Die altsüdarabischen Sprachen (veraltet Himjarische Sprache, auch Sayhadisch) sind eine Gruppe ausgestorbener Sprachen, die vom 9. Jahrhundert v. Chr. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. im Süden der arabischen Halbinsel, vor allem im Jemen, überliefert sind. Sie gehören zu den semitischen Sprachen. Das Altsüdarabische wurde im frühen 7. Jahrhundert offenbar mit der Einführung des Islams im Jahre 630 vom Arabischen verdrängt; die letzte datierte Inschrift stammt aber schon aus dem Jahr 669 der himjarischen Ära (etwa 554 n. Chr.). Es ist möglich, dass das Altsüdarabische als gesprochene Sprache schon im 4. Jahrhundert n. Chr. ausstarb.Christian Robin: Südarabien – eine Kultur der Schrift. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): Jemen – Kunst und Archäologie im Land der Königin von Saba. Mailand 1998, , S. 79 ff. Das Altsüdarabische ist kein Vorgänger der neusüdarabischen Sprachen.
Sprachverwandtschaft Das Altsüdarabische gehört ebenso wie etwa das Klassisch-Arabische und Hebräische zu den semitischen Sprachen, einem Zweig der afroasiatischen Sprachfamilie. Da die interne Klassifikation der semitischen Sprachen nicht gesichert ist, gibt es auch verschiedene Ansichten dazu, wie das Altsüdarabische innerhalb dieser Sprachfamilie einzuordnen ist. Das traditionelle Modell rechnet das Altsüdarabische zusammen mit dem Arabischen, den neusüdarabischen Sprachen und den äthiosemitischen Sprachen zum südsemitischen Zweig.Vgl. Alice Faber: Genetic Subgrouping of the Semitic Languages. In: Robert Hetzron (Hrsg.): The Semitic Languages. London: Routledge, 1997. S. 3–15. Hier S. 5. Die neusüdarabischen Sprachen stehen trotz des Namens nicht in direkter Nachfolge des Altsüdarabischen. Lange ging man davon aus, das Altäthiopische sei direkt aus dem Altsüdarabischen entstanden, diese Ansicht ist aber mittlerweile widerlegt. Neuere Forschungsergebnisse legen indes nahe, dass das Altsüdarabische nicht zu den südsemitischen Sprachen zu zählen ist, sondern zusammen mit dem Arabischen und den nordwestsemitischen Sprachen (unter anderem Hebräisch, Aramäisch) den zentralsemitischen Zweig bildet.John Huehnergard: Features of Central Semitic. In: biblica et orientalia 48 (2005). S. 155–203. Hier S. 160 f. Das deutlichste Merkmal, das das Altsüdarabische von den anderen semitischen Sprachen abgrenzt, ist das determinierende Suffix n, das sich in dieser Verwendung in keiner anderen semitischen Sprache findet.
Sprachen mini|300px|Die südarabischen Reiche und Sprachen um 100 v. Chr. Das Altsüdarabische umfasste mehrere Sprachen; die folgenden sind schriftlich überliefert (die Jahreszahlen richten sich nach der „Langen Chronologie“, vgl. Altes Südarabien): Sabäisch: Sprache des Reiches Saba und des späteren Himyar; auch belegt im nordostafrikanischen Reich Da’amotA. Avanzini: Le iscrizioni sudarabiche d’Etiopia: un esempio di culture e lingue a contatto. In: Oriens antiquus, 26 (1987), S. 201–221.; sehr gut belegt, etwa 6000 Inschriften Altsabäisch: 8. bis 2. Jahrhundert v. Chr. Mittelsabäisch: 1. Jahrhundert v. Chr. bis 4. Jahrhundert n. Chr. (am stärksten belegt)Dialekte nach: Peter Stein: Zur Dialektgeographie des Sabäischen. In: Journal of Semitic Studies XLIX/2. Manchester 2004 Amiritisch/Haramisch: Sprache der Gebiete nördlich von Ma’in Zentralsabäisch: Sprache der Inschriften aus dem sabäischen Kernland Südsabäisch: Sprache der Inschriften aus Radman und Himyar Pseudo-Sabäisch: Schriftsprache arabischer Gruppen in Nadschran, Haram und Qaryat al-Faw Spätsabäisch: 5. und 6. Jahrhundert n. Chr. Minäisch (auch Madhabisch): Sprache der Stadtstaaten im Dschauf – außer Haram – bzw. des späteren Flächenstaates Ma'in (belegt vom 8. bis 2. Jahrhundert v. Chr.) Inschriften auch außerhalb von Ma’in in den Handelskolonien Dadan und Mada’in Salih, in Ägypten und auch Delos (ca. 500 Inschriften). Qatabanisch: Sprache des Reiches Qataban, belegt vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. (knapp 2000 Inschriften) Ausanisch: Sprache des Reiches Ausan, sehr schwach belegt (ca. 25 Inschriften, 8. Jahrhundert v. Chr. sowie 1. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.). Unterscheidet sich nicht erkennbar vom Qatabanischen. Andere Varietäten, wie die Sprache des Stammes Radman Hadramitisch (hadramautisch): Sprache von Hadramaut, zusätzlich eine Inschrift von der griechischen Insel Delos. 5. Jahrhundert v. Chr. bis 4. Jahrhundert n. Chr. (etwa 1000 Inschriften)
Von diesen Sprachen ist das Sabäische eine sog. h-Sprache, die anderen s-Sprachen, da das Sabäische im Pronomen der 3. Person und im Kausativpräfix ein h zeigt, wo die anderen Sprachen ein s1 zeigen.
Nicht alle Sprachen des vorislamischen Südarabien gehörten zum Altsüdarabischen. Mehrere unverständliche Inschriften aus Saba scheinen in einer mit dem Altsüdarabischen verwandten Sprache geschrieben zu sein, für die eine Endung -k typisch war. Auch die eigentliche Sprache der Himyaren, die vor der Islamisierung sabäisch schrieben, scheint nicht altsüdarabisch gewesen zu sein. Arabische Autoren aus der Zeit nach der Islamisierung, als das Altsüdarabische selbst wohl schon ausgestorben war, beschreiben einige ihrer Eigenschaften, die sowohl vom Altsüdarabischen als auch von anderen bekannten semitischen Sprachen deutlich abweichen.
Überlieferung mini|Sabäische Weiheinschrift an Almaqah Das Altsüdarabische wurde mit der altsüdarabischen Schrift, einem vom phönizischen Alphabet abstammenden Konsonantenalphabet, geschrieben. Die Anzahl der erhaltenen Inschriften ist verglichen mit anderen Teilen der antiken Welt, beispielsweise Palästina, sehr hoch, angeblich sind 10.000 Inschriften erhalten; der sabäische Wortschatz umfasst ungefähr 2500 Wörter.Hochrechnung nach Stichproben aus Beeston, Ghul, Müller, Ryckmans: Sabaic Dictionary (siehe Literaturverzeichnis) Die Inschriften lassen sich nach Schreibmaterial und Inhalt in folgende Gruppen einteilen: Steininschriften Votivinschriften, enthalten oft auch historische Berichte über Ereignisse, die zu einer Widmung führten. Bauinschriften: nennen Name des Bauherrn und unter Umständen auch historische Umstände Gesetze und Verordnungen Protokolle und Urkunden Sühne- und Bußinschriften Felsgraffiti literarische Texte: Falls solche Texte jemals in größerer Zahl vorhanden waren, sind sie fast vollständig verloren Inschriften auf Holzstäbchen und Palmblattrippen (nur sabäisch und hadramitisch)Siehe: Ryckmans, Müller, Abdallah 1994; Serguei A. Frantsouzoff: Hadramitic documents written on palm-leaf stalks. In: Proceedings of the Seminar for Arabien Studies, 29 (1999), S. 55–65 private Texte Verträge und Anordnungen Inschriften auf Gebrauchsgegenständen
Für die Steininschriften ist eine sehr formelhafte, aber auch präzise Ausdrucksweise kennzeichnend; die in einer kursiven Form der Schrift niedergeschriebenen Holzinschriften dagegen haben einen weniger formelhaften Stil.
Forschungsgeschichte und Didaktik mini|Eduard Glaser (1855–1908) Zwar waren in Europa schon seit dem 18. Jahrhundert Inschriften aus dem alten Südarabien bekannt, doch gelang erst Wilhelm Gesenius (1786–1842) und seinem Schüler Emil Rödiger in den Jahren 1841/42 unabhängig voneinander ein großer Teil der Entzifferung der altsüdarabischen Schrift. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachten dann Joseph Halévy und Eduard Glaser hunderte altsüdarabische Inschriften, Papierabdrücke und Kopien nach Europa. Auf Basis dieses großen Materials legte Fritz Hommel bereits 1893 eine Chrestomathie und den Versuch einer Grammatik vor. Nach ihm gelangen insbesondere dem Sabäisten Nikolaus Rhodokanakis weitere wesentliche Fortschritte beim Verständnis des Altsüdarabischen. Ein völlig neuer Bereich altsüdarabischer Schrift und Schriftlichkeit eröffnete sich seit den 1970er Jahren durch den Fund von mit einem Stift und in sabäischer Sprache beschriebenen Holzstäbchen. Die unbekannte Schrift und zahlreiche unverständliche Wörter stellten die Sabäistik vor neue Probleme, und bis heute sind die Holzstäbchen nicht vollständig verständlich.
Im deutschsprachigen Raum wird Altsüdarabisch im Rahmen der Semitistik unterrichtet, ohne dass es dafür eigene Lehrstühle gibt. Das Erlernen des Altsüdarabischen setzt Kenntnisse wenigstens einer anderen semitischen Sprache voraus, da das Erlernen der Eigenheiten des Semitischen eine weniger fragmentarisch erhaltene Sprache erfordert. Gewöhnlich wird eine Einführung in die Grammatik des Altsüdarabischen gegeben, daran schließt sich die Lektüre einiger längerer Texte an.
Lautsystem Das Altsüdarabische besaß mit 29 konsonantischen Phonemen das reichste Konsonantensystem des Semitischen (nach Nebes/Stein 2004; die Buchstaben in Klammern geben die Transkription): Bilabial Dental Alveolar Postalveolar Palatal Velar Pharyngal Glottal nichtemph. emphatisch nichtemph. emphatisch nichtemph. emphatisch Plosive stl. (10px) (10pxṭ) (10px) (10pxq) (10px ʾ) sth. (10px) (10px) (10px) Frikative stl. (10px) (10pxṯ) (10pxẓ) (10pxs3 / ś) (10pxṣ) (10pxs1 / s) (10pxḫ) (10pxḥ) (10px) sth. (10pxḏ) (10px) (10pxġ) (10pxʿ) Nasale (10px) (10px) Laterale (10px) Vibranten (10px) Approximanten (10px) (10px y) laterale Frikative stl. (10pxs2 / š) (10pxḍ)
In der Frühzeit der Sabäistik wurde das Altsüdarabische mit dem hebräischen Alphabet umschrieben. Strittig ist die Transkription der alveolaren bzw. postalveolaren Frikative; nach großen Unsicherheiten in der Frühzeit der Sabäistik setzte sich die von dem Corpus Inscriptionum Semiticarum, Nikolaus Rhodokanakis und Anderen gewählte Transkription durch, bis A. F. L. Beeston stattdessen die Bezeichnung durch s plus Index 1-3 vorschlug. Letztere Bezeichnung hat sich hauptsächlich im englischen Sprachraum durchgesetzt, während zum Beispiel im deutschen Sprachraum die älteren Transkriptionszeichen, die in der obigen Tabelle ebenfalls berücksichtigt wurden, weiterhin verbreitet sind.
Die Realisierung der emphatischen Konsonanten ḍ, ṣ, ṭ, ẓ als velarisiert oder ejektiv, sowie des emphatischen q als uvularer Plosiv oder velarer Ejektiv sind spekulativ. Ebenso die Bestimmung der Sibilanten s1/s, s2/š und s3/ś. Beim mündlichen Vortrag orientiert sich die Aussprache des Altsüdarabischen am klassischen Arabisch.
Im Laufe der Sprachgeschichte zeigten sich besonders im Hadramitischen einzelne Lautveränderungen, etwa den Wandel von ʿ nach ʾ, von ẓ nach ṣ, von ṯ nach s3 (vgl. Schreibungen wie tlmyṯ für „Ptolemaios“ (minäisch)). Im Spätsabäischen fielen s1 und s3 zu grafischem s1 zusammen. Wie in anderen semitischen Sprachen kann n an einen folgenden Konsonanten assimiliert werden, vergleiche ʾnfs1 „Seelen“ > ʾfs1.
Da die altsüdarabische Schrift Vokale nicht kennzeichnet, sind detaillierte Aussagen über die Vokale des Altsüdarabischen nicht möglich. Umschreibungen altsüdarabischer Namen vor allem im Griechischen legen indes nahe, dass das Altsüdarabische wie das Protosemitische und das Arabische die Vokale a, i und u besaß. So erscheint der Name krb-ʾl im Akkadischen als Karib-ʾil-u und im Griechischen als Chariba-el. Die Monophthongisierung von aw zu ō wird durch Varianten wie ywm und ym „Tag“ (vergleiche arabisch yawm), Ḥḍrmwt / Ḥḍrmt / griechisch Chatramot (arabisch Ḥaḍramawt) „Hadramaut“ nahegelegt. Da jedoch nur sehr wenige Wörter vokalisiert überliefert sind, sind in der Wissenschaft benutzte vokalisierte Formen altsüdarabischer Namen hypothetisch und teilweise willkürlich.
Morphologie Personalpronomina Wie in anderen semitischen Sprachen existierten im Altsüdarabischen Pronominalsuffixe und unabhängige bzw. absolute Pronomina; Letztere sind außerhalb des Sabäischen nur spärlich belegt. Die Personalpronomina lauten – soweit bekannt – im Einzelnen: