Lucretia (frühneuenglisch The Rape of Lucrece) ist eine Versdichtung von William Shakespeare. Das Werk handelt von der tragischen Geschichte der legendären Römerin Lucretia, deren schandhafte Vergewaltigung durch Tarquinius Sextus zum anschließenden Sturz des Königshauses der Tarquinier (509 v. Chr.) und der nachfolgenden Gründung der römischen Republik führte. In gedruckter Form ist das Gedicht erstmals 1594 erschienen. Es wird durch einen längeren Prosatext eingeleitet und umfasst insgesamt 1855 Zeilen in 265 Strophen von jeweils 7 Zeilen. Damit gehört es zu den längsten nicht-dramatischen Werken Shakespeares. Als Versmaß verwendet Shakespeare in den einzelnen Zeilen seines Gedichtes einen jambischen Fünfheber bzw. Pentameter. Das Reimschema der einzelnen Strophen in der Form ABABBCC entspricht dem sogenannten Rhyme royal. Zu Shakespeares Zeiten war Lucretia außerordentlich beliebt. Bis 1640 erschienen acht Ausgaben.
Handlung mini|Die Schändung der Lucretia, und ihr Selbstmord. mini|Biagio d’Antonio (1446–1516): Die Belagerung von Troja und das hölzerne Pferd, Abbildung aus dem 16. Jhd., Fitzwilliam Museum
Shakespeare stellt seinem epischen Langgedicht einen Prosatext mit dem Titel The Argument voran, der den Inhalt des nachfolgenden Gedichtes nicht nur zusammenfasst, sondern zugleich weitere Details der Geschichte Lucretias thematisiert, die in dem nachfolgenden lyrischen Teil entfallen oder nur beiläufig erwähnt werden.
Die Handlung hat ihren Ausgangspunkt zur Zeit der Belagerung von Ardea durch die Römer während der Regentschaft des letzten römischen Königs Lucius Tarquinius Superbus, der durch die grausame Ermordung seines Schwiegervaters unrechtmäßig auf den Thron gelangte.
Eine Gruppe römischer Adliger brüstet sich in gegenseitigem Wetteifern mit der Tugendhaftigkeit ihrer in Rom verbliebenen Ehefrauen. Unter diesen Adligen befinden sich Prinz Tarquin, der Sohn des Königs, und sein Freund und Weggefährte Collatinus, der ebenfalls der königlichen Familie der Tarquinier angehört. Vor allem Collatinus rühmt die unvergleichliche Schönheit und Sittsamkeit seiner Ehefrau Lucretia in höchstem Maße.
Um das Verhalten ihrer Frauen auf die Probe zu stellen, beschließt die Gruppe heimlich nach Rom zurückzukehren. Bei ihrer Ankunft nachts müssen sie jedoch feststellen, dass alle ihre Frauen sich mit Tanz und diversen Lustbarkeiten vergnügen, mit Ausnahme von Lucretia, die tugendsam im Kreise ihrer Dienerinnen am Spinnrad beschäftigt ist.
Diese besondere Schönheit und Keuschheit Lucretias weckt Tarquins Verlangen nach ihr. Statt mit den anderen wieder nach Ardea zurückzureiten, begibt er sich auf schnellstem Weg heimlich zum Haus von Collatinus. Zwar plagen ihn Zweifel und Bedenken über sein eigenes Handeln; diese können jedoch seine Begierde nicht zügeln. Nach seiner Ankunft in Collatinus’ Haus wird er von dessen Frau als vermeintlicher Freund des Mannes aufgenommen und als Gast untergebracht.
In der Nacht schleicht er sich in ihr Zimmer und vergewaltigt sie, nachdem es ihm nicht gelungen ist, sie zu verführen. Lucretia widersetzt sich standhaft und versucht mit allen Mitteln, Tarquin von seinem schändlichen Vorhaben abzubringen. Sie ist bereit, lieber zu sterben, als ihrem Mann untreu zu werden. So gibt sie Tarquin zu Bedenken: „Think but how vile a spectacle it were / To view thy present trespass in another. / Men’s faults do seldom to themselves appear“ (631ff). Als Tarquin jedoch behauptet, er würde ihren Leichnam neben den eines toten Sklaven legen und sie dann der Unzucht beschuldigen (weswegen er sie auf frischer Tat beide getötet habe), lässt sie die Tat über sich ergehen. Nach der Vergewaltigung verschwindet Tarquin noch in der gleichen Nacht. In ihrer Verzweiflung betrachtet Lucretia ein Wandgemälde der Belagerung von Troja, das im Text detailliert beschrieben wird.
Je länger sie über das Bild meditiert, umso mehr sieht sie Parallelen zu ihrer Situation und kann sich mit dem bildlich dargestellten Geschehen identifizieren. Tarquin setzt sie dabei in seiner Falschheit mit dem heuchlerischen Sinon gleich. Danach lässt Lucretia nach ihrem Mann und ihrem Vater rufen. Sie erzählt beiden in Anwesenheit weiterer römischer Adliger den Hergang und wird von ihnen für unschuldig befunden. Nachdem Lucretia zuvor die Anwesenden Rache und Vergeltung für ihre Vergewaltigung hat schwören lassen, ersticht sie sich selbst, damit durch ihren Tod künftig keine untreue Frau sich auf ihr Schicksal berufen könne und somit unbestraft davonkäme.
Während Collatinus und Lukretias Vater beim Anblick des noch blutenden Leichnams Lucretias sich in ihrer Trauer zu überbieten versuchen, nutzt Brutus, der sich bislang als dümmlich verstellt hatte, die Gelegenheit und drängt darauf, den Racheschwur zu erneuern, um ihn sodann in die Tat umzusetzen. Die abschließende Strophe des Gedichtes gibt in aller Kürze wider, wie der blutende Leichnam Lucretias durch die Straßen Roms getragen wird. Aufgrund dieser öffentlichen Demonstration der schändlichen Tat Prinz Tarquins geben die Römer einhellige ihre Zustimmung zur dauerhaften Verbannung des Prinzen und des Königs von Rom.
Im Gegensatz zum vorangestellten Argument wird der anschließende Übergang zur Regierungsform des Consulats in der Schlussstrophe nicht weiter thematisiert.
Literarische Vorlagen und kulturelle Bezüge mini|The Rape of Lucrece als Lithographie
Die Geschichte Lucretias als keuscher Ehefrau, deren Vergewaltigung die Vertreibung der römischen Könige und die Entstehung der Republik zur Folge hatte, wurde seit den Anfängen der römischen Geschichtsschreibung in unterschiedlichen Berichten wiedergegeben sowie in diversen literarischen Varianten ausgedeutet, die im elisabethanischen Zeitalter sowohl im Original als auch in Übersetzungen und Bearbeitungen vorlagen.Siehe Colin Burrow (Hrsg.): William Shakespeare, The Complete Sonnets and Poems, Oxford World Classics, Oxford University Press, Oxford und New York 2002, Introduction, S. 45. Vgl. auch Catherine Duncan-Jones und H.R. Woudhuysen (Hrsg.): Shakespeare’ Poems. Venus and Adonis, The Rape of Lucrece and the Shorter Poems. The Arden Shakespeare, Third Series, Bloomsbury Publishing Plc, London 2018, Introduction, S. 37.
Zudem wurde die Figur der Lucretia und ihre Geschichte in zahlreichen visuellen Darstellungen verbreitet. So zeigt beispielsweise die Bebilderung eines in den 1540er Jahren in Deutschland entstandenen Geschichtswerkes, das von dem Bürgermeister Augsburgs für den englischen König Heinrich VIII. in Auftrag gegeben wurde, in einer Bildfolge die verschiedenen episodischen Entwicklungsstadien der Geschichte Lucretias ähnlich wie in Shakespeares Gedicht.Siehe Catherine Belsey: Tarquin Dispossessed: Expropriation and Consent in “The Rape of Lucrece”. In: Shakespeare Quarterly. Vol. 52, No. 3, Herbst 2001, S. 328. Bildhafte Darstellungen von Lucretia waren, wie Duncan-Jones und Woudhuysen ausführen, im 15. und 16. Jahrhundert in ganz Europa in verschiedener Form weit verbreitet. Im elisabethanischen England existierten sie nicht nur auf Wandteppichen oder Gemälden, sondern ebenso in Geschäfts- oder Drucksignaturen oder Siegelringen. Siehe Catherine Duncan-Jones und H.R. Woudhuysen (Hrsg.): Shakespeare’ Poems. Venus and Adonis, The Rape of Lucrece and the Shorter Poems. The Arden Shakespeare, Third Series, Bloomsbury Publishing Plc, London 2018, Introduction, S. 35 und 37. Die zahlreichen bildhaften Bezüge und die meditative Betrachtung der Relationen von literarischer und visueller Kunst, die ihren Eingang in das Gedicht in den längeren ekphrastischen Passagen vor allem an den Stelle finden, in denen Lucretia nach ihrer Vergewaltigung über Gemälde des belagerten Troja nachdenkt und Tarquin in seiner Falschheit mit Sinon vergleicht (Z. 1366–1568), lassen auf eine Vertrautheit Shakespeares und seiner zeitgenössischen Rezipienten mit solchen bildlichen Darstellungen der Geschichte schließen. Vgl. dazu detailliert Richard Meek: Ekphrasis in ‘The Rape of Lucrece’ and ‘The Winter’s Tale.’ In: Studies in English Literature, 1500–1900, Vol. 46, No. 2, Rice University und Johns Hopkins University Press 2006, S. 389–414, insbesondere S. 389–395. Siehe auch Catherine Duncan-Jones und H.R. Woudhuysen (Hrsg.): Shakespeare’ Poems. Venus and Adonis, The Rape of Lucrece and the Shorter Poems. The Arden Shakespeare, Third Series, Bloomsbury Publishing Plc, London 2018, Introduction, S. 47ff.
Shakespeare könnte mit unterschiedlichen Versionen der Geschichte von Ovid (Fasti, II.721–852, mehrfach nachgedruckt in der Ausgabe des italienischen Humanisten Paolo Marsi), Titus Livius (Ab urbe condita, 1.Lvii–Lx, oder Livius in der Übersetzung von William Painter, The Pallace of Pleasure), Dionysios von Halikarnassos, John Gower (Confessio amantis) oder Geoffrey Chaucer (The Legend of Good Women) sowie mannigfaltigen volkstümlichen Überlieferungen vertraut gewesen sein, so dass er auf verschiedene Quellen zurückgreifen konnte. Seine Verserzählung ist zwölfmal so lang wie die Fassung Ovids; die gewichtigsten Ergänzungen Shakespeares sind die Reden der Lucrece, vor allem ihre beiden langen inneren Monologe nach der Vergewaltigung durch Sextus Tarquinius.
Anders als in Venus and Adonis ist The Rape of Lucrece nicht in einer offenen Landschaft bei Tag, sondern in der klaustrophobischen Welt der Innenräume bei Nacht angesiedelt; gemeinsam ist beiden Werken jedoch das Thema der abirrenden Sexualität.Vgl. zu den literarischen Vorlagen für Shakespeares Lucrece exemplarisch Carolyn D. Williams: ‘Silence, like a Lucrece Knife’: Shakespeare and the Meanings of Rape. In: The Yearbook of English Studies. Vol. 23, Modern Humanities Research Association 1993, S. 96, sowie Colin Burrow (Hrsg.): William Shakespeare, The Complete Sonnets and Poems, Oxford World Classics, Oxford University Press, Oxford und New York 2002, S. 45. Siehe auch Catherine Duncan-Jones und H.R. Woudhuysen (Hrsg.): Shakespeare’ Poems. Venus and Adonis, The Rape of Lucrece and the Shorter Poems. The Arden Shakespeare, Third Series, Bloomsbury Publishing Plc, London 2018, Introduction, S. 67. Vgl. ferner Sonja Fielitz: The Rape of Lucrece. In: Sonja Fielitz William Shakespeare. Eine Einführung in Werk und Wirkung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-24646-5, S. 58.
Die verbreiteten Fassungen der Geschichte unterschieden sich dabei nicht nur in den Handlungsdetails, sondern vor allem in ihren ethischen und politischen Einstellungen oder Blickwinkeln in Bezug auf die Titelfigur. Lucretia stand in der elisabethanischen Zeit im Mittelpunkt einer Vielzahl sich überschneidender moralischer und politischer Auseinandersetzungen. In zahlreichen Darstellungen sowohl in Prosa als auch in dichterischer Form wurde sie zumindest kurz als Beispiel weiblicher Tugendhaftigkeit erwähnt oder herausgestellt. Allerdings waren die meisten nachklassischen Interpreten der Geschichte sich durchaus der kritischen Sichtweise ihres Charakters durch Augustinus bewusst.
Augustinus legte in seiner Argumentation ausführlich dar, dass Keuschheit eine Tugend des Geistes sei. Davon ausgehend betrachtete er den Suizid der Lucretia als komplexes Fallbeispiel, das eine Reihe verwickelter Fragen über Verantwortung und Bestrafung aufwerfe. Falls Lucretia sich ihrer Vergewaltigung widersetzt habe, sei allein Tarquin eines Verbrechens schuldig und Lucretia habe sich selber zu Unrecht bestraft. Sollte sie aber lustvoll Tarquins Drängen nachgegeben haben, so habe sie sich zu Recht selber bestraft. Augustinus zog aus diesen Überlegungen die Schlussfolgerung, Lucretias Fall sei ein Beispiel für ein argumentatives Dilemma: Wolle man ihren (Selbst-)Mord entschuldigen, so müsse man ihr zwangsläufig Ehebruch vorwerfen; wolle man sie jedoch von dem Vorwurf des Ehebruchs freisprechen, so wiege damit die Schuld ihrer unrechtmäßigen Selbstbestrafung umso stärker.