Die Wanderratte (Rattus norvegicus) ist ein Nagetier (Rodentia) aus der Familie der Langschwanzmäuse. Die ursprünglich im nördlichen Ostasien heimische Art wurde durch den Menschen weltweit verbreitet und kommt heute auf allen Kontinenten außer Antarktika und auf fast allen größeren Inseln oder Inselgruppen vor. In ihrem ursprünglichen Areal bewohnen Wanderratten Wälder und buschreiches Gelände. Eingeführte Populationen sind jedoch überwiegend auf den menschlichen Siedlungsbereich beschränkt, und in wärmeren Klimaten ist die Art nur in den von Menschen am stärksten veränderten Lebensräumen und meist nur in Küstennähe anzutreffen. Wanderratten sind Allesfresser, wobei pflanzliche Nahrung meist weit überwiegt.

Die Art wird als Nahrungsmittelschädling, Krankheitsüberträger und problematisches Neozoon vielfach bekämpft. Die Wanderratte ist die wilde Stammform der Farbratte, die in großer Zahl als Heim- und Versuchstier gehalten wird.

Beschreibung mini|Merkmale von Haus- und Wanderratte im Vergleich mini|Schädel (Sammlung Museum Wiesbaden) mini|Wanderratte mini|Wanderratte Wanderratten sind große, kräftig gebaute Ratten mit eckigem Schädel, stumpfer Schnauze und dickem Schwanz, dessen Länge im Normalfall geringer ist als die Kopf-Rumpf-Länge. Die Kopf-Rumpf-Länge beträgt 18–26 cm, die Schwanzlänge 14–21 cm und die Länge des Hinterfußes 38–45 mm. Der Schwanz hat 163–205 Schuppenringe. Die Ohren sind rund und klein mit einer Länge von 17–23 mm; sie erreichen nach vorn umgelegt maximal den hinteren Augenrand.K. Becker: Rattus norvegicus (Berkenhout, 1769) – Wanderratte. In: J. Niethammer, F. Krapp: Handbuch der Säugetiere Europas. Band 1: Rodentia I. Akademische Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1978, S. 401. Geschlechtsreife Tiere wiegen etwa 170–350 g.S. Aulagnier, P. Haffner, A. J. Mitchell-Jones, F. Moutou, J. Zima: Die Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens – Der Bestimmungsführer. Haupt Verlag, Bern / Stuttgart / Wien 2009, ISBN 978-3-258-07506-8, S. 236–237.E. Stresemann (begr.), K. Senglaub (Hrsg.): Exkursionsfauna von Deutschland. Band 3: Wirbeltiere. 12. Auflage. 1995, ISBN 3-334-60951-0, S. 415–416.

Die Art zeigt deutlichen Geschlechtsdimorphismus, Männchen sind größer und schwerer als Weibchen. Bei einer Stichprobe aus Görlitz wogen Männchen in zwei Altersgruppen geschlechtsreifer Tiere im Mittel 309 bzw. 404 g, Weibchen in denselben Altersgruppen 255 bzw. 315 g. Männchen waren im Durchschnitt 17,5 bzw. 22 % schwerer als Weibchen, die Kopf-Rumpf-Länge der Männchen war um 8,1 bzw. 10,1 % größer.A. Dietze, O. Zinke, H. Ansorge: Studie zur Reproduktion und Morphologie der Wanderratte Rattus norvegicus (Berkenhout, 1769) – Ein Beitrag zur Fauna der Oberlausitz. In: Veröff. Mus. Westlausitz Kamenz. 26, 2006, S. 117–128.

Das Fell ist je nach Alter oberseits schmutzig graubraun, rötlich braungrau bis dunkel braunschwarz, die Unterseite grauweiß. Ober- und Unterseitenfärbung sind nicht scharf getrennt. Selten kommen einfarbig schwarze Tiere vor. Der Schwanz ist zweifarbig, oben graubraun und unterseits heller.

Das im Alter von etwa fünf Wochen ausgebildete Jugendkleid ist oberseits einfarbig matt braungrau, am Bauch dunkelgrau. Bei den folgenden Haarwechseln werden die Tiere zunehmend heller und die gelbe und rote Pigmentierung der Haare nimmt zu. Beim Erreichen der Geschlechtsreife mit einer Kopf-Rumpf-Länge von etwa 200 mm kann der Rücken fuchsrot sein. Bei den weiteren Haarwechseln wird das Schwarz an den Haarspitzen ausgedehnter und das Fell hierdurch düsterer, es ist dann schließlich braunschwarz.K. Becker: Rattus norvegicus (Berkenhout, 1769) – Wanderratte. In: J. Niethammer, F. Krapp: Handbuch der Säugetiere Europas. Band 1: Rodentia I. Akademische Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1978, S. 408.

Systematik Die Wanderratte wurde im Jahr 1769 von John Berkenhout als Mus norvegicus wissenschaftlich beschrieben. Warum er als Artepitheton „norvegicus“ wählte, ist unklar, Berkenhout macht dazu keine Angaben.John Berkenhout: Outlines of the Natural History of Great Britain and Ireland. Band 1, 1769, S. 5. (Digitalisat, online)

Für die Wanderratte werden von Wilson und Reeder keine Unterarten anerkannt. Die systematische Stellung der Art innerhalb der Gattung Rattus ist ebenso wie die Systematik der ganzen Gattung bis heute unklar. Traditionell wurde die Wanderratte mit der Hausratte und einigen weiteren Arten in eine Untergattung Rattus gestellt. Wilson und Reeder weisen diese Zuordnung jedoch aufgrund deutlicher morphologischer, blutchemischer und genetischer Unterschiede zwischen Wander- und Hausratte zurück. Die Autoren gehen aufgrund der großen morphologischen Variation von der Existenz mehrerer monophyletischer Gruppen innerhalb der Gattung Rattus aus, bei denen sich zeigen muss, ob diese wirklich nur einer Gattung zuzuordnen sind. Sie platzieren die Wanderratte daher bis auf weiteres in eine „Rattus norvegicus species group“, zu der sie außer der Wanderratte aufgrund molekulargenetischer Daten und einiger morphologischer Gemeinsamkeiten die Himalajaratte (Rattus nitidus) und die Zentralasiatische Ratte (Rattus pyctoris) stellen.Rattus. In: D. E. Wilson, D. M. Reeder: Mammal Species of the World. Johns Hopkins University Press, 2005, ISBN 0-8018-8221-4

Karyotyp und Genom Die Wanderratte hat 2n = 42 Chromosomen, zwei davon sind Geschlechtschromosomen. Das vollständige Genom wurde zum ersten Mal 2004 sequenziert und besteht aus circa 2,75 Mrd. Basenpaaren.

Verbreitung Die Wanderratte war ursprünglich im gemäßigten, nördlichen Ostasien heimisch. Das Areal mit wohl autochthonen Vorkommen umfasst den Südosten Sibiriens, den Nordosten Chinas sowie die japanischen Inseln Honshū, Shikoku und Kyūshū.Rattus norvegicus. In: D. E. Wilson, D. M. Reeder: Mammal Species of the World. Johns Hopkins University Press, 2005, ISBN 0-8018-8221-4. () Wann die Ausbreitung nach Westen begonnen hat, ist unbekannt. Europa wurde im 18. Jahrhundert wahrscheinlich über Russland erreicht. Früher auf das 9. bis 10. und das 13. bis 14. Jahrhundert datierte Knochenfunde aus Schleswig-Holstein werden heute als Verschleppungen in tiefere Bodenschichten betrachtet.Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein: Die Säugetiere Schleswig-Holsteins – Rote Liste. Kiel 2001, ISBN 3-923339-65-8, S. 33 (PDF; 354 kB). Wahrscheinlich von Süddeutschland kommend erreichte sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Schweiz und verbreitete sich innerhalb weniger Jahrzehnte entlang der Flussläufe über das ganze Mittelland bis in die Westschweiz. Die weltweite unbeabsichtigte Einbürgerung erfolgte überwiegend per Schiff. Ebenfalls bereits im 18. Jahrhundert wurden die Britischen Inseln besiedelt. Erste Nachweise aus Amerika stammen schon von 1745, die Hauptbesiedlung Nordamerikas erfolgte als Schiffsratten mit der großen Einwanderungswelle von Briten zwischen 1760 und 1780. Heute kommt die Art auf allen Kontinenten außer Antarktika und auf fast allen größeren Inseln oder Inselgruppen der Erde vor.

Wanderratten sind heute in allen Ländern Europas heimisch. In Mittel- und Nordeuropa ist die Verbreitung weitgehend flächendeckend, nur in von Menschen dünn besiedelten Gebieten wie zum Beispiel Teilen Fennoskandinaviens sind die Vorkommen sporadisch und lokal eng begrenzt. Im Mittelmeerraum ist die Besiedlung viel weniger flächendeckend und weist insbesondere auf der Iberischen Halbinsel und auf dem Balkan große Lücken auf.A. J. Mitchell-Jones, G. Amori, W. Bogdanowicz, B. Krystufek, P. J. H. Reijnders, F. Spitzenberger, M. Stubbe, J. B. M. Thissen, V. Vohralik, J. Zima: The Atlas of European Mammals. Poyser, London 1999, ISBN 0-85661-130-1, S. 278–279.

Lebensraum In ihrem ursprünglichen Areal in Nordostasien bewohnen Wanderratten Wälder und buschreiches Gelände. Eingeführte Populationen sind jedoch überwiegend auf den menschlichen Siedlungsbereich beschränkt und bewohnen hier Abwasserkanäle, Mülldeponien, Keller, Lagerhäuser, Ställe, Bauernhöfe und ähnliche Habitate, sehr oft in Wassernähe. Darüber hinaus bewohnt die Art in Europa auch naturnahe Habitate, vor allem Gewässerränder mit dichter Vegetation und Meeresküsten, insbesondere im Bereich von Flussmündungen. In wärmeren Klimaten und vor allem in den Tropen ist die Art nur in den von Menschen am stärksten veränderten Lebensräumen wie Abwasserkanälen, Gebäuden, Wellenbrechern, Häfen und großen Städten und meist nur in Küstennähe anzutreffen. So ist die Art beispielsweise in West- und Südafrika sowie in Australien auf Seehäfen und große Küstenstädte beschränkt und besiedelt selbst Städte im Landesinneren nur ausnahmsweise.

Nahrung mini|Wanderratte erklimmt Vogelhäuschen Wanderratten sind Allesfresser, wobei pflanzliche Nahrung meist weit überwiegt. Von 4000 Mägen deutscher Wanderratten, die Ende der 1940er Jahre untersucht wurden, enthielten 39 % nur verschiedene Getreidesorten, weitere 34 % nur frische Pflanzenteile wie Früchte, Gemüse und Gräser. In 11 % der Mägen befanden sich sowohl pflanzliche wie tierische Bestandteile, in 10 % ausschließlich Fleisch oder Fisch. Auch bei Fallenversuchen wurden kohlenhydratreiche Köder wie Haferflocken gegenüber Ködern aus Gemüse, Fleisch oder Fisch deutlich bevorzugt.K. Becker: Rattus norvegicus (Berkenhout, 1769) – Wanderratte. In: J. Niethammer, F. Krapp: Handbuch der Säugetiere Europas. Band 1: Rodentia I. Akademische Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1978, S. 409–410.

In Europa lebt die Wanderratte überwiegend kommensalisch von Nahrungsmitteln des Menschen, daneben wird jedoch ein breites Spektrum weiterer pflanzlicher und tierischer Nahrungsquellen genutzt. So erklettern die Tiere Bäume, um im Frühjahr Knospen und junge Triebe und im Spätsommer Obst und Walnüsse zu fressen. Die Ernährung erfolgt auch karnivor und räuberisch, Wanderratten fressen unter anderem Vogeleier, junge und geschwächte Vögel, junge und erwachsene Wühlmäuse, Amphibien und Mollusken.

Lebensweise mini|Wanderratte mini|Wanderratte (17 Sekunden) Aktivität und Baue Die Wanderratte ist unter ungestörten Bedingungen dämmerungs- und nachtaktiv mit Aktivitätsmaxima kurz nach Sonnenuntergang und kurz vor Sonnenaufgang; um Mitternacht ist die Aktivität gering.K. Becker: Rattus norvegicus (Berkenhout, 1769) – Wanderratte. In: J. Niethammer, F. Krapp: Handbuch der Säugetiere Europas. Band 1: Rodentia I. Akademische Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1978, S. 413–415. Dieses Aktivitätsgrundmuster kann je nach äußeren Bedingungen vielfältig variiert werden. In Büro- oder Lagerräumen lebende Wanderratten verlegen ihre Aktivität in Zeiten menschlicher Abwesenheit, bei einer Untersuchung in England waren Wanderratten auf einer von fünf untersuchten Farmen im Sommer fast ausschließlich tagaktiv, da diese Farm nachts sehr häufig von Füchsen aufgesucht wurde.David W. Macdonald, Fiona Mathews, Manuel Berdoy: The Behaviour and Ecology of Rattus norvegicus: from Opportunism to Kamikaze Tendencies. In: G. Singleton, L. Hinds, H. Leirs, Z. Zhang (Hrsg.): Ecologically-based rodent management. Australian Centre for International Agricultural Research, Canberra, Australia 1999, S. 49–80, hier S. 59–60.

Die Tiere schwimmen, tauchen und klettern gut. Die Fortbewegung erfolgt jedoch überwiegend auf etablierten Wegen auf dem Boden, in Gebäuden meist entlang von Wänden, zu denen die Tiere seitlich mit den Vibrissen Kontakt halten. In felsigen Gebieten laufen Wanderratten meist am Boden von Felsspalten.

Wenn möglich, legen Wanderratten Erdbaue an, die mindestens zwei Eingänge und einen Wohnkessel sowie häufig auch Vorratskammern aufweisen. Die Eingänge sind immer offen, die Hauptgänge sind queroval, 8–9 cm hoch und 11–12 cm breit. In Gebäuden werden die Nester in Verstecken jeder Art gebaut, z. B. zwischen Warenstapeln, in Doppelwänden, unter Fußbodendielen oder unter Strohhaufen. Die Nester bestehen aus Gras, Blättern, Papier und ähnlichem weichem Material.

Sozialverhalten