mini|Logo des Deutschen Theaters Göttingen (seit 2014) mini|Südliche Schaufassade des Deutschen Theaters Göttingen, links das Glasfoyer (2017). mini|Der Theaterplatz in Göttingen. Blick nach Norden, im Hintergrund das Theater (2012). Das Deutsche Theater (DT) ist ein 1890 eröffnetes Schauspielhaus in Göttingen und das größte Theater der Stadt. Sein früherer Name war Deutsches Theater in Göttingen.
Lage Das Theater befindet sich am Rand der Göttinger Altstadt im Ostviertel, unmittelbar östlich des Stadtwalls und am Nordende des Theaterplatzes. Die Adresse lautet Theaterplatz 11.
Architektur
Baugeschichte Nach dem Großbrand des alten Stadttheaters in der Altstadt am Neuen Markt, dem heutigen Wilhelmsplatz, in der Nacht vom 10. zum 11. Januar 1887, war man sich in der Göttinger Bürgerschaft rasch über die Notwendigkeit eines neuen, würdigen Theaterbaus einig. Am 18. Juli 1887 trafen die städtischen Gremien die Entscheidung, das Theater am künftigen Theaterplatz zu errichten.Die Befürchtungen (bis vor den Regierungspräsidenten und Kultusminister getragen), die Nähe des Theaters würde eine sittliche Gefährdung der Schüler des Gymnasiums darstellen, erwiesen sich als haltlos (Kempen: Theatergeschichte Göttingens. 1952, S. 75 f.).
Der Planungs- und Bauauftrag ging 1888 an den Architekten Gerhard Schnitger aus Oldenburg/Berlin, der sich zuvor durch Neubauten des Großherzoglichen Residenztheaters Oldenburg (1879–1881), der Stadsschouwburg Groningen (1883) und des Walhalla-Theaters Berlin (Charlottenstraße, 1887–1888) einen Namen gemacht hatte.Siehe hierzu den Artikel ‚Gerhard Schnitger‘ in der niederländischen Wikipedia (nl). Ausführender Projektleiter war Architekt Ludwig NiehrenheimKempen: Theatergeschichte Göttingens. 1952, S. 76. aus Göttingen. Der häufiger geäußerte Hinweis, dass Schnitger für Göttingen eine Kopie seines Oldenburger Theaters entwarf, ist weder belegt noch nachvollziehbar. Schnitgers Entwurf für das Göttinger Theater orientierte sich allgemein an mittelgroßen zeitgenössischen Theatern und die Schaufassade war erkennbar palladianischen Villen entlehnt, deren Architektur vom preußischen Architekten Knobelsdorff schon beim 1743 eingeweihten Berliner Opernhaus (heute Staatsoper Unter den Linden) auf den Theaterbau übertragen worden war. Die Kosten des Göttinger Theater-Neubaus betrugen rund 350.000 Mark, die von der Stadtkasse und durch „mehre thatkräftige Bürger“Schnitger: Das neue Stadttheater. 1891, S. 365. bestritten wurden.Kempen: Theatergeschichte Göttingens. 1952, S. 76. 140.000 Mark steuerte die preußische Regierung aus dem Welfenfonds bei, wofür sich Reichskanzler Bismarck als ehemaliger Göttinger Student starkgemacht hatte.Horst Michling: Göttinger Bauchronik (10). In: Göttinger Monatsblätter (= Beilage zum Göttinger Tageblatt), Dezember 1983, S. 25–26.
Der repräsentativ platzierte und gestaltete Theater-Neubau wurde 1889 bis 1890 errichtet. Die Einweihung des neuen Stadt-Theaters Göttingen oder Theaters am Wall erfolgte unter dem ersten Theaterpächter und Direktor Norbert Berstl am 30. September 1890 mit der Jubel-Ouvertüre von Carl Maria von Weber und anschließender Aufführung von Schillers Wilhelm Tell. Architekt Schnitger bekam vonseiten der Bürger und des Stadtmagistrats für seine Leistung als besondere Anerkennung einen Lorbeerkranz überreicht.Schnitger: Das neue Stadttheater. 1891, S. 367.
Umbauten, Sanierungen Der ursprüngliche Dreispartenbetrieb endete 1950 unter dem bedeutenden Nachkriegszeit-Intendanten Heinz Hilpert. Damit begann die Konzentration auf das Schauspiel, was baulich zwischen Bühne und Zuschauerraum zur Schließung des ursprünglich vorhandenen Orchestergrabens führte.
Das Theater wurde mehrfach erweitert und renoviert: 1904 und 1927,Hans-Christian Winters: Vom „Verlies am Wall“ zum neuen DT. In: Deutsches Theater in Göttingen. Ein Haus für die Zukunft. 1984, S. 31. zuletzt 1981–1984 nach Plänen des Göttinger Architekturbüros Brandi + Partner (Jochen Brandi, Projektleiter Armin Sgodda). Dabei wurde an der Westseite zum Wall hin u. a. ein markantes Glasfoyer als neuer Haupteingang angebaut.Deutsches Theater in Göttingen. Ein Haus für die Zukunft. Ein Theaterbuch. Zusammengestellt von Hans-Christian Winters und Norbert Baensch. Hrsg. Deutsches Theater Göttingen, Göttinger Tageblatt und Vereins- und Westbank Göttingen. Göttingen 1984. Unterm rückwärtigen Anbau und der in den 1980er-Jahren angehobenen Hoffläche befindet sich eine Tiefgarage.
Seit 2020 wird in Göttingen die Notwendigkeit einer großen baulichen Instandsetzung des Deutschen Theaters diskutiert, wobei man den Kostenaufwand auf „zwischen 63 Millionen und 185 Millionen Euro“ schätzte.Peter Krüger-Lenz: Deutsches Theater Göttingen. Heftiger Sanierungsstau muss beseitigt werden. In: Göttinger Tageblatt, 3. Oktober 2020 (online auf goettinger-tageblatt.de, abgerufen am 22. März 2023).
Baubeschreibung Der Theaterbau entfaltet seine hauptsächliche städtebauliche Ausrichtung nach Süden hin zum Theaterplatz. Dieser in den 1880er Jahren angelegte neue Stadtplatz (seit 1888 TheaterplatzHorst Michling: Göttinger Bau-Chronik (9). In: Göttinger Monatsblätter, November 1983, S. 8.) war ab 1882 durch einen Wall- und Straßendurchbruch (später Theaterstraße) mit der Innenstadt verbunden. Bereits 1881–1884 entstand an der Nordseite des neuen Platzes das Königliche Gymnasium (heute Max-Planck-Gymnasium). Das Theater setzte man genau zwischen diesen Schulbau und den Stadtwall, was zur Bezeichnung Theater am Wall führte. Der Baugrund bestand aus einem Teil des zugeschütteten ehemaligen Festungsgrabens, was zur Sicherung des Neubaus eine aufwändige Fundamentierung mit Pfeilern und Grundbögen erforderte.
Der historische Kernbau ist ein langgestreckter, zweieinhalbgeschossiger Baukörper mit Fassaden „im Stile der italienischen Renaissance“Schnitger: Das neue Stadttheater. 1891, S. 366. (Schnitger). Das mehrschalige Mauerwerk zeigt außen Tuffstein-Quadermauerwerk mit Gliederungen in Sandstein; das innere Mauerwerk ist in Ziegeln ausgeführt. In der südlichen Schaufassade tritt ein dreiachsiger, aufwändig gegliederter Mittelrisalit hervor, in dessen Hochparterre die drei Rundbogenportale des ehemaligen Haupteingangs über eine vorgelagerte breite Freitreppe erschlossen werden. Darüber erhebt sich im Hauptgeschoss ein monumentaler Portikus mit vier freistehenden, korinthischen Säulen und dazwischen den hohen Fenstern des alten Foyers. Den oberen Portikus-Abschluss bildet ein klassisches Giebeldreieck. Dessen Tympanon-Relief zeigt den wichtigsten figürlichen Schmuck am Außenbau und verkörpert mit mythologischen Figuren die verschiedenen Gattungen des Theaters und der Sagenwelt (von links nach rechts: Pan, Melpomene, Terpsichore, Perseus und Leda). Darüber auf dem Giebelfirst sitzt grüßend die geflügelte Muse Thalia, als Beschützerin der Theaterspielstätten.Deutung des Figurenprogramms nach Norbert Baensch (Hrsg.): Theater am Wall. Stationen Göttinger Theatergeschichte. Steidl Verlag, Göttingen 1992. Seitlich des Mittelrisalits tritt die Schaufassade zurück und zeigt anstelle des Hauptgeschossfensters je eine gerahmte Figurennische mit einer steinernen, lebensgroßen Frauengestalt in antiker Gewandung. Die langen Seitenfronten des Theaters sind weniger aufwändig gegliedert und weisen in den vor- und zurückspringenden Wandfeldern gerahmte Rund- und Rechteckfenster sowie die Nebeneingänge für Zuschauer und Theaterleute auf. Den oberen Abschluss des Gebäudes über einem klassisch ausgebildeten Kranzgesims bildet ein flaches Walmdach mit Blechdeckung, aus dem sich im hinteren Teil, über der Bühne, der für Theaterbauten typische Turm des Schnürbodens erhebt, dessen Satteldach vereinfacht das wiederholte Motiv des Portikusgiebels zeigt.
Links neben dem historischen Theater-Kernbau steht außen angefügt seit 1984 das vom Architekturbüro Brandi + Partner entworfene Glasfoyer, das in Umriss und Proportion den alten Schnitger-Portikus der Hauptfassade zitiert. Es wirkt durch seine Transparenz einladend und empfängt das Publikum zu ebener Erde – anders in der Anmutung als der herrschaftliche alte Haupteingang im Hochparterre, den man über zehn Stufen einer Freitreppe ersteigen musste. Die gerasterten Fassaden des Glasfoyer-Neubaus zeigen die tragende Stahlglaskonstruktion, die in der Art eines Gewächshauses viel Licht hereinlässt und großzügige Ausblicke bietet. Im Innern ist das Glasfoyer mit Theaterkasse, Gastronomie und Wandelgang zweigeschossig und ermöglicht über Treppen und einen Aufzug die nötige Vertikalverbindung nach nebenan zum Altbau mit dem alten Foyer und dem höher liegenden Zuschauerraum. Die Natursteinfassade des Altbaus ist vom Innern des Glasfoyer-Anbaus direkt erlebbar. Sichtbar inszeniert ist das Dachtragwerk des Glasfoyers, das aus grün gestrichenen Strahlrohrbündeln („Bäumen“) gebildet wird, die sich oben baumkronenartig verzweigen. Den Haupteingang des Glasfoyers bildet eine zweiflügelige, gläserne „Kunst-Tür“Kunst-Tür. In: Deutsches Thater in Göttingen. Ein Haus für die Zukunft. Göttingen 1984, S. 81–82. des Künstlers Bořek Šípek. Gestaltung und Konstruktion des Glasfoyers wurden in den 1980er Jahren mehrfach in der Fachpresse als herausragende Baukunst gewürdigt.Deutsches Theater in Göttingen, Umbau und Erweiterung. In: Baumeister, Heft April 1982, S. 352–354. / Eva Ruthenfranz, Gerd von Bassewitz: Ein Theater wird zur Augenweide. In: Art – Das Kunstmagazin, Nr. 12/Dezember 1984, S. 56–58. / Foyer aus Stahl und Glas, Deutsches Theater Göttingen. In: Detail, Heft 5/1985 (Sonderdruck), S. I–VI. / Deutsches Theater Göttingen. In: Der Baumeister, Heft 4/1985, S. 46–51.
Hinter dem Glasfoyer und auf der nördlichen Schmalseite des Theaters folgen umfangreiche, bis zu viergeschossige Anbauten von 1981–1984 (ebenfalls Büro Brandi + Partner), welche den Theater-Altbau umschließen und teilweise verdecken. Sie enthalten eine große Seitenbühne, Probebühnen, Künstlergarderoben, Kantine sowie Werkstätten und Magazine. Charakteristisches Merkmal dieser Anbaufassaden sind Verkleidungen mit Travertinplatten und herabgezogene Bleidächer. An der Ostfassade ist der Theater-Altbau weitgehend ablesbar und geht hier fast nahtlos in den 1927 äußerlich stilgleich angebauten Verwaltungstrakt über.
Im Innern des Theater-Altbaus ist das Prunkstück der erhaltene Zuschauerraum für 770 Sitze mit zwei Rängen auf grazilen gusseisernen Säulen und einer radial kassettierten Decke. Die Dekorationen sind ein Werk des Hoftheatermalers Wilhelm Mohrmann aus Oldenburg. Im übrigen Altbau präsentieren sich altes Vestibül, Foyer des 1. Ranges, Umgänge und Treppenhäuser in schlichten Raumfassungen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Umgänge und Treppenhäuser waren so angelegt, dass im Brandfall eine Entleerung des Hauses binnen drei bis vier Minuten stattfinden konnte. Die heute nicht mehr erhaltene ursprüngliche Theater-Maschinerie stammte von den renommierten Theatermaschinisten Carl Lautenschläger aus München, dem späteren Vater der ersten Drehbühne Europas.
Theatergeschichte Der erste Direktor des neuen Stadttheaters am Wall, Norbert Berstl, leitete das Theater 16 Jahre lang bis 1906. Sein Nachfolger bis 1917 war Willi Martini. Der Ausbruch und die Zeit des Ersten Weltkrieges wirkten sich natürlich auf die Arbeit des Theaters aus. 1917 war die Lage u. a. aufgrund der Kohlenknappheit so schwierig, dass das Haus geschlossen werden musste.
In den Jahren 1917 bis 1919 stand das Theater unter der Leitung des Städtischen Musikdirektors Philipp Werner. In dieser Zeit fanden lediglich Gastspiele der Bühnen von Hannover, Kassel und Braunschweig mit Opern, Operetten und Schauspielen statt.
Im Herbst 1919 beschloss die Stadt Göttingen, das Haus mit eigenen Inszenierungen wieder zu eröffnen. Als Direktor wurde Otto Werner gewählt, der das Haus bis 1929 leitete. Entsprechend seiner musikalischen Herkunft (Tenorbuffo) und mit Absprache der Stadt nahm er auch Opern und Operetten mit in den Spielplan auf.