mini|Karte der Kolonie Neu-Helvetien mini|Zeitgenössische Darstellung von Sutter’s Fort Neu-Helvetien (; ) war eine Privatkolonie des Schweizers Johann August Sutter in Nord-Kalifornien, mit Schwerpunkt etwa 120 km nordöstlich von San Francisco, die er 1839 begründete und deren letzte Teile er 1865 aufgab.
Definition Der Begriff Neu-Helvetien wird meist ohne nähere Erklärung des Inhalts verwendet. In einem weiteren Sinn sind sämtliche zeitweise unter der Kontrolle von Johann August Sutter befindlichen Ländereien in Nord-Kalifornien gemeint.Bei der Übertragung der Ländereien auf seinen Sohn August am 14. Oktober 1848 sind die nachfolgenden Bestandteile aufgeführt. Fort Ross wurde dabei mit 6 square leagues = 105 Quadratkilometer und Sutter's mill mit 640 Acres = 2,6 Quadratkilometer angegeben. Siehe Hurtado S. 238 im Internet Archive In einem engeren Sinne handelt es sich um die von ihm aufgrund einer mexikanischen Landzuweisung vom 18. Juni 1841 ausgewählten Grundstücke, die ihm am 20. Juni 1866 unter dem Titel Rancho Nueva Helvetia auch von den Vereinigten Staaten von Amerika zugestanden wurden.
Als Bestandteile von Neu-Helvetien in der weiteren Definition sind folgende Liegenschaften anzusehen: mexikanische Landzuweisung vom 18. Juni 1841 (= Neu-Helvetien im engeren Sinne) Kauf von Fort Ross und des zugehörigen Hafens Bodega Bay vom 13. Dezember 1841 mexikanische Landzuweisung vom 5. Februar 1845 (Rancho New Helvetia Sobrante) ohne Rechtstitel von Sutter genutztes Land
Name Es war bei den mexikanischen Landzuweisungen üblich, den Grundstücken einen Namen zu geben, wobei dieser in der Regel mit dem Begriff Rancho begann. Rancho war in Mexiko der Terminus, der ein hauptsächlich für die Viehzucht genutztes Gelände mit den zugehörigen Liegenschaften beschrieb. Für Gelände mit Ackerbau wurde der Begriff Finca verwendet. Abweichend hiervon trägt die der Landzuweisung beigefügte offizielle Kartenskizze die Bezeichnung Mapa de los Terrenos Para la Colonia de Nueva Helvetia. In den späteren amerikanischen Prozessakten wird dann auch wieder der Begriff Rancho verwendet.
Sutter wählte als Namen für seine Landzuweisung eine Modifikation der lateinischen Bezeichnung für sein Heimatland Schweiz – Helvetia. In den mexikanischen Dokumenten findet sich die Form Nueva HelvetiaNicht wie bei der Stadt Nueva Helvecia in Uruguay geschrieben. und die Verballhornung Nueva Elvesia. Aufgrund der amerikanischen, britischen und russischen Interessen an der pazifischen Küste Nordamerikas und zeitweise französischer Absichten, sollte mit der Namenswahl wohl auch eine Unabhängigkeit gegenüber diesen Interessen demonstriert werden.
Aufgrund dieser Interessen finden sich auch zeitgenössische Bezeichnungen für Nueva Helvetia in Fremdsprachen. Neben dem auch nach der US-Annexion Kaliforniens üblichen Eugène Duflot de Mofras: Exploration du territoire de l'Orégon, des Californies et de la mer Vermeille exécutée pendant les années 1840, 1841 et 1842, Paris 1844, Band 1, S. 457 im Internet Archive
Geschichte
Am 2. Juli 1839 erreichte Sutter, per Schiff vom russischen Nowo-Archangelsk (Sitka) kommend, den Hafen von Yerba Buena (wie damals San Francisco hieß). Kalifornien war eine mexikanische Provinz.
Sutters Plan war, eine Ansiedlung im Tal des Sacramento River zu gründen. Sutter wollte die – wenn auch spärlich – von den hispanischen Kaliforniern besiedelten küstennahen Gebiete meiden, um nicht deren Einfluss ausgesetzt zu sein.
Der mexikanische Gouverneur Juan Bautista Alvarado befürwortete dies, da er beabsichtigte, Sutter für seine Zwecke einzusetzen. Erstens residierte sein zu ihm in Opposition stehender Onkel Vallejo als Militärkommandant in Sonoma und Sutters Ansiedlung sollte einen Gegenpol zu diesem Konkurrenten bilden. Zweitens erkannte Alvarado schon die Gefahr amerikanischer Zuwanderung von Osten und wollte mit der Ansiedlung eines Europäers im California Central Valley einen Riegel zwischen die mexikanischen Küstensiedlungen und die Vereinigten Staaten von Amerika schieben. Sutter gab sich als Katholik aus und konnte glaubhaft machen, dass er nicht die Interessen der Briten, Russen oder Amerikaner verfolge.
Das Gebiet von Neu-Helvetien war bis zu Sutters Ankunft nicht von den Spaniern besiedelt, sondern gehörte zum Siedlungsgebiet kleiner Indianersippen, die heute unter dem Namen Nisenan (= südliche Maidu) zusammengefasst werden, die aber nie einen Stammesverband bildeten und viele unterschiedliche Dialekte (Nisenan (Sprache)) sprachen, die zu den Maidu-Sprachen gehören.
So erhielt Sutter bereits 1839 – also vor der Landzuweisung – die Erlaubnis im Sacramento-Tal zu siedeln und begann am 13. August 1839 mit dem Aufbau der Hauptsiedlung der Kolonie – dem späteren Fort Sutter nahe der Mündung des American River in den Sacramento River.
Am 29. August 1840 erhielt Sutter die mexikanische Staatsbürgerschaft und am 18. Juni 1841 die gewünschte Landzuweisung. Noch im selben Jahr erwarb er die russischen Kolonien Fort Ross und Bodega Bay. Die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonie litt unter Kreditmangel, mangelnden Arbeitskräften und besonders Handwerkern, sowie Missernten. Sutter versuchte auf seinem Land mehr Menschen anzusiedeln, was auch eine Bedingung für die Landzuweisung war. Teilweise verkaufte er Grundstücke, teilweise wurden sie verpachtet oder als Lohn für Dienste übereignet.
Nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg fiel im Jahr 1848 Neu-Helvetien durch den Vertrag von Guadalupe Hidalgo zusammen mit dem übrigen Gebiet des heutigen US-Bundesstaats Kalifornien an die USA. Im selben Jahr brach der Goldrausch aus. Der Goldrausch entzog ihm – wie allen Unternehmern in Kalifornien – die Arbeitskräfte, so dass auch die Ernten nicht mehr eingebracht werden konnten. Durch die Massen an undisziplinierten Goldsuchern wurden seine Gebäude und Plantagen geschädigt. Neben diesen negativen Folgen erlebte Sutter durch die Zuwanderung aber auch eine enorme Wertsteigerung seiner Grundstücke – besonders im Gebiet des heutigen Sacramento City, was ihm ermöglichte, seine hohen Schulden zu bezahlen. Durch eigenes wirtschaftliches Unvermögen und Verschwendungssucht sowie Betrug durch Mitarbeiter und Geschäftspartner verlor er einen großen Teil des verbliebenen Vermögens. Die Kosten eines jahrelangen Rechtsstreits mit den Vereinigten Staaten um seine Landzuweisungen und deren teilweiser Entzug zehrten das Restvermögen weiter aus.
Nachdem 1865 seine Hock Farm durch Brandstiftung zerstört worden war, verkaufte er auch dieses Grundstück und verließ Kalifornien, womit Neu-Helvetien erlosch.
Die Bestandteile von Neu-Helvetien Neu-Helvetien im engeren Sinne mini|Sutters Hock-Farm 1851 Die erste mexikanische Landzuweisung (Grant) vom mexikanischen Gouverneur Juan Bautista Alvarado an Sutter vom 18. Juni 1841 bestimmte keine klar definierten Grundstücke, sondern die Größe und grobe Grenzen eines Territoriums innerhalb dessen die konkreten Grundstücke gewählt werden konnten.Abdruck des spanischen Originals und der offiziellen englischen Übersetzung in Supreme court of the United States. No. 135. : The United States, appellants, vs. John A. Sutter. Appeal from the District court U.S. for the Northern district of California. United States, Washington : Govt. print. off., 1863?, S. 80–81 (englisch) und S. 74–75 (spanisch) Digitalisat
Die groben Grenzen waren: Im Norden die „tres picos“ (Sutter Buttes) und der geographische Breitengrad 39° 41′ 45″ nördlicher Breite, wobei die genaue Lage dieses Breitengrades in der damaligen Wildnis unbekannt war. Im Osten die Ufer („las margenes“) des „Rio de las Plumas“ (Feather River) Im Süden der geographische Breitengrad 38° 49′ 32″ nördlicher Breite, wobei auch hier die genaue Lage dieses Breitengrades in der damaligen Wildnis unbekannt war. Im Westen der Sacramento River (hier nicht die Ufer)
Die erste Landzuweisung umfasste die nach damaligem mexikanischem RechtDecree of 18th August, 1824 respecting Colonization. In: John W. Dwinelle: The colonial history of the city of San Francisco : being a synthetic argument in the District Court of the United States for the northern district of California, for four square leagues of land claimed by that city, 1863, Addenda No XII. im Internet Archive – englische Übersetzung des mexikanischen Gesetzes. maximale Fläche von 11 Sitio de ganado Mayor, was in Mexiko auch 11 Legua cuadrada bedeutete. Nach der in Kalifornien üblichen BerechnungHier ein sitio = 4438,68 acres. Es gibt räumlich und zeitlich zahlreiche abweichende Flächenberechnungen für die legua quadrata. Unter mexikanischem Recht war sie etwa kleiner als in der späteren US-amerikanischen Periode berechnet, wobei hier auch in Texas nochmals ein etwas anderes, kleineres Maß angewendet wurde. entsprach dies etwa 197,6 Quadratkilometern, was nahezu der Fläche der heutigen Stadt Stuttgart entspricht.
Innerhalb des ihm zur Besiedelung freigestellten Territoriums im Umfang von insgesamt etwa 33 Sitio (ca. 593 Quadratkilometer)Das Bundesland Bremen hat 419 Quadratkilometer und der schweizerische Kanton Basel-Land 518 Quadratkilometer wählte Sutter einen Landstrich der etwa beim heutigen Marysville1842 überließ Sutter das heutige Stadtgebiet von Marysville dem Mecklenburger Theodor Cordua, der hier die Siedlung „New Mecklenburg“ begründete. 1850 versuchte Sutter etwa südlich von Marysville auf dem Ostufer des Feather River noch mit einer eigenen Stadtgründung, Eliza City, die er nach seiner Tochter benannte, die sich aber gegenüber Marysville nicht halten konnte und alsbald wieder aufgegeben wurde. begann und Grundstücke nördlich und südlich des Yuba River umfasste. Von der Mündung des Yuba River in den Feather River erstreckte sich sein Land südwärts entlang dem Feather River bis zu dessen Mündung in den Sacramento River und dann entlang dem Sacramento bis etwa 5 Meilen über die Einmündung des American River in den Sacramento River hinaus.Diseño del Rancho New Helvetia Die Ländereien erstreckten sich in den Flusstälern und auf deren Terrassen etwa 70 Kilometer in Nord-Süd-Richtung und umfassten Teile der heutigen counties Yuba, Sutter und Sacramento.
1841 erstellte der ebenfalls aus der Schweiz stammende Vermessungsingenieur Jean Jacques Viogetsiehe zu seiner Biografie den Artikel in der englischen Wikipedia; der Link ist auf der Diskussionsseite. für Sutter zwei Kartenskizzen, in denen die groben Grenzen und die von Sutter gewählten Grundstücke verzeichnet waren. 1843 fertigte er nochmals eine Kopie mit Ergänzung von Ortsnamen an. Diese Kartenskizzen (mexikanisch: diseño) gehörten zum Verfahren der Landzuweisungen. Im späteren amerikanischen Rechtsstreit Sutters gegen die Vereinigten Staaten waren Kopien dieser Kartenskizzen ein wichtiges Beweismittel.
Siedlungsschwerpunkte Sutters waren Sutter’s Fort auf der Gemarkung der heutigen Stadt Sacramento im Süden und die „Hock Farm“heute ein California State Historical Landmark Eintrag auf der Website des Office of Historic Preservation; abgerufen am 29. Februar 2020 auf der Gemarkung der heutigen Stadt Yuba City im Norden. Die Verbindung zwischen beiden lief über eine Fähre, die bei der heutigen Ortschaft Nicolaus den Feather River überquerte. Hier hatte Sutter 1842 seinem Mitarbeiter Nikolaus Allgeier aus Bayern ein Grundstück von einer Quadratmeile als Entlohnung für seine Dienste zugesprochen.
1846 wurde etwa 4 Kilometer südlich des Embarcadero (Schiffslandebrücke) von Fort Sutter die Stadt Sutterville gegründet. Heute ist Sutterville nur noch eine California Historical LandmarkEintrag auf der Website des Office of Historic Preservation und gehört zu Sacramento. Erst Ende 1848 wurde zwischen dem Fort und dem Embarcadero die Stadt Sacramento City gegründet.
Fort Ross und Bodega Bay