Die Polykontexturalitätstheorie erweitert die klassische mathematische Logik, so dass Kontextabhängigkeit/Subjektivität und Paradoxien formal beschrieben werden können.

Einführung Die Polykontexturalitätstheorie oder die Theorie der Polykontexturalität wurde von dem Philosophen und Logiker Gotthard Günther in den 1970er-Jahren in die Wissenschaft eingeführt. Diese Theorie ist eine unmittelbare Weiterentwicklung der Günther’schen Stellenwertlogik, die aus seinen Versuchen hervorgegangen ist, ein mehrwertiges ontologisches Ortswertlogik-System zu entwickeln. Die Theorie der Polykontexturalität umfasst sowohl die polykontexturale Logik, die Morpho- und die Kenogrammatik als auch die von Günther zuerst entwickelte semi-klassische Stellenwertlogik, die er 1974 als „ontologisches Ortswert-System“ bezeichnetGotthard Günther: Das Janusgesicht der Dialektik, in: Hegel Jahrbuch (hrsg. W. R. Beyer), Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1979, p. 98–117, um den von ihm 1958 erstmals eingeführten Begriff der StellenwertlogikGotthard Günther: Die Aristotelische Logik des Seins und die nicht-Aristotelische Logik der Reflexion, Zeitschrift für philosophische Forschung, 12, 1958, p. 360–407

In 1, Das Janusgesicht der Dialektik schreibt Günther auf Seite 97: Der Verf. hat 1958 mit einem Aufsatz in der Ztschr. f. philos. Forschung den Terminus „Stellenwert“ in die Theorie der formalen (mehrwertigen) Logik eingeführt. Seitdem ist dieser Terminus so häufig in nicht logischen Zusammenhängen (bes. von der Frankfurter Schule) angewendet worden, dass er hier nicht mehr benutzt wird. Der Verf. sagt von jetzt ab „Ortswert“, um Missverständnisse zu vermeiden. von der Verwendung in nicht-logischen Zusammenhängen (wie beispielsweise bei den Soziologen der Frankfurter Schule) deutlich abzugrenzen. Eine ausführliche Darstellung der historischen Entwicklung der Günther’schen Arbeiten sowie deren inhaltliche und begriffliche Ausdifferenzierung findet sich im Aufsatz Einübung in eine andere Lektüre von Rudolf Kaehr und Joseph DitterichRudolf Kaehr & Joseph Ditterich: Einübung in eine andere Lektüre: Diagramm einer Rekonstruktion der Güntherschen Theorie der Negativsprachen, Philosophisches Jahrbuch, 86. Jhg., 1979, S. 385–408, https://www.vordenker.de/ggphilosophy/kaehr_einuebung.pdf.

Philosophischer Hintergrund Günther knüpft in seinen Überlegungen an die Transzendentalphilosophie des Idealismus von Schelling, Fichte und Hegel an:

Irreflexibilität, einfache Reflexion und doppelte Reflexion mini|179x179px|alternativtext=Das Bild zeigt einen Hund, der eine Katze anschaut, wobei die Katze als negativer Abdruck in seinem Abbild dargestellt ist.|Das Objekt impliziert nur sich selbst. Das Subjekt impliziert sowohl sich selbst, als auch das Objekt:a ➞ b = ⌐a v b Das Sein oder das Irreflexive ist das, woran sich die nach außen gehende Reflexion staut und von dem sie auf sich selbst zurückgeworfen wird. Das naive Bewusstsein ist dabei völlig selbstvergessen Eins mit dem Sein und verliert sich vollständig an seine Objekte.

Im Gegensatz zur Objektwelt jedoch, die sich nur irreflexiv darstellt, kann ein reflektierendes Subjekt sich eine Umwelt zuschreiben. Die (positiven) Objekte der Umwelt bilden sich, wie bei einer Fotografie, negativ als Reflexion im Subjekt ab. Während in einem Objekt also nur das Objekt selbst steckt, repräsentiert das Subjekt sowohl sich selbst als auch die negativen Abbilder als einfache Reflexion seiner objektiven Umwelt.

In der doppelten Reflexion wird durch das Feststellen von Unterschieden zwischen den Begriffen der Wirklichkeit und der Wirklichkeit selbst, also der Differenz von Erleben und Erlebtem, die Voraussetzung für das Selbstbewusstsein geschaffen, welches aus der metakognitiven doppelten Reflexion entsteht. Indem wir die Verhältnisse zwischen unserem Bewusstsein und seinen Denkgegenständen erkennen, stiften wir jegliche Form von Sinn durch Abstraktionen.

Das erneute Nachdenken über bereits Gedachtes (Hegel nennt es „Reflexion-in-sich“) ist dabei ein unendlicher Prozess, an dem die aristotelische Logik in ihrer Eindimensionalität jedoch scheitert, da die Denk-Gegenstände nicht ausschließlich objektiver Natur sind, sondern darüber hinaus sowohl das Subjekt selbst als auch sein eigenes Denken enthalten können. Seine doppelten Reflexionen enthalten also nicht ausschließlich tote, seiende, objektive Inhalte, sondern auch subjektive, bzw. selbstbezügliche Inhalte, die thematisch nicht dem Sein zugeordnet werden können.

Während die einfache Reflexion noch mit dem Beobachter erster Ordnung vereinbar ist, unterscheidet sich die doppelte Reflexion vom Beobachter zweiter Ordnung dadurch, dass sie nicht den Prozess des Beobachtens selbst, sondern die erneut reflektierten Inhalte fokussiert. Der Beobachter zweiter Ordnung ist die essenzielle Perspektive der Kybernetik zweiter Ordnung von Heinz von Foerster, mit dem Gotthard Günther am Biological Computer Laboratory (BCL) an der University of Illinois von 1961 bis 1972 zusammenarbeitete.

„Mehrwertigkeit“ bei Günther und Łukasiewicz Wenn man den Aussagenkalkül mit Hilfe der beiden Werte 1 und 0 beschreibt, die wie üblich mit den Begriffen „wahr (T)“ – „falsch (F)“ oder „designiert“ – „nicht-designiert“ für 1 resp. 0 interpretiert werden können, dann liegen die von Łukasiewicz zusätzlich eingeführten Werte zwischen 0 und 1, also innerhalb der betrachteten logischen Domäne und man spricht von einer mehrwertigen Logik. Das ist in Abb. 1b skizziert, Abb. 1a stellt den einfachen Fall einer logischen Domäne mit nur 2 Werten (null und eins) dar. Man gelangt von diesen Ansätzen zu den probabilistischen Logik-Konzeptionen sowie zu der sehr populär gewordenen Fuzzy-Logik. Prinzipiell lassen sich beliebig viele Werte zwischen 0 und 1 einführen. Abb. 1aAbb. 1b1-------------01-----1/2-----0 Im Gegensatz dazu geht Günthers Polykontexturalitätstheorie zwar von zweiwertiger Logik aus (was aber auch erweiterbar wäre auf mehrwertige Logiken), verknüpft jedoch mehrere solcher – räumlich verteilter – Logiksysteme an bestimmten Stellen. Dadurch wird es bei Günther möglich, Kontextabhängigkeit/Subjektivität formal zu beschreiben. Auch Paradoxien (z. B. Darstellung von Selbstreferenz) lassen sich hiermit formal beschreiben, da man nicht mehr an einen einzigen Kontext gebunden ist; Selbstreferenz/Paradoxien müssen daher nicht in logischen Zirkeln enden (serialisiert / verzeitlicht werden), sondern werden sozusagen „auf einen Blick“ / „bildhaft“ / „parallel“ statt nur serialisiert darstellbar.

Vermittlung klassischer Logiken mini|147x147px|alternativtext=Das Bild zeigt die zwei absoluten Werte einer gewöhnlichen aristotelischen Logik inform eines schwarzen und eines weißen Punktes, die mit einer Linie verbunden sind. Der neue Wert ist als roter Punkt in der Mitte über der Linie dargestellt.|In der polykontextualen Logik entspricht die Mehrwertigkeit einer neuen Dimension Günther hat nie den Begriff „mehrdimensional“ verwendet; stattdessen bezeichnete er die bisherigen mehrwertigen Logiken (wie z. B. von Łukasiewicz oder auch Gödel) als „Pseudo-Logiken“, weil ihre Erfinder zwar zwischen den absoluten Werten wahr und falsch immer wieder weitere, neue Werte einfügen, aber diese Logiken insgesamt weiterhin eindimensional blieben und ihre Dimension sich damit prinzipiell nur auf die aristotelischen Grundmotive des Denkens, „Sein oder Nichtsein“ und seiner klassischen Logik beziehen. mini|links|129x129px|Zusammenführung verschiedener Perspektiven Die Dimension einer Logik bezeichnet Günther als „Thema“ oder „Kontext“. Wenn eine Betrachtung durch eine klassische Logik, die nur die Wertbesetzung wahr oder falsch zulässt, mit diesen Werten nicht beantwortet werden kann, so muss die Antwort in einer neuen Perspektive, einem neuen Thema als Kontext liegen, die quasi orthogonal auf der bisherigen Logik steht, so als spanne man damit einen Vektorraum auf. mini|148x148px|alternativtext=Das Bild veranschaulicht geometrisch den Zusammenhang zwischen der Anzahl der Ortswerte und der Anzahl der Logiken inform verschiedener Polygone mit eingeschriebenem Polygramm.|Zusammenhang zwischen Ortswerten (als Ecken) und klassischen Logiken (als Kanten) in der polykontextualen Logik Unter 'Vermittlung' versteht Günther, dass mehrere klassische, aristotelische Logiken durch ihre Berührungspunkte ('Ortswerte' genannt) miteinander vermittelt werden können. Das Aufspannen von Kontexten erscheint in geometrischen Begriffen wie das Zeichnen von zweidimensionalen Polygonnetzen in denen man in einem Polygon alle Eckpunkte, welche die Ortswerte der Logiken darstellen, miteinander verbindet und jede einzelne Linie zwischen zwei Ortswerten einer vollständigen klassischen aristotelischen Logik entspricht. So braucht es mindestens drei klassische Logiken, um eine Vermittlung herstellen zu können, was einem Dreieck entspricht. Vier Ortswerte ergäben sechs Logiken (Quadrat mit Kreuz), fünf Ortswerte ergäben zehn Logiken (Pentagramm in einem Pentagon) usw.

+Tabelle 1: Vermittlungspunkte im Dreierkontextpq1-22-31-311xx12x13x21x22xx23x31x32x33xx Die obige Tabelle zeigt, an welchen Punkten zwei klassische Logiken (eine zwischen 1 und 2, die zweite zwischen 2 und 3) in einer dritten (zwischen 1 und 3) vermittelt werden können. Ihre Vermittlungspunkte liegen in der ersten, der fünften und der neunten Zeile. Es ist wichtig zu verstehen, das p und q in ihrem Kontext weiterhin nur wahr oder falsch sein können, dass eine solche Wertbesetzung aber eben nicht global über alle Kontexte gültig ist.

Relationen zur Vermittlung von Kontexten mini|241x241px|Relationen im Dreierkontext einer polykontextualen Logik Günther hat untersucht, durch welche Relationen diese Wertbesetzungen an ihren Ortswerten miteinander vermittelt werden können. Diese Relationen bezeichnet er als Ordnungsrelation, Umtauschrelation und Kongruenzrelation:

Die Ordnungsrelation ist eine kontextspezifische Negation, ein 'NICHT'-Operator, der nur in einem Kontext gilt. Dieser Kontext wird durch die Unterscheidung im Sinne eines der Coincidencia Oppositorum entsprechenden Isomorphismus erst definiert und aufgespannt, um damit weitere Operationen wie Konjunktion und Disjunktion zu ermöglichen: Jeder Aussage wird ihre Gegenaussage zugeordnet Die Grundbeziehung „Negation“ wird sich selbst zugeordnet Die Grundbeziehung „Konjunktion“ wird der Grundbeziehung „Disjunktion“ zugeordnet

Da sich eine Logik niemals selbst „betrachten“ kann (weil ), ist es notwendig, dass jeder zu vermittelnde Kontext einen eigenen Negationsoperatoren besitzt, der ihm eine eigene Perspektive verleiht. Dabei sind für drei Kontexte zwei verschiedene Negationen N1 und N2 ausreichend, da sich die Negation des dritten Kontextes, welcher die ersten beiden miteinander vermittelt, aus einer Kombination der beiden Negationen N1 und N2 herbeigeführt werden kann. +Tabelle 2: Negationen im DreierkontextpN1N2N1(N2 p)N2(N1 p)N1(N2(N1 p)) oder

N2(N1(N2 p))121233213312332121 Die Kaskaden von Negationen p ≡ N₁ N₂ N₁ N₂ N₁ N₂ p und p ≡ N₂ N₁ N₂ N₁ N₂ N₁ p, mit denen man zum Ursprungswert p zurückkehrt, entsprechen dabei Hamiltonkreisen.

Die Umtauschrelation befindet sich zwischen den Kontexten (s. Tabelle 1, wo sich die beiden Kontexte in Zeile 5 berühren) und ist eine neue, transklassische Operation zwischen Wertbesetzung (Relatum) und Operator (Relator) selbst.

Die Kongruenzrelation beschreibt die Identität zwischen zwei Vermittlungspunkten.

Konjunktion und Disjunktion im ontologischen Ortswertsystem mini|318x318px|alternativtext=Das Bild zeigt, wie als erster Schritt aus einer herkömmlichen Wahrheitstabelle die der UND- und ODER-Verknüpfung für den Dreierkontext abgeleitet werden können.|Erste Herleitung einer Wahrheitstabelle für einen polykontexturalen Dreierkontext