mini|hochkant|Die Abbruchkante der Heidenmauer mit dem Verbindungsbogen zum Kaiser-Friedrich-Bad. Der Holzaufsatz stammt von 1903.
Die Heidenmauer ist das bekannteste römische Denkmal in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden, dem römischen Aquae Mattiacorum. Sie wurde nach bisheriger Ansicht um 370 n. Chr. unter Kaiser Valentinian I. errichtetWalter Czysz: Wiesbaden in der Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1994, ISBN 3-8062-1088-8, S. 220, 222 und 225; Hans-Günther Simon: Kastelle und Civitas-Hauptort Aquae Mattiacorum. In: Dietwulf Baatz, Fritz-Rudolf Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. Konrad Theiss, Stuttgart 1982, ISBN 3-8062-0267-2, S. 485–491, hier S. 490; Jörg Lindenthal: Kulturelle Entdeckungen. Archäologische Denkmäler in Hessen. Jenior, Kassel 2004, ISBN 3-934377-73-4, S. 200; Jürgen Oldenstein: Kastell Alzey. Archäologische Untersuchungen im spätrömischen Lager und Studien zur Grenzverteidigung im Mainzer Dukat. Habilitationsschrift, Universität Mainz 1992, S. 320–321; Jürgen Oldenstein: Die spätrömischen Befestigungen zwischen Straßburg und Andernach. In: Franz J. Felten (Hrsg.): Befestigungen und Burgen am Rhein (= Mainzer Vorträge. 15). Steiner, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-515-10072-4, S. 28. und ist damit das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt. Der Zweck dieser Wehrmauer lässt sich bis heute nicht eindeutig bestimmen, wie auch die Datierung nicht genauer als allgemein in die Spätphase des römischen Wiesbaden eingegrenzt werden kann.
In der wilhelminischen Zeit wurde die Heidenmauer zum Bau der Coulinstraße durchbrochen und im Stil der Zeit mit dem sogenannten Römertor ergänzt. Während von der Mauer nur wenige Abschnitte oberirdisch sichtbar sind, ist das später eingefügte Tor als sichtbares Monument in die städtebaulichen Strukturen des 19. Jahrhunderts im Quellenviertel eingebunden. Es ist ein Kulturdenkmal aus künstlerischen, städtebaulichen und ortsgeschichtlichen, die Heidenmauer aus stadtgeschichtlichen Gründen.Sigrid Russ: Kulturdenkmäler in Hessen. Wiesbaden I.1 – Historisches Fünfeck (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland.). Stuttgart 2005, S. 118, 144, 146.
Lage mini|hochkant=1.35|Kartierung nach Emil Ritterling: ORL B 2,3b (1909), blau hervorgehoben der Verlauf der Heidenmauer
Die Heidenmauer im Zentrum Wiesbadens beginnt auf dem Schulberg, von wo sie in östlicher Richtung talwärts verläuft und in der Straße Am Römertor endet. Ihr ehemaliger Verlauf knickte in Höhe der Langgasse leicht ab und endete nahe der Marktkirche, im Mittelalter mit einem Turm, dem Stümperturm oder Stümpert. Insgesamt ist die Mauer heute noch auf einer Strecke von 520 m nachweisbar, wovon 80 m sichtbar erhalten sind.
Heidenmauer Befund Die Mauer bestand aus einem Gussmauerwerk, für das kein einheitliches Steinmaterial verwendet wurde. Die äußere Mauerschale bildeten 30 cm lange und 20 cm hohe Handquader aus Mainzer Muschelkalk oder Kalkstein.Margot Klee: Sperrmauer oder Aquädukt? Zur Deutung der Heidenmauer in Wiesbaden. In: Nassauische Annalen 125, 2014, S. 2 f. Sie ist an der Basis 2,30 m stark, bis zu 10,00 m hoch, und ca. 80 m lang. Das 3–3,10 m breite Fundament ist nur schwach in den Boden eingetieft und ruht auf Holzpfählen von durchschnittlich 15 cm Durchmesser und 80 cm Länge.
Einen Hinweis auf den Wehrgang gibt ein bei der neuzeitlichen Aufmauerung verbauter Zinnendeckstein. Aus seinen Maßen meinte Emil Ritterling eine Breite des Wehrgangs zwischen 1,52 und 1,57 m errechnen zu können.Walter Czysz: Wiesbaden in der Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1994, S. 224, mit weiteren Quellen. Zahlreiche in der Mauer verbaute Spolien mittelkaiserzeitlicher Steindenkmäler weisen darauf hin, dass die Mauer offenbar in einer Notsituation nach Zerstörung des zivilen vicus unter militärischer Regie errichtet wurde.Margot Klee: Sperrmauer oder Aquädukt? Zur Deutung der Heidenmauer in Wiesbaden. In: Nassauische Annalen 125, 2014, S. 1–20, hier: S. 5f. Bemerkenswert sind zwei gleichlautende und Cautes bzw. Cautopates abbildende Altäre, die in der Antike offensichtlich ein Ensemble bildeten und von denen einer im Zerstörungsschutt des nahe gelegenen Mithräums, der andere in der Heidenmauer gefunden wurde. (d) und
Drei Türme sind in ihrem Verlauf nachweisbar: der quadratische Stümpert, der halbkreisförmige Heidenturm (springt nur auf der Nordseite über die Mauer hinaus) und der Tessenturm, der anscheinend nicht direkt in die Mauer eingebunden war.Margot Klee: Wasser für Wiesbaden? Kritische Bemerkungen zur Deutung der sog. „Heidenmauer“ in Wiesbaden als Aquädukt. In: Andrea Zeeb-Lanz, Reinhard Stupperich (Hrsg.): Palatinatus Illustrandus. Festschrift für Helmut Bernhard zum 65. Geburtstag. Mainz/Ruhpolding 2013, S. 216–223, hier:S. 221. Erhalten ist von diesen lediglich der Heidenturm auf dem Schulberg oberhalb des Römertores. 1731 sollen noch vier Türme sichtbar gewesen sein.Margot Klee: Sperrmauer oder Aquädukt? Zur Deutung der Heidenmauer in Wiesbaden. In: Nassauische Annalen 125, 2014, S. 1–20, hier: S. 1 mit weiteren Quellen. Am südlichen Ende der Hirschgrabenstraße wurde ein 1,35 m tiefer und 1,5 m breiter Spitzgraben dokumentiert, der bei geradlinigem Verlauf parallel zur Heidenmauer verlaufen würde.Margot Klee: Sperrmauer oder Aquädukt? Zur Deutung der Heidenmauer in Wiesbaden. In: Nassauische Annalen 125, 2014, S. 1–20, hier: S. 20.
Beiderseits der Mauer wurden spätantike Bestattungen mit typisch germanischen Grabbeigaben (Wiesbadener Fibeln) entdeckt. Die Grabausstattung der Männer mit Schwertern, Lanzen und Äxten weist darauf hin, dass es sich um Söldner in römischen Diensten handelte. Man hielt die Gräber des frühen 5. Jahrhunderts ursprünglich für burgundisch, in der modernen Forschung wird die Zuweisung an eine ethnisch fassbare Gruppe vorsichtiger gesehen.Horst Wolfgang Böhme: Die „Wiesbadener Fibeln“. In: Patrick Jung / Nina Schücker (Hrsg.): Utere felix vivas. Festschrift für Jürgen Oldenstein (= Universitätsschriften zur Prähistorischen Archäologie. Band 208). Habelt, Bonn 2012, ISBN 978-3-7749-3728-4, S. 23–39.
Datierung Ansätze zur Datierung liegen nur wenige vor. Es fanden sich Ziegel und Spolien mittelkaiserzeitlicher Steindenkmäler in der Mauer, in einem Abschnitt am Kavaliershaus wurde Ziegeldurchschuss gefunden.Jürgen Oldenstein: Kastell Alzey. Archäologische Untersuchungen im spätrömischen Lager und Studien zur Grenzverteidigung im Mainzer Dukat. Habilitationsschrift Universität Mainz 1992, S. 319; Jürgen Oldenstein: Die spätrömischen Befestigungen zwischen Straßburg und Andernach. In: Franz J. Felten (Hrsg.): Befestigungen und Burgen am Rhein (= Mainzer Vorträge. 15). Steiner, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-515-10072-4, S. 27. Die Mauer enthielt neben diesem für das 4. Jahrhundert typischen Merkmal auch Ziegelstempel der spätantiken Militäreinheiten der Martenses, Vindices, Portisenses und Secundani. Weitere Ansätze zur Datierung liefert ein Ziegelstempel der Legio XXII Primigenia aus dem Gusskern der Mauer. Im Bereich des Schlossplatzes wurde aus dem Fundament ein Weihestein an die Göttin Diana Mattiaca als verbaute Spolie gefunden,. der sich aber nur allgemein in das frühe 2. Jahrhundert datieren lässt.
Eine an der Universität Kiel C14-datierte Mörtelprobe, die 0,6 m unter der Mauerkrone entnommen wurde, weist in die Zeit zwischen 214 und 344 n. Chr., doch könnte es sich an dieser Stelle auch um eine Reparatur oder Erweiterung handeln, weshalb zu einem sicheren Datierungsansatz weitere Proben notwendig sind. Die Datierungsansätze aus den Funden sind insgesamt sehr uneinheitlich, weshalb gegenüber der bisherigen Einordnung in valentinianische Zeit eine Errichtung im frühen 3. Jahrhundert, als das rechtsrheinische Gebiet von ersten Germaneneinfällen betroffen war und viele römische Siedlungen im Limeshinterland wie Frankfurt-Heddernheim, Dieburg oder Ladenburg Stadtmauern erhielten, nicht auszuschließen ist.Alle Angaben zu den Datierungsansätzen aus Margot Klee: Wasser für Wiesbaden? Kritische Bemerkungen zur Deutung der sog. „Heidenmauer“ in Wiesbaden als Aquädukt. In: Andrea Zeeb-Lanz, Reinhard Stupperich (Hrsg.): Palatinatus Illustrandus. Festschrift für Helmut Bernhard zum 65. Geburtstag. Mainz/Ruhpolding 2013, S. 216–223, hier: S. 222; Margot Klee: Sperrmauer oder Aquädukt? Zur Deutung der Heidenmauer in Wiesbaden. In: Nassauische Annalen 125 (2014), S. 1–20, hier: S. 17. Typisch für diese Stadtmauern ist aber eine Wallanschüttung an der Innenseite, die an der Heidenmauer fehlt.
Im Mittelalter wurde die Heidenmauer in die Wiesbadener Stadtbefestigung einbezogen und ist heute das einzig verbliebene Teilstück davon. Gesicherte Nachweise, ob an der Heidenmauer in diesem Zusammenhang bauliche Änderungen vorgenommen wurden, bestehen bisher nicht.
Deutung Die Tatsache, dass die Mauer an beiden Seiten abbricht, hat zu verschiedenen Deutungen geführt, von denen keine endgültige Sicherheit besitzt: Die Mauer könnte noch während des Baus aufgegeben und niemals fertiggestellt worden sein.Hans-Günther Simon: Kastelle und Civitas-Hauptort Aquae Mattiacorum. In: Dietwulf Baatz, Fritz-Rudolf Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. Konrad Theiss, Stuttgart 1982, ISBN 3-8062-0267-2, S. 485–491, hier S. 491; Jürgen Oldenstein: Kastell Alzey. Archäologische Untersuchungen im spätrömischen Lager und Studien zur Grenzverteidigung im Mainzer Dukat. Habilitationsschrift Universität Mainz 1992, S. 320; geht zurück auf Helmut Schoppa: Aquae Mattiacae. Wiesbadens Römische und alamannisch-merowingische Vergangenheit. Steiner, Wiesbaden 1974, S. 96f. Die Abschnitte, die nicht von der Mauer geschützt wurden, waren durch Feuchtigkeit oder Hanglage für einen Angriff weniger geeignet und könnten durch einen Graben oder Palisaden geschützt worden sein.Walter Czysz: Wiesbaden in der Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1994, ISBN 3-8062-1088-8, S. 221; Jörg Lindenthal: Kulturelle Entdeckungen. Archäologische Denkmäler in Hessen. Jenior, Kassel 2004, ISBN 3-934377-73-4, S. 200; wurde bereits in den 1870er Jahren von Karl August von Cohausen vermutet: A. v. Cohausen: Miscellen. In: Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 12, 1873, S. 317 und derselbe: Die Heidenmauer. In: Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 14, 1877, S. 410f. Weitere Befestigungen könnten durch Bodenerosion aufgrund der Hanglage nicht mehr nachweisbar sein.Walter Czysz: Wiesbaden in der Römerzeit. Theiss, Stuttgart 1994, ISBN 3-8062-1088-8, S. 221.
Erhaltungszustand Wegen Schäden am Bauwerk wurden ab 2012 unter Leitung des Hochbauamts Wiesbaden Gefügesicherungen und Reinigungsarbeiten durchgeführt.Christian Kayser: Steinerner Zeuge der Stadtgeschichte – Bauforschung an der „Heidenmauer“ in Wiesbaden. In: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Denkmalpflege & Kulturgeschichte 1, 2019, S. 6–14.
Forschungsgeschichte mini|hochkant=1.35|Die Heidenmauer (Nummer 6, rechts oberhalb der Stadt) auf einem Stich, veröffentlicht 1655 von Matthäus Merian