mini|hochkant|Inneres der Alten Synagoge von Regensburg unmittelbar vor ihrer Zerstörung 1519Radierung von Albrecht Altdorfer mini|hochkant|Eingangshalle der Regensburger Synagoge, 1519Radierung von Albrecht Altdorfer Die Geschichte der Juden in Regensburg reicht bis in das 10. Jahrhundert zurück. Heute (2022) zählt die jüdische Gemeinde zu Regensburg 996 Mitglieder.
Mittelalter Bereits um das Jahr 1000 bestand in Regensburg eine voll strukturierte Gemeinde; sie verfügte über eine Synagoge, eine Schule, ein Zivilgericht sowie in dem Waldstück Argle bei Großberg über einen Friedhof. Der Mönch Arnold von Vohburg berichtet von einem jüdisch-christlichen Dialog um 1130.
Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit Um 1080 lebte in der Stadt der berühmte Rabbiner, Talmudgelehrte und Dichter Menachem ben Mekhir. Im Zusammenhang mit dem Ersten Kreuzzug wurde die Regensburger jüdische Gemeinde 1096 zwangsgetauft, durfte aber bereits im Jahr darauf aufgrund eines Privilegs Kaiser Heinrichs IV. zu ihrer ursprünglichen Religion zurückkehren. 1107 verpfändete der Bischof von Prag bei den Regensburger Juden kostbare Kirchenschätze. Etwa 1150 bis 1170 fand in der Stadt ein bedeutendes Rabbinatskollegium statt.
In Regensburg wirkten weiter die Talmud-Kommentatoren Rabbi Isak ben Mordechai (Ribam) und Rabbi Efraim ben Isaak („Efraim der Große“). Letzterer gilt als bedeutendster jüdischer Gelehrter seiner Zeit und leistete erhebliche Beiträge zur Weiterentwicklung der bis dahin von Frankreich dominierten Lehrtraditionen. Er versammelte Talmudschüler aus ganz Deutschland um sich und machte sich auch als Verfasser liturgischer Dichtungen einen Namen, von denen 32 erhalten geblieben sind.
1196 gründete Rabbi Jehuda ben Samuel he-Chasid („Jehuda der Fromme“) in Regensburg seine berühmte Jeschiwa, die die Stadt für einige Jahre zu einem Zentrum der jüdischen Theologie machen sollte. Unter anderem schrieb Jehuda dort sein „Buch der Frommen“. Jehuda gehörte zu den Chasside Aschkenas („die Frommen Deutschlands“), einer pietistisch ausgerichteten Bewegung. Weiter lebten in der Stadt die Gelehrten Rabbi Isaak ben Jakob ha-Laban und Baruch ben Isaak.
1180 reiste der Rabbi Petachjah ben Jakob ha-Laban von Regensburg aus über Polen, die Ukraine (Kiewer Rus) und den Vorderen Orient ins Heilige Land. Nach seiner Rückkehr über Griechenland (Byzantinisches Reich) und Böhmen veröffentlichte er den Reisebericht Sibbub („Rundreise“). Entgegen dem jüdischen Recht erteilte 1215 Abraham ben Mose einer Witwe die Erlaubnis zur Wiederverheiratung, obwohl der Leichnam ihres auf See vermissten Mannes nicht gefunden worden war.
Der Synagogenbau Anfang des 13. Jahrhunderts erwarb die Gemeinde von den Klöstern Emmeram und Obermünster mehrere Grundstücke.
1227 wurde die Synagoge fertiggestellt, nach Köln, Trier, Speyer und Worms erst die fünfte im Reich. Die Baumeister kamen von der Dombauhütte zu Reims und schrieben insofern Architekturgeschichte, als sie erstmals im gesamten Donauraum sowohl die Gotik als auch die zweischiffige Hallenkirche einführten. Die christliche Baukunst sollte sich in der Folgezeit in starkem Maße an der hier erstmals anzutreffenden neuen Formensprache orientieren. Einflüsse lassen sich etwa am Südportal von St. Ulrich oder im Kreuzgang von Kloster Emmeram nachweisen. Die Dominikanerkirche wie auch der Dom wurden wenige Jahrzehnte nach der Synagoge als erste Regensburger Kirchen vollständig im gotischen Stil erbaut. Die Synagoge bot über 300 Sitzplätze.Zu den nicht belegten Aussagen im obigen Abschnitt des Wikipedia-Artikels gab es 2019 auf dem Regensburger Herbstsymposium zum Thema "Jüdisches Regensburg, Zeugnisse und Spuren im Stadtbild" einen längeren Redebeitrag, der dann später auch im zugehörigen Tagungsband publiziert wurde mit dem folgenden Text: "Man könnte meinen, dass sich in diesem Wikipedia-Eintrag der gegenwärtige Forschungsstand am ehesten widerspiegelt. Doch der Eintrag entpuppt sich wohl eher als Quintessenz eines konfusen Wissensstands aus Fachwissen, gefährlichem Halbwissen und souveränem Nichtwissen. Abgesehen von der etwas irreführenden Einleitung mit dem Grundstückserwerb (der bezieht sich wohl auf den Erwerb von Grundstücken von Kloster St. Emmeram für den Friedhof) muss besonders die Aussage hinterfragt werden, dass es sich bei der angeblich 1227 fertiggestellten Synagoge, nach Köln, Trier, Speyer und Worms erst um die fünfte im Reich gehandelt haben soll. Eine steile These - nicht was vorerst die Datierung 1227 angeht, da gibt es zumindest eine verlässliche Quelle, welche den Neubau einer Synagoge in den Jahren vor diesem Zeitpunkt erwähnt. Aber was wissen wir über weitere belegbare Synagogen aus der Zeit vor und um 1227? Es folgt eine Aufstellung der bekannten und vermuteten Synagogenstandorte im Kulturraum des aschkenasischen Judentums vor 1250, der auf Quellenbelegen und archäologischen Befunden zu Bauten basiert, die sich als Synagogen identifizieren lassen. Ergänzend können die Reiseberichte von Benjamin von Tudela aus den Jahren um 1160 verwendet werden. Damit lassen sich Synagogen in Worms, Mainz und Speyer identifizieren, die schon im 11. Jahrhundert bestanden.
Des Weiteren verfügte die Gemeinde zu dieser Zeit über eine Talmudhochschule, eine Schule, ein rabbinisches Gericht, ein Gemeindehaus, ein Hospital, ein Ritualbad sowie einen neuen Friedhof in der Nähe des Galgenbergs.
Wirtschaftliche Bedeutung Bereits für 1050 ist Handel jüdischer Kaufleute aus Regensburg mit Russland und Ungarn nachzuweisen. Später zogen sich die Regensburger Juden aufgrund vielfacher berufsständischer Beschränkungen verstärkt auf Bankgeschäfte sowie – seit dem von Kaiser Friedrich Barbarossa erlassenen Regensburger Judenprivileg von 1182 – auf den Handel mit Edelmetallen zurück. Die Regensburger Juden betätigten sich in erheblichem Maße als Finanziers u. a. für Klöster, Adelige, Kaufleute, die Stadtkasse und sogar die Hanse. 1297 kaufte der Salzburger Bischof mit von Regensburger Juden geliehenem Geld die Grafschaft Gastein.
Die Berechtigung im damaligen Reich bzw. in der Stadt Regensburg leben zu dürfen, war an mehrfache Steuerleistungen gebunden. So musste u. a. eine „Reichsjudensteuer“ an den Kaiser gezahlt werden und auch Abgaben an den Bischof von Regensburg, an den bayerischen Herzog und an den Magistrat der Stadt geleistet werden. Im Laufe des 15. Jahrhunderts verarmte die jüdische Gemeinde so sehr, dass sie ihre Abgaben nicht mehr leisten konnte.Peter Herde: Regensburg (Ortschaftsartikel). In: Arye Maimon, Mordechai Breuer (Hrsg.): Germania Judaica Band III, 2. Teilband, Tübingen 1995, S. 1178–1229, hier 1186 und 1202. Nach dem sogenannten Ritualmordprozess gegen Rabbi Israel Bruna von 1476 bis 1480 war die Gemeinde wirtschaftlich ruiniert und Rabbi Bruna verließ die Stadt Regensburg.
Zunehmende Unterdrückung mini|Judensau am Regensburger Dom mini|hochkant|Propagandablatt mit dem Ritualmordvorwurf in Regensburg Insbesondere infolge des Vierten Laterankonzils war es nach 1215 zunehmend zu Verfolgung und Unterdrückung der Regensburger Juden gekommen. Ihr Wohnrecht wurde auf das von einer Mauer umgebene Gebiet des heutigen Neupfarrplatzes beschränkt. In diesem Judenviertel gab es 40 Wohneinheiten. Als Bekleidung war eine spezielle Judentracht vorgeschrieben. 1233 wurden Kontakte zwischen Christen und Juden sowie Religionsgespräche verboten; in der Karwoche durften sich Juden in der Öffentlichkeit nicht mehr zeigen. Berthold von Regensburg warf den Juden Wucher vor; Zeugnis vom wachsenden Antijudaismus legt auch die „Judensau“ ab, eine mittelalterliche Skulptur am Regensburger Dom.
Von den im 14. Jahrhundert weite Teile Bayerns erschütternden Pogromen blieb die Gemeinde in der freien Reichsstadt Regensburg aber weitgehend verschont. Das hing nicht zuletzt mit der in der Stadt von Seiten der christlichen Mitbürger anfangs gezeigten Solidarität zusammen. In der Folgezeit suchten auch überlebende Juden aus Augsburg, Nürnberg und Österreich in Regensburg Schutz.
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kam es dann aber auch in Regensburg zu einem Stimmungsumschwung, wozu auch Buß- und Bekehrungsprediger wie Johannes von Capistrano und Petrus Nigri beitrugen. Letzterer predigte 1474 in Gegenwart des Bischofs sieben Mal drei Stunden vor zwangsweise vorgeladenen Juden – freilich ohne sie zur Konversion bewegen zu können. Insbesondere wurden auch wieder die traditionell üblichen Vorwürfe des Giftmischens sowie des Ritualmordes an Christenkindern verstärkt erhoben. Bereits 1474 klagte man den überregional bekannten Talmudisten Rabbi Israel Bruna wegen eines angeblichen Ritualmordes an. Aus der daraus resultierenden Haft wurde er erst nach einer Intervention des Kaisers entlassen.Peter Herde: Regensburg (Ortschaftsartikel). 1995, S. 1193. 1470 wurde der Kantor Kalman wegen angeblicher Schmähung Christi und Mariae zum Tode verurteilt, 1474 der Jude Mosse auf den Scheiterhaufen geschickt.
Im März 1476 wurden sechs prominente Mitglieder der jüdischen Gemeinde von der Stadt Regensburg angeklagt, sechs Christenkinder rituell ermordet zu haben. Das jüdische Viertel wurde abgesperrt und der Besitz inventarisiert. Kurze Zeit später wurden elf weitere Juden mit den gleichen Beschuldigungen in die so bezeichnete „Schutzhaft“ genommen. Der sogenannte Ritualmordprozess stand in engem Zusammenhang mit dem Trienter Ritualmordprozess (1475–1478), der sich seinerseits auf die o. g. Beschuldigungen gegen Rabbi Israel Bruna (1474) bezog.Robert Werner: Die Regensburger Ritualmordbeschuldigungen – Sex pueri Ratisbonae. Entwicklungen, Zusammenhänge mit Trient und Rinn, Relikte. In: Historischer Verein Regensburg, Oberpfalz (Hrsg.): Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 150 (VHV0) 2010, S. 33–117, hier S. 41. Freigelassen wurden die Siebzehn erst 1480 nach heftiger Intervention von Kaiser Friedrich III. und der bayerischen Rabbinersynode in Nürnberg. Obwohl kein Urteil gesprochen wurde, erzwangen die städtischen Ankläger die Zusicherung der Freigelassenen und ihrer Nachfahren, keine Rache für den durch die Haft erlittenen wirtschaftlichen Ruin zu nehmen. An der Unschuld der Angeklagten, so der Fachhistoriker Peter Herde, „kann kein Zweifel“ bestehen.Peter Herde: Gestaltung und Krisis des christlich-jüdischen Verhältnisses in Regensburg am Ende des Mittelalters. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte. (ZBLG) 22, 1959, S. 359–395, hier 382. Angesichts der historischen Tatsache, dass in diesem Zusammenhang auch kein einziges Christenkind vermisst wurde, spricht Herde von einer „Ritualmordpsychose“. Der Kaiser verhängte eine Buße von 8000 Gulden über die Stadt wegen des Vergehens gegen die Juden, die unter seinem Schutz standen.Peter Brielmeier, Uwe Moosburger, Regensburg Metropole im Mittelalter, Verlag Pustet, 2007, S. 244/245, ISBN 978-3-7917-2055-5 Er gestand der Stadt Regensburg aber 1479 zu, dass die Juden die Strafe selbst aufbringen sollten. Weder die jüdische Gemeinde noch die Stadt Regensburg konnten das Geld aufbringen, so dass diese Finanzfragen lange Zeit offen blieben und erst nach der Vertreibung der Juden 1519 auf dem Reichstag in Worms 1521 in den Verhandlungen zur Begleichung aller Altschulden mit dem kaiserlichen Reichshauptmann Thomas Fuchs von Wallburg geklärt wurden.Tobias Beck,Kaiser und Reichsstadt am Beginn der Frühen Neuzeit. Die Reichshauptmannschaft in den Regensburger Regimentsordnungen 1492–1555, Regensburger Studien 18, 2011, S. 116–117, ISBN 978-3-935052-89-4 (Inhaltsverzeichnis) Einen weiteren Schub erlebte die religiös motivierte Judenfeindlichkeit in Regensburg, als 1516 der bekennende Antisemit Balthasar Hubmaier zum Domprediger bestellt wurde und man die Ritualmordbeschuldigungen erneut erhob.
Neuzeit Vertreibung 1519 mini| Vertreibung der Juden aus Regensburg und Wallfahrt zur Schönen Madonna, Deckenfresko in der Kassianskirche mini|hochkant|Jüdischer Grabstein an der Realschule Am Judenstein