Die industrielle Revolution war die Phase des Durchbruchs der Industrialisierung in Deutschland, deren Beginn von Hubert Kiesewetter auf 1815Hubert Kiesewetter: Industrielle Revolution in Deutschland 1815–1914. Frankfurt am Main 1989. und von Friedrich-Wilhelm Henning auf 1835 datiert wurde.Friedrich-Wilhelm Henning: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. Paderborn 1973, S. 111.

Vorausgegangen waren die Zeiträume der Vor- und Frühindustrialisierung. Generell gelten die Jahrzehnte zwischen den 1830er-Jahren und 1873 als Phase des industriellen „take off“ (Walt Rostow). Der industriellen Revolution folgte die Phase der Hochindustrialisierung während des Kaiserreichs. Die (nachholende) industrielle Revolution in Deutschland unterschied sich von der des Pionierlandes Großbritannien dadurch, dass nicht die Textilindustrie, sondern Montanindustrie und Eisenbahnbau die Schlüsselindustrien wurden.

Ein weiteres Kennzeichen war der regionale Charakter der Industrialisierung. Teilweise vor dem Hintergrund älterer Traditionen, teilweise wegen günstiger Lage (z. B. an Handelsstraßen, Flüssen, Kanälen, in der Nähe von Rohstoffvorkommen oder Absatzmärkten) oder aus anderen Gründen konzentrierte sich die industrielle Revolution auf einige regionale Verdichtungszonen. In einigen älteren Gewerbelandschaften, in denen die Anpassung an die neue Zeit nicht gelang, kam es zu Deindustrialisierungsprozessen. Anfänglich war die industrielle Entwicklung zu schwach, um in nennenswertem Umfang neue Arbeitsplätze für eine wachsende Bevölkerung zu schaffen. Im Gegenteil verschärfte die industrielle Konkurrenz die Krise im Handwerk und in vielen traditionellen Gewerbezweigen. Das war eine der Ursachen für den Pauperismus des Vormärz. Erst mit dem Durchbruch der industriellen Revolution entstanden in größerem Umfang neue Arbeitsmöglichkeiten. Im weiteren Verlauf verschob sich die soziale Frage weg von den ländlichen Unterschichten und hin zur wachsenden Arbeiterbevölkerung mit ihren schlechten Wohn- und Arbeitsbedingungen bei meist niedrigen Löhnen. mini|hochkant=2|Der Eisenbahnbau als Ausdruck der industriellen Revolution (hier die Bonn-Cölner Eisenbahn um 1844)

Begriffsentwicklung

Der Begriff „industrielle Revolution“ entstand in Frankreich während und nach der französischen Revolution. Er war zeitweise eine Analogie, um den politischen Wandel in Frankreich und die ungefähr gleichzeitig ablaufenden Veränderungen der gewerblichen Produktionsformen in Großbritannien zu vergleichen. Ähnlich war die Verwendung auch noch in den folgenden Jahrzehnten, so z. B. 1827 in einem Bericht der Zeitung Moniteur Universel oder 1837, als Adolphe Jérôme Blanqui den Begriff gebrauchte, um die gewaltsame Entwicklung in Frankreich mit der friedlichen in England zu vergleichen. 1839 wurde er von Natalis Briavoinne (1799–1869) als Prozess- und Epochenbegriff genutzt. Außerhalb Frankreichs taucht er erstmals 1843 bei Wilhelm Schulz und 1845 in Friedrich Engels’ Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England auf.

Auch Engels verglich die politische Revolution in Frankreich und die gewerbliche Entwicklung in Großbritannien. Für ihn war die industrielle Revolution eine Epochenzäsur. „… kaum kennt die Weltgeschichte ein Ereignis, welches in dem kurzen Zeitraum weniger Menschenalter so außerordentliche Veränderungen hervorgebracht, so gewaltsam in die Schicksale der gebildeten Völker eingegriffen hat und noch eingreifen wird, als die industrielle Revolution, in welche unsere Zeit begriffen ist.“

Wurde der Begriff hier auf die von England ausgehende industrielle Entwicklung begrenzt, hatte schon Schulz ihn auch auf andere Epochen angewandt. Darin folgte ihm vor allem die angelsächsische Tradition etwa mit John Stuart Mill oder Arnold Toynbee. Als Epochenbezeichnung wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts die historische Einmaligkeit der Entstehung der Großindustrie betont, während er als Prozessbezeichnung den Umbruch noch als etwas Unabgeschlossenes deutete. Die Bedeutungsebene als Prozessbegriff verlor im 20. Jahrhundert gegenüber dem Begriff der Industrialisierung allerdings deutlich an Bedeutung.Darst. und Zit. nach: Dietrich Hilger: Industrie als Epochenbegriff: Industrialismus und industrielle Revolution. In: Geschichtliche Grundbegriffe: historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 3. Stuttgart: Klett-Cotta, 1982. S. 286–296.

Problem der chronologischen Abgrenzung

Unbestritten in der Forschung ist die Ansicht, dass die industrielle Revolution auf teilweise lang zurückliegenden Vorbedingungen beruhte. Einige – wie Simon Smith Kuznets – relativieren daher das Konzept einer Revolution im Sinne eines radikalen Umbruchs angesichts des Entwicklungscharakters stark. Kuznets betrachtete die Zeit von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein als die Epoche des „modernen Wirtschaftswachstums.“ Die meisten Forscher jedoch hielten und halten an der Vorstellung eines industriellen Durchbruchs im Sinne eines vergleichsweise rasch stark anwachsenden Wirtschaftswachstum auch in der deutschen Entwicklung fest. Umstritten bleibt jedoch die genaue Abgrenzung.

Es hat sich mittlerweile in der Forschung durchgesetzt, vom eigentlichen Beginn der Industrialisierung eine „Vorbereitungsphase“ zu unterscheiden, die etwa um 1790 einsetzte und der die eigentliche Phase des „take offs“ (oder der industriellen Revolution) folgte. Dessen Anfang ist weiterhin umstritten. Friedrich-Wilhelm Henning, Karl Heinrich Kaufhold oder Jürgen Kocka datieren ihren Beginn in die 1830er-Jahre. Reinhard Spree, Richard H. Tilly und auch Hans-Ulrich Wehler sehen den entscheidenden Schritt hin zu einer beschleunigten industriellen Entwicklung in den 1840er-Jahren erreicht. Knut Borchardt schlug gar die 1850er-Jahre als Beginn der industriellen Revolution an.

Bei allen Detaildiskussionen sind sich die neueren Autoren im Wesentlichen einig, dass nach einer längeren Vorlaufphase der Vor- oder Frühindustrialisierung Deutschland spätestens in der Mitte des 19. Jahrhunderts sowohl in quantitativer wie auch qualitativer Hinsicht in das Industriezeitalter eintrat. Dies gilt sowohl für die Ökonomie wie auch für die Gesellschaft.Tilly, S. 184 f., Pierenkemper, Gewerbe und Industrie, S. 49 f., S. 58–61, Siemann, Gesellschaft, S. 94–97, Hahn, industrielle Revolution, S. 1.

Vor-, Früh- und Proto-Industrialisierung

mini|hochkant|Die Meinertsche Spinnmühle in Lugau bei Chemnitz von 1812, eines der frühesten Fabrikgebäude in Deutschland. Im August 2016 abgerissen. Die Ausgangssituation für eine industrielle Revolution war in Deutschland deutlich schlechter als im Ursprungsland der Industrialisierung, in Großbritannien. Dazu zählen der fehlende einheitliche Markt, die Vielzahl von Zöllen, Währungen oder Gewichten und die territoriale Zersplitterung im 1806 niedergegangenen Heiligen Römischen Reich. Verkehrstechnisch war das Reich deutlich schlechter erschlossen als England, auch fehlte die überseeische Handels- und Kolonialexpansion. Der Rückstand gegenüber Großbritannien zeigte sich auch in dem in Deutschland wesentlich stärkeren agrarischen Sektor. Zudem hatte in diesem Bereich zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch keine vergleichbare „Agrarrevolution“ stattgefunden. Es gab noch starke feudale Elemente und, sieht man einmal von Ostelbien ab, zahlreiche leistungsschwache Kleinbetriebe, die vielfach noch mit alten Methoden wirtschafteten und als Subsistenzbetriebe kaum mit dem Markt verbunden waren. Hinzu kamen weitere Aspekte. Trotz des Merkantilismus im 18. Jahrhundert hielten etwa im Bereich des Handwerks die Zünfte an alten wirtschaftlichen Regulierungsinstrumenten fest.Hahn, industrielle Revolution, S. 4–6.

Auch in den deutschen Ländern gab es seit der frühen Neuzeit vorbereitende Entwicklungen. Werner Conze grenzte eine vorbereitende Phase etwa auf die Zeit zwischen 1770 und 1850 ein. Dazu zählte ein in der Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzendes stärkeres Bevölkerungswachstum. Das verstärkte die Nachfrage und vergrößerte das Arbeitskräftepotential.Hahn, industrielle Revolution, S. 7, Pierenkemper, S. 50.

Protoindustrie und Heimgewerbe

Zwar befand sich das Zunfthandwerk um 1800 in der Krise, aber es gab im gewerblichen Bereich nicht nur stagnierende Entwicklungen. In den Manufakturen mit etwa 100.000 Arbeitskräften gab es in gewissem Umfang eine Art Massenproduktion mit Arbeitsteilung. Das Verlagssystem (Protoindustrie) war in einigen Regionen bereits im späten Mittelalter und vor allem der frühen Neuzeit entstanden. So spezialisierten sich die landarmen Schichten in Ostwestfalen, Schlesien, Sachsen und anderen Gebieten auf die heimgewerbliche Herstellung von Leinen, das von Händlern aufgekauft und auf dem überregionalen Markt vermarktet wurde. Man schätzt, dass immerhin eine Million Menschen um 1800 in diesem Bereich beschäftigt waren.Zahlen nach Hahn, industrielle Revolution, S. 9.

Diese und andere Entwicklungen auch im Eisen- und Metallgewerbe und anderen Bereichen ließen bereits verschiedene regionale Zentren gewerblicher Verdichtung entstehen. In den westlichen preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen waren dies etwa der bergisch-märkische Raum und das Siegerland mit Ausläufern ins Sauerland. Ähnliche Zusammenhänge gab es im Rheinland, wo Eisen aus der Eifel zwischen Aachen, Eschweiler, Stolberg und Düren weiterverarbeitet wurde. Vor allem aber konzentrierte sich in diesem Gebiet die Messing-, Zink- und Bleiproduktion. In Oberschlesien wurden Bergbau und Verarbeitung teils vom Staat und teils von Großgrundbesitzern betrieben. Zu diesen gehörten die Grafen von Donnersmarck oder die Fürsten von Hohenlohe. Im Königreich Sachsen existierte ein hochdifferenziertes Gewerbe vom Land- und Stadthandwerk, über Heimgewerbetreibende in der Protoindustrie, Manufakturen, Bergbau und bald auch ersten Fabriken. Weite Teile Sachsens – hier vor allem die Region um die Stadt Chemnitz, die später auch „das sächsische Manchester“ genannt wurde – gehörten ebenso wie das nördliche Rheinland sogar zu den wachstumsintensivsten Regionen Europas, so Hahn.

mini|Mechanische Werkstätten von Friedrich Harkort in den Ruinen der Burg Wetter (Gemälde von Alfred Rethel, 1830er Jahre) Im Zusammenhang von Manufakturen und Verlagen sammelte sich in den verschiedenen Gewerbelandschaften Handelskapital an, das später nicht zuletzt zur Finanzierung der neuen Fabriken eingesetzt wurde. Allerdings waren diese frühen Gewerbelandschaften nicht immer eine direkte Vorstufe der industriellen Entwicklung. Teilweise wie in Teilen Hessens oder in Niederschlesien gelang der Anschluss an die Industrialisierung nicht und in den Gebieten des ländlichen Gewerbes kam es zu wirtschaftlichen Niedergangsprozessen.Hahn: Industrielle Revolution, S. 8. Pierenkemper: Gewerbe, S. 51 ff., S. 100 ff. Wehler: Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, S. 78–81.

Frühindustrialisierung

mini|Der Deutsche Zollvereinblau: zum Zeitpunkt der Gründunggrün / gelb: Erweiterungen bis / nach 1866