Das Kosmodrom Xichang (), auch bekannt als „27. Basis der chinesischen Volksbefreiungsarmee für Erprobung und Ausbildung“ (), ist ein Weltraumbahnhof im Autonomen Bezirk Liangshan der Yi, Provinz Sichuan, Volksrepublik China. Die Hauptverwaltung befindet sich im Straßenviertel Xicheng () der Bezirkshauptstadt Xichang, Nördliche Hangtian-Straße 136. Der eigentliche Raketenstartplatz liegt 64 Kilometer nordwestlich des Stadtzentrums, in einem Tal der Gemeinde Zeyuan () im Süden des Kreises Mianning.
Geschichte Seine Existenz verdankt das Kosmodrom Xichang einer Serie von Missverständnissen. Auf einer Besprechung am 12. September 1964 waren von Vizepremier Nie Rongzhen, dem Beauftragten der chinesischen Regierung für strategische Kernwaffen,«聂荣臻传》编写组: 聂荣臻传. 当代中国出版社, 北京 1994, S. 432. als Ziele für die chinesischen Atomraketen Japan, die Philippinen, Guam und das amerikanische Festland bestimmt worden, nicht jedoch die Sowjetunion und Taiwan.Mark Wade: Als der Raketenwissenschaftler Qian Xuesen am 27. Oktober 1966 auf dem Kosmodrom Jiuquan in der Inneren Mongolei eine Dongfeng-2A-Mittelstreckenrakete startete, die einen 12-kT-Nuklearsprengkopf zum 800 km entfernten Kernwaffentestgelände Lop Nor trug, wo er in der Atmosphäre detonierte, fühlte sich die Sowjetunion subjektiv bedroht und erwog im September 1969, als die Spannungen zwischen beiden Ländern zu bewaffneten Zusammenstößen am Grenzfluss Ussuri sowie an der Dsungarischen Pforte geführt hatten, einen nuklearen Erstschlag.Stephen Uhalley Jr.: A History of the Chinese Communist Party. Hoover Institution Press, Stanford 1988, S. 164. Verteidigungsminister Lin Biao, der die sowjetische Verhandlungsdelegation, die für den 20. Oktober 1969 in Peking angekündigt war, für ein Täuschungsmanöver hielt, erließ am 18. Oktober 1969 seinen „Befehl Nr. 1“ (林副统帅一号战斗号令, Pinyin Lín Fùtǒngshuài Yīhào Zhàndòu Hàolìng), in dem er unter anderem das 2. Artillerie-Korps anwies, die chinesischen Atomraketen startbereit zu machen; alle Einheiten der Volksbefreiungsarmee sollten sich weit verstreuen, um bei einem sowjetischen Angriff kein gutes Ziel zu bieten.南懷沙: 挖山洞的大兵. 秀威資訊科技股份有限公司, 台北 2013, S. 111. Konkrete Ziele für die Atomraketen, wie etwa Frunse oder Alma-Ata, wurden in dem Befehl nicht genannt.
Der Alarmzustand wurde zwei Monate später wieder aufgehoben, aber das Konzept der verstreuten Stellungen wurde beibehalten. Als im Dezember 1969 der Plan eines bemannten Weltraumfluges mit dem damals angedachten, den amerikanischen Gemini-Kapseln ähnlichen Shuguang-Raumschiff, auch bekannt als „Projekt 714“ (714工程, Pinyin 714 Gōngchéng), in eine konkrete Phase trat, wurde beschlossen, hierfür ein neues, von der sowjetischen Grenze weiter entferntes Kosmodrom anzulegen. Zunächst wurden an 25 Orten in neun verschiedenen Provinzen topographische Untersuchungen angestellt, woraufhin 16 Orte in die nähere Auswahl kamen, die schließlich auf drei Kandidaten reduziert wurden. Ursprünglich wurde der Kreis Yuexi im Autonomen Bezirk Liangshan der Yi-Ethnie favorisiert, aber dort ergaben sich Probleme mit der Verkehrsanbindung und Stromversorgung. Daraufhin reiste Generalmajor Li Fuze (李福泽, 1914–1996), der Kommandant des Kosmodroms Jiuquan, im Juni 1970 mit einer Gruppe von Experten aus seiner Einheit nach Sichuan, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Die Männer kamen zu der Ansicht, dass der Kreis Mianning, ebenfalls im Bezirk Liangshan, der beste Ort für das neue Kosmodrom wäre, eine Wahl, die am 10. Oktober 1970 vom Staatsrat der Volksrepublik China sowie der Zentralen Militärkommission bestätigt wurde. Das Projekt in Sichuan bekam die Nummer 7201, die Bauarbeiten sollten im Januar 1972 abgeschlossen sein. Die erste Mission des Shuguang-Raumschiffs war für 1973 geplant.
mini|Startanlage im Kosmodrom Xichang (vorne Startrampe 3) mini|Die neue Eisenbahnlinie 7201 von Manshuiwan zum Kosmodrom (hinten) Kaum hatten Staatsrat und ZMK, also Zhou Enlai und Mao Zedong, die Ortswahl genehmigt, verlud das auf dem Kosmodrom Jiuquan stationierte Pionierregiment sein schweres Gerät auf einen Sonderzug und brach unter der Führung von Zhang Youshun (张友顺), des stellvertretenden Kommandeurs der Logistik-Abteilung, nach Sichuan auf. Schon fast am Ziel, am Bahnhof Puxiong, wurden sie von einer Gruppe Yi-Banditen überfallen, aber nachdem die Soldaten mit der Waffe in der Hand ausgestiegen waren, ergriffen diese die Flucht. In der Nähe des Bahnhofs Manshuiwan (漫水湾), am Eingang des Seitentals, das zum heutigen Kosmodrom führt, errichteten die Pioniere ein Zeltlager und begannen Ende November 1970 mit dem Bau einer Brücke über den Anning He (die Straße von Xichang nach Norden verläuft auf dem Ostufer des Flusses, während das Kosmodrom westlich des Flusses liegt). Die Brücke wurde Ende März 1971 fertig, dann wurde von dort eine 23 km lange Straße zum Brotkorbtal (簸箩沟, Pinyin Bǒluó Gōu) gebaut,罗竹风(主编): 汉语大词典. 第九卷. 汉语大词典出版社, 上海 1994(第二次印刷), S. 452. dem Standort der drei Startrampen.
Bis zum Frühjahr 1972 war das Gelände für die Startrampe 1 planiert, ein in den Berghang gegrabenes Treibstofflager war angelegt und die Baugrube für die Prüfhalle ausgehoben. Dann wurde das Shuguang-Programm am 13. Mai 1972 gestoppt.Mark Wade: Die Pläne für das Kosmodrom wurden immer wieder geändert, bis der von vornherein sehr ambitionierte Plan eines bemannten Raumflugs Anfang 1975 endgültig begraben wurde.Zum Vergleich: beim gegenwärtigen Shenzhou-Programm wurden unter wesentlich besseren ökonomischen und politischen Bedingungen – heute werden keine Wissenschaftler mehr von Roten Garden erschlagen – zunächst über einen Zeitraum von drei Jahren vier unbemannte Testflüge durchgeführt ehe am 15. Oktober 2003 mit Yang Liwei der erste chinesische Astronaut in den Weltraum abhob.
Am 1. März 1975 genehmigte Mao Zedong die Entwicklung eines geostationären Kommunikationssatelliten, nach dem Datum „Projekt 331“ genannt. Bei einem niedrigeren Breitengrad erhält man bei Raketenstarts einen stärkeren Schub von der Erdumdrehung, deswegen wurde das Kosmodrom Xichang zum Startplatz für diese Satelliten bestimmt. Im September 1975 wurde im Rahmen einer größeren Umorganisation der Arbeitsbereich 7 (第七工区, Pinyin Dì Qī Gōngqū) aus dem Kosmodrom Jiuquan, also der „Basis 20“, herausgelöst und nach Sichuan verlegt. Seitdem heißt das dortige Kosmodrom „27. Basis der chinesischen Volksbefreiungsarmee für Erprobung und Ausbildung“. Die dort stationierte „Einheit 63790“ (63790部队) wurde zum 1. Oktober 1975 vom Bataillon zum Regiment heraufgestuft, erster Kommandant der Basis 27 wurde Generalmajor Zhang Min (张敏, 1925–2017).
1970 begann der Bau der Startrampe 3 und der Fernmeldezentrale (通信总站). Die Startrampe 1 wurde nie fertiggestellt; auf der planierten Fläche befindet sich heute eine Besuchertribüne. Im September 1981 reiste eine Gruppe von mehr als 60 Experten aus allen Abteilungen des Kosmodroms in die Innere Mongolei, um zu Fortbildungszwecken an den Vorbereitungen und dem Start einer Feng-Bao-1-Trägerrakete teilzunehmen, die am 20. September 1981 vom Kosmodrom Jiuquan aus drei Forschungssatelliten vom Typ Shijian 2 (实践二号, also „Praxis 2“) in die Umlaufbahn beförderte. Dies war das erste Mal, dass China die sogenannte Eine-Rakete-drei Satelliten-Technik (一箭三星) anwandte – gleich beim ersten Versuch erfolgreich.Mark Wade:
Bis 1982 war als erste Startrampe die Startrampe 3 fertiggestellt, und am 29. Januar 1984 fand der erste Start statt: eine mittelschwere dreistufige Trägerrakete vom Typ Changzheng 3, die einen geostationären Kommunikationssatelliten des Typs Dong Fang Hong II in den Orbit tragen sollte. Dieser Start war nur teilweise erfolgreich, der Satellit konnte seine geplante Umlaufbahn nicht erreichen. Beim nächsten Versuch am 8. April 1984 funktionierten alle Systeme, der Satellit übertrug im vierjährigen Probebetrieb Fernsehsendungen und Telefonate.Mark Wade: Bis zum 18. November 2004 wurden 16 Trägerraketen gestartet. Danach wurde in Vorbereitung auf die Mondmissionen (siehe unten) die alte Rampe abgerissen und bis 2007 neu aufgebaut.
Am 12. April 2007 startete als erste Weltraummission von der neuen Startrampe 3 eine Changzheng 3A mit dem Navigationssatelliten Beidou M1.Mark Wade: Es war nach einer mehrjährigen Testphase der erste in einer Serie von bislang 43 Satelliten des Beidou-Satellitennavigationssystems der Volksbefreiungsarmee, die bis November 2018 gestartet wurden. Beidou ist ähnlich dem amerikanischen Global Positioning System und steht in Friedenszeiten auch zivilen Nutzern zur Verfügung.
mini|Startrampe 2 (hinten Startrampe 3) In Zusammenhang mit der Entwicklung der kommerziellen Trägerrakete Changzheng 2E, der ersten chinesischen Rakete mit Zusatzboostern, wurde in den Jahren 1989 bis 1990 in 2 Kilometer Entfernung vom geplanten Standort der Startrampe 1 die Startrampe 2 errichtet. Dies war ein Gemeinschaftsprojekt mit der Thor-Delta Sparte von McDonnell Douglas, die Bauaufsicht vor Ort hatte Robert A. Steinhauer (1935–2005) von Hughes Space and Communications. Da es damals in China noch keinen Mindestlohn gab, kamen Wanderarbeiter billiger als Maschinen. Daher wurde die Baugrube für die neue Startrampe beim Einsetzen des Monsunregens weitgehend manuell entwässert, mit Eimern und Waschschüsseln, 600 t Stahlarmierung für den Betonboden der Abgasumleitungsgräben wurden von den Arbeitern auf den Schultern hinuntergetragen. Für die Endmontage des von Hughes für die Hongkonger Asia Satellite Telecommunications Company hergestellten bzw. wiederaufbereiteten AsiaSat 1 Kommunikationssatelliten wurde eine eigene Halle errichtet. Hierfür forderte Hughes die amerikanische Reinraumklasse 100.000, das heißt, es durften nicht mehr als 100.000 Feinstaubpartikel pro Kubikfuß in der Luft sein. Da es an modernem Gerät mangelte, wischten die Arbeiter die 3000 m² Hallenboden mehrere dutzend Mal mit Seidentüchern und medizinischem Alkohol aus und erreichten damit tatsächlich den geforderten Standard. Am 7. April 1990 wurde der AsiaSat 1 Satellit von einer Changzheng 2E Trägerrakete problemlos und präzise in die Umlaufbahn befördert. Dies war der erste ausländische Auftrag für das Kosmodrom Xichang.Mark Wade:
Im Gegensatz zur Startrampe 3 verfügt die Startrampe 2 über einen beweglichen Wartungsturm (im Bild links) und einen unbeweglichen Versorgungsturm. Von Startrampe 2 wird heute vor allem die leistungsfähigste chinesische Rakete für geostationäre Satelliten, die Changzheng 3B/E, eingesetzt.Mark Wade: In der technischen Zone, 3 Kilometer südlich der beiden Startrampen, werden Raketenstufen und Satelliten vorbereitet. Die Montage der Rakete erfolgt direkt auf der Rampe.Go Taikonauts, Issue 3, January 2012, S. 37.
Mondmissionen Das Kosmodrom Xichang wird hauptsächlich eingesetzt, um Nachrichtensatelliten in den Orbit zu befördern, aber auch die chinesischen Mondsonden starteten alle von hier. Das von der China National Space Administration betriebene Mondprogramm der Volksrepublik China (中国探月工程, Pinyin Zhōnggúo Tànyuè Gōngchéng) wurde am 1. März 2003 offiziell gestartet, wobei der erste Schritt der für 2007 geplante Start eines Mondorbiters sein sollte. Die grundsätzlichen Planungen für diese Mission waren im September 2004 abgeschlossen, bis Ende 2005 folgte die Entwicklung des Prototyps, mit den finalen Tests wurde im Mai 2006 begonnen, und im Dezember 2006 war die nach einer auf dem Mond lebenden Fee benannte Sonde Chang’e 1 im Prinzip fertig. Parallel dazu wurde auf dem Kosmodrom Xichang, von wo die Trägerrakete abheben sollte, die Startrampe 3 abgerissen und neu errichtet. Bis Ende September 2006 war der Gitterturm fertig, im Oktober wurden die Versorgungsleitungen, Messkabel etc. installiert, Anfang 2007 begann man mit den ersten Tests, und im März 2007 war die neue Startrampe 3 einsatzbereit.