mini| Das Bettelweib von Locarno ist der Titel einer am 11. Oktober 1810 in den Berliner Abendblätternim Verlag Julius Eduard Hitzig unter dem Kürzel „mz“ und 1811 im zweiten Band der Erzählungen publizierten kurzen Erzählung von Heinrich von Kleist.Reinhold Steig: Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe. Berlin / Stuttgart 1901, S. 521–530, zit. nach www.textkritik.de

Inhalt An der Textoberfläche erscheint Das Bettelweib von Locarno als einfache Gespenstergeschichte nach der Mode der Zeit: Ein Bettelweib erhält von einer Marquise Obdach in einem Zimmer, wird vom Marchese jedoch hinter den Ofen befohlen. Auf dem Weg dorthin stürzt das Bettelweib aber und verletzt sich so schwer, dass es den Weg hinter den Ofen nur unter Ächzen schafft und dort stirbt.

Jahre später will der inzwischen finanziell angeschlagene Marchese sein Schloss an einen interessierten Ritter verkaufen. Dieser übernachtet in besagtem Zimmer, muss aber bestürzt erfahren, dass es dort geräuschvoll spukt. Etwas Unsichtbares habe sich in einer Ecke erhoben und sei mit schweren Schritten hinter den Ofen gegangen, um dort zusammenzubrechen. Der Ritter reist am nächsten Morgen umgehend ab.

Um Gerüchte zu zerstreuen, die den Verkauf des Schlosses behindern, will der Marchese der Sache nun selbst nachgehen, auch er hört darauf die mitternächtlichen Geräusche. Eine weitere Nacht – nun mit der Marquise und einem Bediensteten – lässt alle drei den Spuk erfahren. Die nächste Nacht verbringen der Marchese und die Marquise mit einem Kettenhund an ihrer Seite in dem Zimmer. Als der Hund vor dem erneut auftretenden Spuk zurückweicht, flieht die Marquise; der Marchese versucht vergebens, den unsichtbaren Gegner mit seinem Degen zu bekämpfen, er zündet das Zimmer an: „Der Marchese, von Entsetzen überreizt, hatte eine Kerze genommen, und dasselbe, überall mit Holz getäfelt wie es war, an allen vier Ecken, müde seines Lebens, angesteckt. Vergebens schickte sie Leute hinein, den Unglücklichen zu retten; er war auf die elendiglichste Weise bereits umgekommen, und noch jetzt liegen, von den Landleuten zusammengetragen, seine weißen Gebeine in dem Winkel des Zimmers, von welchem er das Bettelweib von Locarno hatte aufstehen heißen.“Sämtliche Werke und Briefe, 3 (Hg. Müller-Salget), S. 264. Entstehung Nach der Familienchronik derer von Pfuel liegt der Erzählung ein Erlebnis zugrunde, das Friedrich von Pfuel, Bruder des engen Kleist-Freundes Ernst von Pfuel, in Gielsdorf bei seinem Onkel passiert war und das er bei einem Aufenthalt in Berlin Kleist erzählt hatte. Diese Angabe wurde durch die Kleist-Forschung, unter anderem den Kleist-Forscher Helmut Sembdner, bestätigt.Sigismund Rahmer: Heinrich von Kleist als Mensch und Dichter. Nach neuen Quellenforschungen. Reimer, Berlin 1909, S. 252–257.Helmut Sembdner: Heinrich von Kleists Lebensspuren. 1957 (erweiterte Auflage 1992), Nr. 407. Interpretationen Kleists Erzählung wird von verschiedenen Ansätzen ausgehend unterschiedlich gattungsmäßig eingeordnet (Erzählung, Anekdote, Novelle) und interpretiert: als Gespenstergeschichte, schicksalhafte Bestrafung (Nemesis), Gesellschaftskritik, Beziehungsproblematik, verdrängtes Schuldgefühl. Phantastik In einem Brief machte sich Kleist Jahre vor der Entstehung des Bettelweibs über die Bibliothek Würzburg lustig; dort seien nämlich ausschließlich „lauter Rittergeschichten, rechts die Rittergeschichten mit Gespenstern, links ohne Gespenster“ anzutreffenan Wilhelmine von Zenge, 14. Sept. 1800, Unterstreichungen im Original. Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe. Hrsg. Roland Reuß, Peter Staengle. Bd. 4/1: Briefe 1, März 1793 – April 1801. Basel / Frankfurt am Main 1996, S. 294. Angesichts dieses Zeugnisses darf man annehmen, dass Kleist mit dem Bettelweib trotz der Publikation in den breitenwirksamen Berliner Abendblättern keine ausschließlich der romantischen Unterhaltung dienende Gruselgeschichte vorschwebte.

Kleists Erzähler berichtet das gespenstische Geschehen „mit aktenmäßig nüchterner Sachlichkeit, so dass eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der Irrealität des Vorgangs und der trockenen, fast ironischen Selbstverständlichkeit der Darstellung entsteht, eine Diskrepanz, die weit eher mit Kafkas Visionen als mit den zeitgenössischen Gespenstergeschichten eines Tieck oder Hoffmann zu vergleichen ist.“ Nur die spukhafte Szene in der letzten Nacht gewinne eine unheimliche Anschaulichkeit.Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1974, Bd. 4, S. 1482. Der Spuk ist nur akustisch wahrnehmbar. Es wird von „einem Geräusch“ berichtet, das in dem Zimmer zu hören sei, und als „unbegreiflich“ oder „gespensterartig“ beschrieben. Er scheint – da kein Verursacher auszumachen ist – zwar nicht mit den Naturgesetzen vereinbar, dennoch ist das Geräusch hörbar, also in Grenzen den Naturgesetzen unterworfen. Dass es sich bei dem Spuk um ein Phantasma handelt, wird durch die verschiedenen Zeugen und die Reaktion des Hundes, im Volksglauben als geistersichtig beschrieben, ausgeschlossen. Der Schwebezustand zwischen Natürlichem und Übernatürlichem entspricht dem Wesen des Fantastischen und kann als strukturelle Analogie zum Schwebezustand im Erzähldiskurs (Widerspruch zwischen Erzählerstimme und Erzähltem) gesehen werden.Vgl. Greiner. Nemesis Staiger kommt in seiner Form-Analyse zu dem Ergebnis: „Was uns am Bettelweib von Locarno erschüttert, ist die unerbittlich durchgeführte dramatische Form an sich.“ Der Stoff sei „weiter nichts als eine Schauermär, wie sie die Bänkelsänger vorzutragen lieben“.Emil Staiger: Heinrich von Kleist: ‚Das Bettelweib von Locarno‘. In: Jost Schillemeit (Hrsg.): Interpretationen, Bd. 4. Deutsche Erzählungen von Wieland bis Kafka. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1966, S. 100. Die Teile seien „unselbständig, in ihrer Auswahl, Ordnung und Abstufung überhaupt nur vom Ende her zu begreifen“. „Der Zweck des Dichters“ liege am Schluss:Emil Staiger: Heinrich von Kleist: ‚Das Bettelweib von Locarno‘. In: Jost Schillemeit (Hrsg.): Interpretationen, Bd. 4. Deutsche Erzählungen von Wieland bis Kafka. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1966, S. 97. „Ist es zu glauben? Der Hund weicht aus! Kein Zweifel mehr: Ein Gespenst geht um. […] Und einzig, indem das ‚er‘ [der Hund] dem Schluss des Satzes Selbständigkeit verleiht, bedeutet der Dichter uns: Das ist’s! Nur darum habe ich alles erzählt.“Emil Staiger: Heinrich von Kleist: ‚Das Bettelweib von Locarno‘. In: Jost Schillemeit (Hrsg.): Interpretationen, Bd. 4. Deutsche Erzählungen von Wieland bis Kafka. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1966, S. 95. Deshalb bezeichnet Staiger den Text als „dramatische Novelle“. In Kleists Werk breche „das tiefe Grauen aus der Erkenntnis, dass alles sich ganz genau wiederholt, das Rascheln des Strohs […]“ Gar nichts davon sei vergessen, obwohl es schon Jahre zurückliege: „Und weniger, dass ein Gespenst erscheint, als dass sich ein leichtes Vergehen im Geisterraum unverrückbar erhält und immerzu das Leben verstört, dem mit der Trauer doch auch der Segen der Vergänglichkeit beschieden sein sollte“. Dies lasse den Marchese „verzweifeln und irre werden am Wesen und Sinn der Welt“. Kleists dramatische Auffassung des Lebens, das als „gefährliches Experiment […] jederzeit tragisch enden“ könne, bezieht Staiger auf die antike Tragödie, das „Urbild aller tragisch-tödlichen Konsequenz“.Emil Staiger: Heinrich von Kleist: ‚Das Bettelweib von Locarno‘. In: Jost Schillemeit (Hrsg.): Interpretationen, Bd. 4. Deutsche Erzählungen von Wieland bis Kafka. Fischer Bücherei Frankfurt am Main/Hamburg 1966, S. 99.

In ähnlicher Interpretation lehnt der Verfasser des Artikels in Kindlers Literaturlexikon eine psychologische Deutung ab und sieht den ersten Teil nur als Vorbereitung der spukhaften Szene der letzten Nacht: „Die Tatbestände bleiben unanschaulich, körperlos und unbegreiflich, die Menschen erscheinen nicht als Charaktere, mit einem gewissen Eigengewicht, sondern fungieren lediglich als Träger oder vielmehr als Opfer einer zur Katastrophe drängenden Handlung.“Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1974, Bd. 4, S. 1482 ff. Wegen der „kaum skizzenhafte[n] Zeichnung der Charaktere“, der „strenge[n] Beschränkung auf knappe objektive Geschehensdarstellung“ und des konzentrierten Aufbaus wird das Bettelweib der Gattung der Anekdote zugerechnet. Brüchigkeit Andere Interpretationen betrachten dagegen die Flüchtigkeiten bzw. Unstimmigkeiten in der skizzenhaften Beschreibung der Lokalität und der Personen genauer und bauen darauf ihre Deutung auf. Pastor und Leroy erscheint diese „Brüchigkeit“ in der Darstellung des Erzählers, die allerdings von den Lesern – meist unwillkürlich – aufgelöst werde, als „Erzählprinzip“ Kleists. Hier einige Fragen nach den Zusammenhängen der Handlung und den Beweggründen der Personen: Die kranke Bettlerin wird von der mitleidigen Hausfrau in einem Winkel eines hohen und weitläufigen Zimmers auf Stroh gebettet. Allerdings liegt der Raum in einem oberen Stockwerk und ist für die Gehbehinderte mit ihrer Krücke nur über eine Treppe zu erreichen. Jahre später, als ein florentinischer Ritter in demselben Zimmer logiert, wird es als „sehr schön und prächtig eingerichtet“ beschrieben. Der damaligen Situation entsprechender wäre vermutlich eine Unterbringung beim Dienstpersonal im Erdgeschoss oder in einem Nebengebäude gewesen. Hier setzen Fragen nach Kleists Motiv für die Zimmerwahl ein: Verdeutlichung der sozialen Unterschiede oder Einheit des Ortes (Unfall- und Sterbeort, Übernachtungszimmer des Ritters, Spukraum, Ausgangsort des Feuers, welches das Schloss mit dem Marchese in Brand setzt, Aufbewahrung seiner Knochen im Strohlager-Winkel)? Der Marchese benutzt das Zimmer zur Ablage seines Gewehrs und befiehlt der alten Frau unwillig, sich quer durch den Raum hinter den Ofen „zu verfügen“, vielleicht aus Verärgerung über ihren Anblick, über seine mitleidige Gattin oder mangelndes Jagdglück. Bei der dreimaligen Wiederholung des mühsamen Weges der Bettlerin durch das Zimmer fehlt bei den Spuk-Geräuschen der Sturz. Die Knochen des Marchese findet man „noch jetzt […] von den Landleuten zusammengetragen“ im Spukzimmer im oberen Stockwerk, obwohl das fiktive Schloss ausgebrannt ist und in „Schutt und Trümmern“ liegt.

Neben der Deutung Staigers u. a. einer schicksalhaften Bestrafung gibt es weitere Lesarten:

Sozialkritik Mit dem Marchese wird der Adelsstand kritisiert, der seine soziale Verantwortung nicht wahrnimmt und deshalb von den metaphorischen „Gespenstern“ seiner Schuld heimgesucht wird.dazu vor allem Bühlbacher Das „Bettelweib“ ist demnach ausgeglitten und an den Folgen des Sturzes gestorben, weil der Marchese aus Ärger über den Anblick der armen Frau in seinem herrschaftlichen Raum das Gesetz der Nächstenliebe einer Bedürftigen gegenüber nicht befolgt hat. Vermutlich leidet der Graf nicht an ihrem Unglück, denn die Spukerscheinung taucht erst mehrere Jahre später auf, als der Marchese sein Schloss verkaufen muss, weil die Vermögensumstände „durch Krieg und Misswachs“, also durch Verletzung ökonomischer Sorgfaltspflichten, ins Ungleichgewicht geraten sind. Wie der Erzählrahmen zeigt, geht die Zeit über den Marchese hinweg: Sein Schloss wird zur Ruine. So wie er sich nicht mehr an die Episode mit dem Bettelweib zu erinnern scheint, wird auch er am Schluss vergessen.Vgl. Hilliard.

Der Gegensatz zwischen mitleidigem und mutwilligem, gedankenlosem Umgang mit Menschen der Unterschicht könnte durch das ungleiche Paar, Marchese und Marquise, personalisiert sein: in ihrer offenbaren Kinderlosigkeit, die das Aussterben ihres Geschlechts bedeuten würde, den getrennten Betten („jeder auf sein Bett“, „die Marquise unausgezogen“), der spärlichen Kommunikation („mit Gesprächen, so gut sie vermögen, zu unterhalten suchen“).

Psychologische Deutung