mini|hochkant=1.5|Die römischen Provinzen in Südosteuropa. (Aus einem Atlas des 19. Jahrhunderts.)
Moesia inferior („Niedermösien“) war in der Antike eine Provinz des Römischen Reiches auf der östlichen Balkanhalbinsel. Sie erstreckte sich über mehrere hundert Kilometer in west-östlicher Richtung am südlichen Ufer der unteren Donau (Danuvius). Den Namen erhielt das Gebiet nach dem dort ansässigen thrakischen Stamm der Moesi. Während seiner größten Ausdehnung umschloss Niedermösien die bulgarische Donautiefebene sowie die Dobrudscha.
Vorrömische Bevölkerung Über die Herkunft und das Wesen der im Bereich der späteren Provinz lebenden vorchristlichen Bevölkerung wurde aus dem Bereich der nationalen und nationalkommunistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts viel spekuliert und mythologisiert. So machten die jahrzehntelang dominierenden Vertreter diese Irrlehren unter anderem aus den hier ebenfalls lebenden Geto-Dakern die eigentlichen Verkünder der lateinischen Sprache, das die Römer nur als verstümmelten Abklatsch sprachen, sowie die Träger einer Vorform des Christentums.Lucian Boia: Geschichte und Mythos. Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Gesellschaft. Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2003, ISBN 3-412-18302-4, S. 119. In den Berichten der antiken Autoren wie dem um Christi Geburt lebenden Geschichtsschreiber Strabon werden die Grenzen zwischen den Gebieten der Geten und Thraker beschrieben. Strabon ist es auch, der schreibt, dass die Griechen die Geten genauso als Thraker ansahen wie die Myser, die – so Strabon – nun Moesi genannt werden.Stefan Radt (Hrsg.): Strabons Geographika, Band 2, Buch V–VIII: Text und Übersetzung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-25951-4, S. 251. Die Myser sind historisch schwierig einzuordnen. Der in Kleinasien lebende, bekanntere Zweig wird teilweise als ausgewanderte Gruppierung angesehen, der Geschichtsschreiber Herodot (490/480–424 v. Chr.) schrieb hingegen von einem Feldzug der Myser und Teukrer nach Europa, bei dem sie noch vor dem Trojanischen Krieg die Thraker unterwarfen. Seiner Meinung nach waren die Myser Nachfahren der Lyder.Reinhold Bichler: Herodots Welt. Akademie Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-05-003429-7, S. 134.
1. bis 3. Jahrhundert Eroberung, Gründung der Provinz Im Jahre 29 v. Chr. wurde die Region Moesia (Mösien) von Marcus Licinius Crassus erobert und bereits 4 n. Chr. in eine römische Provinz umgewandelt.Claude Lepelley: Rom und das Reich in der Hohen Kaiserzeit 44 v. Chr.–260 n. Chr. Bd. II. Die Regionen des Reiches. K.G. Saur, München, Leipzig 2001, ISBN 3-598-77449-4, S. 312. Ziel dieser zunächst rein militärische Organisationsstruktur war in erster Linie eine effektive Kontrolle der Donaugrenze. Seit der Regierungszeit des Kaisers Tiberius (14–37 n. Chr.) erfuhr der Name Moesi eine Bedeutungserweiterung und wurde allmählich zur Bezeichnung aller Provinzbewohner.András Mócsy: Untersuchungen zur Geschichte der römischen Provinz Moesia Superior. In: Acta archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae. 11, 1959, S. 283–307. 44 n. Chr. wurde die Provinz nach Auflösung des Militärkommandos formal auf eine neue Ebene gehoben und unter die Führung eines konsularischen Legaten gebracht.Claude Lepelley: Rom und das Reich in der Hohen Kaiserzeit 44 v. Chr.–260 n. Chr. Bd. II. Die Regionen des Reiches. K.G. Saur, München, Leipzig 2001, ISBN 3-598-77449-4, S. 257.
Unter Vespasian wurde eine Donauflotte aufgestellt, die Classis Flavia Moesica, die in Niedermösien Stützpunkte in Noviodunum ad Istrum (Isaccea), Barboși und bei Aegyssus (Tulcea) besaß.Emilian Popescu: Romanisierung und Assimilierung in römischer und spätrömischer Zeit (2.–6. Jh.) auf dem Gebiete Rumäniens und deren Bedeutung für die Herausbildung des rumänischen Volkes. In: Romanitas - Christianitas. Untersuchungen zur Geschichte und Literatur der römischen Kaiserzeit. de Gruyter, Berlin, New York 1982, ISBN 3-11-008551-8, S. 712.
Dakerkriege und Provinzteilung Im Winter 85/86 brachen starke Verbände des neuen dakischen Königs Decebalus brandschatzend und plündernd über die untere Donau ein. Völlig überrascht, wurden die römischen Truppen überrannt, der Statthalter Gaius Oppius Sabinus fiel. Im Frühjahr 86 hatte der Prätorianerpräfekt Cornelius Fuscus das militärische Oberkommando zur Abwehr der Angreifer erhalten. Es gelang ihm, den Feind über die Donau zurückzuwerfen. Der damals regierende Kaiser Domitian (81–96) wies ein Friedensangebot des Decebalus zurück und ließ Cornelius Fuscus einen Gegenangriff für das Jahr 87 vorbereiten.Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus bis zu Konstantin. 6. Auflage. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59613-1, S. 272.
Wahrscheinlich noch im Herbst 86 scheint Moesia in die beiden Provinzen Moesia superior (Obermösien) und Moesia inferior aufgeteilt worden zu sein.Miroslava Mirković: Moesia Superior. Eine Provinz an der mittleren Donau. Von Zabern, Mainz 2007, ISBN 978-3-8053-3782-3, S. 7. Grenzfluss wurde der Cebrus (Cibrica).Rumen Ivanov: Das römische Verteidigungssystem an der unteren Donau zwischen Dorticum und Durostorum (Bulgarien) von Augustus bis Maurikios. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Bd. 78, 1997, Zabern, Mainz 1998, S. 467–640; hier: S. 503. Der erste Statthalter Niedermösiens wurde Marcus Cornelius Nigrinus Curiatius Maternus, der zunächst noch als Legat der ungeteilten Provinz eingesetzt worden war.Karl Strobel: Kaiser Traian. Eine Epoche der Weltgeschichte. Pustet, Regensburg 2010, ISBN 978-3-7917-2172-9, S: 157. Hauptstadt der neuen Provinz wurde Marcianopolis, heute westlich von Warna.
Bis zur Aufgabe der Provinz Dacia (Dakien) während der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts wurde Niedermösien im Westen von Obermösien begrenzt. Die Südgrenze dominierte das sichelförmig von Nordwesten nach Osten verlaufende Balkangebirge (Haemus mons), dessen Ausläufer bis zur Donau reichen. Auf den Höhenzügen des Balkangebirges verlief die Grenze zu Thracia (Trakien). Im Norden bildete die Donau das natürliche Ende Niedermösiens und in weiten Strecken den Südrand Dakiens. Das gewaltige Mündungsgebiet der Donau beschloss im nordöstlichsten Teil die Provinz. Daran anschließend lag im Osten der Pontus Euxinus (Schwarzes Meer) – eine weitere, natürliche Grenze.
mini|Das rekonstruierte Tropeum Traiani. Während der anhaltenden Dakerkriege, in denen eine Ursache für die Provinzteilung gesehen werden kann, wurden die angrenzenden römischen Besitzungen entlang der Donau zu großen Aufmarsch- und Nachschubplätzen. Im Frühjahr 101 begann Trajan einen groß angelegten Krieg gegen die Daker unter Decebalus. Der Vormarsch war eher langsam, da die Römer in dem eroberten Gebiet sukzessive die Infrastruktur ausbauten und mit militärischen Stationen sicherten. Während sie dabei einen Zangenangriff gegen die dakischen Kernlande führten, vollzogen die Daker gemeinsam mit den verbündeten sarmatischen Roxolanen und den germanischen Buren im Herbst 101 einen Entlastungsangriff gegen Niedermösien. Die von den nach Norden marschierten Truppen entblößte Provinz lag den Angreifern fast schutzlos offen. In einer großen Schlacht bei Adamklissi in der Dobrudscha wurden die römischen Gegner besiegt und zogen sich über die Donau zurück. 108/109 entstand hier das Tropaeum Traiani,Marcelo Tilman Schmitt: Die römische Außenpolitik des 2. Jahrhunderts n. Chr.: Friedenssicherung oder Expansion? Steiner, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07106-7, S. 110. ein Denkmal für den Sieg Trajans über die Daker und deren Verbündete. Mit Kriegsende und der Einrichtung der Provinz Dakien nördlich der mösischen Grenzen verschoben sich die militärischen Schwerpunkte.
Grenzsicherung im 2. Jahrhundert Während der anschließenden Regierungszeit des Kaisers Hadrians (117–138) kamen die bisherigen römischen Expansionsbestrebungen weitgehend zum Ende. Stattdessen begannen die Römer damit, die Reichsgrenzen zu stabilisieren und militärisch zu festigen. Zu Beginn dieser Phase stießen die Roxolanen und Jazygen erneut nach Dakien und Niedermösien vor, konnten jedoch zurückgeschlagen werden.Rumen Ivanov: Das römische Verteidigungssystem an der unteren Donau zwischen Dorticum und Durostorum (Bulgarien) von Augustus bis Maurikios. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Bd. 78, 1997, Zabern, Mainz 1998, S. 467–640; hier: S. 516. In der Folgezeit wurde es in der Provinz ruhiger. Die beiden Mösien wurden unter Hadrian und dem nachfolgenden Kaiser Antoninus Pius (138–161) entmilitarisiert und stattdessen Dakien mit einer dichten Kette aus Militäranlagen und Grenzbefestigungen gesichert.Egon Schallmayer: Der Limes. Geschichte einer Grenze. 2. Auflage. C.H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-48018-8, S. 24–25. Als Operationsbasis von drei Legionen blieb Niedermösien jedoch weiterhin ein wichtiger Faktor im rückwärtigen Grenzverteidigungssystem. Während der nun folgenden Regierungszeit der Antoninen und Severer zeichneten sich die Unterdonauprovinzen durch wirtschaftlichen Wohlstand und ein intensives kulturelles Leben aus.
rechts|300px|mini|Der untere Abschnitt des Donaulimes während der mittleren Kaiserzeit. mini|Antike Straße in Nicopolis ad Istrum. Die das Land sichernden Legionsstandorte wurden alle entlang des Donaulimes gegründet und waren über Jahrhunderte belegt: möglicherweise schon ab der Spätzeit des Kaisers Augustus (30 v. Chr.–14 n. Chr.):Andrew Poulter: The Lower Moesian Limes and the Dacian Wars of Traian. In: Dieter Planck (Hrsg.): Studien zu den Militärgrenzen Roms III. 13. Internationaler Limeskongress, Aalen 1983. Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0776-3, S. 519–528; hier: S. 526. Oescus (Gigen) als westlichste Legionsgarnison; seit Kaiser Claudius (41–54):Géza Alföldy: Die Anfänge der epigraphischen Kultur der Römer an der Donaugrenze im 1. Jahrhundert n. Chr. In: Miroslava Mirkovic (Hrsg.): Römische Städte und Festungen an der Donau. Akten der regionalen Konferenz, Belgrad 16.–19. Oktober 2003. Filozofski fakultet, Belgrad 2005, ISBN 86-80269-75-1, S. 23–38; hier: S. 32. Novae im westlichen Abschnitt, heute Swischtow; seit Kaiser Trajan (98–117):Karl Strobel: Kaiser Traian. Eine Epoche der Weltgeschichte. Pustet, Regensburg 2010, ISBN 978-3-7917-2172-9, S: 251. Durostorum im östlichen Abschnitt, heute Silistra, und ebenfalls seit Kaiser Trajan: Troesmis (Iglitza bei Galatz) im nördlichen Abschnitt.
Einfall der Daker, Sarmaten und Germanen In den Jahren 193/196 überschritten die Roxolanen und andere sarmatischen Verbündete die Donau erneut und brachen brandschatzend in Niedermösien ein. 195 standen erstmals die Goten an der unteren Donau. Trotz ihrer Drohung, in das Reichsgebiet einzufallen, gelang es den Römern, sie zum Frieden und zur Stellung von Hilfstruppen zu zwingen. Zwischen 196 und 203 überrannten die Jazygen, Roxolanen, Daker, Vandalen und andere Stämme die Grenzen von Pannonia (Pannonien) bis Niedermösien. Erst durch jahrelange Feldzüge gelang es dem Kaiser Septimius Severus (193–211), die Feinde zurückwerfen und zum Frieden zu zwingen.Marcelo Tilman Schmitt: Die römische Außenpolitik des 2. Jahrhunderts n. Chr.: Friedenssicherung oder Expansion? Steiner, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07106-7, S. 90. Der Kaiser besuchte 202 auch einige Zentren der Provinz wie Nicopolis ad Istrum und wahrscheinlich die Garnisonsstädte Novae und Durostorum.Rumen Ivanov: Das römische Verteidigungssystem an der unteren Donau zwischen Dorticum und Durostorum (Bulgarien) von Augustus bis Maurikios. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Bd. 78, 1997, Zabern, Mainz 1998, S. 467–640; hier: S. 515.
Spätes Prinzipat