mini|hochkant=1.3|Im Gelände des Krystallpalastes um 1900 Der Krystallpalast war über etwa 60 Jahre eine aus zahlreichen Einzelangeboten bestehende Vergnügungsstätte in Leipzig, heute Ortsteil Zentrum-Ost. Sie galt als die größte ihrer Art in Deutschland und war in Sachen Veranstaltungsvielfalt und räumlicher Komplexität einzigartig in Europa.Bettina Baier: Der Leipziger Krystallpalast. Bau- und Kulturgeschichte des Krystallpalast-Areals. 2018, S. 63. Namensgebendes Herzstück war ein nur aus Glas und Eisen bestehender Bau mit einem Saal, der vornehmlich für Varieté-Veranstaltungen genutzt wurde, weshalb auch oft vom Krystallpalast-Varieté gesprochen wurde. Ein Zentralkuppelbau, die Alberthalle, hatte über 3.000 Plätze.
Der gesamte Krystallpalast-Komplex, der in seiner Glanzzeit in seinen verschiedenen Sälen, Restaurants, Bars, Cafés, Salons und Biergärten 15.000 Personen fasste,Paul Daehne: Festschrift der Leipziger Krystall-Palast Aktiengesellschaft. … 1909, S. XXXVI. fiel dem Luftangriff am 4. Dezember 1943 zum Opfer.
Geschichte
Vorgeschichte 1807 erwarb der sächsisch-weimarische Hofgärtner Christian August Breiter an der nordöstlichen Stadtgrenze neben dem Georgen-Vorwerk ein Grundstück und legte eine Gartenanlage mit Gewächshäusern sowie Wintergärten mit botanischen Raritäten an, deren Besichtigung ab etwa 1815 unter dem Namen Breiterscher botanischer Garten mit dem Besuch einer gastronomischen Einrichtung verbunden werden konnte. Östlich der Anlage ließ sich die Leipziger Schützengesellschaft 1833/34 nach Entwürfen des Architekten Albert Geutebrück im klassizistischen Stil ein Schützenhaus errichten, dem sich ein bereits 1832 errichteter Schießstand samt Gewehrhaus anschloss. Die Gartenanlage wurde mit übernommen.Bettina Baier: Der Leipziger Krystallpalast. Bau- und Kulturgeschichte des Krystallpalast-Areals. 2018, S. 13 f. Die südlich über das Wintergartengrundstück bis zum Schützenhaus angelegte Straße erhielt 1855 den Namen Wintergartenstraße.Gina Klank, Gernot Griebsch: Lexikon Leipziger Straßennamen. Verlag im Wissenschaftszentrum Leipzig, Leipzig 1995, ISBN 3-930433-09-5, S. 225. mini|hochkant=0.6|Carl Hoffmann (1823–1873) Ein großer Saal im vorderen Teil des Schützenhauses wurde von Beginn an gastronomisch verpachtet, genutzt wurde er vorwiegend für offizielle Anlässe der Schützengesellschaft oder Feiern der örtlichen Communalgarde. 1847 wurde Carl Hoffmann – bis dahin Oberkellner im Hôtel de Saxe – Pachtwirt. Noch im gleichen Jahr kaufte er der Schützengesellschaft das an der Straßenseite liegende Vorderhaus des Gebäudes ab und etablierte darin einen regen Amüsierbetrieb.Otto Moser: Entwickelungsgeschichte des Krystall-Palastes … 1887, S. 11 f. Das Schützenhaus beherbergte insgesamt drei Säle, den großen Blauen Saal ließ Hoffmann aufwendig zu einem prunkvoll ausgestatteten Festsaal im Renaissance-Stil umgestaltenPaul Daehne: Festschrift der Leipziger Krystall-Palast Aktiengesellschaft. … 1909, S. XI.. Der anliegende Garten des Gebäudes wurde in den 1860er Jahren durch hydraulisch angetriebene Wasserspiele und durch Gaslaternen hervorgerufene Illuminationen aufgewertet.
Bei Feierlichkeiten sowie zu Messezeiten in der Stadt war das Haus ein beliebter Vergnügungs- und Veranstaltungsort, so wurden beispielsweise während des 3. Allgemeinen Deutschen Turnfestes im Jahr 1863 an einem Tag etwa 11.000 Besucher gezählt.Otto Moser: Entwickelungsgeschichte des Krystall-Palastes … 1887, S. 15. Das Haus war auch ein wichtiger Versammlungstreffpunkt Leipzigs. Bereits 1848 sprach Robert Blum im Schützenhaus, außerdem fanden zahlreiche Veranstaltungen des Leipziger Vaterlandsvereins während der Revolution 1848/49 im Gebäude statt.Bettina Baier: Der Leipziger Krystallpalast. Bau- und Kulturgeschichte des Krystallpalast-Areals. 2018, S. 53. Am 25. April 1863 gründeten rund 80 Teilnehmer den Sächsischen Fortschrittsverein und legten damit den Grundstein für eine liberale Partei in Sachsen.Thomas Widra: Die Geschichte des sächsischen Liberalismus und der Freien Demokratischen Partei. 150 Jahre liberale Parteien in Sachsen. Wilhelm-Külz-Stiftung, Dresden 2016, ISBN 978-3-00-052423-3, S. 38 ff. im Oktober 1865 wurde in den Räumlichkeiten eine Frauenkonferenz abgehalten, in deren Rahmen der Allgemeine Deutsche Frauenverein ins Leben gerufen wurdeGerlinde Kämmerer: Louise Otto Peters (1819–1895). In: Gerlinde Kämmerer, Annett Pilz (Hrsg.): Leipziger Frauengeschichten. Ein historischer Stadtrundgang. Kunst- und Kultur-Centrum für Frauen, Leipzig 1995, , S. 112–114., 1866 wurde im Schützenhaus im Rahmen des Ersten Deutschen Buchdruckertages der Deutsche Buchdruckerverband (seit 1891 Verband der Deutschen Buchdrucker) gegründetErster Deutscher Buchdruckertag in Leipzig v. 19. – 22. Mai. [Programm]. Leipzig 1866..
Nachdem 1868 die Leipziger Schützengesellschaft ihr neu errichtetes Domizil auf den Frankfurter Wiesen bezog, erwarb Hoffmann auch den zu dem Zeitpunkt schon länger stillgelegten Schießplatz und das Gartengrundstück. Er beauftragte den Architekten und Baurat Oskar Mothes, das neu erworbene Gelände neu zu gestalten. Die ehemalige Gewehrhalle wurde umgestaltet und 1870 als Lusthaus mit Festsaal und Restauration unter dem Namen Trianon neueröffnet, auf dem dahinterliegenden Areal der restlichen Schießanlage und auf Teilen des ehemaligen Breiterschen Gartens wurde ein Jahr später der sogenannte Trianongarten eingeweiht. Hinter den bereits zuvor in Betrieb genommenen Wasserspielen und Illuminationen entstanden neben einer Freiluftbühne stilisiert und nachgebaut unter anderem die Burgruine Burg Storchennest, die begehbare Grotte Drachenfels mit Aussichtsplattform, Statuen, Säulen sowie andere Attraktionen nach historischen Vorbildern.Bettina Baier: Der Leipziger Krystallpalast. Bau- und Kulturgeschichte des Krystallpalast-Areals. 2018, S. 15. 1872 war der sächsische König Johann und 1876 Kaiser Wilhelm im Schützenhaus zu Gast.Otto Moser: Entwickelungsgeschichte des Krystall-Palastes … 1887, S. 24–30. Im Rahmen einer Weihnachtsausstellung im Jahr 1877 besuchte König Albert von Sachsen das Haus, zu gleichem Anlass trat Johann Strauss mit seinem Orchester dort auf.Otto Moser: Entwickelungsgeschichte des Krystall-Palastes … 1887, S. 31.
Unter der Bewirtschaftung von Robert Kühnrich ab 1878 wurden unter anderem Frühschoppenkonzerte sowie bayerische Bierfeste eingeführt, außerdem ließ er ein vielbeachtetes Großaquarium im Schützenhaus anlegen.Otto Moser: Entwickelungsgeschichte des Krystall-Palastes … 1887, S. 32 f. Während eines Feuerwerks zu Pfingsten 1881 brannte das Trianon-Gebäude aus,Otto Moser: Entwickelungsgeschichte des Krystall-Palastes … 1887, S. 19. im gleichen Jahr ging Kühnrich in Insolvenz, das Schützenhaus wurde geschlossen.Otto Moser: Entwickelungsgeschichte des Krystall-Palastes … 1887, S. 34.
Der Krystallpalast mini|hochkant=0.6|Eduard Berthold Im Spätsommer 1881 erwarb der Leipziger Geschäftsmann Eduard Berthold mit finanzieller Unterstützung der Leipziger Diskontogesellschaft das Areal. Noch im gleichen Jahr beauftragte er den Architekten Carl Planer, eine Eisen-Glas-Konstruktion zu errichtenBettina Baier: Der Leipziger Krystallpalast. Bau- und Kulturgeschichte des Krystallpalast-Areals. 2018, S. 44. wie sie ähnlich erstmals auf der Londoner Weltausstellung 1851 als Crystal Palace vorgestellt worden warBettina Baier: Der Leipziger Krystallpalast. Bau- und Kulturgeschichte des Krystallpalast-Areals. 2018, S. 10. und auf der Weltausstellung Paris 1867 auch für die Gestaltung nationaler Pavillons genutzt wurde.E. Dentu, Pierre Petit (Hrsg.): L’Exposition universelle de 1867 illustrée. Publication internationale autorisée par la Commission Impériale. [Ausstellungszeitung]. Paris 1867. (Digitalisate auf Archive.org: Teil 1, Teil 2, abgerufen am 21. November 2018) Ab dieser Zeit waren auch in Deutschland immer häufiger diese multifunktionalen sogenannten Wintergarten- oder Krystallpaläste vorzufinden.
Der alte Geutebrückbau an der Wintergartenstraße blieb erhalten, wurde aber grundlegend erneuert. Direkt dahinter entstand ein großer Neubaukomplex aus Glas und Eisen. Das Zentrum bildeten ein mit Glasdach versehener zweietagiger Theatersaal mit einer Fläche von etwa 800 Quadratmetern sowie eine etwa ebenso große Restauration.Otto Moser: Entwickelungsgeschichte des Krystall-Palastes … 1887, S. 36. In mehrstöckigen Anbauten in Terrassen- und Verandaform entstanden kleinere Räumlichkeiten für Feierlichkeiten, Konzerte, Ausstellungen und sonstige Veranstaltungen, die teilweise überarbeitete Gartenanlage war von neu errichteten Kolonnaden, die ebenfalls z. B. für Konzerte genutzt wurden, flankiert. Dazu wurde auf der östlichen Seite eine für Ausstellungszwecke und Rollschuhfahrer genutzte große Halle errichtet.Paul Daehne: Festschrift der Leipziger Krystall-Palast Aktiengesellschaft. … 1909, S. XXII f.
Im April 1882 wurden die Bauten fertiggestellt und anschließend im Rahmen der Leipziger Ostermesse offiziell als Krystall-Palast vorgestellt. Weitere Neubauten, wie z. B. ein separater Ausstellungssaal sowie ein neuer Wintergarten, wurden 1882/83 verwirklicht. 1884 wurde in London die Crystal Palace Company Limited (nach Ende des Ersten Weltkrieges als Krystall-Palast Aktiengesellschaft mit Sitz in Leipzig ansässig) gegründet, Berthold wurde Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer.Paul Daehne: Festschrift der Leipziger Krystall-Palast Aktiengesellschaft. … 1909, S. XXVII.Bettina Baier: Der Leipziger Krystallpalast. Bau- und Kulturgeschichte des Krystallpalast-Areals. 2018, S. 45.
Bereits kurz nach Gründung der Aktiengesellschaft plante Berthold eine grundlegende Erweiterung des Krystallpalastes durch einen monumentalen Neubau, ursprünglich für einen ständig ansässigen Zirkus gedacht. Zu diesem Zweck wurden ältere Gartenbauten aufgegeben, ein hinter dem Gelände anliegendes Grundstück wurde erworben. 1886/87 entstand nach Entwürfen des Architekten Arwed Roßbach ein imposanter Kuppelbau, die nach dem damaligen sächsischen König benannte Alberthalle. Die in Leipzig weithin sichtbare kreisförmig angelegte und schnell als städtisches Wahrzeichen etablierte Halle hatte einen Durchmesser von etwa 36 Metern, eine etwa gleiche Höhe und bot über 3.000 Besuchern Platz, erweiterbar durch Nutzung des Innenraums der Manege auf bis zu 4.000 Besucher.Bettina Baier: Der Leipziger Krystallpalast. Bau- und Kulturgeschichte des Krystallpalast-Areals. 2018, S. 47. In der Halle war eine Orgel von Walcker mit drei Manualen und 100 Registern aus dem Jahr 1887 eingebaut.Paul Daehne: Festschrift der Leipziger Krystall-Palast Aktiengesellschaft. … 1909, S. LIX. Unterhalb der Glaskuppel in einer Rotunde präsentierte Berthold ein Diorama genanntes Panorama, zunächst aus mehreren Monumentalgemälden und später aus einem Rundbild bestehend.Paul Daehne: Festschrift der Leipziger Krystall-Palast Aktiengesellschaft. … 1909, S. XXXI–XXXV.
Der Zirkus Renz gastierte zuerst in der Alberthalle, später kamen die Zirkusunternehmen Herzog, Schumann, Busch und Corty-Althoff hinzu.Eugen W. Schmidt: 50 Jahre Krystall-Palast. … 1936, S. 5. Die Alberthalle wurde später für Veranstaltungen aller Art genutzt, so für musikalische Aufführungen von Georg Göhler, Gustav Wohlgemuth, Benjamino Gigli, Jack Hylton, Hans Bund oder der Don Kosaken.Eugen W. Schmidt: 50 Jahre Krystall-Palast. … 1936, S. 7. Im Varieté des Hauses traten unter anderem Robert Steidl, Otto Reutter und Saharet auf.Eugen W. Schmidt: 50 Jahre Krystall-Palast. … 1936, S. 16. Zu Gast im Krystallpalast waren ebenfalls unter anderem Grock, die Drei Rivels, Enrico Rastelli, Claire Waldoff, Martha HübnerEugen W. Schmidt: 50 Jahre Krystall-Palast. … 1936, S. 17. sowie Josephine BakerBettina Baier: Der Leipziger Krystallpalast. Bau- und Kulturgeschichte des Krystallpalast-Areals. 2018, S. 57.. Außerdem hatten dort die Krystallpalast-Sänger ihre Auftrittsorte.