Die Balkanfeldzüge des Maurikios waren eine Serie von Feldzügen, die der oströmische Kaiser Maurikios (reg. 582–602) unternahm, um die oströmischen Balkanprovinzen gegen Awaren und Slawen zu verteidigen.

Obwohl bereits Justinian (527 bis 565) versucht hatte, die unsicheren Donauprovinzen durch ein großes Festungsbauprogramm zu stabilisieren, war Maurikios (Mauricius) neben Anastasius (491 bis 518) der einzige spätantike Kaiser, der im Rahmen seiner Möglichkeiten eine konsequente Balkanpolitik betrieb und dem Versuch einer Sicherung der Nordgrenze des Reiches gegen die Plünderungszüge von Völkern aus dem Barbaricum die nötige Aufmerksamkeit schenkte. In der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit (ab 591) konnte er sich aufgrund eines vorläufigen Friedensschlusses mit Persien außenpolitisch auf die Balkanregion konzentrieren und agierte dort insgesamt recht erfolgreich.

Weit verbreitet, aber falsch ist die Annahme, dass die Feldzüge des Maurikios auf dem Balkan nur ein letztes Aufbäumen des Imperiums gewesen seien und dass die römische Herrschaft auf dem Balkan unmittelbar nach dem Sturz von Maurikios 602 zusammengebrochen sei.Hösch, Geschichte der Balkanländer, S. 36 f.

Maurikios war zuletzt vielmehr auf gutem Wege, den ständigen Invasionen Einhalt zu gebieten, eine dauerhafte Landnahme der Slawen auf dem Balkan zu verhindern und die spätantike Ordnung dort zu erhalten.Vgl. etwa Franz Georg Maier: Grundlagen und Anfänge der byzantinischen Geschichte: Das Zeitalter des Justinian und Heraklios. In: Franz Georg Maier (Hrsg.): Byzanz. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1973, S. 46–89, hier S. 75–76. Er hatte mit seinen langwierigen Feldzügen Erfolg, abgesehen von einem Rückschlag 597/598. Sein Werk wurde jedoch durch die politischen Wirren nach seinem Sturz zunichtegemacht. Rückblickend war dies der Abschluss der über Jahrhunderte geführten römischen Abwehrfeldzüge gegen sogenannte Barbaren an Rhein und Donau. Zumindest in Bezug auf die Slawen handelte es sich dabei um einen Kampf gegen nichtstaatliche Bedrohung mit asymmetrischer Kriegsführung. Im Ergebnis verzögerten Maurikios und vielleicht auch sein Nachfolger Phokas die slawische Landnahme über zwei Jahrzehnte, bis die oströmische Herrschaft südlich der Donau aus anderen Gründen kollabiert war. mini|Das oströmische Reich von ca. 526–600

Lage auf dem Balkan bis 582 Als Maurikios den Thron bestieg, fand er auf dem Balkan die wohl größten „Altlasten“ seiner Vorgänger vor. Bereits Justinian vernachlässigte die Balkanverteidigung gegen die Slawen und andere Barbarenvölker, die seit etwa 500 die Grenze an der Donau bedrohten und die Balkanprovinzen plünderten. Er setzte zwar den Donaulimes instand, verzichtete aber auf Feldzüge gegen die Slawen zugunsten einer Politik, die sich notgedrungen auf den Orient (Persien) und den Westen konzentrierte.Vgl. Franz Georg Maier (Hrsg.): Byzanz. Fischer Weltgeschichte Bd. 13, S. 72 f. Sein Neffe und Nachfolger Justin II. erreichte eine Annäherung an die Awaren, unterstützte sie mit Jahrgeldern und spielte sie gegen die Gepiden und gegen die Slawen aus. Ziel war es, auf diese Weise eine indirekte Kontrolle der vielen kleinen, dezentral operierenden Gruppen im Barbaricum zu etablieren. Er erreichte aber mit dieser typisch römischen Politik nur, dass sich mit dem Awarenkhaganat ein Herrschaftsgebilde etablieren konnte, das für das Imperium Romanum eine ungleich größere Bedrohung als die Gepiden und Slawen darstellte: In gewisser Weise wiederholte sich damit das, was auch in der Mitte des 5. Jahrhunderts geschehen war, als die Römer versucht hatten, die Donaugrenze mit Hilfe der Hunnen unter Attila zu stabilisieren.

Hinzu kam, dass die Awaren während ihrer Feldzüge gegen die Slawen auch auf römisches Gebiet vordrangen und Begehrlichkeiten entwickelten sowie detaillierte Ortskenntnisse erwarben. Ein von Justin II. 572 vom Zaun gebrochener und sich hinziehender Krieg mit den persischen Sassaniden band einen Großteil der Kräfte, die eigentlich zur Sicherung des Balkans erforderlich gewesen wären.Vgl. Michael Whitby, The Emperor Maurice and his Historian – Theophylact Simocatta on Persian and Balkan warfare, S. 86 f. Sein unmittelbarer Vorgänger und Adoptiv- und Schwiegervater Tiberius Constantinus wiederum hinterließ Maurikios weitgehend leere Staatskassen.Michael Whitby, The Emperor Maurice and his Historian – Theophylact Simocatta on Persian and Balkan warfare, S. 141. So gingen die Slaweneinfälle auf dem Balkan weiter, und die Plünderer zerstörten vielerorts den spätantiken Charakter der Balkanprovinzen.

Wenige Monate vor dem Regierungsantritt des Maurikios traten diese Kämpfe in eine neue Phase, als die Awaren unter ihrem Khagan Baian mit ihren slawischen Hilfstruppen Sirmium in Pannonien einnahmen. Damit hatten sie sich eine Machtbasis südlich der Donau geschaffen, von der aus sie ungehindert auf der Balkanhalbinsel operieren konnten, zumal die Save im Vergleich zur Donau leicht zu überqueren war. Auch wenn gelegentlich die Awaren durch Tributzahlungen zunächst ruhiggestellt und zum Abzug bewogen werden konnten, brachen sie immer wieder die Friedensvereinbarungen (foedera) mit Ostrom. Die teilweise unter awarischer Oberhoheit stehenden Slawen waren nur bis zur Stammesebene organisiert. Sie zogen selbständig plündernd über die Balkanhalbinsel, zum Teil offenbar zunehmend in der Absicht, sich auf dem Balkan der awarischen Oberhoheit zu entziehen.Vgl. Michael Whitby, The Emperor Maurice and his Historian – Theophylact Simocatta on Persian and Balkan warfare, S. 89. Awaren und Slawen stellten daher zwei unterschiedliche Bedrohungen dar.

Awaren- und Slaweneinfälle 582 bis 591 mini|Der Balkan 582–612

Nach der Eroberung Sirmiums nahmen die slawischen Einfälle weiter zu. Vorstöße bis zur Peloponnes führten 583 zur Gründung der kaiserlichen Festung Monemvasia (siehe dazu Chronik von Monemvasia). Nachdem Maurikios 583 eine Erhöhung der Tributzahlungen abgelehnt hatte, eroberten die Awaren Singidunum (heute Belgrad) im Handstreich, da ein Teil der Bewohner außerhalb der Stadtmauern bei der Ernte beschäftigt war.Michael Whitby, The Emperor Maurice and his Historian – Theophylact Simocatta on Persian and Balkan warfare, S. 141 f.; Walter Pohl, Die Awaren, S. 76 f., der allerdings das Jahr 584 nennt. Anschließend eroberten sie Viminacium, umgingen Ratiaria sowie das nahegelegene Bononia und stießen über die Via Pontica bis Anchialos am Schwarzen Meer vor. Nach der Einnahme von Aquae Calidae zogen sie in westlicher Richtung zur Via Militaris, wo sie von Komentiolos zum Abzug bewegt werden konnten, wegen erhöhter TributzahlungenMichael Whitby, The Emperor Maurice and his Historian – Theophylact Simocatta on Persian and Balkan warfare, S. 142. und einer Bedrohung durch die mit Ostrom verbündeten Göktürken.Walter Pohl, Die Awaren, S. 77 ff.

Da Maurikios zunächst noch durch den von seinem Vorvorgänger Justin II. verursachten Krieg gegen das Sassanidenreich gebunden war (siehe dazu Römisch-Persische Kriege), konnte er den Awaren und Slawen auf dem Balkan lediglich hastig zusammengezogene Truppen unter dem magister militum per Thracias entgegenstellen, und zwar ab 584. Die Aufstellung von Truppen auf dem Balkan wurde durch den Umstand erschwert, dass es sich bei dem dortigen Kriegsschauplatz in den 580er Jahren um einen Verteidigungskrieg auf eigenem Boden handelte, bei dem es im Gegensatz zu dem persischen „Gegenstück“ praktisch keine Möglichkeit gab, den Wehrsold durch Plünderungen aufzubessern. Die durch diesen Umstand eher demotivierten Truppen taten sich schwer, auch nur örtliche Erfolge zu erzielen. Der Sieg des Komentiolos bei Adrianopolis um die Jahreswende 584/585 stellte eher eine Ausnahme dar und lenkte die Slawen nur nach Griechenland ab.Michael Whitby, The Emperor Maurice and his Historian – Theophylact Simocatta on Persian and Balkan warfare, S. 143 f. Die Zerstörung großer Teile Athens fällt vermutlich in diesen Zeitraum.

Das Hauptaugenmerk des Kaisers musste auf der Orientfront liegen, denn die persischen Sassaniden waren letztlich weitaus gefährlichere Gegner als die plündernden Slawen und Awaren: Anders als die Einfälle an der Donau bedrohte der Perserkrieg das Überleben des Imperiums. Daher musste man die besten Truppen im Osten einsetzen und den Balkan weitgehend sich selbst überlassen. Die Lage an allen Fronten war 585 so kritisch, dass der persische Großkönig Hormizd IV. hoffte, mit einem Friedensangebot die Oströmer zur Preisgabe Armeniens zu bewegen. Da Maurikios ablehnte, musste er die Plünderungszüge der Awaren und Slawen auf dem Balkan bis auf weiteres hinnehmen und hoffen, dass er von dem grenznahen Singidunum das awarische Gebiet bedrohen und die Awaren so von weiteren Einbrüchen abhalten konnte. Tatsächlich war die römische Präsenz am Zusammenfluss von Save und Donau stark genug, um die Awaren immer wieder zum Abbruch ihrer Raubzüge zu bewegen. Vollständig unterbunden werden konnten die Feldzüge hierdurch jedoch nicht. Denn trotzdem konnten 586 awarische Angreifer Ratiaria, Oescus, Durostorum, Marcianopolis und Bononia zerstören und ThessalonikiAusführlich über die Belagerung Walter Pohl, Die Awaren, S. 105–107. belagern, während slawische Gruppen erneut bis zur Peloponnes vorstießen. Das zahlenmäßig unterlegene römische Heer unter Komentiolos vermied die direkte Konfrontation mit den Awaren und beschränkte sich darauf, den Vormarsch der Awaren durch Scharmützel und nächtliche Angriffe zu stören, gemäß dem Strategikon.Vgl. Walter Pohl, Die Awaren, S. 86–87. Am Unterlauf der Donau erzielte Komentiolos 586/587 kleinere Erfolge gegen slawische Plünderer, doch scheiterten zwei Versuche des Komentiolos, den Awarenkhagan gefangen zu nehmen. Bei Tomis am Schwarzen Meer entkam der Khagan über die nahegelegene Lagunenlandschaft, während ein Hinterhalt südlich des Balkangebirges dadurch aufflog, dass ein römischer Soldat einen Eseltreiber mit den lateinischen Worten Torna, torna, fratre („Dreh dich um, Kamerad“) auf seinen schlecht beladenen Esel aufmerksam machte. Seine Worte wurden von anderen Soldaten als Aufforderung zum Rückzug missverstanden und führten zu einer Panik.Theophylakt Simokattes 2,15,7-10; Theophanes Confessor 258,10-21. Sie gelten manchmal als erster dokumentierter Satz der Rumänischen Sprache, dokumentieren aber – zumal die Quellen nichts über die Herkunft des Soldaten verraten – vor allem, dass (Vulgär-)Latein damals noch immer die Sprache der oströmischen Armee war: Torna, torna war ein Standardkommando und bedeutete „Kehrt marsch“.Vgl. das Strategikon des Maurikios 3,5,44. Als im darauffolgenden Jahr Priskos (von dem Theophylaktos Simokates übrigens ausdrücklich berichtet, er habe seine Ansprachen vor den Truppen auf Latein gehalten; Theophylakt 6,7,9) den Oberbefehl über die römischen Truppen auf dem Balkan übernahm, mündete sein erster Einsatz in Thrakien und Moesien in einem Fiasko, das die Awaren sogar zu einem Vorstoß bis an das Marmarameer ermutigte. Die Tatsache, dass Ende der 580er Jahre der Druck der Awaren nachließ, war mehr auf den mittlerweile schlechten Zustand der von den Awaren bei Sirmium errichteten Savebrücken zurückzuführen.

Dennoch war Maurikios darauf bedacht, seine Truppen auf dem Balkan zu verstärken, zumal die slawischen Plünderungszüge unvermindert anhielten. Die dazu erforderlichen Gelder wollte er sich 588 verschaffen, indem er den Sold um ein Viertel kürzte. Da diese Pläne im Ostern 588 zu einer Revolte an der persischen Front führten, die ein volles Jahr dauerte, legte Maurikios sie 589 vorläufig auf Eis und verzichtete auf die Anwerbung neuer Truppen. Die Folge für den Balkan war, dass Maurikios auch in den nächsten drei Jahren nur begrenzte Möglichkeiten zur Eindämmung der Awaren und Slawen hatte.

Feldzüge 591–595 mini|350px|Die Balkanhalbinsel und die spätrömische Diözese von Thrakien, in der ein Großteil der Feldzüge der Jahre 591–595 stattfand.