Johannes Weyrauch (* 20. Februar 1897 in Leipzig; † 1. Mai 1977 in Gundorf) war ein deutscher Komponist und Kantor.

Leben Kindheit Johannes Weyrauch wurde am 20. Februar 1897 in Leipzig geboren. Seine Mutter, Maria Große, die eine gründliche musikalische Ausbildung erfahren hatte und in mehreren Kantorenhäusern arbeitete, führte Johannes Weyrauch früh an die geistliche Musik heran. Sein Vater, Friedrich Louis Weyrauch, war von Beruf Kaufmann und vermochte es, seinem Sohn den Besuch des König-Albert-Gymnasiums zu finanzieren. Durch seinen Stiefbruder (aus der ersten Ehe seines Vaters) bekam Johannes Weyrauch Kontakt mit der Musik Richard Wagners, die seinen weiteren musikalischen Lebensweg entscheidend prägte:

„Mein Bruder schickte mich mit 14 Jahren in den Ring – mit dem Erfolg, dass ich wagnertoll wurde. Ein pädagogischer, nicht wieder gut zu machender Fehler, denn seit dieser Zeit habe ich kein rechtes Verhältnis zu den meisten Opern.“

Parallel zur Einschulung auf dem Gymnasium wurde Weyrauch Schüler von Helene Caspar, einer um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bekannten Musiklehrerin und -schriftstellerin, die ihn mit der Literatur der Wiener Klassik und derjenigen Johann Sebastian Bachs bekannt machte. Ergänzend zu diesem Unterricht erteilte ihm das Gewandhausmitglied Ernst Nissen Geigenunterricht. Nach einer 10-jährigen Zusammenarbeit mit Helene Caspar musste diese erkennen, dass sie ihrem begabten Schüler nichts mehr beibringen konnte, weshalb sie ihn darauf als Privatschüler an Curt Beilschmidt vermittelte, der am Leipziger Konservatorium einen Lehrauftrag für Theorie und Klavier wahrnahm. Als Weyrauch 1916 das Abitur ablegte, war es ihm nicht möglich, sofort mit einem Musikstudium zu beginnen, da er noch im selben Sommer eingezogen und nach einer Ausbildung als Maschinengewehrschütze zum Einsatz an die Westfront beordert wurde. Nach Ende des Krieges kehrte der mittlerweile 21-Jährige nach Leipzig zurück und verwirklichte sein Vorhaben, Musik am Leipziger Konservatorium zu studieren.

Studienzeit Weyrauch wählte als Hauptfach Klavier mit dem Hinweis, später auf die Orgel wechseln zu wollen. Den Unterricht erteilte ihm Robert Teichmüller; Theorielehrer war Otto Wittenbacher. Den Kompositionsunterricht besuchte Weyrauch bei Stephan Krehl, aus dessen Schule berühmte Musiker wie Rudolf Mauersberger hervorgegangen sind. Weyrauch wechselte aber im Verlauf seines Studiums den Kompositionslehrer und fand in Sigfrid Karg-Elert eine kompetente Musikerpersönlichkeit, die ihn sehr ansprach. Karg-Elerts Musiksprache orientierte sich zunächst an spätromantischen Klängen, doch mischte er diese auch mit impressionistischen Bestrebungen von Claude Debussy und der Klangwelt eines Alexander Skrjabins. Neben den praktischen und theoretischen Musikstudien belegte Weyrauch zugleich musikwissenschaftliche Vorlesungen und Übungen bei Hugo Riemann, Hermann Abert und Arnold Schering. Neben der Polaritätstheorie Karg-Elerts übte Riemans Funktionstheorie großen Einfluss auf Weyrauchs Erstlingswerke aus. 1922 beendete Weyrauch seine Studien am Leipziger Konservatorium und folgte einem Ruf nach Erlangen, wo Gustav Becking ein Seminar für Musikwissenschaft eingerichtet hatte. Becking riet Weyrauch dazu, eine Dissertation mit dem Thema Der sinfonische Aufbau bei Anton Bruckner zu verfassen, doch beendete Weyrauch diese Arbeit nicht. Er kommentierte diesen Umstand mit folgenden Worten:

„Ich fühlte mich nicht zum Wissenschaftler, sondern mehr zum musikalischen Praktiker berufen, mein kompositorischer Drang war stärker als die wissenschaftliche Arbeit.“

Existenzgründung Nach Abbruch der Dissertation kehrte Weyrauch nach Leipzig zurück und musste nun überlegen, wie er seinen Lebensunterhalt bestreiten sollte, da durch das Komponieren alleine nicht genug Geld zum Leben zur Verfügung stand. Aufgrund einer Empfehlung seines ehemaligen Klavierlehrers Robert Teichmüller konnte Weyrauch 1923 eine Stelle als Lektor beim Musikverlag Litolff in Braunschweig annehmen. Dort widmete er der Anstellung aber nicht seine volle Aufmerksamkeit, da er während der Arbeitszeit komponierte, was zum Zerwürfnis mit dem Cheflektor führte. Dies hatte zur Folge, dass Weyrauch die Stelle kündigte und nach Leipzig zurückging. Um seinen Lebensunterhalt abzusichern, gab er privaten Klavierunterricht. Ein Jahr später heiratete Weyrauch die um fast 11 Jahre ältere Maria Henriette Luise Winter. In demselben Jahr erhielt Weyrauch durch Vermittlung seiner Frau Einblicke in die Ideen der „Rotenburger Atemschule“. Mit den Gründerinnen, der Gesangslehrerin Clara Schlaffhorst und der Klavierlehrerin Hedwig Andersen, trat er persönlich in Kontakt und bekam neue Impulse für sein eigenes Vokalschaffen. Darüber hinaus ließ sich Weyrauch durch die Jugendbewegung und die daraus hervorgegangene Singbewegung inspirieren. Besonders beeindruckt war Weyrauch von dem starken Einfluss der Singbewegung auf die evangelische Kirchenmusik, was zu einer Neuentdeckung Heinrich Schütz’ und des Volksliedes führte. Zu den beiden führenden Personen der Singbewegung – Walther Hensel, dem Gründer des Finkensteiner Bundes und Fritz Jöde, dem Initiator der Musikantengilde – besaß Weyrauch persönlichen Kontakt. Angeregt von der Atemschule und der Jugendmusikbewegung beschloss Weyrauch, Musiklehrer an der Leipziger Volkshochschule zu werden. Zusammen mit Hans Mlynarczyk gründete er die „Arbeitsgemeinschaft für Musik“ an der Volkshochschule. Aufgaben und Ziele, die im Geiste der Jugendbewegung verankert waren, wurden wie folgt umrissen:

„Jeder Hörer wird sich selbstständig musikalisch durchbilden. Es wird nichts von außen an ihn herangebracht, etwas durch Reden über Musik, sondern jeder musiziert selbst, jeder fühlt und spürt so letzten Endes am eigenen Leibe die Grundkräfte und Grundtatsachen aller Musik.“

Mit dieser Proklamation lehnten sich beide Gründungsmitglieder gegen den landläufigen Konzertbetrieb auf, da für ihre Begriffe eine passive Hörerschaft nur „musikkonsumierende Scheingemeinschaften“ darstellten. Die Arbeit an der Volkshochschule brachte es mit sich, dass Weyrauch einen Chor etablierte, der schon bald nach seiner Gründung überregionale Bekanntheit erlangte. Sein Wirkungskreis wurde ab 1929 mit Hilfe von Karg-Elert durch einen Lehrauftrag für Musiktheorie am Landeskonservatorium Leipzig erweitert, den er allerdings nur kurzzeitig wahrnehmen konnte, da er aufgrund der klammen Kassen wieder entlassen werden musste.

Leben im Nationalsozialismus Nach dem Verlust dieses Postens verlor Weyrauch auch seine Hauptarbeitsstelle, da die Nationalsozialisten bereits kurz nach der Machtergreifung im Januar 1933 alle Volkshochschulen schlossen. Weyrauchs Singkreis konnte nur weiter existieren, wenn er sich unter kirchliche Aufsicht begab. Schon Ende der 20er Jahre hatte Weyrauch begonnen, seine praktische Arbeit mit dem Singkreis wie auch sein kompositorisches Schaffen auf den Bereich der Kirchenmusik zu konzentrieren. So reifte in ihm der Entschluss, Kantor zu werden.

1934 begann er ein externes Orgelstudium am Kirchenmusikalischen Institut der Leipziger Musikhochschule bei Friedrich Högner. Privaten Orgelunterricht nahm Weyrauch bereits ab Mitte der 1920er Jahre bei Günther Ramin (Schüler vom Thomasorganisten Karl Straube). Högner und Ramin bildeten beispielsweise auch Hugo Distler in Leipzig bis zu dessen Studienabbruch aus. Im Sommer 1935 legte Weyrauch die kirchenmusikalische C-Prüfung ab und übernahm die nebenamtliche Kantorenstelle an der Heilandskirche zu Leipzig-Plagwitz.

Kurz vor dem Krieg bestand Weyrauch die B-Prüfung für Kirchenmusiker. Er musste das Kantorenamt nach Ausbruch des Krieges ruhen lassen, da er 1940 als Landesschütze einberufen und zur Gefangenenbewachung abkommandiert wurde. Bereits nach wenigen Wochen konnte er das Kantorenamt – jetzt an der Leipziger Lutherkirche – wieder aufnehmen, weil er in die Reserve entlassen wurde. Gegen Ende des Krieges musste Weyrauch seinen Militärdienst wieder aufnehmen und wurde nach einer funktechnischen Ausbildung nach Polen an die Ostfront gebracht. Er musste nicht mehr in das Kriegsgeschehen eingreifen, da sich die deutschen Truppen bereits auf dem Rückzug befanden. Nach einer sechsmonatigen Kriegsgefangenschaft in Schwedt an der Oder konnte Weyrauch nach Leipzig zurückkehren. Dort nahm er sein Amt als Kantor wieder auf. Zudem wurde er, auf Wunsch von Thomaskantor Günther Ramin, Stimmbildner bei den jüngeren Thomanern. Weyrauch gab die Stelle aufgrund einer zu starken Arbeitsbelastung jedoch bald wieder ab.

Hinwendung zur Kirchenmusik mini|hochkant|Heilandskirche in Leipzig-Plagwitz Im Oktober 1946 erfolgte die Berufung Weyrauchs als Dozent für Komposition und Musiktheorie an der wieder aufgebauten Leipziger Musikhochschule, welche in Mendelssohn-Akademie umbenannt wurde. Zu seinen Schülern zählten u. a. Volker Bräutigam, Diethard Hellmann, Lorenz Stolzenbach und Siegfried Thiele. Schwindende Mitgliederzahlen in den Kirchen aufgrund der antikirchlichen Gesinnung der Zeit veranlassten Weyrauch, schlichtere Werke zu komponieren, die den verkleinerten Kirchenchören Rechnung trugen. Teilweise verfasste er nur 2- oder 3-stimmige Sätze oder einstimmige Vokalwerke mit Orgelbegleitung.

1951 trat Weyrauch erneut das Kantorenamt an der Heilandskirche in Leipzig-Plagwitz an und behielt diese Stellung bis zu seinem freiwilligen Ausscheiden 1961. Sein Amt als Kantor an der Heilandskirche stellte er zur Verfügung, um seinem Schüler Volker Bräutigam einen sofortigen Einstieg in das Berufsleben zu ermöglichen. Fiel der Verzicht auf dieses Amt noch leicht, so wog die Emeritierung im folgenden Jahr weitaus schwerer. Noch weitere fünf Jahre sollte Weyrauch einen Lehrauftrag im Fach Komposition und Theorie an der Leipziger Musikhochschule wahrnehmen. Nach seiner Entpflichtung als Professor trat er aus dem Kompositionsverband der DDR aus, da er keinerlei Achtung noch Beistand erfahren hatte. 1962 war ebenfalls das Jahr, in dem Weyrauch Mitglied der Christengemeinschaft wurde, ohne die Evangelische Kirche zu verlassen. Nach Ansicht Weyrauchs stellt die „Menschweihehandlung der Christengemeinschaft [den] einzige[n] Gottesdienst im 20. Jahrhundert“ dar, den er akzeptieren konnte.

„Reisealter“ und letzte Lebensjahre mini|Grab auf dem Friedhof von Gundorf Mit dem Eintritt ins Rentenalter eröffneten sich für den DDR-Bürger völlig neue Reisemöglichkeiten. Kontakte zu westdeutschen Verlagen wurden geknüpft und Freunde in ganz Deutschland besucht. 1967 beendete Weyrauch endgültig seine Lehrtätigkeit an der Musikhochschule. Ebenfalls in diesem Jahr verfasste Weyrauch sein „Musikalisches Testament“, das 15 aphoristische Gedanken beinhaltet und die Essenz seiner kompositorischen Arbeit darstellt.

Die Betreuung seiner schon fast erblindeten und pflegebedürftigen Frau ließ es nicht mehr zu, dass sich Weyrauch dem Komponieren widmen konnte. Die jahrelange Fürsorge führte nun auch bei ihm zu Erschöpfungszuständen und vegetativen Beschwerden. Anfang 1970 wurde er in ein Leipziger Krankenhaus eingeliefert, erholte sich aber wieder. Am 15. Oktober 1970 starb seine Frau Luise, weshalb er nur noch wenig komponierte. 1972 erfolgte der Umzug in ein Altersheim. Nach seinem 80. Geburtstag 1977 begann ein rascher Verfall seiner körperlichen und geistigen Kräfte. Johannes Weyrauch starb am 1. Mai 1977 und wurde auf dem Gundorfer Friedhof (bei Leipzig) beigesetzt.

Der Platz am Gemeindehaus in Böhlitz-Ehrenberg, im Ortsteil Gundorf dieser Gemeinde wohnte er mehrere Jahrzehnte, wurde ihm zu Ehren in Johannes-Weyrauch-Platz umbenannt.

Künstlerische Grundhaltung und musikalische Einflüsse

Der Verfasser von Johannes Weyrauchs Biografie (Wolfgang Orf) beschreibt die musikalische Grundhaltung so: