mini|Hodegetria aus dem 15. Jahrhundert
Die Madonna Hodegetria oder Hodigitria oder Odigitria ( „Wegweiserin“, im klassischen Griechisch unbekannte feminine Form zu „Wegweiser, Lehrmeister“, gebildet aus hodós „Weg“ und hegeísthai „führen, vorangehen“) – auch bekannt als Theotokos („Gottesgebärerin“), Panagia (die „Allheilige“), Platytera („Muttergottes vom Zeichen“), Nikopoia (die „Siegbringende“), Eleusa (die „Barmherzige“), Glykophilusa (die „Süßküssende“) oder auch Madonna von Konstantinopel – bezeichnet einen bestimmten Typus von Mariendarstellungen, der zuerst auf griechisch-byzantinischen Ikonen vor dem Ikonoklasmus hauptsächlich in Konstantinopel anzutreffen war. Der Typus hatte einen enormen Einfluss auf die christliche Kunst und verbreitete sich in Kopien in der mittelalterlichen Welt nicht nur in Ländern mit orthodoxem Ritus von Griechenland bis Russland, sondern auch in China, ÄthiopienIcons and Saints of the Eastern Orthodox Church, S. 163 und Italien, so dass Marienikonen und später auch andere Bilder in diesem Typus unter den Gläubigen als die „erhabenste Darstellung der Gottesmutter gelten“.
Herkunft des Namens Der Begriff Hodegetria geht auf das griechische Wort hodigoi („Führer“, Sing.: hodegos oder odegos) zurück, welches Mönche (Calogeri) bezeichnet, die blinde Pilger an eine wunderkräftige Quelle (Zoodochos Pigi) eines Heiligtums in Konstantinopel begleiteten. Im Laufe der Zeit wurde der Mutter Gottes und ihrer Ikone der Name in der weiblichen Form hodegetria gegeben; für einige in Anlehnung an die Blindenführer, für andere bezogen auf die Straße (), die zum Wallfahrtsort führte.
Ursprung
mini|Das Römische Reich 337 n. Chr. Als die ehemalige griechische Kolonie Byzanz vom römischen Kaiser Konstantin dem Großen 324 n. Chr. neu errichtet und 330 n. Chr. unter dem Namen Konstantinopel zur Hauptstadt des Oströmischen Reiches erhoben wurde, gab es keine wichtigen religiösen Figuren, die die Stadt hätten repräsentieren können. Der Personenkult der byzantinischen Verehrung wurde meist aus dem Westen des Römischen Reiches importiert und passiv angenommen.
In den ersten Jahrhunderten des Christentums kam es zu einem fundamentalen Unterschied im Verhalten zwischen den beiden Teilen des Römischen Reiches in Bezug auf die Religion und den Kult der Persönlichkeiten, der immer deutlicher wurde. mini|Geburt der Jungfrau Maria, Fresko in der Krypta der Chiesa Santa Maria Maggiore in Rabatana, Tursi In der frühen christlichen Kunst gab es keine spezifische Marienikonografie, weil sich alles auf Christus bezog und folglich auch die Darstellung der Jungfrau, die das Jesuskind trägt, in diese Perspektive fiel. Die Jungfrau Maria, die auf die Wände der Katakomben gemalt wurde, nahm als Mutter Christi einen bescheidenen, aber unverzichtbaren Platz ein, der durch die Konzilien von Ephesos im Jahr 431 und von Chalcedon im Jahr 451 verstärkt wurde.Lorenzo Ceolin, S. 7
In der Unionsformel von Ephesos von 431 wurde Maria als Gottesgebärerin (Theotokos) anerkannt. Daraufhin entstand ein regelrechter Kult um die Marienverehrung. Konstantinopel war die von Gott und von der Theotokos geschützte Stadt, und das Byzantinische Reich entstand durch den Willen Gottes und der Theotokos.
Aelia Eudocia, Frau des oströmischen Kaisers Theodosius II., soll 438/439 von ihrer Wallfahrt nach Jerusalem Reliquien nach Konstantinopel mitgebracht haben. Darunter sollen ein Gnadenbild, der Schleier (Maphorion) und der Gürtel (Zone) der Gottesmutter gewesen sein, die Aelia Eudocia später ihrer Schwägerin Aelia Pulcheria zuschicken ließ. Das Kultbild der Hodegetria soll aus dem Kopf der Madonna mit dem Kind bestanden haben, das in Palästina vom Evangelisten Lukas auf einer Holztafel mit enkaustischer Technik gemalt worden sein soll. Das Kultbild soll in Konstantinopel in seiner Ikonografie ergänzt worden sein. Aus dem Kopf der Gottesmutter wurde eine Ikone mit der ganzen Gestalt der Maria.Origine del titolo mariano di Madonna di Costantinopoli: il mistero di Montevergine, S. 5
Nach dem Tod von Theodosius II. im Jahr 450 soll seine ältere Schwester Aelia Pulcheria der Überlieferung zufolge in verschiedenen Ortsteilen von Konstantinopel für die Errichtung dreier der Gottesmutter gewidmeter Kirchen gesorgt haben:
mini|270px|Der Führer begleitet den Blinden an die wunderkräftige Quelle; Ikone in der griechisch-byzantinischen Chiesa Santissimo Salvatore in Cosenza Die erste und wichtigste Kirche war die in der Nähe der Kirche der Hodigoi („Führer“, Sing.: hodegos oder odegos).Die Kirche der Hodigoi wurde so genannt, weil sie sich in der Nähe eines Klosters befand, wo die Führer (Mönche) wohnten, die die an Augenkrankheiten Leidenden (meist Blinde) an die nicht weit entfernte wunderkräftige Quelle begleiteten, wo man erwartete, sie würden ihre Sehkraft zurückerhalten. östlich oder südöstlich der Hagia Sophia gelegene, in der das Kultbild der Gottesmutter aufbewahrt und verehrt worden sein soll. Die Kirche und das Kloster erhielten den Namen Hodegon, das Kultbild den der Hodegetria. Später erhielt der Name Hodegetria eine zusätzliche Bedeutung aufgrund von Marias Arm-Hand-Haltung, deren Finger auf den Sohn als „Weg, Wahrheit und Leben“ zeigen. Das berühmte Bild galt als die Beschützerin der Stadt Konstantinopel und des ganzen Östlichen Reiches. Die byzantinischen Kaiser selbst sollen sie an der Spitze ihrer triumphalen Prozessionen als „Wegweiserin“ getragen und auf diese Weise den Titel Hodegetria bekräftigt haben.Origine del titolo mariano di Madonna di Costantinopoli: il mistero di Montevergine, S. 2 Sie zu besitzen war sehr wichtig und bedeutete das wahre Palladium von Konstantinopel. Die Ikone der Hodegetria soll mit der Eroberung von Konstantinopel durch das Osmanische Reich (1453) zerstört worden sein. Über Kopien des Originals hat sich der Darstellungstyp jedoch bis heute erhalten. Es folgte im Ortsviertel Chalkoprateia (, Kupfermarkt) 150 Meter westlich der Hagia Sophia die Chalkoprateiakirche, in der der Gürtel der Heiligen Jungfrau aufbewahrt und verehrt wurde. An den „heiligen Gürtel“ wandten sich unfruchtbare und schwangere Frauen und Gebärende. An der Stelle der Chalkoprateiakirche steht heute die Zeynep Sultan Moschee. 452 ließ Kaiserin Aelia Pulcheria an der Landmauer zum Goldenen Horn,Ingeborg Bauer, S. 70 einem im Norden für die Verteidigung der Stadt wichtigen Punkt, im Stadtviertel Blachernai die Blachernenkirche bauen, um das Kleid Marias und ihre Tücher, die man nach ihrer Entschlafung im leeren Grab fand, aufzubewahren und zu verehren. In besonderen Momenten der Gefahr wandte man sich an den Schleier. Es wird berichtet, dass der eilig von seinem Feldzug gegen die Araber zurückgekehrte Kaiser Michael III. und der Patriarch Photios I. nach einer feierlichen Prozession zum Goldenen Horn den Schleier der Gottesmutter Maria am 18. Juni 860 ins Meer warfen, worauf die Feinde (Rus) ihre Belagerung abbrachen und davonsegelten.
Die Kirche der Heiligen Maria von Blachernae besaß auch andere Bilder der Jungfrau, eine Deësis, eine Hodegetria, die auch Blacherniotissa oder „betende Maria“ (lat. Maria orans) genannt wurden. Die Sankt-Maria-von-Blachernae-Kirche brannte 1433 nieder und die Ikone Blachernae, die als ursprünglicher Prototyp galt, wurde dabei zerstört.Lorenzo Ceolin, S. 41
Marienerscheinungen in Konstantinopel Es sind fünf Marienerscheinungen bekannt, die sowohl von der katholischen Kirche als auch von der orthodoxen Kirche in der antiken Hauptstadt Konstantinopel anerkannt werden.
455 erschien Maria dem späteren byzantinischen Kaiser Leo I., der 473 eine neue Kirche in der Nähe der von Pulcheria 452 erbauten Blachernen-Kirche erbauen ließ, der er den Namen Sankt Maria von Blachernae gab. 522 erschien Maria einem hebräischen Jungen, um ihn vor der Grausamkeit seines Vaters zu retten. 714 erschien Maria der Mutter des späteren Mönchs Stephanos dem Jüngeren, der dem Bilderstürmer Kaiser Konstantin V. widerstand. 1325 erschien Maria dem Abt Gerontius, der sich eine Ikone der heiligsten Gottesmutter angeeignet hatte, um Metropolit von Russland zu werden, und bewog ihn zur Rückgabe.
Ikonografische Geschichte mini|Hodegetria mit Riza (Metallschutzabdeckung) aus dem 15. Jahrhundert Die Marienikonen sind die zahlreichsten der Ikonografie und die, die von den Gläubigen am meisten geliebt werden. Die Madonna wird hauptsächlich als Brustbild dargestellt, aber auch sitzend oder stehend als Ganzkörperbild. Obligatorisch wird sie auf einem goldenen Hintergrund gemalt, Symbol des Himmels, wo sie sich befindet. Sie hält den göttlichen Sohn entweder auf ihrem linken Arm (manchmal auch auf dem rechten) oder auf ihrem Schoß. Jesus hat die Statur eines Kindes und die Gesichtszüge eines Erwachsenen. Sein Gewand wird häufig von goldenen Lichtreflexen erhellt. Diese scheinbar ungewöhnliche Inszenierung legt die Interpretierung nahe, dass er, Immanuel (עִמָּנוּ אֵל „Gott (ist/sei) mit uns“), der Sohn Gottes und Gott selbst ist. Marias göttliche Mutterschaft wird durch zwei Abbreviaturen auf beiden Seiten des Kopfes bezeugt: „MP ΘY“, für „Μητέρα τοῦ Θεοῦ“ (Mutter Gottes).
Historisch gibt es keine zeitgenössischen Darstellungen der Mutter Gottes und bald begann die Suche nach dem Urbild. Es gibt einige historische Zeugenaussagen, die alle eine unterschiedliche Beschreibung abgeben.
Es gibt eine Beschreibung von Georgios Kedrenos, byzantinischer Geschichtsschreiber aus dem 11. bzw. 12. Jahrhundert. Nach ihm war Maria kleiner Statur mit dunkler Haut, blonden Haaren, mit hellen und kleinen Augen, markierten Augenbrauen, kleiner Nase und schmalen Fingern.Lorenzo Ceolin, S. 38
Der griechische Kirchenhistoriker Nikephoros Kallistu Xanthopulos (* etwa 1268/1274; † nach 1328) nimmt in seiner Historia ecclesiastica die Texte seiner Vorgänger über die somatischen Züge von Maria wieder auf und bestätigt die Aussagen des Priesters Epiphanius aus dem 8./9. Jahrhundert, dass sie von mittlerer Statur und mit von der Sonne des Vaterlandes vergoldeter Hautfarbe (der Farbe des Weizens) gewesen sei, dass sie blonde Haare, einen scharfen Blick, etwas bläuliche Augen mit olivenfarbenen Pupillen, gebogene schwarze Augenbrauen, eine längliche Nase und rote Lippen gehabt habe. Das Gesicht sei weder rund noch eckig, sondern länglich gewesen. Ihre Hände und Finger seien schmal gewesen. Angeblich zog sie Kleider mit natürlichen Farben vor, was an ihrem Kopfschleier, der in der Sankt-Maria-von-Blachernae-Kirche aufbewahrt worden ist, zu sehen war.
mini|Monolith der Madonna auf dem Thron mit dem Kind auf dem linken Arm (Aristerokratusa) in der Felsenkrypta Madonna delle Grazie in San Marzano di San Giuseppe; 13. Jahrhundert Aus dem Handbuch der Malerei des griechischen Malermönchs Dionysios von Phourna (* um 1670; † nach 1744) liest man das folgende Bild über den :
Wie schon erwähnt, gibt es keine zeitgenössischen Darstellungen der Mutter Gottes, was die Künstler im Laufe der Jahrhunderte dazu brachte, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Es gibt etwa 400 unterschiedliche Ikonen der Gottesmutter. Ursprünglich gab es aber hauptsächlich drei verschiedene Ikonografien:Lorenzo Ceolin, S. 5