mini|Genossenschaftliche Bank in Kambodscha

Als Mikrofinanz-Institutionen () werden Organisationen bezeichnet, die finanzielle Basisdienstleistungen wie Kredite, Sparbücher oder Versicherungen auch Kunden zur Verfügung stellen, die von herkömmlichen Banken aus verschiedenen Gründen nicht bedient werden. Mikrofinanz ist daher ein wichtiges Instrument der Entwicklungspolitik.

Methoden und Dienstleistungen der Mikrofinanz Wichtige Dienstleistungen von Mikrofinanz-Institutionen sind Mikrokredite (engl. micro credit/micro lending) Sparkonten (engl. micro savings) Mikroversicherungen (engl. micro insurance) Finanztransfers und Überweisungen Mikropensionen

Mikrofinanz und Mikrokredit Der Begriff Mikrofinanz umfasst ein weiteres Feld als der nur auf die Kreditseite beschränkte Mikrokredit-Begriff, unter anderem eben auch Spar-, Versicherungs- und Geldtransferleistungen, die den viel zitierten „Ärmsten der Armen“ sonst verschlossen wären. Dieses Bevölkerungssegment wird in letzter Zeit in Managementliteratur und Praxis verstärkt im Rahmen des so genannten Base-of-the-Pyramid-Konzept thematisiert, welches Geschäftsmodelle zur erfolgreichen Einbindung bisher weitgehend vernachlässigter Bevölkerungsschichten in unternehmerische Wertschöpfungsketten diskutiert und in dem Mikrofinanz-Konzepte häufig eine zentrale Stellung einnehmen. Die Wertschöpfungskette der Mikrokreditindustrie umfasst im Wesentlichen vier Akteure: Investoren, Mikrofinanzfonds (Microfinance Investment Vehicles), Mikrofinanzinstitutionen (MFI) und Mikrounternehmer.Manfred Stüttgen Mikrokredite. Nachhaltige Geldanlage im Spannungsfeld von Marketing und Moral, in: Manfred Stüttgen (Hg.) Ethik von Banken und Finanzen, 2. Auflage, Zürich/Baden-Baden: Nomos, 121

Oft haben die sogenannten Mikrounternehmer lediglich ihre Arbeitskraft und viele Ideen, jedoch zu wenig Geld und unternehmerisches Know-how, um diese Ideen umzusetzen. Weil diese Menschen meist keinerlei Vermögenssicherheiten bieten können, erhalten sie von herkömmlichen Banken keine Kredite. Mikrofinanzinstitute versuchen nun diese Lücke zu füllen, indem sie Kredite vergeben, welche sie auf andere Weise absichern. Ein häufiger Ansatz ist die Bildung von Genossenschaften. Die Kreditnehmerinnen (es sind oft Frauen) bilden eine Genossenschaft, in welcher sich die Frauen gegenseitig bei der Produktion sowie der Kreditrückzahlung unterstützen. Das starke soziale Gefüge in vielen Entwicklungsländern führt dazu, dass jede der Frauen den Kredit zurückzahlen will, weil sie sonst im Dorf „das Gesicht verlieren würde“.MikrofinanzWiki Methodik: Gruppenmodell Daneben werden die Kreditnehmer von den Mikrokreditinstituten beraten und unterstützt. Die Kreditzinsen sind für westliche Verhältnisse hoch, jedoch deutlich tiefer als dies bei jenen Geldhändlern (Wucherern) der Fall wäre, bei welchen sich die Frauen alternativ mit Krediten eindecken könnten.MikrofinanzWiki Methodik: Zinsen Mit diesen Absicherungen haben es viele Mikrokreditinstitute geschafft, hohe Rückzahlungsquoten von bis zu 98 % zu erreichen, mehr als in herkömmlichen Banken.

Neben Krediten vergeben Mikrofinanzdienstleister noch weitere Finanzdienstleistungen, wie beispielsweise Versicherungen oder Sparmöglichkeiten. Da herkömmliche Banken nicht zugänglich sind, ist das meiste Vermögen der Menschen in den Entwicklungsländern nicht flüssig auf einer Bank und kann somit weder Zins tragen, noch als Kredit bezogen und produktiv investiert werden. Das Vermögen hängt beispielsweise um den Hals der Großmutter in Form einer Goldkette. Mikrofinanz bietet diesen Leuten Gelegenheit ihr Geld zu sparen, womit andere Kreditnehmer wiederum Kredite aufnehmen können.MikrofinanzWiki Mikrosparen Da die Landwirtschaft in vielen Entwicklungsländern ein bedeutender Wirtschaftszweig ist, sind auch Versicherungen, etwa gegen Preisschwankungen bei der Ernte, interessant. Solche Produkte sind aber erst im Entstehen begriffen. Als weitere Finanzdienstleistung können in bestimmten Entwicklungsländern Besitzer eines Mobiltelefons mit einem entsprechenden Dienstleistungsvertrag einer Mobilfunkgesellschaft Geld aufladen, dieses sicherer aufbewahren, Überweisungen an andere Mobiltelefonbesitzer tätigen und Bargeld selbst beziehen, ohne dass eine Bankverbindung nötig ist. Bei der Organisation Bim in Peru ist der Maximalbetrag auf etwa 600 Euro festgelegt. Die anfallenden Transaktionsgebühren sind tief (unter 30 Eurocent). Es handelt sich um ein neues nationales System, welches durch drei Mobilfunkgesellschaften netzübergreifend betrieben wird. Responsability Investments, 23. Februar 2016Website von Bim in Peru (spanisch)

Interessant am Mikrofinanzansatz ist, dass Entwicklung mit marktwirtschaftlichen Mitteln erzielt werden soll. Er geht von der Annahme aus, dass beide Parteien von Handelsbeziehungen profitieren, wenn diese Handelsbeziehungen fair sind. Mikrofinanz versucht nun ebendiese Bedingungen zu erfüllen, um anschließend über die Vergabe von Finanzdienstleistungen eine Win-win-Situation zu erreichen. Untersuchungen zeigen, dass es sich aus Anlegersicht um interessante Investitionen handelt.Michael Schäfer: Anlegen im Tiefzinsumfeld. Wundermittel Mikrofinanzanlagen? Neue Zürcher Zeitung, 12. Dezember 2016

Der Mikrofinanz-Ansatz lässt sich gegenüber einem ähnlichen Ansatz abgrenzen, der ebenfalls zum Ziel hat, die Ärmsten der Armen kreditwürdig und damit zu potenziellen Unternehmern zu machen. Dieser Ansatz wurde vor allem von Hernando de Soto (Ökonom) mit seinem Buch „The Mystery of Capital“ populär gemacht. Der Mikrofinanz-Ansatz versucht, soziale Beziehungen als Kreditsicherheit zu nutzen, die die Kreditnehmer zur pünktlichen Rückzahlung motiviert. De Soto dagegen empfiehlt, aus einer ähnlich marktwirtschaftlich orientierten Grundhaltung heraus, die „Ärmsten der Armen“ dadurch mit Kreditsicherheiten auszustatten, dass ihre bereits vorhandenen informellen Besitzrechte an Grund und Boden (was er „totes Kapital“ nennt) in formalisierte und im Rahmen einer privatrechtlichen Ordnung justiziable Eigentumsrechte zu verwandeln.Hernando de Soto: The Mystery of Capital: Why Capitalism Triumphs in the West and Fails Everywhere Else. London: Bantam 2000; s. a. Hernando de Soto, Enrique Díaz Ortega: Dead Capital, Fluid Capital and Money . Paper presented at the International Symposium on the Economic Role of Property, University of Bremen, 28-30 Nov. 2003 Sie erhalten dadurch die Möglichkeit, etwa über Hypothekenkredite am formalisierten Kreditmarkt teilzunehmen und eine selbständige Tätigkeit aufzunehmen.Hans-Heinrich Bass, Markus Wauschkuhn: In: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, 2000, Nr. 1, S. 15–18. Ähnliche Theorien eines Zusammenhangs zwischen formalisierten Eigentumsrechten als Kreditsicherungsinstrument und gesellschaftlicher Entwicklung werden auch von Tom BethellTom Bethell: The Noblest Triumph: Property and Prosperity Through the Ages. New York: St. Griffin 1998, ISBN 0-312-22337-4; s. a. Tom Bethell: Why Isn't the Whole World Developed? On Property in the Third World . Paper presented at the International Symposium on the Economic Role of Property, University of Bremen, 28-30 Nov. 2003 sowie von Gunnar Heinsohn und Otto SteigerGunnar Heinsohn, Otto Steiger: Eigentum, Zins und Geld. Reinbek: Rowohlt 1996; dies.: Eigentumsökonomik. Marburg: Metropolis 2006; Otto Steiger: Securing Core Principles for Protected Transactions in IDA Countries: Theoretical Foundation . Paper presented at the International Symposium on the Economic Role of Property, University of Bremen, 28-30 Nov. 2003 ; Otto Steiger: Property Rights and Economic Development: Two Views, noch nicht erschienen. vertreten.

Abgrenzung zu anderen Finanzdienstleistern Menschen, die über kein regelmäßiges Einkommen oder keine Kredit-Sicherheiten verfügen, sind oftmals, nicht nur in Entwicklungsländern, vom formellen Finanzmarkt ausgeschlossen. Als einzige Alternative zum klassischen Banksystem gibt es vielerorts nur private Geldverleiher mit oft hohen Zinsen. Diese bieten aber nur Kredite. Die Möglichkeit, sich gegen Krankheit zu versichern oder Geld aus eigener Kraft anzusparen, gab es bis zum Aufkommen von Mikrofinanz-Systemen nicht. Auch heute noch legen viele Mikrofinanz-Institutionen ihren Schwerpunkt auf das Geschäftsfeld Mikrokredite.

Als Kunden für klassische Geschäftsbanken kommt die Zielgruppe aus verschiedenen Gründen nicht in Frage. Sie verfügen meist: über kein regelmäßiges Einkommen in entsprechender Höhe, das oft für eine Kontoeröffnung (Sparbuch) vorausgesetzt wird, über keine Sicherheiten für Kredite, und im Regelfall der Entwicklungsländer auch nicht über zur Kontoeröffnung notwendige Ausweisdokumente (Pass, Personalausweis). Mikrofinanz-Institutionen arbeiten hier anders. Der oben erwähnte de Soto empfiehlt dagegen neben der Umwandlung des informellen Besitzes in formalisierte, justiziable Eigentumsrechte auch den Einbezug der Ärmsten in ein funktionierendes Passwesen, sodass sie auch Zugang zum regulären Kreditmarkt erhalten. Weiterführend existieren auch Anbieter, die Kredite trotz negativer Schufa vergeben. Anträge werden hier individuell nach Bonität geprüft.

Als weiterer funktionierender Anbieter von „Finanzdienstleistungen“ fungiert in Gesellschaften mit engem sozialem Zusammenhalt die Großfamilie. Hier dient das soziale Netz als Sicherheit (was sich auch Mikrofinanz-Anbieter oft zu Nutze machen), gleichzeitig werden z. B. aber durch Kreditvergabe auch soziale Abhängigkeiten geschaffen oder zementiert.

Mikrofinanz und Entwicklungspolitik Mikrofinanz wird oft unter dem Aspekt der Armutsbekämpfung und der Gleichstellung von Frauen diskutiert. Grundsätzlich wenden sich Mikrofinanz-Programme oder -Institutionen an den ökonomisch aktiven Teil der Bevölkerung. Das sind oft (aber nicht immer) Frauen und wirtschaftlich besonders aktive Menschen, die durch den Zugang zu Finanzdienstleistungen ihre Gewerbe und damit ihren Lebensstandard verbessern wollen. (PDF-Datei; 96 kB), GTZ Grundsätzlich ist ein skeptischer Ansatz angebracht. Viele veraltete oder rein quantitative Studien basieren auf einer isolierten Betrachtung von Mikrofinanz-Initiativen und ignorieren Konkurrenz durch informelle Kreditgeber. So können Mikrofinanz-Initiativen auch völlig unbeabsichtigte Konsequenzen haben. Schlecht gemanagt, bieten sie unternehmerisch Veranlagten die Möglichkeit, „Mittelmänner“ zu werden, indem sie durch nachgewiesene Kreditwürdigkeit erhaltene formelle Mikrokredite an ärmere Kreditnehmer weitervergeben. Als Folge dieser in Vermittlung („informal intermediation“) profitieren die Ärmsten der armen Kleinstunternehmer weniger als die vergleichsweise weniger Armen.

Pionier-Mikrofinanz-Institutionen Bekannte Mikrofinanz-Institute, die schon sehr lange auf dem Markt sind, sind die Grameen Bank in Bangladesch, die Banco Solidario (BancoSol, aktiv seit 1986, Banklizenz seit 1992) in Bolivien und die Bank Rakyat Indonesia (BRI) in Indonesien.

Bekannte, im Bereich Mikrofinanz tätige EZ (Entwicklungs-Zusammenarbeits)-Organisationen und Finanzdienstleister (Auswahl)

Deutschland Bank im Bistum Essen Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GLS Bank durch den Mikrokreditfonds Deutschland Invest in Visions GmbH KfW-Entwicklungsbank Oikocredit (internationale Genossenschaft, u. a. in Deutschland, Zentrale in den Niederlanden) Opportunity International (weltweites Netzwerk, u. a. Deutschland) PlaNet Finance Sparkassenstiftung für internationale Kooperation

Frankreich PlaNet Finance

Niederlande Mobile Lending Oikocredit (internationale Genossenschaft, Zentrale in den Niederlanden)

Schweiz Responsability Investments

USA ACCION International

Weltweit Oikocredit (internationale Genossenschaft, Zentrale in den Niederlanden) Opportunity International (weltweites Netzwerk)

Mikrofinanz in der Finanzindustrie