miniatur|Jean-Philippe Baratier mit Minerva, Ölgemälde von Antoine Pesne, angefertigt im Auftrag der preußischen Königin Sophie Dorothea, 1735François Baratier: Dedicace. In: Jean Henri Samuel Formey: La vie de Mr. Jean Philippe Baratier. Etienne Neaulmé, Utrecht 1741, unpaginiert (Google-Books). Ernst Ludwig Rathlef: Geschichte Des Herrn Johan Philipp Baratier. Zweiter Anhang zu Das Jetztlebende Gelehrte Europa. Band II. Joachim Andreas Deetz, Celle 1741, bes. S. 521f. Jean-Philippe Baratier (auch Johann Philipp Baratier; * 19. Januar 1721 in Schwabach; † 5. Oktober 1740 in Halle (Saale)) war ein Wunderkind und Sprachgenie. Er war Mathematiker, Historiker und Orientalist und galt als enzyklopädisches Genie, das Schriften auf zahlreichen Gebieten veröffentlichte.
Leben Jean-Philippe Baratier wurde 1721 im – nicht erhaltenen – alten Pfarrhaus in der Friedrichstraße in Schwabach geboren und zog mit seiner Familie sechs Wochen später in das Haus Boxlohe 9 um. Er war der Sohn von François Baratier (1682–1751),Richard Béringuier: Die Colonieliste von 1699. Rôle général des françois refugiez dans les estats de sa sérénité electorale de Brandenbourg, comme ils se sont trouvez au 31. décembre 1699. Ernst Siegfried Mittler, Berlin 1888, Nr. 1245 und 1918; S. 50, 76, 201 und 207; dem hugenottischen Pastor der Französischen Kirche von Schwabach, und dessen Frau Anne Charles. Mit 4 Jahren sprach er bereits Deutsch und Französisch, mit 5 beherrschte er Latein, mit 7 Griechisch und Hebräisch. Später kamen Chaldäisch, Syrisch, rabbinisches Hebräisch (Mittelhebräisch), Arabisch und Niedersächsisch hinzu. Der Vater François Baratier beschrieb die induktiven, oft spielerischen „Methoden der Unterrichtung“ seines Sohnes bereits 1726/27 ausführlich in Briefen an einen „Herrn A.“ und an seinen Stettiner Amts-„Bruder“ Paul Émile de Mauclerc (1698–1742).Brief von François Baratier an „Herrn A.“ von Anfang 1726. In: Neue Zeitungen von gelehrten Sachen, Nr. XXXVII vom 9. Mai 1726, S. 365–368 = Mercure de France vom November 1727, S. 2435–2440;Briefe von François Baratier an seinen „Bruder“ Paul Émile de Mauclerc vom 1. Februar und 25. August 1727 aus Schwabach. In: Paul Émile de Mauclerc, François Baratier: Merckwürdige Nachricht, Von einem sehr frühzeitig Gelehrten Kinde, Nebst vielen zur Kinder-Zucht gehörig-nützlichen Anmerckungen. Johann Kunckel, Stettin und Leipzig 1728, S. 1–136. Der Ansatz wurde in der zeitgenössischen Pädagogik der frühen Aufklärung als „Methodus LockioJohn Locke: Some Thoughts Concerning Education. A. und J. Churchill, London 1693.-Baratieriana“ diskutiert.Joachim Böldicke (1704–1757): Methodus Lockio-Baratieriana, Das ist, Ein Vorschlag Durch Hülffe des Spielens, der Music, Poësie, und anderer Ergötzlichkeiten, … Binnen 12. Jahren … Kinder … zu erziehen … Christian Albrecht Gäbert, Berlin o. J. [um 1735] (Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz). Seit 1727, als er 6 Jahre alt war, stand Jean-Philippe Baratier in einem umfangreichen Briefwechsel mit Jean Henry Le Maître,Widmungsbrief von Jean Henry Le Maître vom 22. Dezember 1732 aus Schwabach. In: Jean-Philippe Baratier (Hrsg.): Voyages de Rabbi Benjamin Fils de Jona de Tudele. Band I. Amsterdam 1734, unpaginiert. der über 200 dieser Briefe besaß.Ernst Ludwig Rathlef: Geschichte Des Herrn Johan Philipp Baratier. Joachim Andreas Deetz, Celle 1741, S. 575; vgl. S. 532 und 574.
Aufsehen erregte Jean-Philippe Baratier mit seiner Übersetzung eines hebräischen Reiseberichts aus dem Mittelalter, den er mit eigenen Kommentaren versah. Er beschäftigte sich mit Büchern der Rabbiner und der Geisteswissenschaft, worüber er im Alter von 10 Jahren mehrere Werke verfasste. In seinem 11. Lebensjahr wurde „Jo. Philippus Baratier Swabaco Francus“ am 5. Juni 1731 in die Matrikel der Nürnberger Universität Altdorf eingeschrieben. Eine spätere Randnotiz stellte ausdrücklich fest: „NB. Dieses ist das gelehrte Kind. 10 Jahr alt“.Elias von Steinmeyer (Bearb.): Die Matrikel der Universität Altdorf. Band I. Stürz, Würzburg 1912, S. 548. Seine erste bekannte wissenschaftliche Veröffentlichung (1733) – ein ursprünglich an Jean Henry Le Maître gerichteter Brief – datiert vom 20. August 1731.Lettre sur une Nouvelle Edition de la Bible Hébraïque, Chaldaïque & Rabbinique. In: Bibliothèque germanique ou Histoire littéraire de l’Allemagne de la Suisse et des Pays du Nord 26 (1733), S. 1–46, bes. S. 46. Drei Briefe Baratiers an den Professor für Logik und Metaphysik, ab 1730 für Morgenländische Sprachen und Theologie Jakob Wilhelm Feuerlein in AltdorfBriefe zwischen 1731 und 1734; Württembergische Landesbibliothek Stuttgart (Cod. hist. 4˚731, III, 46–48). und fünf Briefe an den Astronomen Christfried Kirch in Berlin sind erhalten.Briefe vom 14. Mai, 9. Juli, August, 5. September 1735 und 20. November 1736, dazu ein Brief von François Baratier vom März 1735; Universitätsbibliothek Basel (CH-001880-7-000207540 bis –545 www.e-manuscripta.ch).
Baratier studierte Astronomie und Mathematik und entdeckte einige Rechenwege. Er fand eine Methode zur Bestimmung des Längengrades im Meer durch Kombination von Ephemeriden des Mondes mit der Position eines Fixsterns. Jean-Philippe Baratier reichte seinen Vorschlag im Februar 1735 bei der Royal Society ein, die ihn allerdings nicht für originell genug und auf schwankenden Schiffen für wenig praktikabel hielt.Kelly J. Whitmer: The Wunderki redefined. In: Daniel Fulda, Andreas Pečar (Hrsg.): Innovationsuniversität Halle? (Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 63). Walter de Gruyter, Berlin / New York 2020, S. 105–125, bes. S. 112f. 1735 zog seine Familie nach Halle, wo Baratier sich am 8. März immatrikulierte und am 9. März in einer Disputation mit Johann Joachim Lange den Magister Artium erwarb. Im Alter von 14 Jahren ging er Mitte März 1735 für sechs Wochen an den Königshof nach Potsdam und wurde als auswärtiges Mitglied in die Berliner Akademie aufgenommen.Extrait d'une Lettre écrite le 30. Avril 1735. par Mr. de Jarriges, Secretaire de la Société Roïale des sciences de Berlin, à Mr. Bourguet, Professeur en Philosophie à Neûchâtel; contenant des Particularitez sur l’Erudition prématurée du jeune Mr. Baratier. In: Mercure suisse, Mai 1735, S. 90–93 (Google-Books).
In Halle studierte Jean-Philippe Baratier auf Wunsch des Königs Friedrich Wilhelm I. in Preußen Rechtswissenschaft und begann eine rege publizistische Tätigkeit. Er belegte Vorlesungen und Kollegs der Juristen Johann Peter von Ludewig, Justus Henning Boehmer, Johann Gottlieb Heineccius und Simon Peter Gasser. Einer seiner Schwerpunkte war das Studium und die enzyklopädische Aufbereitung des Wissens der Welt. Sein Wissen und seine Erkenntnisse publizierte er in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern.
Baratier verfasste gleichzeitig eine Studie zum öffentlichen Recht, der Literatur und der Antike und hat diese auch gleich ins Lateinische, Hebräische und Französische übersetzt. Das Archiv der Pariser Académie des sciences führt in den Manuskriptregistern von 1738 für den 30. April die Präsentation eines Berichts von Cassini und Dortous de Mairan über ein Memoir von Baratier. Der ursprüngliche Bericht wird im Sitzungsdatensatz aufbewahrt. In den Thesen von Baratier ging es um Methoden zur Ermittlung von Brechungen, der Schräglage der Ekliptik und der Erstellung astronomischer Tabellen.
Baratier starb 1740 im Alter von 19 Jahren an Krebs. Der Prorektor der Universität Johann Juncker veröffentlichte eine akademische Gedenkschrift zu seiner Beisetzung am 9. Oktober.Johann Juncker: Mortalium Rebus Exemtus Est Vir Iuvenis Praenobilissimus Et Clarissimus Joannes Philippus Baratierius Artium Et Philosophiae Doctor Regiae Scientiarum Societatis Berolinensi Sodalis …. Johannes Christian Hilliger, Halle 1740 (Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen). Sein Leben wurde 1741/55 von Johann Heinrich Samuel Formey im Buch „La Vie de Mr. Jean-Philippe Baratier“ festgehalten.
Kanzler Johann Peter von Ludewig, der Baratier in seinem eigenen Familiengrab hatte beisetzen lassen, fragte in einem Panegyrikus schon am 10. Oktober 1740 in den Wöchentlichen Hallischen Anzeigen, ob nicht „vieler Menschen Seele, … mit Verstand und Willen begabt, … eben so geschwind und frühzeitig zu gleichmäßiger Weisheit und Erkänntniß gelangen könne“, und forderte „die Natur und Geister-Gelehrte auf, eine hinlängliche und begreifliche Ursache anzuzeigen, wie dergleichen Wunder, in einen so kleinen Cörper geschehen mögen“.Michael Alberti: Philosophische Gedancken von den Unterschied der Kräffte der Seelen nach den Unterscheid der Menschen. Johann Christian Hendel, Halle 1740, S. 3; . C. L. N.: Philosophische Gedancken von den Unterscheid der Kräffte des Geistes nach den Unterscheid der Temperamente. Christian Ludwig Sympher, Halle 1740, S. 3 und 15 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). Der Hallenser Professor für Medizin und Physik Michael Alberti hielt daraufhin angeborene Eigenschaften – „durch die natürliche Fortplanzung (propagatio) geerbet“ –, göttliche Gabe und „guten Unterricht (educatio)“ für die wesentlichen Faktoren.Michael Alberti: Philosophische Gedancken von den Unterschied der Kräffte der Seelen nach den Unterscheid der Menschen. Johann Christian Hendel, Halle 1740, bes. S. 7, 11 und 14.
Anlässlich des 300. Geburtstags Baratiers im Januar 2021 ehrten das Kulturamt und die Bürgerstiftung der Stadt Schwabach in einer Vortragsreihe das Wirken des Universalgelehrten, der mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen und seinem enzyklopädischen Wissen die damalige Welt in Erstaunen versetzte, und stellten vor der Franzosenkirche eine Sitzbank mit einer Bronzeskulptur Baratiers auf.Thomas Tjiang: Sprachgenie und jüngster Magister. Sonntagsblatt, 17. Januar 2021.
„Johannes Philippus Baraterius“ stand mit dem Werk Disquisitio Chronologica de successione antiquissima Episcoporum Romanorum seit 1748 auf dem Index librorum prohibitorum.Decreto prohibitionis vom 13. August 1748; Index Librorum Prohibitorum. Joseph Dura, Neapel 1863, S. 62 (archive.org).
Quellen François Baratier: Histoires possibles, ou Caracterès de bons et de mauvais enfans, composés par Mr. Baratier le père, à l’usage de Mr. Baratier le fils,30 moralische Beispielgeschichten für Kinder (heute wird die Gattung als „Struwwelpetriaden“ bezeichnet), verfasst für den 3-jährigen Sohn. um 1723/24 (erstmals gedruckt) In: David Etienne Choffin: La lecture rendue facile et agréable, oder das französische Lesen leicht, gründlich und angenehm gemacht. Band II par le moyen de quelques fables, histoires, sentences, et autres pièces choisies …. Gebauer, Trampe, Halle 1763, S. 44–80 (wieder abgedruckt) Le jouet des jolis petits garçons. Daniel Friedrich Kübler, Göttingen 1776; Le jouet des jolis petits garçons. Pour servir de suite au Joujou des petites Filles.Separat erschien Anonymus: Le Joujou Des Petites Filles. Daniel Friedrich Kübler, Göttingen 1776; 2. Auflage, hrsg. von August Ludwig Schlözer. Daniel Friedrich Kübler, Göttingen 1783 (Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen). 2. Auflage, hrsg. von August Ludwig Schlözer. Daniel Friedrich Kübler, Göttingen 1783 (Digitalisat der Polnischen Digitalen Bibliothek) (Übersetzung und Überarbeitung) „B.“ (= Johann Balbach)Johann Balbach (1757–1825), Prediger und