Mit dem Begriff des computerunterstützten kooperativen Lernens (engl.: Computer-supported cooperative/collaborative learning (CSCL)) werden Ansätze beschrieben, kooperatives Lernen (Lernen in Gruppen) durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik zu unterstützen.

Zusammenarbeitendes (kollaboratives) Lernen in Gruppen, die einander ergänzende Erfahrungen einbringen, um neues Wissen in der Interaktion miteinander zu erlernen, wird als der heutigen Arbeits- und Lernwelt angemessen angesehen.

Dabei wird zwischen Situationen unterschieden, in denen die Akteure verteilt, d. h. von unterschiedlichen Orten aus – verbunden durch Computernetze – am Lernprozess beteiligt sind, und solchen, in denen die Akteure an einem Ort (z. B. in CSCL-Laboren) gemeinsam lernen.

Verteilte Lerngruppen benötigen eine computergestützte, kollaborative Lernumgebung, die ihnen mindestens Zugriff auf gemeinsames Material, die kollaborative Erarbeitung neuer Materialien (wie z. B. Hausarbeiten oder Referate), synchrone und asynchrone Kommunikation von Wissen sowie eine Teilnehmerverwaltung und Rollenvergabe ermöglicht.Holger Nohr, Bianka Wänke, Isabel Esser: Computer-Supported Cooperative Learning in der Hochschulausbildung. Stuttgart 2004, ISBN 3-936749-78-7.

Anwendungsbereich Auf Basis von CSCL kann Technologie kooperatives Lernen in diversen Bereichen unterstützen. Beispielsweise kann sie Lernenden die Möglichkeit bieten untereinander einfacher zu kommunizieren. Technologien, die speziell zur Kommunikation entwickelt wurden, ermöglichen es Lernenden zu jeder Zeit und an jedem Ort untereinander Ideen auszutauschen und zu kommunizieren. Die meist genutzten Wege um zu kommunizieren sind vor allem über E-Mail, Diskussionsplattformen oder Video-Konferenz. In CSCL werden Diskussionsplattformen häufiger genutzt als reiner E-Mail-Verkehr. Die Kommunikation in CSCL hängt schlussendlich auch davon ab, wie häufig sich die Lernenden von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen und sich austauschen.

CSCL findet häufig schon im pädagogischen Umfeld Anwendung. Vorteile hierfür sind die ständige Verfügbarkeit von Lehrmaterialien, die einfache Kooperation der Gruppenmitglieder ohne die Notwendigkeit persönlicher Treffen und die Möglichkeit, zu unterschiedlichen Zeitpunkten an einem Projekt zu arbeiten.

CSCL wird häufig auch im Sinne des Integrierten Lernen eingesetzt. So werden besonders bei Online-Sitzungen computergestützte Tools verwendet, die verschiedene Arten von Group Awareness fördern. Diese Tools unterscheiden sich z. B. dahingehend, dass unterschiedliche Informationen über die Kollaborationspartner in Form von unterschiedlichen Visualisierungen dargestellt werden.

Affordanzen Das Potenzial computerunterstützter Technologien, Gruppenlernen zu erleichtern, lässt sich unter anderem auf deren Affordanz (engl.: affordance), auch Aufforderungscharakter oder Anbietung genannt, zurückführen. Im Kontext von CSCL werden die Affordanzen als Möglichkeiten verstanden, die dem Lernenden gegeben werden, um bestimmte Handlungen oder Aktivitäten in der kollaborativen Lernumgebung auszuführen. Ein Videokonferenz-System ermöglicht beispielsweise die Kommunikation zwischen Partnern, die sich an unterschiedlichen Orten befinden. Dabei hängen die Möglichkeiten immer von der jeweiligen Beziehung zwischen Akteur und Objekt ab, die interagieren. Eine Affordanz kann also abhängig von der Nutzersituation, -erfahrung oder seinem kulturellen Kontext variieren. Ein Videokonferenz-System ermöglicht dabei beispielsweise die Kommunikation zwischen Partnern, die sich an unterschiedlichen Orten befinden. Für den Bereich des computergestützten Gruppenlernens schlagen Jeong und Hmelo-SilverH. Jeong, C. E. Hmelo-Silver: Seven affordances of computer-supported collaborative learning: How to support collaborative learning? How can technologies help? In: Educational Psychologist. 51(2), 2016, S. 247–265. sieben Kern-Affordanzen vor. Gruppenlerntechnologien sollten den Autoren zufolge also Lernenden die Möglichkeit bieten, (1) sich mit einer gemeinsamen Aufgabe zu beschäftigen, (2) zu kommunizieren, (3) Lernmaterialien bzw. Ressourcen miteinander zu teilen, (4) an kollaborativen Lernprozessen teilzunehmen, (5) Wissen zu ko-konstruieren, (6) kollaborative Lernprozesse zu überwachen, und (7) Lerngemeinschaften zu finden oder neu zu bilden.

Erarbeitung gemeinsamer Aufgaben Die Technologie sollte die Lernenden in der Auffindung von Aufgaben, die auch gemeinsam in der Gruppe bearbeitet werden können, unterstützen und durch geteilte Materialien oder gemeinsamen Multimedia-Aktivitäten die Lernenden zum Diskutieren anregen. Besonders durch multimediale Technologien können die Lernmaterialien auf vielfältige Weise sowohl veranschaulicht als auch interaktiv erprobt werden. Allerdings muss darauf geachtet werden, dass sowohl die Aufgaben für die Lernenden bedeutsam sind, als auch die Benutzung der Technologie nicht zu schwierig erscheint. Ein Beispiel für eine solche Technologie ist Wikipedia, womit gemeinsame Aktivitäten unterstützt werden können.

Kommunikation Die Kollaboration von Personen erfordert, dass diese miteinander kommunizieren können. In computerunterstützten Szenarien bieten sich nach Jeong und Hmelo-Silver dafür verschiedene Ansätze an, die von der Gestaltung des Lernkontextes abhängen. Unterschieden wird hierbei zwischen synchroner (z. B. Video-Konferenz) und asynchroner Kommunikation (z. B. E-Mail), wobei anzumerken ist, dass letztere häufiger genutzt wird. Das liegt zum einen an der höheren Flexibilität der Kommunikationsart, zum anderen bieten sich dem Lernenden so Gelegenheiten zur Reflexion. Technologische Gegebenheiten wie Bandbreite des Internets, Bekanntheit und Nutzerfreundlichkeit der Kommunikationstools und das Erfordernis einer Unmittelbarkeit der Kommunikation (z. B. benötigt Wikipedia keine direkten Kommunikationswege, da Artikel gemeinsam geschrieben werden) beeinflussen die Wahl der Kommunikation ebenfalls. Ferner sollte berücksichtigt werden, ob die Kommunikation 1-zu-1, 1-zu-mehreren oder mehrere-zu-mehrere stattfinden soll. Des Weiteren können sich Anforderungen an die Kommunikation im Laufe der Kollaboration verändern, was ebenfalls bei der Auswahl der geeigneten Kommunikationskanäle berücksichtigt werden sollte. Falls mehrere Kommunikationskanäle verwendet werden, wird ein nahtloser Wechsel zwischen den Kanälen empfohlen. Mit steigender Tendenz werden den Lernenden mehrere Kommunikationskanäle angeboten, sodass die Modalität ausgewählt werden kann, die die Kommunikationsbedürfnisse der Lernenden am besten erfüllt. Jedoch sollte dabei beachtet werden, dass einige Vorteile der Face-to-Face-Kommunikation im Online-Kontext nicht ausreichend repliziert werden können. So können implizite Kontext-Informationen und nonverbale Kommunikationsformen im Online-Kontext nicht gleichermaßen vermittelt werden.

Teilen von Ressourcen

Nach Jeong und Hmelo-Silver können CSCL-Tools durch die Bereitstellung von Funktionen zum Teilen von Lernressourcen kollaborative Lernprozesse unterstützen, indem sie Lernenden die Organisation von sowie den Austausch über Informationen erleichtern. Über das bloße Teilen von Ressourcen hinaus können CSCL-Tools Lernenden zudem ermöglichen, den geteilten Ressourcen Annotationen hinzuzufügen, die die Diskussion über geteilte Inhalte verbessern. Um sicherzustellen, dass geteilte Informationen von Lernenden genutzt werden, besteht des Weiteren die Möglichkeit, Lernende mit Hilfe entsprechender Visualisierungen über neu verfügbare Lernressourcen oder deren Anbieter zu informieren. Beispiele für Methoden, die zur Unterstützung des Teilens von Lernressourcen eingesetzt werden, sind Chat- oder E-Mail-Anhänge, Cloud-Services, oder verschiedene Web-Repositories. Strategien zum Teilen am Beispiel Wikipedia In Wikipedia kann jeder registrierte User zu jedem Zeitpunkt Ressourcen teilen, indem er Inhalt zufügt. Dabei kann es sich zum Beispiel um verschiedene Medien-Dateien handeln oder auch textuelle und visuelle Inhalte auf Seiten handeln. Kanäle zum Teilen am Beispiel Wikipedia CSCL stellt laut Hwang, Wang, & Sharples durch verschiedenste Datenbanken und andere Orte zur Aufbewahrung (engl.: repositories) Lerninhalte und Ressourcen zur Verfügung, die speziell zum Teilen gedacht sind.W.-Y. Hwang, C.-Y. Wang, M. Sharples: A study of multime- dia annotation of Web-based materials. In: Computers and Education. 48, 2007, S. 680–699. Im Kontext von Wikipedia hat die Wikimedia-Foundation durch die Etablierung verschiedener Wiki-Projekte eine Möglichkeit geschaffen, solche Datenbanken für verschiedene Arten von Medien und Informationen zur Verfügung zu stellen. Als Beispiele können dabei Wikimedia Commons eine freie Sammlung von Bild-, Audio- und Videodateien oder Wikidata, ein Wiki-Projekt zum Sammeln von Datensätzen, genannt werden (Alle Projekte der Wikimedia-Foundation).

Strukturierung kollaborativer Lernprozesse Im Rahmen des kollaborativen Arbeitens an einer Aufgabe gibt es zahlreiche Arten, wie Teilnehmende sich beteiligen. Dies kann sich von Fragenstellen über Kritisieren bis hin zu Konfliktresolution erstrecken. Wenn diese Prozesse unkontrolliert, d. h. allein von den Lernenden gesteuert, ablaufen, kann dies zu verschiedenen Schwierigkeiten kommen. Beispielsweise rücken zu häufig unwichtige Themen in den Fokus der Diskussion oder es finden zu viele nicht auf die Aufgabe bezogene Handlungen statt. Ursachen dessen könnte Unsicherheit, wie Diskussionen gestartet oder Consensus erreicht werden kann, sein. Darüber hinaus findet oft eher eine oberflächliche Informationsverarbeitung anstelle einer (intensiven) Reflexion statt. Um diesen Effekt zu vermeiden, können Lernprozesse bewusst strukturiert und somit unterstützt werden. Dies kann zum Beispiel mithilfe bestimmter Lehrmethoden umgesetzt werden.

Beispiele für unterstützende Lehrmethoden Gruppenpuzzle (engl.: Jigsaw Classroom): Kooperative Gruppenarbeitstechnik, bei der Kleingruppen jeweils ein Unterthema bearbeiten und ihre Ergebnisse anschließend zusammentragenE. Aronson, S. Patnoe: Cooperation in the classroom: The jigsaw method. Longman, New York 1997. Konstruktivistische Pädagogik: Konzept der Lernpsychologie, nach dem der Lernende durch sein Wissen eine individuelle Repräsentation der Welt schafft und neues Wissen in diese einordnetGerd Mietzel: Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens. Hogrefe-Verlag, Göttingen 2001, ISBN 3-8017-1436-5. Reziprokes Lehren: Variante des Lesens, bei dem der Text in Abschnitte unterteilt wird und der Inhalt nach jedem Abschnitt reflektiert wird.A. Collins, J. S. Brown, S. E. Newman: Cognitive Apprenticeship: Teaching the Crafts of Reading, Writing and Mathematics. In: L. B. Resnick (Hrsg.): Knowing, learning and instruction. Erlbaum, Hillsdale, NJ 1989, S. 453–494. Problembasiertes Lernen Kollaborationsskripts

Die Rolle der Technologie Im Allgemeinen hat die Technologie im Hinblick auf das Strukturieren von Lernprozessen zwei Aufgaben. Erstellung eines Lernkontextes, in dem Strukturierung dringend benötigt wird Beispiel: Schüler schlüpften in die Rolle eines Arztes oder Psychologen, der den Patienten nicht persönlich aber dafür per Videokonferenz treffen konnte, und konnten anhand eines Skripts eine Sprechstunde/Therapiesitzung mit diesem abhalten. Das Skript leitete die Schüler dabei zu verschiedenen Aktionen an, wie z. B. das Stellen bestimmter Fragen oder die Gabe von FeedbackN. Rummel, H. Spada: Learning to collaborate: An instructional approach to promoting collaborative problem solving in com- puter-mediated settings. In: The Journal of the Learning Sciences. 14, 2005, S. 201–241. Unterstützung der Strukturierung durch Beschränkungen der möglichen Operationen (= Constraints)