mini|300px|Die Freiheit führt das VolkEugène Delacroix, 1830 Über die Revolution (Titel der vorher erschienenen englischsprachigen Version: On Revolution) ist ein 1963 erstmals erschienenes Werk der politischen Theoretikerin Hannah Arendt (1906–1975).
Die Autorin analysiert, interpretiert und vergleicht die Französische und die Amerikanische Revolution, wobei auch andere Revolutionen angesprochen werden. Ihr Hauptanliegen ist es, „die wesentlichen Charaktere des revolutionären Geistes“ (S. 225) zu bestimmen. Diesen revolutionären Geist erkennt sie in der Möglichkeit, etwas neu zu beginnen, und im gemeinsamen Handeln von Menschen. „In der Sprache des 18. Jahrhunderts heißen [die Prinzipien des revolutionären Geistes] öffentliche Freiheit, öffentliches Glück, öffentlicher Geist.“ (S. 284 und 286) In dieser Arbeit kritisiert Arendt weiterhin die Gesellschaften, die aus den Revolutionen entstanden sind, weil die Ideale beziehungsweise das Ziel der Revolution vergessen wurden und die heutigen Nationen nicht den demokratischen Ansprüchen der Revolutionäre genügten.
Allgemeines Entstehung Das Buch entstand, wie auch ihr philosophisches Hauptwerk Vita activa oder Vom tätigen Leben (engl. Originalfassung 1958), aus der Vorlesungsreihe „The United States and the Revolutionary Spirit“, die Arendt im Frühjahr 1959 an der Princeton University halten wollte. Veröffentlicht wurde es zuerst auf Englisch unter dem Titel On Revolution (1963). Zwei Jahre später wurde es in deutscher Übersetzung, die Arendt selbst, zum Teil in München und Zürich, angefertigt hatte, herausgegeben. Die Ausarbeitung des Buches überschnitt sich mit dem Eichmannprozess und der Ausarbeitung des Buches Eichmann in Jerusalem. Arendt plante auch ein „Politikbüchlein“. Die Ausarbeitung floss zum Teil in das Revolutionsbuch ein. Das „Politikbüchlein“ ist nie fertig geworden, aber Ursula Ludz hat Textfragmente im Buch Was ist Politik? postum herausgegeben.
Marie Luise Knott weist darauf hin, dass die englische Version On Revolution sich erheblich von der deutschen Version unterscheidet.Marie Luise Knott: Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt. Mit Zeichnungen von Nanne Meyer. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2011, siehe vor allem das Kapitel „Übersetzen - Der »einzigartige Umweg«“, S. 37–89. Wolfgang Heuer schreibt, dass die deutsche Ausgabe in „Stil und Inhalt“ erheblich freier als bei einer bloßen Übersetzung von Arendt geschrieben wurde „und der Text statt der üblichen etwa 5 Prozent um 25 Prozent länger“Wolfgang Heuer, Bernd Heiter, Stefanie Rosenmüller (Hrsg.): ––Arendt-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart 2011, S. 89. ist.
Erste Reaktionen Sie widmet ihr Werk Gertrud und Karl Jaspers, „in Verehrung – in Freundschaft – in Liebe“. Jaspers bewertet Über die Revolution in einem Brief „als ein Buch, das an Tiefe politischer Gesinnung und Meisterschaft der Ausführungen neben, vielleicht über Deinem Buch über die totale Herrschaft steht.“Hannah Arendt, Karl Jaspers, Briefwechsel 1926–1969. Hrsg.: Lotte Köhler/Hans Saner, New York 1992, München 2001, Brief vom 15. Mai 1963, S. 540. Arendts zweiter Ehemann, Heinrich Blücher, dessen Einfluss„Mit Blücher hatte Arendt gleichsam die lebendige Erinnerung an revolutionäres Handeln im Wohnzimmer sitzen.“ Oliver Marchart: Neu beginnen. Hannah Arendt, die Revolution und die Globalisierung. Verlag Turia + Kant, 2005, S. 94f. auf das Buch nicht hoch genug einzuschätzen ist, da er sich selbst den Soldatenräten in der Novemberrevolution 1918 angeschlossen hatte, bewertet das Buch in einem Brief wie folgt: „Ich lese … Dein Revolutionsbuch noch mal. Es ist sozusagen noch besser geworden und wirklich, wie [Alfred] Kazin meint, Dein bestes Buch. Klar, wohl abgewogen und politisch urteilskräftig. Wenn es zur Wirkung kommt, wird es eine langwährende sein. Deine vorigen beiden Behandlungsweisen der Geschichte [im Totalitarismusbuch und Vita Activa] sind hier kräftig vereint.“Hannah Arendt, Heinrich Blücher: Briefe 1936–1968. Hrsg.: Lotte Köhler, New York 1992, München 2001, Brief vom 4. März 1963, S. 559.
Revolutionsbegriff In der Einleitung weist Arendt darauf hin, was „das eigentliche Wesen von Politik [im Abendland] bestimmt hat … – die Sache der Freiheit gegen das Unheil der Zwangsherrschaft jeglicher Art“. (S. 9) Das Ziel einer Revolution kann „nichts anderes sein als eben Freiheit.“ (S. 10) Als Möglichkeit, dieser Freiheit politischen Ausdruck zu verleihen, sieht Arendt eher ein föderalistisches Rätesystem als die bekannten Formen repräsentativer parlamentarischer Demokratien.
Für Arendt sind Revolutionen eine Erfindung der Neuzeit. Kriege sind dagegen schon so alt wie die Menschheit. Arendt stellt die These auf, dass Kriege allmählich von der politischen Bildfläche verschwinden werden, während Revolutionen weiter das politische Geschehen beeinflussen werden.Vgl. auch: Revolution und Freiheit. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I. 1949; Piper, München, 2. Auflage. 2000, S. 227–235. Gewalt ist nach Arendt zwar der gemeinsame Nenner von Krieg und Revolution, aber „Gewalt kann nie mehr, als die Grenzen des politischen Bereichs schützen.“ (S. 20)
Die Anfangsproblematik, wie der scheinbar ewige Kreislauf der menschlichen Geschichte zu unterbrechen sei, taucht in Arendts Werken immer wieder auf. Eine Revolution stellt einen Anfang, einen Neubeginn dar. Um diesen Neubeginn kreisen Arendts Gedanken.„Doch niemand sonst hat je den Anfang als Anfang so ins Zentrum der eigenen Überlegungen gerückt wie Hannah Arendt.“ Oliver Marchart: Neu beginnen. Hannah Arendt, die Revolution und die Globalisierung. Verlag Turia + Kant, 2005, S. 17. Wie ist er möglich? Wieso geschieht er? Warum hatte niemand vorher etwas davon gewusst? Wie ist er gewaltlos zu gestalten?
Begriffsbestimmungen und Historisches Arendt betont im ersten Kapitel („Der geschichtliche Hintergrund“) den großen Einfluss der US-amerikanischen Gesellschaft vor der Amerikanischen Revolution auf die europäischen Völker. Hier gab es schon einen »verblüffenden Wohlstand« (Robert Redslob). Allein diese Tatsache brach den ewigen Kreislauf der menschlichen Geschichte auf. Vorher galt es als natürlich, dass es Arme und Reiche gab. In Amerika gab es Arendt zufolge keine Armut, wie es sie noch in Europa gab, und dies sprach sich in Europa herum. Hingegen ist die eigentliche Amerikanische Revolution für die weiteren europäischen Revolutionen folgenlos geblieben. Ein weiterer wichtiger Grund, warum die Revolutionen in der Neuzeit ausbrachen, sei die Säkularisierung.
Nach Arendt kann man von einer „Revolution“ sprechen, wenn es den Handelnden um die Freiheit geht und ein neuer Anfang gemacht wird. Unter Freiheit versteht Arendt nicht Befreiung von Not, Elend oder Furcht. Diese Befreiung sei eher negativer Art, in fast jeder Staatsform möglich und eine gute Voraussetzung für eine Revolution. Positiv verstanden bedeute Freiheit die Möglichkeit, frei zu handeln. Und diese Erfahrung machten die „Männer der Revolution“ – eine Formulierung, die Arendt häufig benutzt. Es sei der „revolutionäre Geist“, der hier das erste Mal in unserer Zeitrechnung auftauchte, „nämlich das Verlangen, zu befreien und der Freiheit selbst eine neue Stätte zu gründen“. (S. 42)
Vor der Neuzeit gab es den heutigen Begriff der „Revolution“ nicht. Es existierten aber Wörter für Aufstände und Rebellionen. Laut Arendt wurde der Terminus Revolution zuerst von Kopernikus in der Astronomie benutzt, jedoch noch nicht im heutigen Sinne, sondern er „bezeichnete eine gesetzmäßig und kreisförmig verlaufende »revolvierende« Bewegung der himmlischen Körper“. (S. 50) Das Wort wurde im politischen Sinn das erste Mal im Jahr 1660 verwendet, als der Sohn Oliver Cromwells vertrieben wurde und Karl II. die Zustände vor der eigentlichen Revolution Cromwells – der Einführung einer Republik – wiederherstellte. Dies stellte, so Arendt, eine Restauration dar – genauso wie die Glorreiche Revolution.
Weiter führt sie aus, die Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts seien „ursprünglich als Restaurationen gemeint und geplant“ (S. 52) gewesen. Die Herrschaft des Absolutismus sollte rückgängig gemacht werden und die früheren Zustände wieder hergestellt werden. Die Männer, die die Revolution begannen, wollten eigentlich eine Restauration. Erst im Handeln derselben Männer entstand ein Neuanfang – eine Revolution, die niemand vorhergesehen hatte. 250px|mini|Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789
Dem Wort „Revolution“ hafte seit dem 14. Juli 1789, dem Sturm auf die Bastille, etwas Unwiderstehliches an. Wenn erst einmal das alte Regime zusammengebrochen sei und „die Macht auf der Straße liegt“ (S. 59), sind Revolutionen nicht mehr aufzuhalten. Interessant für Arendt ist, dass diese Vorstellung für die weitere Geschichte der Menschheit Bedeutung erlangt, während die erfolgreichere Amerikanische Revolution folgenlos für das historische Bewusstsein blieb.
Aus der Amerikanischen Revolution haben demzufolge die folgenden Generationen nichts gelernt, aber die Französische Revolution habe als eine Schablone für die folgenden Revolutionen gedient. Es wiederholte sich immer wieder das, was Pierre Vergniaud gesagt hat: »die Revolution frißt wie Saturn ihre eigenen Kinder« (S. 60) Für die Zuschauer der Französischen Revolution außerhalb Frankreichs sah es so aus, als ob die Revolutionäre nicht die Richtung der Revolution bestimmen konnten und die Revolution mit dem ursprünglichen Ziel nichts mehr gemein hatte. Ein Handeln der Revolutionäre war anscheinend nicht mehr möglich. In den kommenden USA waren die Revolutionäre dagegen überzeugt davon, den revolutionären Prozess selbst zu steuern.
In diesem Zusammenhang kritisiert Arendt Hegel. Für Arendt ist „die schwerstwiegende Folge der Französischen Revolution die Geburt des modernen Geschichtsbegriffs in der Hegelschen Philosophie.“ (S. 63) Es war nicht mehr Politik ein Handeln in Freiheit, sondern historische Notwendigkeit bzw. die Macht der Geschichte, die die Menschen, die Menschheit vorantrieb. Aus der Französischen Revolution als Revolution und Gegenrevolution habe, so Arendts Interpretation, Hegel geschlossen, dass die Geschichte dialektisch verlaufe. Daraus habe sich für Hegel „dann die berühmte Dialektik von Freiheit und Notwendigkeit ergeben, in welcher diese beiden entgegengesetzten Begriffe schließlich zusammenfallen und ein und dasselbe besagen – was vielleicht das furchtbarste und menschlich gesprochen unerträgliche Paradox des gesamten modernen Denkens geworden ist.“ (S. 66)
Die Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts imitierten das Schauspiel der Französischen Revolution. So zum Beispiel die Oktoberrevolution Russlands. Die Berufsrevolutionäre studierten Karl Marx, nach Arendt „der größte Schüler, den Hegel je gehabt hat“ (S. 9), und „der größte Theoretiker der Revolutionen überhaupt“ (S. 76), und übernahmen damit die verhängnisvolle Hegelsche Dialektik.
Reich der Freiheit oder Reich der Notwendigkeit Das zweite Kapitel des Buches ist mit „Die soziale Frage“ betitelt. Die Männer der Revolution wollten eigentlich eine Restauration, dann wurde die Freiheit das Ziel der Revolution. Das Ziel der Freiheit wurde von König Ludwig XVI. und den europäischen Mächten bedroht, so dass die Sansculotten den Revolutionären zu Hilfe kamen. Mit den Sansculotten erschienen die Armut und das Elend der Massen auf dem Schauplatz der Politik. Damit wurde die Freiheit der Notwendigkeit geopfert, denn Maximilien de Robespierre wollte den Sansculotten helfen. „Die Verwandlung der Menschenrechte in die Rechte der Sansculotten ist der Wendepunkt der Französischen und aller ihr folgenden Revolutionen.“ (S. 75)