Andrea Moda Formula war ein italienisches Motorsportteam, das zu 10 der 16 Großen Preise der Formel-1-Saison 1992 antrat. Es erreichte nur eine Rennteilnahme, die ohne Zielankunft endete. Der Rennstall baute auf dem früheren Formel-1-Team Coloni auf.

Andrea Modas Geschichte ist gekennzeichnet von organisatorischen und finanziellen Mängeln, fehlenden sportlichen Erfolgen und Skandalen, die in der Verhaftung des Teamchefs gipfelten und dazu führten, dass das Team als einziger Rennstall der Formel-1-Geschichte zweimal innerhalb eines Jahres von der Weltmeisterschaft ausgeschlossen wurde.

Überblick über die Teamgeschichte Der „König der Nichtqualifizierten“ wird übernommen Andrea Moda Formula wurzelte in dem italienischen Rennstall Coloni, der von 1987 bis 1991 an 14 Formel-1-Rennen teilgenommen hatte. Das finanziell und technisch sehr schwach aufgestellte Coloni-Team war 1991 für die Presse das „Gespött der Formel 1“Motorsport Aktuell, Heft 47/1991, S. 14. gewesen und galt, nachdem es zweieinhalb Jahre in Folge zu keinem Weltmeisterschaftslauf die Startberechtigung erhalten hatte, als „König der Nichtqualifizierten“. (abgerufen am 20. Juni 2014). Ab Sommer 1991 stand Coloni vor der Zahlungsunfähigkeit.David Hodges: Rennwagen von A–Z nach 1945. Stuttgart 1993, ISBN 3-613-01477-7, S. 58. Nach dem erfolglosen Versuch, mit dem ebenfalls leistungsschwachen, indirekt mit Lamborghini in Verbindung stehenden Modena Team („Lambo Formula“) zu fusionieren, verkaufte der Teamgründer Enzo Coloni seinen hoch verschuldeten Rennstall im September 1991 für angeblich 8 Mio. US-$ an den 31 Jahre alten italienischen Unternehmer Andrea Sassetti, der primär in der Modebranche tätig war. Zu den letzten beiden Rennen des Jahres 1991 trat das Team noch unter der alten Bezeichnung Coloni Racing an; ab 1992 meldete Sassetti den Rennstall dann als Andrea Moda Formula.

Über Andrea Sassettis Motivation, an der Formel 1 teilzunehmen, gab und gibt es zahlreiche Mutmaßungen. Die meisten Quellen sprechen Sassetti ein ernsthaftes Interesse am Motorsport ab. Einige sehen in Andrea Moda Formula den – gescheiterten – Versuch, in Anlehnung an die Entwicklung Benettons die Öffentlichkeitswirksamkeit des Motorsports zu Werbezwecken für sein Modeunternehmen zu nutzen,Benetton war von 1983 bis 1985 als Sponsor von Tyrrell und Alfa Romeo aufgetreten. Danach übernahm Benetton den britischen Formel-1-Rennstall Toleman, der ab der Saison 1986 unter der Bezeichnung Benetton gemeldet wurde. andere halten es nicht für ausgeschlossen, dass das Formel-1-Engagement dem Zweck der Geldwäsche diente.Motorsport aktuell, Heft 49/1992

Andrea Moda = Coloni? mini|Coloni Racing: Identisch oder nicht identisch mit Andrea Moda Formula? Die sportrechtliche Stellung des Andrea-Moda-Teams war zu Beginn der Saison 1992 umstritten und sorgte für den ersten von zwei Ausschlüssen des Rennstalls von der Weltmeisterschaft.

Anknüpfungspunkt dieses Streits war die Frage, ob Andrea Moda Formula mit dem bisherigen Team Coloni Racing identisch war oder ob es bei sportrechtlicher Betrachtung ein neuer Rennstall war. Für neue Teams enthielt das Reglement der Sportaufsichtsbehörde FISA eine Reihe von Einschränkungen und Auflagen. Dazu gehörte die Verpflichtung, vor dem ersten Rennen eine Sicherheitsgebühr („deposit“) in Höhe von 100.000 US-$ zu hinterlegen; zudem durfte ein neues Team kein Chassis melden, das zuvor bereits von einem anderen Rennstall verwendet worden war.

Teamchef Andrea Sassetti behauptete, sein Rennstall sei in jeder Hinsicht als Nachfolger von Coloni Racing anzusehen, so dass er dessen Auto(s)Es ist nicht klar, ob Andrea Moda Formula einen oder mehrere Rennwagen von Coloni übernahm. Zu den Einzelheiten s. hier den Abschnitt „Die Autos“. nutzen durfte und keine Sicherheitsleistung erbringen musste. Die FISA hingegen war der Ansicht, dass Andrea Moda Formula ein neues Team war. Sie stützte ihre Auffassung darauf, dass Andrea Sassetti im Herbst 1991 lediglich Rennwagen und technisches Zubehör von Coloni Racing gekauft hatte, nicht aber dessen Startberechtigung für die Formel-1-Weltmeisterschaft („entry“).Alan Henry: Autocourse 1992/93 London 1992 (Hazleton Securities Ltd.), ISBN 0-905138-96-1, S. 88.Geschichte von Andrea Moda Formula auf der Internetseite (abgerufen am 20. Juni 2014).Perry McCarthy: Flat Out Flat Broke. Formula One the hard way! Haynes Publishing, Sparkford 2008, ISBN 978-1-84425-018-9, S. 166.

Andrea Moda Formula erfüllte zu Saisonbeginn nicht die Anforderungen, die an ein neues Team gestellt wurden: Einerseits hatte Sassetti keine Sicherheit geleistet, andererseits hatte er beim ersten Saisonrennen für sein Team den Coloni C4B gemeldet, ein Auto, das unter der Bezeichnung C4 in technisch ähnlicher Ausstattung bereits im Vorjahr von Coloni eingesetzt worden war. Dass der C4 1991 mangels Erfolgen in der Vorqualifikation tatsächlich kein einziges Rennen bestritten hatte, änderte aus Sicht der FISA nichts an der Regelwidrigkeit seiner (neuerlichen) Meldung.

Zwei Ausschlüsse Da der Streit über die Stellung des Teams im Vorfeld des Großen Preises von Südafrika 1992 nicht beigelegt werden konnte, schloss die FISA Andrea Moda Formula vor Beginn der Vorqualifikation in Kyalami am 28. Februar 1992 von der Teilnahme an der Weltmeisterschaft aus. Der Teamchef erklärte daraufhin zunächst, er wolle den Rennstall unverzüglich schließen.Motorsport Aktuell, Heft 12/1992, S. 9. In den folgenden Wochen kam es allerdings zu einer Einigung zwischen Sassetti und der Sportaufsicht. Nach Entrichtung der Sicherheitsgebühr wurde Andrea Moda Formula zu den weiteren Läufen der Weltmeisterschaft zugelassen. Bedingung war, dass das Team künftig mit einem neuen, zuvor noch nicht gemeldeten Rennwagen an den Start ging. Das führte zum Aufbau des Andrea Moda S921, der den alten Coloni C4B im Frühjahr 1992 ablöste. Das Ausbleiben des Teams beim Großen Preis von Südafrika und dem folgenden Rennen in Mexiko wurde als höhere Gewalt qualifiziert und blieb deshalb für das Team folgenlos.Das Concorde-Abkommen sah für das Auslassen eines Großen Preises regelmäßig eine Konventionalstrafe in Höhe von 200.000 US-$ vor.

In den folgenden Monaten meldete sich Andrea Moda zu neun Großen Preisen, qualifizierte sich aber nur zu einem Rennen. Von März bis September 1992 kam es neben sportlichen Misserfolgen zu Aufsehen erregenden Zwischenfällen, zu denen der Verlust von Motoren, Schlägereien unter den Teammitgliedern und die Verhaftung des Teamchefs gehörten. Daraufhin schloss die FISA Andrea Moda Formula im September 1992 zum zweiten Mal von der Weltmeisterschaft aus. Die Entscheidung beruhte auf Art. 166 des Reglements. Danach konnte ein Team von der Weltmeisterschaft ausgeschlossen werden, „wenn es dem Standard der Formel 1 nicht genügt oder diese in Misskredit bringt“.Motorsport Aktuell, Heft 39/1992, S. 5. Diese Voraussetzungen sah die FISA bei Andrea Moda Formula als erfüllt an. Auf Art. 166 hat sich die Sportaufsicht zuvor noch nie und seitdem nicht wieder berufen.

Personal Management Teamchef

Inhaber von Andrea Moda Formula war Andrea Sassetti, ein 1960 in der mittelitalienischen Region Marken geborener Unternehmer, der seit 1985 die nach ihm benannte Schuh- und Stiefelmarke Andrea Moda führte. Zu seiner Biografie existieren unterschiedliche Angaben, die teilweise stark voneinander abweichen. Einige Quellen sahen ihn als Angehörigen einer wohlhabenden Familie von Schuhherstellern,Danach ist Andrea Sassetti mit Silvano Sassetti verwandt, dem Gründer des gleichnamigen Herstellers hochpreisiger Damen- und Herrenschuhe, der in Andrea Sassettis Geburtsort Monte San Pietrangeli ansässig ist. nach anderen Angaben war er durch einen hohen Gewinn bei einem Pokerspiel zu Reichtum gekommen. Wieder andere vermuten, dass Sassetti illegale Geschäfte betrieb und Kontakte zum organisierten Verbrechen hatte.Perry McCarthy: Flat Out Flat Broke. Formula One the hard way! Haynes Publishing, Sparkford 2008, ISBN 978-1-84425-018-9, S. 194. Es gibt Berichte, wonach Sassetti und Teammitarbeiter im Laufe des Jahres 1992 mehrfach in bewaffnete Auseinandersetzungen verwickelt waren. Im Internet kursiert die Abschrift eines Interviews, das Sassetti im Frühjahr 2012 telefonisch gegeben haben soll (abgerufen am 20. Juni 2014). und das biografische Details sowie Einzelheiten zur Entwicklung von Andrea Moda Formula enthält. Danach ist Andrea Sassetti der Sohn armer Landwirte, der, aufbauend auf einem kleinen Geldgewinn bei Glücksspielen, durch eigene Arbeit zu Wohlstand kam.

Als Sassetti im September 1991 das Coloni-Team übernahm, hatte er keine Erfahrung im Motorsport. Die Berichterstattung über das Team griff diesen Umstand frühzeitig auf und betonte dies durch wiederholte und zum Teil sehr plakative Beschreibungen von Sassettis anderweitigen Tätigkeiten. Bezeichnungen wie „Schuhmagnat“,Kurzbiografie Andrea Sassettis auf der Internetseite www.oldracingcars.com (abgerufen am 20. Juni 2014).David Hodges: A–Z of Grand Prix Cars 1906–2001. 2001 (Crowood Press), ISBN 1-86126-339-2, S. 18. „Boss eines Schuhindustriekonzerns“Patrice Buchkalter, Jean François Galeron: „Formula 1 – a complete guide to 1992“, Surrèsnes (Taillandrier) 1992, ISBN 2-87636-107-8, S. 120. oder „italienischer König des Prêt-à-porter“Pierre Ménard: La Grande Encyclopédie de la Formule 1. 2. Auflage. St. Sulpice, 2000, ISBN 2-940125-45-7, S. 605. fanden und finden sich noch immer regelmäßig in Darstellungen des Rennstalls. Mit fortlaufender Dauer der Saison und Distanz erhielten die Charakterisierungen auch abwertende Züge. So wurde er als „Dilettant“Motorsport Aktuell, Heft 32/1992, S. 6. oder „zwielichtige Gestalt“ („shady person“) beschrieben. Sein Pilot Alex Caffi bezeichnete ihn rückblickend sogar als „Verrückten“.Interview mit Alex Caffi auf der Internetseite www.oldracingcars.com (abgerufen am 20. Juni 2014).

Technischer Direktor Technischer Direktor war der US-amerikanische Ingenieur Paul Burgess. Seine Formel-1-Erfahrung beschränkte sich auf eine eineinhalb Jahre andauernde Tätigkeit bei Coloni. Er war 1990 von Subaru, dem seinerzeitigen Motorenpartner Colonis, dort in dieser Funktion eingesetzt worden. Burgess überwachte bei Andrea Moda den Aufbau der Modelle C4B und S921 und betreute die Autos bis in den Sommer 1992 hinein an den Rennwochenenden als Renningenieur.Notiz zu Paul Burgess auf der Internetseite www.oldracingcars.com (abgerufen am 20. Juni 2014).

Teammanager Nach der ursprünglichen Vereinbarung sollte Enzo Coloni auch 1992 das Tagesgeschäft des Rennstalls führen und die sportlichen Einsätze leiten. Allerdings wurde Coloni noch im Dezember 1991 von Sassetti entlassen.Motorsport Aktuell, Heft 51/1991, S. 14. Sportlicher Direktor wurde schließlich der Franzose Frédéric Dhainhaut, der 1986 mit dem provençalischen Rennstall AGS in die Formel 1 gekommen war und später die Renneinsätze von Coloni (1989) und Larrousse (1990) organisiert hatte. Der Wechsel zu Andrea Moda Formula fand im Mai 1992 statt; er wurde von Bernie Ecclestone angeregt, der dem italienischen Team einen erfahrenen Organisator an die Hand geben wollte.Motorsport Aktuell, Heft 22/1992, S. 9. Dhainhaut verließ das Team im Juni 1992; er war der Ansicht, dass Sassetti und die Mechaniker seine Anweisungen an der Rennstrecke nicht umsetzten.Biografie Frédéric Dhainhauts auf der Internetseite www.grandprix.com (abgerufen am 20. Juni 2014). Sein Nachfolger war der Italiener Sergio Zago.Motorsport Aktuell, Heft 37/1992, S. 9.

Die Fahrer Andrea Moda trat 1992 mit vier Fahrern an: Enrico Bertaggia, Alex Caffi, Roberto Moreno und Perry McCarthy.

Anfänglich hatte sich Sassetti um Christian Danner und Gregor Foitek bemüht. Foitek lehnte das Angebot nach einem aus seiner Sicht ernüchternd ausgefallenen Werksbesuch im Januar 1992 ab, während Danners Verpflichtung daran scheiterte, dass er dem Team keine Sponsoren vermitteln konnte.Motorsport Aktuell, Heft 8/1992, S. 5.

Enrico Bertaggia und Alex Caffi