mini|Titelblatt der Erstausgabe mini|Titelblatt der 3. Auflage, Hamburg 1885 Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, auch bekannt als Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon, ist eine erstmals im Mai 1852 veröffentlichte Schrift von Karl Marx (1818–1883). Marx analysiert dort den Verlauf des Staatsstreichs vom 2. Dezember 1851, den Louis Napoleon Bonaparte, der spätere Napoleon III. (1808–1873), in Frankreich durchführte. Dabei bildet die Analyse des konkreten, noch nicht abgeschlossenen historischen Ereignisses die Basis für Marx, um seine eigenen Theorien des historischen Materialismus weiterzuentwickeln. Für ihn stellen die Februarrevolution 1848 und der darauf folgende Staatsstreich gesellschaftliche Klassenkämpfe dar. Marx entwickelt sein Verständnis der Klasse weiter wie seine geschichtsphilosophischen Annahmen. Generell gilt das Werk als eine Darstellung marxistischer Gesellschaftsanalyse und Geschichtstheorie. Es finden sich in ihm einige der bekanntesten Marx-Zitate. Friedrich Engels erklärte den Text zum Grundlagenwerk der materialistischen Geschichtsauffassung. Er gehört zu den am häufigsten interpretierten Texten von Karl Marx.

Titel der Schrift Die Formulierung „der achtzehnte Brumaire“ ist eine Anspielung auf den 9. November 1799 (nach dem Französischen Revolutionskalender der 18. Brumaire VIII). An diesem Tag putschte sich Louis Napoleons Onkel Napoleon Bonaparte mit einem Staatsstreich, bekannt als Staatsstreich des 18. Brumaire VIII, zum Alleinherrscher mit diktatorischen Vollmachten. Der Titel ist ein ironischer Vergleich der beiden Staatsstreiche. Auf diesen Titel bezieht sich erklärend der Einleitungssatz, der eines der bekanntesten Zitate aus der Schrift Der achtzehnte Brumaire und von Marx insgesamt darstellt:

Marx bezieht sich wahrscheinlich auf folgende Stelle in Hegels Vorlesungen über Philosophie der Geschichte:

Hegel meinte dies jedoch in einem anderen Sinn. Bruce Mazlish stellt dar, Hegel habe die Wiederholung in der Geschichte für eine legitimierende Bestätigung gehalten, der Hinweis von Marx auf den „vergessenen“ Zusatz auf Tragödie und Farce verändere Hegels Aussage ins Gegenteil. Dieser Vergleich stamme vermutlich von Engels, aus seinem Brief an Karl Marx vom 3. Dezember 1851.Bruce Mazlish: The Tragic Farce of Marx, Hegel, and Engels: A Note. In: History and Theory, 1972, Band 11, Nr. 3, S. 335–337. . Engels schreibt:

Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte Verfasst wurde Der achtzehnte Brumaire von Mitte Dezember 1851 bis zum 25. März 1852. Der etwa 100 Seiten lange und in sieben Kapitel gegliederte Text erschien unter dem Titel Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon erstmals am 18. Mai 1852 im ersten Heft der in New York City (USA) veröffentlichten monatlichen Zeitschrift Die Revolution. Eine Zeitschrift in zwanglosen Heften von Joseph Weydemeyer mit einer Auflage von 500 Exemplaren.Jan Hoff: Klassen–Revolution–Demokratie. Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: UTOPIE kreativ, Juli/August 2002, Heft 141/142, S. 743–745; (PDF; 67 kB). Eine Übersetzung durch Wilhelm Pieper, damals Sekretär von Marx, ins Englische fand keinen Verlag.IISG Marx Engels Nachlass Q 16 Wilhelm Pieper: „Übersetzung des ‚18. Brumaire‘, Kap. II u. III. ca September 1852, 51 Seiten“ und eine von Jenny Marx gefertigte „Abschrift von Kap. VI“ (RGASPI, Moskau Fond 1 opis 1 delo 703). Nur ein kleiner Auszug aus dem ersten Kapitel erschien in der Zeitung „Peoples Paper“ innerhalb des Artikels „A Review of the Literature on the Coup d'Etat“ am 18. Dezember 1852, der von Johann Georg Eccarius mit Hilfe von Marx geschrieben wurde.Marx-Engels-Gesamtausgabe Abteilung I, Band 11, S. 515–521.

Eine zweite, überarbeitete Auflage wurde 1869 in Hamburg mit einem Vorwort von Marx veröffentlichtMarx führt im Vorwort zur zweiten Auflage aus, dass Druckfehler korrigiert wurden und eine Streichung „nicht mehr verständlicher Anspielungen“ erfolgte (siehe marxists.org)., die dritte Auflage nach Marx’ Tod unter der Redaktion und mit einem Vorwort von Friedrich Engels 1885.Friedrich Engels nahm auf Basis der zweiten Auflage stilistische Veränderungen vor (siehe mlwerke.redflag.ps) Beide Neuauflagen erschienen mit dem Titel Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte.

Die französische Erstausgabe erschien nach einer Zusammenarbeit Engels mit Édouard Fautin zwischen Januar und Oktober 1891 in einer Artikelreihe der Zeitschrift Socialiste.

In der Marx-Engels-Werke-Ausgabe ist der Aufsatz in Band 8 veröffentlicht (S. 111–207). In der Marx-Engels-Gesamtausgabe ist der Text mit allen Varianten in der Abteilung I. Band 11, S. 96–189 veröffentlicht.

Historischer Hintergrund mini|Barrikadenkampf in der Rue Soufflot, Paris, 25. Juni 1848 (Juniaufstand)Deutsches Historisches Museum mini|130px|Louis Napoleon, zeitgenössische Karikatur Louis Napoleon, Neffe Napoleon Bonapartes, auch bekannt als Napoléon III., hatte schon 1836 und 1840 vergeblich versucht, die Julimonarchie des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe von Orléans (1830–1848) durch einen Putsch zu stürzen, war aber gescheitert. Nach der Februarrevolution 1848 ging er ins Frankreich der Zweiten Französischen Republik (1848–1852) zurück. Am 10. Dezember 1848 gewann er gegen den bisherigen Präsidenten Louis-Eugène Cavaignac die Volkswahlen zur Präsidentschaft. Im Laufe seiner Regierung geriet er jedoch in immer größeren Gegensatz zur Nationalversammlung. Sie schaffte das gerade eingeführte allgemeine Wahlrecht wieder ab und reduzierte die Zahl der weiter alleine wahlberechtigten Männer um ein Drittel. Louis Napoleon, als neuer Präsident, ratifizierte das Gesetz, hatte aber die Befugnis, das allgemeine Wahlrecht gegebenenfalls wieder einzuführen. Er hoffte so, später die linken Republikaner auf seine Seite ziehen zu können, vor allem in der Frage der Verlängerung seiner auf eine vierjährige Amtsperiode beschränkten Amtszeit.

Seine Partei, die konservativen Bonapartisten, richteten eine Petition an die Nationalversammlung, um eine Verlängerung der Amtszeit auf 10 Jahre zu erreichen. Der Antrag erreichte jedoch nicht die nötige 2/3-Mehrheit, da die Legitimisten und die linken Republikaner nicht zustimmten.

Nach dem Ausschluss des legalen Wegs entschied sich Louis Napoleon drei Jahre später, am 2. Dezember 1851, für den Staatsstreich, um seine weitere Präsidentschaft zu ermöglichen. Der 2. Dezember war auch der Jahrestag der Kaiserkrönung Napoleons I 1804 und der Tag der Schlacht bei Austerlitz 1805. Er gab sich diktatorische Vollmachten und ließ sich durch Plebiszit die Legitimität des Verfassungsbruchs und seine weitere 10-jährige Präsidentschaft bestätigen. Danach ließ er eine neue Verfassung ausarbeiten, in der der Präsident gegenüber dem Parlament, das nun lediglich corps législatif hieß, deutlich gestärkt war. Er nannte sich zunächst Prince-Président, am 7. November 1852 sprach ihm der Senat den Kaisertitel zu. Dazu folgte eine weitere Volksabstimmung.

Von Marx erwähnte Darstellungen Im Vorwort zur zweiten Auflage des Werkes aus dem Jahr 1869 erwähnt Marx die thematisch ähnlichen Werke Napoléon le Petit von Victor Hugo (Paris 1852, deutsch: Napoleon der Kleine. H. Kasnitz, Gera 1852.) und La Révolution sociale démontrée par le coup d'État du 2 décembre von Pierre-Joseph Proudhon (bei Marx Coup d'état betitelt,Digitalisat der 2. Auflage, Paris 1852 La Révolution sociale démontrée par le coup d'état du 2 décembre, par P.-J. Proudhon. 2e éditi. gallica.bnf.fr).Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEW Band 8, Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 559.

Victor Hugo hatte Louis Napoleon persönlich angegriffen und ihm dabei in den Augen von Marx eine größere Rolle für die Ereignisse zugeschrieben, als er sie angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse besaß. „Victor Hugo beschränkt sich auf bittere und geistreiche Invektive gegen den verantwortlichen Herausgeber des Staatsstreiches. Das Ereignis selbst erscheint ihm wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er sieht darin die Gewalttat eines einzelnen Individuum. Er merkt nicht, dass er dieses Individuum groß statt klein macht, wenn er ihm eine persönliche Gewalt der Initiative vorschreibt, wie sie beispiellos in der Weltgeschichte dastehen würde.“ Im Gegensatz dazu schreibt sich Marx die Leistung zu, nachgewiesen zu haben, wie die „Umstände und Verhältnisse“, die aus dem Kampf der Klassen entstanden seien, einer „mittelmäßigen und grotesken Personage“ erst das Spiel der Heldenrolle ermöglichen.

Marx nennt die Schrift Proudhons erwähnenswert, kommentiert sie aber nicht an dieser Stelle. Gegen Proudhon hatte er schon 1865 den Vorwurf erhoben, in dieser Schrift zum Putsch eine Apologie von Louis Napoleons Staatsstreich zu betreiben.Karl Marx:Über P. J. Proudhon [Brief an J. B. v. Schweitzer]. Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 16, 6. Auflage 1975, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 25–32.

Inhalt und Erkenntnisinteresse Wie Friedrich Engels in seinem Vorwort ausführt, setzte sich Marx in besonderem Maß mit der Geschichte Frankreichs auseinander, da sie für ihn, wie Engels schreibt, eine Geschichte von Klassenkämpfen „in den schärfsten Umrissen ausgeprägt“ darstelle.Vorwort zur 3. Auflage, Friedrich Engels 1885 Marx verfasste zuvor schon 1850 die Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848–1850“ und setzte sich mit weiten Teilen der Geschichte Frankreichs zur Zeit der Zweiten Französischen Republik auseinander. Die Ausrufung Louis Napoleons zum Kaiser, und damit das Ende der Republik, fand wenige Monate nach der Veröffentlichung des achtzehnten Brumaire statt. Marx merkte diesbezüglich später im Vorwort zur zweiten Auflage an: „Der Schlußsatz meiner Schrift: ‚Aber wenn der Kaisermantel endlich auf die Schultern Louis Bonapartes fällt, wird das eherne Standbild Napoleons von der Höhe der Vendôme-Säule herabstürzen‘, hat sich bereits erfüllt.“ Marx’ Interesse war es, den Verlauf des Staatsstreichs und der Februarrevolution als Klassenkämpfe zu durchschauen, um auf Basis dieser Erkenntnisse Handlungsmöglichkeiten zu erschließen, sich einer nach seinen philosophischen Theorien gerechteren, klassenlosen Gesellschaft anzunähern. So wurde diese Studie eine seiner ‚soziologischsten‘ Schriften.

In der Schrift wird der Staatsstreich Louis Napoleons 1851 aus historischer, aber vor allem aus gesellschaftsanalytischer Sichtweise betrachtet. Kenntnisse der historischen Personen und Ereignisse konnten im achtzehnten Brumaire seiner damaligen Aktualität halber vom Autor weitgehend vorausgesetzt werden. Marx erklärt den Verlauf der Februarrevolution anhand seiner Theorien und entwickelt diese konkretisierend weiter. Welche Klasse trug überhaupt Louis Bonaparte empor? Nicht die Bourgeoisie. Hier lässt sich Marx auf subtile Analysen der damaligen Sozialstruktur vor allem auch des ländlichen Frankreich ein. Aber warum verzichtete diese auch nach der Februarrevolution auf den Griff nach der unmittelbaren Herrschaft und politischen Repräsentation zu Gunsten einer autoritären Herrschaft Napoleons?Theo Stammen, Gisela Riescher, Wilhelm Hofmann (Hrsg.): Hauptwerke der politischen Theorie (= Kröners Taschenausgabe. Band 379). Kröner, Stuttgart 1997, ISBN 3-520-37901-5, S. 320–322.Vgl. http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1852/brumaire/index.htm In diesem Sinne schreibt er in seinem Vorwort zur zweiten Auflage, dass er nachzuweisen versuche, „wie der Klassenkampf in Frankreich Umstände und Verhältnisse schuf, welche einer mittelmäßigen und grotesken Personage [Louis Napoleon] das Spiel der Heldenrolle ermöglichen.“

Theorie