mini|300px|Kildinsamische Wortliste von 1557 (veröffentlicht 1589); das älteste bekannte Dokument einer samischen Sprache
Die kildinsamische Sprache (Eigenbezeichnung Кӣллт са̄мь кӣлл (Kiillt saam’ kiill)) ist eine Sprache aus der östlichen Gruppe der samischen Sprachen und gehört somit zur uralischen Sprachfamilie. Sie wird von etwa 500 Samen auf der Halbinsel Kola im Nordwesten Russlands gesprochen.
Das älteste bisher bekannte Sprachdokument einer samischen Sprache ist eine Liste mit 95 kildinsamischen Wörtern und Phrasen und deren englische Übersetzungen, die der Seefahrer Stephen Borough 1557 während eines Aufenthaltes an der Flussmündung der Jokanga mit Hilfe von samischen Informanten notierte.
Verbreitung mini|300px|Verbreitungsgebiet des Kildinsamischen (Nr. 8) im samischen Sprachraum Kildinsamisch wird von rund 500 Menschen in den zentralen Teilen der Kola-Halbinsel, insbesondere der Gegend von Lowosero, gesprochen. Ihren Namen hat die Sprache nach der Insel Kildin nordöstlich von Murmansk. Kildinsamisch ist die größte Sprache aus der Gruppe der ostsamischen Sprachen, ihr Fortbestand ist aber wegen der zunehmenden Verbreitung des Russischen fragwürdiger als beim Inarisamischen und Skoltsamischen. Die dem Kildinsamischen am nächsten verwandten Sprachen sind Tersamisch und das mittlerweile wahrscheinlich ausgestorbene Akkalasamisch, das manchmal auch als kildinsamischer Dialekt aufgefasst wird.
Rechtschreibung mini|Das lateinischbasierte Alphabet des Kildinsamischen von 1933 mini|hochkant=1.2|Kildinsamische Tastatur auf einem iPad mini|„Wir sind gegen den Krieg!“ Anti-Kriegsposter in heutiger kildinsamischer Rechtschreibung In den 1930er Jahren wurde erstmals eine kolasamische Schriftsprache auf Grundlage des lateinischen Alphabets entwickelt. Grundlage dieser Schriftsprache waren aber nicht die Dialekte des Kildinsamischen, sondern die der damals größten und geographisch zentralen Dialektgruppe der Skoltsami. Aufgrund der sowjetischen Sprachpolitik wurde das lateinische Alphabet nach dem Zweiten Weltkrieg nicht weiter verwendet, wie auch die sprachliche Erforschung des Samischen in Russland überhaupt zum Erliegen kam.
In den 1970er Jahren wurde erneut mit der Arbeit an einer kolasamischen Schriftsprache begonnen. Die samische Lehrerin Alexandra Antonowa schrieb 1982 eine Fibel auf Kildinsamisch, Са̄мь букварь, in einer neuen Orthographie. Grundlage waren die Buchstaben des russischen Alphabets. Besondere kildinsamische Laute wurden mit Hilfe von Diakritika (z. B. Vokallänge ӯ für /u:/) und anderen Modifikatoren (z. B. die stimmlosen Sonoranten ӆ /l̥/, ӎ /m̥/, ӊ /n̥/ und ҏ /r̥/ [jedoch nicht /j̊/]) markiert. Ebenfalls in der Schrift markiert wurde die sogenannte Halbpalatalisierung von /t/, /d/ und /n/ (markiert durch den kirchenslawischen Buchstaben Ҍ ҍ [z. B. -тҍ] oder ebenfalls mit Diakritika [wie z. B. -ӭ], je nach Stellung des entsprechenden Konsonanten im Auslaut oder vor Vokal).
Antonowas Rechtschreibung, die auch Georgi Kert für sein 1986 erschienenes kildinsamisch-russisch-kildinsamisches Schulwörterbuch verwendete, wurde von der Pädagogin und Sprachwissenschaftlerin Rimma Kurutsch weiterentwickelt. Kurutsch arbeitete zusammen mit Antonowa und anderen samischen Mitarbeitern in Murmansk an der Weiterentwicklung der kolasamischen Schriftsprache. Neben Lehrbüchern und didaktischem Material für die Lehrerausbildung entstand in der Arbeitsgruppe von Kurutsch auch ein großes kildinsamisch-russisches Wörterbuch. Das Wörterbuch erschien 1985 und enthält eine kurze normierende Übersichtsgrammatik des Kildinsamischen. Antonowas Rechtschreibung wurde dabei ergänzt mit den Buchstaben Һ һ als Zeichen für Präaspiration sowie Ј ј für den stimmlosen palatalen Approximanten /j̊/.
Diese beiden Buchstaben wurden jedoch später ausgetauscht durch ' (Apostroph) und Ҋ ҋ. Diese letzte Version der Rechtschreibung ist in dem 1995 von der Arbeitsgruppe um Kurutsch herausgegebenen Buch über die Grundlagen und Regeln der Orthographie fixiert. Besagte Regeln und die zuletzt hinzugefügten Buchstaben sind aber nie von allen Samen in Russland akzeptiert worden. Deshalb existieren heute in der Praxis alle verschiedenen Versionen der neuen kyrillischen Rechtschreibung für Kildinsamisch nebeneinander.
Das kyrillische samische Alphabet enthält die folgenden Buchstaben: А а А̄ а̄ [] Ӓ ӓ Б б В в Г г Д д Е е [] Е̄ е̄ [] [] Ё ё [] Ё̄ ё̄ [] [] Ж ж З з '/һ Һ ~ И и [] Ӣ ӣ [] [] Й й Ҋ ҋ/Ј ј [] К к Л л Ӆ ӆ [] М м Ӎ ӎ Н н Ӊ ӊ Ӈ ӈ О о О̄ о̄ [] П п Р р Ҏ ҏ [] С с Т т У у Ӯ ӯ [] Ф ф Х х Ц ц Ч ч Ш ш Щ щ Ъ ъ Ы ы Ь ь Ҍ ҍ Э э Э̄ э̄ [] Ӭ ӭ Ю ю [] Ю̄ ю̄ [] [] Я я [] Я̄ я̄ [] [] Bemerkungen:
Wie in anderen kyrillischen Alphabeten markieren manche Buchstaben (allein oder neben ihrem vokalischen Wert) Merkmale des vorangehenden Konsonanten: е / ӭ, ё, и, ю, я / ä stehen für die jeweiligen einem palatalisierten Konsonanten folgenden Vokale [e], [o], [i], [u], [a]. ь / ҍ markiert die Palatalisierung des vorangehenden Konsonanten (außer nach н, hier markiert ь, dass es sich um einen palatalen Konsonanten [ɲ] handelt). ъ markiert die Nicht-Palatalisierung des vorangehenden Konsonanten.
Langvokale werden mit einem Makron (¯) über dem Vokalbuchstaben gekennzeichnet.
Phonotaktik Allgemein kann festgehalten werden, dass die Silbenstruktur der kildinsamischen Sprache eng mit deren Betonungsmustern zusammenhängt: Während stamminitiale Silben in der Regel betont werden, sind nicht-initiale Silben unbetont. Weiterhin lassen sich einerseits die vorkommenden Silbentypen zweisilbiger Stämme auf das Protosamische zurückführen. Andererseits muss der Nukleus der Silbe ein Vokal sein, sodass keine konsonantischen Silbenkerne auftreten. Zuletzt wird angenommen, dass das Maximum Onset Principle (MOP) im Kildinsamischen zutritt. Dies bedeutet, dass konsonantisches Material, das phonotaktisch auf der Grundlage der Sonoritätshierarchie sowohl Coda der letzten Silbe als auch Onset der folgenden Silbe sein könnte, strukturell als Onset realisiert wird. Dies wird dadurch begründet, dass Erstsprachler intuitiv nach diesen Regeln Silben trennen und dass wortfinale, aspirierte Plosive ihre Aspiration verlieren, wenn in der Intonationskurve eine Silbe ohne Onset folgt.
Die Literatur zur kildinsamischen Sprache weist zudem auf das Konzept des Konsonanten-Zentrums hin: Zwischen der initialen und folgenden Silbe des Stammes sowie nach monosilbischen Stämmen finden sich notwendigerweise Einzelkonsonanten, Geminaten oder Konsonantencluster. Im Konsonanten-Zentrum gibt es daher mehr Kombinationsmöglichkeiten von konsonantischem Material als an anderen phonotaktischen Positionen. Der Onset der initialen Silbe ist dagegen entweder leer oder enthält einen einzelnen Konsonant, der entweder Sonorant oder stimmloser Obstruent sein muss. Davon ausgenommen sind Lehnwörter. Es zeigt sich weiterhin, dass initiale Silben eine obligatorische Coda besitzen, während nicht-initiale Silben immer einen Onset aufweisen. Der silbeninitiale Onset und die nicht-silbeninitiale Coda sind dagegen fakultativ.
In seiner Forschung kommt Joshua Wilbur (2008) zu zehn Silbentypen, die im Kildinsamischen existieren. Ihr Auftreten ist dabei abhängig davon, ob sie monosilbisch oder Teile von multisilbischen Wörtern sind und ob sie initial, intern oder final vorkommen. SilbentypBeispielGlossarSC[jud]plate\GEN:SGLC[͜tʃa:n]devil\NOM:SGSG[mann‘]egg\NOM:SGLG[ma:nn]moon\NOM:SGSCC[sɛrv]moose\GEN:SGLCC[jo:rt]think\3.SG:PRSSGC[piŋŋk]wind\NOM:SGLGC[sɛ:rrv]moose\NOM:SGS[sunn.t-ɛ]melt\INFL[ja:.l-a]live\1.SG:PRSLegende: S = Kurzer Vokal, L = Langer Vokal, C = Konsonant, G = Geminate, CC = Konsonantencluster Auf dieser Grundlage kommt Wilbur zu zwei Modellen prototypischer Silben im Kildinsamischen:
initial: (C0) V(:) C(:)1 (C2)
nicht-initial: C0 V(:) (C(:)1) (C2)
Klammern schließen dabei fakultative Elemente ein, während Zahlen die Nummerierung von Konsonanten darstellen.
Phonologie
Allgemeines Die kildinsamische Sprache besitzt mit 54 Konsonanten (Länge ausgelassen) ein recht großes Konsonanteninventar. Das Vokalinventar hingegen ist mit 7 Vokalen (Länge ausgelassen) wesentlich weniger stark ausgeprägt. Sowohl Palatalisierung als auch Quantitätsunterschied bei Vokalen und Konsonanten spielen im Kildinsamischen eine große Rolle.
Konsonanten BilabialLabio-DentalAlveolarPost-AlveolarPalatalVelarGlottalPlosivp(ː) b(ː) p(ː)ʲ b(ː)ʲt(ː) d(ː) t(ː)ʲ d(ː)ʲk(ː) g(ː) k(ː)ʲ g(ː)ʲNasalm̥(ː) m(ː) m̥(ː)ʲ m(ː)ʲn̥(ː) n(ː) n̥(ː)ʲ n(ː)ʲɲ(ː)ŋ(ː) ŋ(ː)ʲVibrantr̥(ː) r(ː) r̥(ː)ʲ r(ː)ʲFrikativf(ː) v(ː) f(ː)ʲ v(ː)ʲs(ː) z s(ː)ʲ zʲʃ(ː) ʒ ʃ(ː)ʲ ʒʲx(ː) x(ː)ʲh hʲAffrikatet͡s(ː) d͡z t͡s(ː)ʲ d͡zʲt͡ʃ(ː)ʲ d͡ʒʲLaterall̥(ː) l(ː) l̥(ː)ʲ l(ː)ʲʎ(ː)Approximantj̥(ː) j(ː) Stimmlose Laute stehen links, stimmhafte Laute rechts
Jeder Konsonant kann gelängt werden außer /z/, /d͡z/, /ʒ/ und /d͡ʒ/, wobei phonemische Unterschiede der Länge nur im Konsonanten-Zentrum auftreten. Die kildinsamische Sprache kontrastiert nicht-palatalisierte, palatalisierte und palatale Laute desselben Artikulationsorts und derselben Artikulationsart.
Geminaten Geminaten treten ebenfalls nur im Konsonanten-Zentrum auf und kontrastieren dort mit ihren Einzellaut-Gegenstücken. Wilbur (2007) nennt hierzu ein Beispiel von einem Minimalpaar und einem Beinahe-Minimalpaar. BeispielGlossar/seːrrv/'Elch\SG'/seːrv/'Elch\PL'/saːrrn-ip/'sprechen-1PL'/saːrn-a/'sprechen-1SG' Einzelkonsonanten mit Geminaten-Korrelat können hingegen sowohl an jeder Silbenanlautposition im Wort als auch im Konsonanten-Zentrum auftreten.
Stimmhafte Obstruenten-Geminaten-Phoneme sind nur zu Beginn stimmhaft realisiert und werden zu Ende stimmlos. So wird zum Beispiel /b:/ als [bp] realisiert oder /d͡z:/ als [dts]. Dass die Plosiv-Geminaten tatsächlich teilweise stimmhaft und nicht zwei Einzellaute sind, zeigt sich an einer einzelnen Verschlusslösung am Ende des Segments. Sie können auch nicht durch eine rein stimmlose Geminate dargestellt werden, z. B. /p:/, wie ihre halbe Stimmhaftigkeit, bzw. Stimmlosigkeit vermuten lässt, da rein stimmlose Geminaten Prä-Aspiration auslösen. So wird das Phonem /p:/ phonetisch als [ʰp] realisiert.
Monophthonge VorneZentralHintenGeschlosseniɨuHalbgeschlosseneoOffenaɒ Jeder dieser Vokale hat eine lange und eine kurze Variante, denen jeweils Phonemstatus zugeschrieben wird, was bedeutet, dass es im Kildinsamischen insgesamt 14 Monophthong-Phoneme gibt. Diese Quantitätsunterschiede werden, wie im Abschnitt Rechtschreibung schon angesprochen, durch ein Makron gekennzeichnet.
Der gerundete offene Hinterzungenvokal [ɒ] wird in manchen Quellen als sein ungerundetes Pendant angegeben.
Diphthonge Die kildinsamische Sprache besitzt je nach Quelle 3–4, sich teils unterscheidende, Diphthongphoneme: /e͜a/, /i͜e/, /u͜a/, /u͜e/ oder /o͜a/, /u͜e/, /u͜a/.
Auch die Diphthonge des Kildinsamischen weisen Quantitätsunterschiede auf.
Palatalisierung In der kildinsamischen Sprache haben alle Artikulationsorte, außer den palatalen Lauten, ein palatalisiertes Gegenstück. Dies ist bloß den samischen Sprachen auf der Halbinsel Kola zu eigen, weshalb früher behauptet wurde, dies wäre aus dem Russischen entlehnt worden, da diese in einem engen Sprachkontakt zum Russischen stehen (Kert 1994). Kusmenko und Rießler widerlegten dies 2012 anhand von sprachinternen etymologischen Daten, räumen aber ein, dass das Russische „ein Katalysator in der Entwicklung gewesen sein könnte“.