Dieser Artikel beschreibt die ungarische Grammatik, insbesondere solche Merkmale, die für das Ungarische im Vergleich zum Deutschen und zu anderen Sprachen besonders charakteristisch sind.

Allgemeine Eigenheiten des Ungarischen Vom Sprachtypus her gehört die ungarische Sprache zu den agglutinierenden Sprachen; dies hat sie mit den ihnen am nächsten verwandten Sprachen wie Estnisch und Finnisch gemeinsam, außerdem mit Turksprachen wie dem Türkischen. Anders als in den flektierenden Sprachen wie den indoeuropäischen, in denen die Bildung von Wortformen häufig viele Unregelmäßigkeiten aufweist, relativ kompakt und manchmal durch Eingriffe in die gesamte Wortgestalt zustande kommt, erfolgt dies im Ungarischen durch das Anhängen einer Serie separater Endungen (Suffixe), welches Verfahren Agglutination („Ankleben“) genannt wird. Darüber hinaus werden Verhältnisse des Besitzes, der Richtung, der Zeitlichkeit usw., die im Deutschen durch eigenständige Wörter gebildet werden, im Ungarischen auch durch Endungen ausgedrückt. Die Suffixe werden dabei in genau festgelegter Reihenfolge an die Wortstämme angehängt, wodurch ein ungarischer Text, verglichen mit dem Deutschen, aus weniger, aber längeren Wörtern besteht.

Suffixe Franz Liszt soll beim Erlernen des Ungarischen nach der fünften Unterrichtsstunde angesichts des Wortes tántoríthatatlanság „Unerschütterlichkeit, Unbeirrbarkeit“ das Lernen aufgegeben haben.Eduard Ritter von Liszt: Franz Liszt, Abstammung, Familie, Begebenheiten, Wien/Leipzig, 1937, S. 6–9. Zitiert aus: Paul Lenvdai: Die Ungarn, Eine tausendjährige Geschichte. ecoWing, 2020, S. 549?. Es setzt sich wie folgt zusammen: tántorít „(er) schwankt“ tántoríthat „(er) kann schwanken“ tántoríthatatlan „nicht schwanken könnend = unerschütterlich, unbeirrbar“ tántoríthatatlanság „Unerschütterlichkeit“

Die meisten ungarischen Wurzeln sind einsilbig. Im Ungarischen entstehen die meisten Wörter durch Anfügen mehrerer Endungen (Suffixe) an eine Wurzel oder einen schon vorhandenen Wortstamm. Auf diese Weise kann ein einzelnes Wort aus einer ganzen Reihe von Bestandteilen zusammengesetzt sein: a zene „die Musik“ a zenész „der Musiker“ a zenésznek „dem Musiker“ (Dativ) a zenészek „die Musiker“ a zenészeknek „den Musikern“ (Dativ Plural) Im Deutschen wird an das Wort „Musiker“ einfach ein 'n' angehängt, um den Dativ Plural zu bilden. Im Ungarischen hingegen gibt es das Pluralsuffix -ek und das Dativsuffix -nek, und beide müssen kombiniert werden, um diese Funktion auszudrücken. An diesem Beispiel zeigt sich deutlich das Deutsche als flektierende, das Ungarische als agglutinierende ('anhäufende') Sprache.

Ungarische Texte bestehen aus viel weniger einzelnen Wörtern als beispielsweise Texte in deutscher oder französischer Sprache, da die Endungen vieles ausdrücken können, was in diesen Sprachen durch selbständige Wörter vermittelt werden muss. Die folgenden Beispiele zeigen, wie einem ungarischen Wort mehrere deutsche Wörter in der Übersetzung entsprechen können: Man kann das oben aufgeführte Wort tántoríthatatlanság noch erweitern: tántoríthatatlanságunk „unsere Unbeirrbarkeit“ tántoríthatatlanságunkkal „durch unsere Unbeirrbarkeit“

Ein anderes Beispiel, in welchem einem ungarischen Wort vier deutsche entsprechen: hív „(er) ruft“ felhív „(er) ruft an“ felhívhat „(er) kann anrufen“ felhívhatlak „Ich kann dich anrufen“

Leider kann man einem ungarischen Wort nicht ansehen, ob es ein Nomen (Substantiv, Adjektiv, Pronomen) oder ein Verb ist. Viele Suffixe kommen sowohl bei Nomen als auch bei Adjektiven vor: -ul bildet Adverbien aus Substantiven und Adjektiven, aber auch Vorgangsverben (z. B. javul „verbessert sich“). -om bezeichnet die 'mein-Form' (borom „mein Wein“) und die bestimmte ich-Form (hozom „ich bringe es“). -ott war die ursprüngliche Endung für den Lokativ (Vácott „in Vác“) und bezeichnet das Partizip Perfekt (hozott „gebracht“). -i bildet Adjektive, die auch substantiviert verwendet werden können, wie auch die bestimmte er-Form (kéri „er verlangt es“).

Vokalharmonie Eine wesentliche Eigenschaft des Ungarischen ist die Vokalharmonie, das „Zueinander-Passen“ der einzelnen Vokale eines Wortes. Sie existiert auch in den mit dem Ungarischen verwandten Sprachen wie Finnisch und Estnisch, außerdem in noch vollkommenerer Form im Türkischen.

In den germanischen Sprachen gibt es ein vergleichbares Phänomen, den Umlaut: Haus -> häuslich Hand -> zweihändig Tor -> töricht Bube -> Büblein Hier wird durch ein i-haltiges Suffix der Stamm (Haus, Hand, Tor, Bube) umgelautet, indem ein dunkler Vokal (au/a/o/u) zu einem hellen Vokal gemacht wird, wie es das ‚i‘ schon ist. - Die Vokalharmonie funktioniert andersherum: der Stamm eines Wortes bleibt unverändert, aber der Vokal des Suffixes passt sich an. So wird im Ungarischen beispielsweise die Mehrzahl durch das Suffix -ok gebildet; tritt diese Endung jedoch an ein Substantiv mit hellem Vokal, wird daraus ein -ök: nap -> napok „Tag -> Tage“ (a und o sind dunkle Vokale) sün -> sünök „Igel -> (mehrere) Igel“ (ü und ö sind helle Vokale) Auf diese Weise kommt es oft vor, dass ein ganzes langes ungarisches Wort nur aus entweder hellen oder dunklen Vokalen besteht.

Die Verteilung zwischen dunklen und hellen Vokalen ist im Ungarischen jedoch etwas kompliziert, da die Vokale e/é, i/í meistens als helle, aber vielfach auch als dunkle Vokale gelten können. Zweifelsfrei helle Vokale sind nur ö/ő, ü/ű Zweifelsfrei dunkle Vokale sind a/á, o/ó, u/ú

Eine weitere Unregelmäßigkeit ergibt sich dadurch, dass ein Suffix mit kurzem ö nur dann erlaubt ist, wenn die unmittelbar vorausgehende Silbe als Vokal ein ö/ő oder ü/ű enthält; ansonsten wird aus dem ö ein e: sün -> sünök „Igel -> (mehrere) Igel“: die Silbe sün enthält ein ü, also darf hier das Suffix -ök angehängt werden. cím -> címek „Adresse -> Adressen“: die Silbe cím enthält keinen ö- oder ü-Laut, darum muss hier, im Gegensatz zu obigem Beispiel, als Endung -ek stehen.

Ein Wort wie ház bekommt also Suffixe mit den Vokalen der oberen Tabellenzeile angehängt, eines wie sün mit den Vokalen der unteren Zeile. Jedoch einem Wort wie cím kann man nicht ansehen, mit welcherlei Vokalen seine Suffixe versehen werden sollen, da der Vokal í mehrdeutig ist. In diesem Fall gilt das Wort als hellvokalisch, weshalb der Plural címek lautet, aber das Substantiv cél „Ziel“ gilt als dunkelvokalisch und bekommt daher den Plural célok: Wortstamm mit dunklem Vokal: ház -> házak, cél -> célok Wortstamm mit hellem Vokal: sün -> sünök, aber cím -> címek Man muss bei Wörtern, die als Vokale NUR e/é/i/í enthalten, quasi jedes Mal lernen, ob sie als hell oder dunkel einzuordnen sind (cél ist also ein 'dunkles' Wort, trotz seines é). Allerdings ist die Anzahl an Wortstämmen, deren Stammvokal e/é/i/í als dunkel zu zählen ist, sehr gering; in den Kapiteln Nomen und Verben werden die gebräuchlichsten von ihnen aufgezählt.

Ist ein Wort jedoch mehrsilbig und enthält irgendeinen der zweifelsfrei dunklen oder hellen Vokale, kann man hieraus auch ablesen, wie etwaige e- oder i-Laute einzuordnen sind.

Man erhält auf diese Weise „Paare“ oder „Tripel“ von Suffixen. Aus folgender Tabelle geht hervor, welchem dunklen Vokal eines Suffixes welcher helle Vokal entsprechen würde.

Das Wort bekommt Suffix mit … Wortstamm hat dunklen (velaren) Vokal a, á o ó u, ú é i, í Wortstamm hat hellen (palatalen) Vokal e, é ö (nach Silbe mit ö/ü)e (sonst) ő ü, ű

Im Prinzip genügt es also, von allen Suffix-Paaren oder -Tripeln nur die dunkelvokalischen Variante zu lernen, denn die hellvokalischen kann man sich selbst bilden. Als Pluralsuffix lernt man also -ok und kann dann obiger Tabelle entnehmen, dass hieraus unter Umständen ein -ök oder -ek werden muss. Weitere Beispiele: Wortstamm mit dunklem Vokal: a háznak „dem Haus“, a házon „auf dem Haus“, házként „als Haus“, a házig „bis zum Haus“ Wortstamm mit hellem Vokal: a sünnek „dem Igel“, a sünön „auf dem Igel“, sünként „als Igel“, a sünig „bis zum Igel“ An den letzten beiden Beispielen zeigt sich, wie die Vokale é/i/í sowohl für dunkel- als auch für hellvokalische Wörter gelten. Dunkelvokalisches Wort: vártok „ihr wartet“ Hellvokalisches Wort, letzter Vokal des Wortes ist ö/ü: ültök „ihr sitzt“ Hellvokalisches Wort, letzter Vokal des Wortes ist ein andrer: ültettek „ihr setzt“ Die Endung für die ihr-Form ist also -tok/tök/tek. Im Falle von ültök wird die mittlere Variante genommen, weil hier eine Silbe mit ü unmittelbar der ihr-Form vorausgeht. Im Falle von ültettek steht jedoch zwischen dem ü und der ihr-Form noch die Silbe -tet, die keinen ö/ü-Laut enthält; deshalb muss hier die dritte Variante stehen.

Es gibt nur drei Ausnahmen, in denen obige Tabelle nicht anwendbar ist, und zwar bei einigen Endungen der bestimmten Konjugation im Präsens: Dunkelvokalisches Wort: várja, várjátok, várják „er wartet auf ihn, ihr wartet auf ihn, sie warten auf ihn“ Hellvokalisches Wort: kéri, kéritek, kérik „er verlangt es, ihr verlangt es, sie verlangen es“

Hier finden sich also die Entsprechungen ja/i, játok/itek, ják/ik.

Bei Fremdwörtern gibt es manchmal Unsicherheiten oder Schwankungen in Bezug darauf, ob das Wort als hell oder dunkel gelten soll, denn Fremdwörter sind meistens aus dunklen und hellen Vokalen (e/é/i/í) zusammengesetzt. So müsste beispielsweise das Wort objektív die Adverbendung -an mit dunklem Vokal annehmen, da das Wort ein zweifelsfrei dunkles o enthält. Jedoch ist auch -en möglich: objektív -> objektívan / objektíven „auf objektive Weise“.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein unterschied das Ungarische zwischen kurzem offenem 'ä' (wie im deutschen Zäsur) und kurzem geschlossenen 'e' (wie im deutschen Zenit), obwohl beide immer mit demselben Buchstaben e geschrieben wurden. Die hellvokalische Entsprechung zu a war 'ä', und diejenige zu o war 'e'. Dadurch waren zum Beispiel die Verbformen kértek „ihr fordert“ (früher [ke:rtäk] gesprochen) und kértek „sie forderten“ (früher [ke:rtek] gesprochen) unterschieden, die heute aber gleich klingen.Josef Szinnyei: Finnisch-ugrische Sprachwissenschaft. Sammlung Göschen, 1910, Seite 149 f.

Weitere Eigenheiten des Ungarischen Sehr häufig ist im Ungarischen der 'k'-Laut anzutreffen, denn er hat viele Funktionen: Bildung der Mehrzahl und der ich/wir/ihr/sie-Formen: házak „Häuser“, várok, várunk, vártok, várnak „ich warte, wir warten, ihr wartet, sie warten“. Außerdem: házunk, házuk „unser Haus, ihr [their] Haus“. Kurios ist auch das Wort pulykakakas „Truthahn“.

Das Ungarische kennt ursprünglich keine Wörter (bzw. Stämme), die mit zwei oder mehr Konsonanten beginnen. In älteren Zeiten fügte man einen Vokal hinzu: Vom Deutschen ‚Schnur‘ (mittelhochdt. ,snûr‘) stammt ungarisch zsinór. Zwischen die zwei Konsonanten 'sn' am Wortanfang wurde also ein 'i' eingeschoben. Vom deutschen ,Stall‘ stammt ungarisch istalló mit einem 'i' vorneweg. Ähnlich: istráng „Zuggurt“, iskola „Schule“. In späterer Zeit wurden solche Konsonantenverbindungen unverändert übernommen; man erkennt an ihnen ein Wort sogleich als Fremdwort: kráter, gleccser, griff, grotta, flekk, friss, drót, blamál, strand, stimmel, spenót, spárga, spékel, slampos...

Weitere Eigenheiten sowie Beziehungen zu verwandten wie auch zufällige oder sprachbundbasierte zu nur benachbarten Sprachen zeigt folgende Tabelle: