Textverständlichkeit beschreibt die Verständlichkeit eines Textes. Sie kann definiert werden als die Anpassung einer zusammenhängenden, sprachlichen (im weiteren Sinn auch gesprochenen) Äußerung an den oder die jeweiligen Leser oder Hörer bzw. Rezipienten.Norbert Groeben: Leserpsychologie: Textverständnis – Textverständlichkeit. Aschendorff, Münster 1982, S. 148.Jan Kercher: Verstehen und Verständlichkeit von Politikersprache. Springer VS, Wiesbaden 2013, S. 60. Die Textverständlichkeit wird nicht nur von Merkmalen des Textes (z. B. Vokabular, Satzkomplexität, Textinhalt, Gliederung, Typografie), sondern auch von Merkmalen des Rezipienten (z. B. Sprachkompetenz, relevantes Vorwissen, thematisches Interesse) beeinflusst. Hinzu kommen Merkmale des Kommunikators (z. B. Schreib- bzw. Sprechstil) und des Übertragungskanals (z. B. Hintergrundgeräusche), sowie situative Faktoren (z. B. Konzentration und Motivation des Lesers bzw. Hörers).
Forschung Die Textverständlichkeitsforschung beschäftigt sich seit den 1920er Jahren mit dem Zusammenhang von Textmerkmalen und Textverarbeitung. Inhaltlich konzentrierte sie sich dabei bislang v. a. auf die Bereiche didaktische Kommunikation, Medienkommunikation, Rechts- und Verwaltungskommunikation, medizinische Kommunikation, Wissenschaftspublizistik sowie der Kommunikation in Industrie und Wirtschaft.Bernd Ulrich Biere: Textverstehen und Textverständlichkeit. (= Studienbibliographien Sprachwissenschaft. 2). Groos, Heidelberg 1991, S. 10f., S. 25ff. Hierbei handelt es sich um Bereiche, in denen die Problematik der Experten-Laien-Kommunikation immer wieder zu Verständlichkeitshürden führt. Die methodische Entwicklung der Textverständlichkeitsforschung lässt sich anhand von vier Entwicklungslinien beschreiben:Marianne Tauber: Leserangepasste Verständlichkeit: Der Einfluss von Lesbarkeit und Gliederung am Beispiel von Zeitungsartikeln. Peter Lang, Bern 1984, S. 9.Ursula Christmann: Modelle der Textverarbeitung: Textbeschreibung als Textverstehen. Aschendorff, Münster 1989, S. 26ff.Joachim Grabowski: Der Propositionale Ansatz der Textverständlichkeit: Kohärenz, Interessantheit und Behalten. Aschendorff, Münster 1991, S. 5ff.Jan Kercher: Verstehen und Verständlichkeit von Politikersprache. Springer VS, Wiesbaden 2013, S. 93.
Entwicklung von Ansätzen, die formale Eigenschaften der Textoberfläche berücksichtigen, hin zu Ansätzen, die Semantik und Textinhalt berücksichtigen; Entwicklung von empirisch-induktiven Verfahren hin zu theoretisch-deduktiven Verfahren; Entwicklung von Ansätzen, die Verständlichkeit als textimmanente Eigenschaft betrachten, hin zu Ansätzen, die Verständlichkeit als Ergebnis einer Interaktion von Text- und Rezipientenmerkmalen ansehen; Entwicklung von Ansätzen mit anwendungsbezogener Zielsetzung hin zu Ansätzen, bei denen die Theorieentwicklung im Vordergrund steht.
Auf dieser Grundlage lassen sich in der amerikanischen und deutschen Texterständlichkeitsforschung vier zentrale Verständlichkeitskonzepte unterscheiden: der Ansatz der Lesbarkeitsforschung; das Hamburger Verständlichkeitskonzept von Langer u. a.; der interaktionale Ansatz von Groeben; der prozedurale Ansatz von Kintsch u. a.
Lesbarkeitsforschung In den 1920er Jahren entwickelte sich mit der Lesbarkeitsforschung in den USA der älteste Forschungszweig der Textverständlichkeitsforschung. Anlass waren insbesondere die Bestrebungen, Schul-Lesebücher im Hinblick auf ihre Lesbarkeit objektiv und ökonomisch einschätzen zu können, um sie den jeweils angemessenen Klassenstufen zuordnen zu können.George R. Klare: The Measurement of Readability. Iowa State University Press, Ames, IA 1963, S. 91ff. Für diesen Zweck wurde der Zusammenhang zwischen zahlreichen Textmerkmalen und dem Leseverstehen von Texten untersucht. Auf der Grundlage dieser Untersuchungen wurden ab Ende der 1920er Jahre sogenannte Lesbarkeitsformeln bzw. Lesbarkeitsindizes entwickelt. Diese sagen anhand der Verrechnung ausgewählter Textmerkmale (z. B. durchschnittliche Satzlänge, Anteil seltener Wörter) den Schwierigkeits- bzw. Lesbarkeitsgrad eines Textes vorher. Nach den Ergebnissen zahlreicher Lesbarkeitsstudien kommt der Wortschwierigkeit bei der Vorhersage des Leseverstehens die größte Bedeutung zu.Jeanne S. Chall, Edgar Dale: Readability Revisited: The New Dale-Chall Readability Formula. Brookline Books, Brookline 1995, S. 5. Als sehr vorhersagestark erwies sich zudem die Messung der Satzschwierigkeit. Fast alle Formeln greifen bei der Berechnung der Lesbarkeit deshalb mindestens auf eine Variable der Wortschwierigkeit (v. a. Worthäufigkeit, Wortbekanntheit, Wortlänge) und mindestens eine Variable der Satzschwierigkeit (v. a. Satzlänge, Satzkomplexität) zurück.Ralf Lisch: Lesbarkeitsforschung. In: Ralf Lisch, Jürgen Kriz: Grundlagen und Modelle der Inhaltsanalyse. Bestandsaufnahme und Kritik. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1978, ISBN 3-499-21117-3, S. 176–191.
Als ein weiteres wichtiges Ergebnis der Lesbarkeitsforschung gilt, dass ein Hinzufügen weiterer Faktoren, über jeweils einen erklärungsstarken Wort- und Satzfaktor hinaus, häufig keinen bedeutenden Erklärungszuwachs der Formel zur Folge hatte. Nach Chall und Dale kann dies anhand der Tatsache erklärt werden, dass die meisten Variablen der Wort- und Satzschwierigkeit eine hohe Korrelation untereinander aufweisen.Jeanne S. Chall, Edgar Dale: Readability Revisited: The New Dale-Chall Readability Formula. Brookline Books, Brookline 1995, S. 82f. Eine Variable misst also meistens die anderen möglichen Variablen indirekt mit. Nach dem Zipf’schen Gesetz sind beispielsweise häufig gebrauchte Wörter in der überwiegenden Mehrzahl auch kurze Wörter.George K. Zipf: The Psycho-Biology of Language: An Introduction to Dynamic Philology. Houghton Mifflin, Boston 1935, 20ff. Erklärt werden kann dieser Umstand durch das Prinzip des geringsten Aufwands: Lange Wörter oder Ausdrücke werden bei häufigem Gebrauch aufgrund dieses Prinzips einfach verkürzt (z. B. Auto statt Automobil).George K. Zipf: Human Behavior and the Principle of Least Effort: An Introduction to Human Ecology. Addison-Wesley, Cambridge, Mass. 1949. Dieser Umstand hat zur Folge, dass die Wortlänge zu einem großen Teil auch die Worthäufigkeit mitmisst. „Lesbarkeitsformeln, die sich auf Satz- und Wortlänge stützen, messen also aufgrund der vielen Interaktionen zwischen sprachlichen Entitäten indirekt wesentlich mehr, als in den Formeln direkt enthalten ist. Dies dürfte das eigentliche Geheimnis für den Erfolg der Lesbarkeitsformeln sein.“Karl-Heinz Best: Sind Wort- und Satzlänge brauchbare Kriterien zur Bestimmung der Lesbarkeit von Texten? In: Sigurd Wichter, Albert Busch (Hrsg.): Wissenstransfer – Erfolgskontrolle und Rückmeldungen aus der Praxis. Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, S. 21–31, hier: S. 28.
Bekannte Beispiele von Lesbarkeitsformeln für englischsprachige Texte sind der Flesch-Reading-Ease, der Flesch-Kincaid-Grade-Level und der Gunning-Fog-Index. Ab Ende der 1960er Jahre bis in die 1980er Jahre wurden auch zunehmend speziell für die deutsche Sprache ausgelegte Formeln entwickelt (z. B. die Wiener Sachtextformeln), die allerdings häufig auf den Formeln der amerikanischen Forschung aufbauen. Das bekannteste Beispiel für eine aktuelle deutsche Lesbarkeitsformel ist der Hohenheimer Verständlichkeits-Index (HIX), der an der Universität Hohenheim in Zusammenarbeit mit der H+H CommunicationLab GmbH entwickelt wurde. Er wird u. a. von der Stiftung Warentest zur Bewertung der Verständlichkeit von Versicherungsbedingungen eingesetzt. Von der Universität Hohenheim wurde der Index bislang u. a. zur Prüfung der Verständlichkeit von Wahlprogrammen, Pressemitteilungen und Homepage-News der Bundestagsparteien, Politiker-Interviews, Bank-Unterlagen und Reden der CEOs aller DAX-30-Unternehmen eingesetzt.
Hamburger Verständlichkeitskonzept Erst in den 1970er Jahren kam es sowohl in Deutschland als auch in den USA zur Entwicklung komplexerer Ansätze. Deren Ziel war es, ein umfassenderes Modell der Verständlichkeit zu entwickeln. Nicht nur Wort- und Satzmerkmale, sondern beispielsweise auch Merkmale der Textgliederung und -organisation sowie der inhaltlichen Redundanz der Texte sollten miterfasst werden. In Deutschland erlangte insbesondere das sogenannte Hamburger Verständlichkeitskonzept große Bedeutung für Theorie und Praxis.Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun, Reinhard Tausch: Verständlichkeit in Schule, Verwaltung, Politik und Wissenschaft. Reinhardt, München/Basel 1974. Auf der Grundlage von Untersuchungen, bei denen zahlreiche Probanden unterschiedliche Texte anhand einer Reihe von Gegensatzpaaren beurteilen mussten (z. B. interessant / langweilig, stark gegliedert / wenig gegliedert, weitschweifig / aufs Wesentliche beschränkt) gelangten die Forscher zu vier zentralen Merkmalsdimensionen der Verständlichkeit: Einfachheit (syntaktisch-semantische Einfachheit), Gliederung / Ordnung (innere Folgerichtigkeit und äußere Übersichtlichkeit), Kürze / Prägnanz (inhaltliche Beschränkung auf das Wesentliche) und zusätzliche Stimulanz (Auslösung persönlicher Anteilnahme und Anregung).Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun, Reinhard Tausch: Verständlichkeit in Schule, Verwaltung, Politik und Wissenschaft. Reinhardt, München/Basel 1974, S. 13ff.
Interaktionaler Ansatz von Groeben Fast zeitgleich mit der Entwicklung des Hamburger Verständlichkeitskonzepts brachte die deutsche Verständlichkeitsforschung ein weiteres Verständlichkeitskonzept hervor. Das Modell des Psychologen Norbert GroebenNorbert Groeben: Die Verständlichkeit von Unterrichtstexten: Dimensionen und Kriterien rezeptiver Lernstadien. Aschendorff, Münster 1972.Norbert Groeben: Die Verständlichkeit von Unterrichtstexten: Dimensionen und Kriterien rezeptiver Lernstadien. 2., verb. und erw. Auflage. Aschendorff, Münster 1978.Norbert Groeben: Leserpsychologie: Textverständnis – Textverständlichkeit. Aschendorff, Münster 1982. wird auch als der „interaktionale Ansatz“Joachim Grabowski: Der Propositionale Ansatz der Textverständlichkeit: Kohärenz, Interessantheit und Behalten. Aschendorff, Münster 1991, S. 19ff. der Textverständlichkeitsforschung bezeichnet. Textverständlichkeit wird nun als Interaktion zwischen Text und Leser verstanden und nicht mehr, wie noch in der Lesbarkeitsforschung und im Hamburger Verständlichkeitskonzept, als reine Texteigenschaft. Auch Groeben gelangt in seinem Konzept allerdings zu vier Dimensionen der Textverständlichkeit, die weitgehend mit den Dimensionen des Hamburger Verständlichkeitskonzepts übereinstimmen: sprachliche Einfachheit, semantische Kürze/Redundanz, kognitive Gliederung/Ordnung und stimulierender kognitiver Konflikt. Groeben interpretiert diese Übereinstimmung als Beleg dafür, dass „es sich bei den genannten vier Dimensionen um die relevantesten und relativ umfassenden Merkmalsbereiche der Textstruktur handelt“.Norbert Groeben: Verstehen, Behalten, Interesse: Übereinstimmende Antworten und kontroverse Fragen zur Beziehung von Textstruktur, Textverständnis und Lerneffekt. In: Unterrichtswissenschaft. 1976, 4. Jg., Nr. 2, S. 128–142.
Prozeduraler Ansatz von Kintsch u. a.