohe Ansprüche an Käse oder Schokolade stellt.Die Deutschschweiz und das Welschland: Das gewisse Etwas in Neue Zürcher Zeitung vom 14. Juli 2016
Durch die verschiedenen Sprachen und Eigenheiten der Kantone unterscheiden sich die regionalen Kulturen teilweise stark voneinander und lassen sich kulturwissenschaftlich – mit Ausnahme der rätoromanischen Kultur – den überstaatlichen deutschen, französischen und italienischen Kultur- und Sprachräumen zuordnen. Allerdings ist durch die erhöhte Mobilität zwischen den Sprachregionen und teils bewusste Abgrenzung gegenüber den Kulturen der grossen Nachbarländer nicht nur von sprachregionalen Identitäten, sondern auch einer gesamtschweizerischen kulturellen Identität auszugehen.
Viele Künstler, Wissenschaftler, Ingenieure und Architekten, Hoteliers und Zuckerbäcker sowie Angehörige anderer Berufszweige, die in ihrer Not aus der Schweiz auswanderten wie zum Beispiel während der Hungersnot in den Jahren 1816/17 wurden bekannt. Andererseits zog die politische Neutralität der Schweiz auch Künstler und insbesondere Schriftsteller aus anderen Ländern an wie Georg Büchner, Hermann Hesse, Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Paul Klee, Meret Oppenheim oder den Maler Ernst Ludwig Kirchner.
Medien
mini|Neue Zürcher Zeitung Die Zeitungen in der Schweiz sind meist regional und erscheinen in der jeweiligen Landessprache. Tages-Anzeiger aus Zürich und Le Temps aus Genf sind Zeitungen mit überregionaler Verbreitung. Dazu kommen Wochenzeitungen wie die rechtskonservative Weltwoche oder die linke WoZ und die Kunstzeitschrift Du. Die einzige deutschsprachige Schweizer Tageszeitung mit internationalem Renommée ist die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung.
Das nationale Fernsehen umfasst sechs Kanäle, je zwei für die drei grössten Sprachregionen. Dort sind auch Kanäle aus dem jeweils gleichsprachigen Nachbarland beliebt. Die Regierung subventioniert Sendungen auf Rätoromanisch. Amerikanische Filme und Fernsehserien sind in den Sprachgebieten der Schweiz in verschiedenem Masse einflussreich. In Kinos der Deutschschweiz besteht ein grosser Teil des Programms aus amerikanischen Produktionen.
Brauchtum, Volksfeste und Eidgenössische Feste Regionale Bräuche werden von Vereinen in der gesamten Schweiz aufrechterhalten. Bräuche umfassen vor allem Musik, Tanz, Theater, Dichtung, Schnitzerei und Stickarbeiten. Zahlreiche Bräuche und Volksfeste stehen in Zusammenhang mit den Jahreszeiten.
Das Jodeln, das oft als typisch für die Schweiz angesehen wird, war ursprünglich eine Art, Signale über grössere Distanzen zu überbrücken. Das Alphorn, eine Naturtrompete aus Holz, ist mindestens seit dem 16. Jahrhundert bekannt. Das Schwyzerörgeli ist eine Abart der Handorgel und wird in der Schweizer Volksmusik bzw. der Ländlermusik eingesetzt, die sich regional durch verschiedene Instrumentationen auszeichnet wie beispielsweise das Appenzeller Hackbrett. Viele Volkslieder verklären die bäuerliche Schweiz und entstanden in der Zeit der Industrialisierung.
Zwischen Brauchtum und Sport angesiedelt sind Hornussen, Schwingen, Fahnenschwingen und Schiessen, die an zahlreichen Eidgenössischen Festen gepflegt werden.
Schnitzereien werden meist zur Verzierung von Alltagsobjekten verwendet. Beispiele sind verzierte Melkstühle, Glockenbänder, Holzlöffel oder Gehstöcke sowie Holz- und speziell Krippenfiguren. Besonders im protestantischen Berner Oberland sind die Fassaden der Bauernhäuser mit Schnitzereien verziert; in katholischen Gebieten sind solche Verzierungen viel seltener anzutreffen. Der Beruf des Schnitzers kann heute noch an der Schule für Holzbildhauerei in Brienz gelernt werden. mini|First Lady Michelle Obama in St. Galler Guipure-Spitze während der Amtseinführung ihres Mannes am 20. Januar 2009
Eine lange Tradition hat in der Schweiz die Stickerei, die zum Beispiel in der Verzierung von Trachten Verwendung findet, die sich je nach Region unterscheiden. In der Vergangenheit war Stickerei ein bedeutender Zweig der Heimindustrie und heute produzieren nur noch ein paar wenige Firmen die weltberühmten St. Galler Stickereien, welche beispielsweise in der Haute Couture beliebt sind und die St. Gallen zu ihrer Blütezeit zu einer der reichsten Städte der Schweiz gemacht hatten. Daneben ist die Schweiz seit dem 19. Jahrhundert bekannt für ihre Spitzen, die schon in der viktorianischen Modewelt in den Sonntagstrachten der Frauen für Hauben und Handschuhe verwendet wurde.
Gesamtschweizerische Volksfeste sind selten. So wurde 1999 die nur alle 25 Jahre stattfindende Fête des Vignerons in Vevey gefeiert, das letzte Unspunnenfest fand 2011 in Interlaken statt. Es gibt Eidgenössische Trachten-, Schiess-, Gesangs- und andere Feste, die in regelmässigen Abständen gefeiert werden, in der Regel immer an einem anderen Ort. Ca. alle 25 Jahre findet eine Landesausstellung statt, so 1914 in Bern, 1939 in Zürich, 1964 in Lausanne und die Expo02 im Jahr 2002 im Gebiet der Juraseen.
Jede Region hat ihre eigenen Volksfeste. Die grössten jährlich wiederkehrenden Feste sind die Luzerner und die Basler Fasnacht, das Albanifest in Winterthur, der Berner Zibelemärit, die Fête des vendanges in Neuenburg und das Sechseläuten in Zürich sowie diverse Schützenfeste.
Eine Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz wird seit 2011 vom Bundesamt für Kultur im Rahmen des UNESCO-Übereinkommens zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes geführt.
Küche
Die Schweizer Küche verfügt über eine grosse Vielfalt an Spezialitäten, welche traditionell aus den verschiedenen Kantonen stammen. Es gibt zahlreiche regionale Gerichte, die in der ganzen Schweiz und über die Landesgrenzen hinweg bekannt sind.
Uhrmacherkunst Die Schweiz ist bekannt für die Fertigung wertvoller Luxusuhren, die vor allem für hohe Qualität und Präzision stehen. Mehr als die Hälfte der weltweit verkauften Luxusuhren stammen aus der Schweiz. Marken wie Rolex, Omega, Patek Philippe und Audemars Piguet gehören zu den bekanntesten Uhrenmarken.
Architektur mini|Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen Die Schweiz weist ein reiches architektonisches Erbe auf. Die ländliche Architektur, die einen für jede Region typischen Bauernhausstil hervorgebracht hat, kann man im Freilichtmuseum Ballenberg zwischen Brienz und Meiringen im Berner Oberland kennenlernen.
Der Stil der Romanik des 12. Jahrhunderts zeigt sich in den Kathedralen von Basel, Sion, Chur, Genf und Lausanne sowie in vielen Schlössern und Burgen. Die Kathedralen von Bern, Schaffhausen, Zug und Zürich sind im Stil der Gotik, jene von Einsiedeln, Solothurn und St. Gallen im Barock erbaut.
In der Zeit der Renaissance gab es viele Architekten, vor allem aus dem Kanton Tessin, die unter anderem in Italien und Russland zahlreiche bekannte Gebäude schufen. Die Gefängnisse beim Dogenpalast und die Rialto-Brücke, beide in Venedig, wurden von Antonio da Ponte gebaut, Antonio Contino schuf die Seufzerbrücke, Domenico Fontana war an den Umbauten des Lateranpalastes in Rom beteiligt und an der Fassade des Palazzo Reale in Neapel.
In Rom war sein Neffe Carlo Maderno der leitende Architekt an St. Peter und entwarf die Fassade des Petersdoms. Die Kirche San Carlo alle Quattro Fontane, die Galerie des Palazzo Spada und das Filippini-Kloster wurden von Francesco Borromini geplant, Carlo Fontana war für die Fassade von San Marcello al Corso und dem Montecitorio-Palast verantwortlich.
Baldassare Longhena gestaltete die Kirche Santa Maria della Salute und die Scuola Grande dei Carmini in Venedig. mini|Maison Blanche in La Chaux-de-Fonds, Architekt: Le Corbusier
Später wirkte G.B. Gilardi am Wiederaufbau einiger Gebäude im Moskauer Kreml mit, und sein Sohn Domenico Gilardi wurde beauftragt, die Staatsuniversität in Moskau wieder aufzubauen. Domenico Trezzini plante einige Paläste in Sankt Petersburg im Auftrag Peters I.
Der bekannteste Schweizer Architekt ist Le Corbusier. Neben den über die Schweizer Landesgrenzen hinaus bekannten Schweizer Architekturbüros Atelier 5 (Bern), Mario Botta, Diener & Diener hat die Schweizer Architektur mit Herzog & de Meuron und Peter Zumthor zwei Pritzker-Preis-Träger.
Malerei und Bildhauerei mini|Ferdinand Hodler: Genfersee Im 16. Jahrhundert haben die Reformation und die Renaissance die bildende Kunst der Schweiz stark beeinflusst. Hans Holbein d. J. war Basler und Niklaus Manuel wirkte in Bern während der Reformation
Angelika Kauffmann war im 18. Jahrhundert eine bekannte Malerin des Klassizismus aus Chur. Der Dichter Salomon Gessner war unter anderem auch Maler, Jean-Étienne Liotard aus Genf war ein bekannter Pastell- und Emailmaler und Johann Heinrich Füssli wurde im späteren 18. Jahrhundert vor allem in England berühmt.
Arnold Böcklin aus Basel gilt als einer der bedeutendsten bildenden Künstler des 19. Jahrhunderts. Albert Anker, Giovanni Segantini und Ferdinand Hodler waren grosse Maler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert wurden unter anderen Paul Klee, Johannes Itten, Sophie Taeuber-Arp, Alberto Giacometti, Meret Oppenheim, Jean Tinguely, Daniel Spoerri und Max Bill international bekannt.
mini|Jean Tinguelys Heureka
International bekannte zeitgenössische Künstler sind unter anderen Peter Fischli / David Weiss, Sylvie Fleury, Franz Gertsch, HR Giger, Bernhard Luginbühl und Pipilotti Rist.
In der Schweiz gibt es in kleineren Städten und Ortschaften einige staatliche und private bekannte Museen und Kollektionen.
Siehe auch: Liste Schweizer Maler und Grafiker und :Kategorie:Kunstmuseum in der Schweiz
Film
Das Filmschaffen begann in der Schweiz relativ spät. Die für das Entstehen einer Schweizer Filmszene ab den 1930er-Jahren bedeutendste Figur war der in Galizien geborene Lazar Wechsler mit seiner erfolgreichen Praesens Film, mit der er zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Ab den 1950er-Jahren kam die Gloria Film als Konkurrentin dazu.
Die seit 1937 im Dienst des nationalen Zusammenhalts stehende offizielle Kulturpolitik der Schweiz, die mit „geistiger Landesverteidigung“ umschrieben wurde, brachte dem Schweizer Film zwischen 1938 und 1943 eine Blütezeit, da grosse Kulturförderungen auch dem Film zugutekamen.
Der Heimatfilm Heidi von 1952 war ein weltweiter Erfolg, die Fortsetzung Heidi und Peter von 1955, der erste Schweizer Farbfilm, war ein noch grösserer Erfolg. Die als „heile Welt“ dargestellte prächtige Bergkulisse mit blühenden Alpweiden war international sehr gefragt.
Heute existiert in der Schweiz keine eigentliche Filmindustrie, aber eine staatliche Filmförderung der Sektion Film des Bundesamtes für Kultur. Die Filmschaffenden sind in der Regel auch auf private Unterstützung angewiesen. Nur wenige Schweizer Filme werden weltweit bekannt, und in den Schweizer Kinos werden grösstenteils amerikanische Produktionen gezeigt.
Unter veränderten Bedingungen entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der sogenannte „Junge Schweizer Film“. Nicht dazu gezählt wird der berühmteste Schweizer Filmregisseur, der französisch-schweizerische Begründer der Nouvelle Vague, Jean-Luc Godard, der seine bekannten Filme jedoch in Frankreich drehte. Seit den 1960er-Jahren verhalfen vor allem Regisseure aus der französischsprachigen Schweiz wie Claude Goretta, Michel Soutter und Alain Tanner dem Schweizer Film zu Bekanntheit. Weitere Schweizer Regisseure sind unter anderen Rolf Lyssy, Fredi M. Murer, Daniel Schmid und Michael Steiner.
mini|Die Piazza Grande in Locarno während des Internationalen Filmfestivals