Wolfgang Neuss (amtlich und vollständig Hans Wolfgang Otto Neuß;Gemäß Eintragung in seinem Personalausweis, gezeigt im rbb-Film Neuss Deutschland – Querulant der Republik von Julia Oelkers und Peter Scholl von 2006. * 3. Dezember 1923 in Breslau; † 5. Mai 1989 in West-Berlin) war ein deutscher Kabarettist und Schauspieler.

mini|Wolfgang Neuss (3. v. l.) bei der Verleihung des Berliner Kunstpreises (1964)

Leben Jugend und Krieg Wolfgang Neuss kam als Sohn von Otto und Elisabeth Neuss (geb. Gebauer) in Breslau zur Welt. Er hatte eine Schwester Eva (später verheiratete Eva de Bouyse). Nach der Volksschule begann Neuss eine Lehre als Schlachter, ging dann aber mit 15 Jahren nach Berlin, um Clown zu werden. Dieser Ausflug endete in der Jugendverwahranstalt des Berliner Polizeipräsidiums am Alexanderplatz.

Die Schilderungen über Neuss’ Zeit während des Zweiten Weltkrieges beruhen wohl hauptsächlich auf seinen eigenen Angaben. Zunächst war er beim Straßenbau des Arbeitsdienstes, dann ab 1941 Soldat an der Ostfront. Er wurde mehrmals verwundet und erhielt das EK I. Mathias Bröckers: Neuss Deutschland. Über Wolfgang Neuss (1923–1989). Seiner Schilderung nach entzog er sich weiteren Kampfeinsätzen als MG-Schütze, indem er sich durch das Abschießen des Zeigefingers der linken Hand selbst verstümmelte:

Nach einer anderen Darstellung handelt es sich bei der Geschichte von dem abgeschossenen Finger um eine Legende.Siegward Lönnendonker im Nachwort zu Gaston Salvatore: Wolfgang Neuss – ein faltenreiches Kind. Biographie. Neuauflage 1995, S. 493:

Kurz vor Kriegsende entging er dem Kampfeinsatz in Ostpreußen auf einem Lazarettschiff nach Dänemark. Die erste Nachkriegszeit verbrachte er in einem Internierungslager in Flensburg. Bereits während seiner Lazarettaufenthalte und im Lager organisierte er bunte Abende, erzählte Witze und trat als Komiker auf. Nach ersten Auftritten (als „Hansi Neuss“ oder „Peter Pips“) wurde er Ende der 1940er Jahre bei einem neunwöchigen Engagement als Conférencier im Hamburger Hansa-Theater unter dem Namen Wolfgang Neuss schnell bekannt.

Sein Hobby war Fußballspielen. Ab 1967 sorgten die Auftritte als „Balltreter Rixdorfer & Co“ mit u. a. Sammy Drechsel, Dieter Hildebrandt und Rudi Dutschke regelmäßig für Publikums- und Medieninteresse.

Die zwei Wolfgangs Entdeckt wurde Wolfgang Neuss im Bad Wildunger Kabarett „Snack“. 1949 lernte er Wolfgang Müller kennen, dem er sich auf Anhieb geistesverwandt fühlte. Fortan traten die beiden als Duo („Die zwei Wolfgangs“) auf. 1950 gingen sie nach West-Berlin, wo sie ein Engagement beim Kabarett Die Bonbonniere annahmen. Im selben Jahr erhielt Neuss seine erste Filmrolle in Der Mann, der sich selber sucht (Regie: Géza von Cziffra), schrieb Stücke, spielte Theater und führte Regie im Kabarett.

Neuss pflegte enge Kontakte zu Kabarettkollegen wie Eckart Hachfeld, Ursula Herking, Thierry, Dieter Hildebrandt und Wolfgang Gruner. 1952 arbeitete er an zwei Programmen des Ensembles Die Stachelschweine mit.

Neuss und Müller fielen 1955 in Nebenrollen des Musicals Kiss me Kate unter der Regie von Leonard Steckel auf und inszenierten sogleich als Mitternachtsshow eine Parodie auf das Musical namens Schieß mich Tell. Von da an erhielten sie regelmäßig Filmangebote. Als Schlagersänger wurden sie erfolgreich, unter anderem mit Schlag nach bei Shakespeare und Ach, das könnte schön sein ….

Während der Vorbereitung zu den Dreharbeiten für Das Spukschloß im Spessart kam Wolfgang Müller als Flugschüler bei einem Flugzeugabsturz in der Schweiz ums Leben. Wolfgang Neuss wurde von den Dreharbeiten zu diesem Film entlassen, angeblich mit den Worten: „Jetzt brauchen wir Sie auch nicht mehr!“

Soloprogramme Wolfgang Neuss machte alleine weiter und realisierte das mit Müller begonnene Filmprojekt Wir Kellerkinder mit Wolfgang Gruner (Erstsendung in der ARD am 26. Juni 1960). Daraufhin erfolgte ein Boykott durch deutsche Filmverleiher, und er ging mit Soloprogrammen auf Tournee durch Westdeutschland.

Im Jahr 1962 sorgte er für einen bundesweiten Eklat, als er mit einer Zeitungs-Werbeannonce am Vortag der Ausstrahlung des letzten Teils des sechsteiligen Durbridge-Krimis Das Halstuch dem Fernsehpublikum den Mörder verriet. Die Zuschauer forderte er auf, stattdessen einen Kinobesuch zu machen und unterzeichnete mit dem Titel seines gerade fertiggestellten Filmes, Genosse Münchhausen. Später behauptete er allerdings, den „Halstuchmörder“ nur erraten zu haben; nach einer anderen Darstellung soll es seine Mutter von der Ehefrau des mitwirkenden Schauspielers Dieter Borsche erfahren haben.So z. B. von ihm erzählt: Ariane Hoffmann: Francis Durbridge, Kultkrimi-Autor (Todestag, 11.04.1998). WDR-ZeitZeichen, 11. April 2023, abgerufen am 10. Februar 2024. Die Durbridge-Krimis waren in der Frühzeit des deutschen Fernsehens „Straßenfeger“ mit Einschaltquoten von annähernd 90 Prozent (vgl. Das Halstuch#Auswirkungen). Die Presse veröffentlichte Leserbriefe verärgerter Fernsehzuschauer, es gab sogar Morddrohungen, und die Bild bezeichnete Neuss wegen des Spoilers als „Vaterlandsverräter“. Die Kosten der Anzeige im West-Berliner Der Abend betrugen 787,15 D-Mark.

Im Jahr 1962 heiratete Wolfgang Neuss die Schwedin Margareta Henriksson, die er seit 1958 kannte. Mit ihr, von der er sich 1967 wieder scheiden ließ, hatte er eine Tochter, Harriet (genannt Jette) Wixell,Harriet Wixell: geborene Neuss. Auch Gisela Groenewold, seine langjährige Lebensgefährtin, die ihn 1969 auf eine Südamerikareise begleitete, trennte sich später von ihm, überließ ihm aber die Wohnung in Berlin-Charlottenburg.

Mitte der 1960er Jahre galt Neuss als einer der besten deutschen Kabarettisten. Eckart Hachfeld, Hans Magnus Enzensberger (Pseudonym: Andreas Thalmayr), Thierry, Jens Gerlach und Horst Tomayer schrieben Texte für seine Programme. Helene Weigel schenkte ihm ein lebenslanges Abonnement für das Berliner Ensemble. Er trat im Haus am Lützowplatz regelmäßig in der Restaurantbar Domizil im Souterrain als Mann mit der Pauke auf und erreichte damit überregional ein breites Publikum.

Neuss machte den DDR-Liedermacher Wolf Biermann mit einem gemeinsamen Programm in Westdeutschland bekannt und verhalf ihm zu seiner ersten Plattenaufnahme. Nach einem Auftritt mit Biermann in Frankfurt am Main erhielt Neuss, der während des Kalten Krieges auch mit anderen ostdeutschen Kollegen wie Gisela May und Käthe Reichel auftrat, von der DDR ein Einreiseverbot.

Im Jahr 1965 sammelten West-Berliner Zeitungen Geld für den Vietnamkrieg, von dem Medikamente gekauft und Nachbildungen der Freiheitsglocke an Witwen amerikanischer Soldaten verschenkt werden sollten. Dagegen protestierte der Kabarettist mit einem Extrablatt seiner Satirezeitschrift Neuss Deutschland und sammelte seinerseits über Spenden insgesamt 11.000 DM, als die Zeitungsverleger mit einem Boykott seiner Kabarettprogramm-Ankündigungen reagierten.

Schauspielkarriere Neuss war ein „Vieldreher“. Er drehte zahlreiche Filme in einem Jahr, zehn allein 1955. Insgesamt war er zwischen 1950 und 1966 in 55 Filmen und in seinem letzten 1984, Is was, Kanzler? nach einem Drehbuch von Gerhard Schmidt und Jochen Busse, zu sehen.

Auch Theaterbühnen engagierten Neuss, beispielsweise als Thersites in Shakespeares Troilus und Cressida und in der Rolle des Erich Mühsam in Tankred Dorsts Drama Toller, das unter dem Titel Rotmord von Peter Zadek 1969 für das Fernsehen verfilmt wurde. In einer Querschnittaufnahme von Bertolt Brechts Dreigroschenoper durch das SFB-Orchester mit u. a. Lotte Lenya, Willy Trenk-Trebitsch und Trude Hesterberg gab er 1958 dem Moritatensänger seine Stimme.

Als Moderator im Viet Nam Diskurs von Peter Weiss in einer Inszenierung an den Münchner Kammerspielen durfte Neuss seinen eigenen Text sprechen, wobei er zu Geldspenden für den Vietkong aufrief. Als die Intendanz diese von Regisseur Peter Stein gebilligte Aktion verbot, kündigte Neuss seine Mitarbeit auf; das Stück wurde abgesetzt.

Neuss und die Studentenbewegung mini|Fußballer Neuss (links) und Kurt Weidemann nach einem Spiel in Stuttgart, auf Einladung des alternativen Buchhändlers Wendelin Niedlich (wahrscheinlich 1968) 1967 bestritt Neuss mit Franz Josef Degenhardt, Hanns Dieter Hüsch und Dieter Süverkrüp, später als Quartett ’67 bezeichnet, ein gemeinsames Programm mit politischen Texten und Liedern. Es kam nur zu einem einzigen Auftritt, der vom Saarländischen Rundfunk mitgeschnitten wurde. Das Buch, das die Texte des Quartetts dokumentiert, erschien 1968; es erschien in zahlreichen Auflagen bis 1980 und hat wesentlich zur Popularität der beteiligten Künstler beigetragen.

Politisch machte sich Neuss zunächst für die SPD stark, die ihn im Februar 1966 wegen seiner Zweitstimmenwerbung für die Deutsche Friedens-Union jedoch ausschloss. Nachdem ihn die Partei ein halbes Jahr später ohne weitere Formalitäten wieder aufgenommen hatte, erklärte Neuss 1968 seinen Austritt, machte aber 1971 erneut Wahlkampf für die SPD.

Für einen Teil der deutschen Öffentlichkeit wurde er zur Feindfigur. Auf dem Höhepunkt einer unter anderem von Bild getragenen Pressekampagne und nach einem gescheiterten Bombenattentat erklärte sich Neuss in einem Briefwechsel mit Willy BrandtAbgedruckt in Neuss Testament, eine satirische Zeitbombe. Rowohlt, Reinbek 1966, S. 118–123. zum „politischen Flüchtling“ und fuhr nach Schweden. Sein Aufenthalt dort dauerte allerdings nur wenige Wochen. Nach einer Tournee durch die Bundesrepublik mit seinem Programm Neuss Testament kehrte er nach West-Berlin zurück. Dort schloss er sich der APO an und nahm an Demonstrationen, Sit-ins und anderen politischen Aktionen teil. Von 1967 bis 1969 betätigte er sich im Republikanischen Club in West-Berlin. Meist durch gleichzeitiges auf die „Pauke“ hauen, eigentlich benutzte er eine Trommel, wies er seitdem auf Missstände und Widersprüche in der Gesellschaft hin.

Ausstieg Ende der 1960er Jahre ging Neuss’ Erfolgslauf allmählich zu Ende. Seine Auftritte waren zwar noch ausverkauft, wurden aber nicht mehr nur in der Springerpresse, sondern auch von zuvor wohlgesinnten Kritikern verrissen.

1969 verabschiedete er sich von der Bühne und vom Fernsehen und ging eine Zeitlang nach Chile. Abgesehen von seinem letzten Kinofilm, Chapeau Claque (1974), und einem Auftritt als „Mann mit der Pauke“ im laufenden Programm der Stachelschweine (November 1973) hörte man während der 1970er Jahre fast nichts mehr von ihm. 1976 berichtete die Presse, dass Neuss Sozialhilfe beziehe. 1979 machte er Schlagzeilen, als er in West-Berlin wegen Besitzes von 35,8 g Haschisch und mehrerer LSD-Trips zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde.

mini|Wolfgang Neuss 1985 auf einem Porträt des Berliner Fotografen Werner Bethsold

Comeback Eine erste Biografie schrieb Gaston Salvatore unter dem Titel Der Mann mit der Pauke (1974, nach Tonbandprotokollen); sein Freund und literarischer Nachlassverwalter Volker Kühn dokumentierte Leben und Werk unter dem Titel Das Wolfgang Neuss Buch (1981), später erheblich erweitert als Der totale Neuss (1997).

Anfang der 1980er Jahre feierte Neuss auf der Bühne und im Fernsehen ein Comeback, schrieb regelmäßig Kolumnen (z. B. für die taz und den Stern) und veröffentlichte Schallplatten und Tonbandkassetten. Ein langes Interview mit Werner Pieper im Humus-Magazin (Ausgabe 3, 1979) war der Auftakt zu zahlreichen Porträts in Rundfunk und Fernsehen (u. a. von Volker Kühn, Tilman Jens und Rüdiger Daniel), die der medienerfahrene Wolfgang Neuss geschickt zu Kabarettauftritten umfunktionierte. Bevor er gefilmt oder fotografiert wurde, pflegte Neuss beispielsweise seine Zahnprothese herauszunehmen, um den Betrachter zu schockieren.